Wenn Dissoziation dissoziiert ist…

Immer wieder kamen die Zweifel nachdem ich/wir vor einigen Jahren die Diagnose, dass wir viele sind erhalten hatten.
Bin ich wirklich viele? Bin ich’s nicht? Bilde ich mir das alles nur ein?
Ich schreibe hier aus meiner Sicht. Aus der Sicht einer Alltagsperson.
Die Zweifel haben mich so in Schach gehalten, dass immer wieder wertvolle Zeit in der Therapie dafür draufging/geht, über die Zweifel an der Diagnose zu reden, statt mit dem Innen zusammenzuarbeiten und so vielleicht wichtige Lösungen zu finden.
Alles scheint unecht. Oft wie im Traum. Nicht greifbar. Wie ein Geist, den man nicht zu fassen bekommt.
Wer bin ich und wenn ja wie viele!?

Erinnerungslücken – hab ich nicht. Behauptete ich zumindest oft standhaft.
Und Innenpersonen/ innere Stimmen – die sind zwar irgendwie da, aber wahrscheinlich denk ich sie mir nur aus, um mich wichtig zu machen.
Erinnerungen waren da und doch nicht da. Ich hörte die Leute in meinem Inneren, aber es schien gleichzeitig so unwirklich, dass ich es als Einbildung abtat und Erklärungen dafür suchte, warum ich mir das einbildete.
Ich dissoziierte. War oft wie im Nebel. Bekam alles nur aus einer gewissen Entfernung mit, aber ich bemerkte es nicht. Es war so normal, dass ich nicht mitbekam, dass das Dissoziation ist, weil das ja mein normales „sich fühlen“ war.
Ähnlich war es auch mit den Innenpersonen. Das Leben mit ihnen und den damit verbundenen „Zuständen“ war so alltäglich, dass ich sie teilweise schon gar nicht mehr bemerkte. Als ich noch nichts von der DIS wusste, waren da eben diese komischen „Gedanken“, die sich immer wieder in meine schoben. Sie waren mir zwar fremd, aber ok, dann sind in meinem Kopf eben fremde Gedanken. Irgendwie wird es schon zu mir gehören, denn sonst wären die Gedanken ja nicht in meinem Kopf… Ich versuchte dem keine weitere Beachtung zu schenken, auch wenn es mir manchmal doch Angst machte. Die Stimmen in meinem Kopf waren einheitsmatschiges nebliges Gedankenfließen und wenn sie für mich doch einmal als Person erkennbar wurden, dann schien es so unwirklich, dass ich dachte es seien Rollen in die ich schlüpfe. Manchmal hatte ich das Gefühl ein einziges Rollenspiel zu sein, das ich nicht steuern konnte.
Ich konnte die Dissoziation und alles was damit zusammenhing nicht als Dissoziation greifen.
Es war normal und damit nicht vorhanden. Ich war dauerdissoziativ. Ich war wirklich unwirklich.
Das Viele-sein war für mich auch deshalb so ungreifbar, weil dazu ja wohl Dissoziation gehört, die ich aber an mir selbst nicht wahrnehmen konnte, weil ich sie dissoziiert hatte.

Vor einiger Zeit fingen diese dissoziativen Barrieren im Inneren dann an durchlässiger zu werden. Manchmal gab es jetzt kurze Momente, in denen ich weniger dissoziierte. Ich spürte plötzlich Teile meines Körpers. Gefühle kamen zurück. Alte Erinnerungen. Ich wurde sensibler für mich. Ich nahm mehr war. Vieles wurde sehr viel anstrengender, weil ich jetzt plötzlich Angst vor Dingen hatte, bei denen ich vorher nicht mal mit der Wimper gezuckt hätte. Normale alltägliche Aufgaben, wie Einkaufen oder mit Bekannten essen gehen, die ich bis dahin mal eben einfach so erledigt habe, wurden von heute auf morgen zu Mammutaufgaben, die teilweise unlösbar erschienen.

Je mehr von meinen Gefühlen und Erinnerungen zurückkommt, umso mehr stelle ich fest, dass ich tatsächlich vergesse/vergessen hatte, dass da tatsächlich Lücken sind und dass manche Dinge sich tatsächlich einfach schrecklich anfühlen.  Ich nehme zunehmend war, dass die Innenpersonen wirklich da sind und keine hinter Nebel, der unwirklich macht, verborgenen Gedankenfetzen meines Selbst. Es ist immer weniger ein „Huch, da ist was! Oder doch nicht!?“, sondern mehr ein „Huch, da ist ja tatsächlich was!“. „Hey, ich dissoziiere ja tatsächlich!“ „Hmm, da hab ich wohl wirklich was verpasst…!“ In kleinen Momenten spüre ich und kann zulassen: „Es stimmt. Ich bin tatsächlich viele.“
Ich versuche zu spüren, zuzuhören und dabei nicht verrückt zu werden.
Durch die Momente, in denen ich weniger dissoziiere gibt es plötzlich „Vergleichswerte“ durch die es für mich überhaupt erst möglich ist festzustellen, dass die Wirklichkeit von früher unwirklicher war, als gedacht. Plötzlich wird mir dann die Dissoziation bewusst. Gleichzeitig schwinden dadurch langsam meine Zweifel. Wenn die Erinnerungen wiederkommen, kann ich sehen, dass da offensichtlich vorher eine Lücke war, die mir bislang gar nicht bewusst war. Wenn ich fühle, bemerke ich plötzlich, dass etwas viel zu viel ist. Bis dahin weiß ich oft nicht, dass ich nicht weiß…
Die Dissoziation schützt vor Unerträglichem. Und weil es so unerträglich ist, dass es so unerträglich war, dass ich dissoziieren musste, schützt sie mich gleich vor sich selbst auch mit.
Eigentlich genial…
… wenn es dann nicht so schwer wäre sich selbst zu vertrauen und zu schützen.

9 Kommentare zu “Wenn Dissoziation dissoziiert ist…

  1. Danke dass du darüber geschrieben hast. Ich habe zwar keine DIS aber ich kann ziemlich viel davon nachvollziehen, weil ich auch mit Dissoziationen zu tun habe. Ich habe keine „echten“ Erinnerungslücken (behaupte ich immer), nur Informationen an die ich im Alltag kaum ran komme und wenn doch, dann sind sie mit einem fetten Nicht-Real-Nebel umgeben und sie benehmen sich wie emotionale Tretminen.
    Wie gesagt, danke für deinen Beitrag.

    • Gerne. 🙂
      Danke für die Rückmeldungen!
      Die helfen uns grade, weil wir sehen, dass andere genau so oder ähnlich empfinden und wir damit nicht alleine sind.

      @Alexis Solveig: Ich denke das kann man sicher auch ähnlich erleben, wenn man keine DIS hat. Dieser „Nicht-Real-Nebel“ der Dissoziation macht es unglaublich schwer die „Tretminen“ zu identifizieren, bevor man direkt drauf steht, finden wir…
      Als ich grade das mit den Informationen gelesen habe, an die du im Alltag kaum rankommst, hat mich das so an die Zustände erinnert, in denen ich weiß, dass da irgendwo irgendwie in mir eine ganz wichtige Information ist, aber ich weiß nicht welche, nur dass da eine ist und wenn ich mich näher darauf zubewege, wird es so unreal, dass ich gleich wieder denke, dass da nichts ist, obwohl ich ja spüre, dass da was ist… und dann hänge ich in diesem unangenehmen Nebel-Kreislauf aus innerer Annäherung und Abdriften fest und bekomme nichts Festes zu greifen. Und obwohl’s nicht greifbar ist, bewegt es mich trotzdem durch den Nebel hindurch und lässt mich nicht los.

      @ Der bunte Ring:
      „Könntest du dir vorstellen, uns diesen Text für den Bunten Ring zur Verfügung zu stellen?“
      Es wäre schön, wenn Ihr uns erst erklären könntet für was genau Ihr den Text verwenden wollen würdet. Dann können wir unsere Entscheidung besser treffen.

      Liebe Grüße,
      Sofie und Co

  2. Sehr gut geschrieben und trifft in so vielen Punkten auf unsereins zu. Danke für das Teilen deiner Erfahrungen.

    Könntest du dir vorstellen, uns diesen Text für den Bunten Ring zur Verfügung zu stellen?

  3. Ja, du beschreibst genau das, was in mir auch los ist. Diese ständigen Zweifel, ist alles nicht blosse Einbildung? Aber wieso sind die Auswirkungen dann da? Wieso erzählen die Stimmen Dinge, die mein Körper mit Erinnerung-Schmerzen bestätigt? Das wissen: ja so war es, aber es ist nicht mir passiert, na ja irgendwie ja doch, aber eben nicht ganz…
    Immer wieder diese Zweifel, sie rauben wirklich viel Kraft. Das Gefühl man ist wahrscheinlich verrückt oder will sich wichtig machen nur um festzustellen, dass man es ja eh niemandem erzählt, man sich also auch gar nicht wichtig machen kann durch so was.
    Amnesie der Amnesie! Ich habe komplette Menschen aus meinem Leben „ausgelöscht“, die mich lange intensiv begleitet haben und das nicht etwa die aus der Traumazeit, sondern aus vor etwa 10 Jahren. Und ich würde immer noch nichts von ihnen wissen, wenn ich nicht mein alten Kram durchstübert hätte! Menschen die mit mir auf Bildern zu sehen sind, die ich nicht kenne. Und ich dachte auch ich hätte keine Lücken! Wie schockiert ich war, als meine Ärztin mir sagte, meine DIS Diagnose hätte ich doch bereits 2007 bekommen! Für mich war es neu!
    Obwohl… es gab diese Kinder in mir, die kannte ich doch schon sehr lange… Heute lerne ich neue kennen, aber auch welche, die ich laut Thera-Berichte schon damals kannte…
    Wie das möglich ist – frage ich mich. Wie ist es möglich sich von Außen zu beobachten – frage ich mich auch. Vielleicht sind das ja meine Stimmen? Wieso erzählen die solche unmöglichen Sachen? Wieso dieses unlogische, unmögliche Verhalten in manchen Situationen, das ich nicht verstehe, nicht will, zu tiefst bereue, nur um es im nächsten Augenblick wieder zu tun? Wie ich es hasse, keine Kontrolle zu haben! Aber wenn man die dann fragt, kennen lernt und erzählen lässt, dann verstehe ich auf mal alles, sie tun mir so sehr leid…
    Danke, dass du dich traust zu schreiben, es hilft mir zu sehen, ich bin nicht allein, nicht verrückt…
    Danke

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