Ja was denn nun!? – Inneres Kind, Anteile, Ego States oder Multiple Persönlichkeit mit Innenpersonen

In letzter Zeit stößt uns die Vermischung dieser Begriffe in Internetforen oder –plattformen oft sauer auf.
Frei nach dem Motto „Sind wir nicht alle ein bisschen Multipel?“ wird munter darauf losdiskutiert, was man unter multipel sein verstehen könnte. Dabei gibt’s da unserer Meinung nach gar nicht so viel Spielraum. Entweder man ist es oder eben nicht. Die Diskussion welche Facetten man vom „Viele sein“ aus persönlicher Erfahrung kennt, erübrigt sich schlicht, wenn man es nicht ist. Und es ist aus unserer Sicht auch nicht egal, diese Begriffe einfach so miteinander zu vermischen und so zu verwässrigen, weil damit den unterschiedlichen Anforderungen von Betroffenen keine Rechnung mehr getragen wird.
„Viele sein“ ist kein lustiges Heitidei mit kleinen Innenkindern, die einfach nur spielen wollen und „Viele sein“ ist nicht ungeliebte Emotionen und Verhaltensweisen einfach auf erfundene Anteile abschieben, wie man es in manchen Internetforen langsam meinen könnte.
„Viele sein“ ist brutale Realität, die man sich nicht aussucht. Und diese Realität braucht bestimmte spezifische Dinge im Außen, die beim (Über-)Leben helfen und unterstützen, für die alle Betroffenen oft mehr als zumutbar kämpfen müssen. Wenn wir von Mutiplen Persönlichkeiten sprechen, dann haben diese die schlimmste Gewalt erlebt, die man sich vorstellen kann. Ich möchte hier keine Diskussion im Sinne von besser-schlechter, wer leidet mehr – der mit Anteilen oder der mit Innenpersonen? – oder dergleichen führen. Es geht uns schlicht darum, dass es um unterschiedliche Lebensrealitäten geht, die unterschiedliche Behandlung brauchen. Bildhaft in etwa so, als würde sich jemand den Fuß verstauchen und ein anderer sich ihn brechen. Beide haben Schmerzen an der gleichen Stelle und brauchen ohne Frage die notwendige Versorgung. Ein verstauchter Fuß tut nicht zwingend weniger weh, als ein gebrochener, nur sieht die Versorgung eben entsprechend unterschiedlich aus.
Zudem treffen wir immer wieder auf die Frage, ob es denn gut sei seinen Anteilen einen Namen zu geben oder ob man damit die Spaltung nicht noch weiter vorantreibt. Dazu wollen wir sagen, dass Multiple Persönlichkeiten erstens eben nicht irgendwelchen Anteilen Namen geben, die haben sie nämlich meist schon, oft genug auch von den Tätern bekommen. Zweitens erachten wir es für völligen Schwachsinn, dass man damit die Spaltung erweitert. Etwas Sichtbar werden zu lassen, heißt nicht, dass es größer wird, als es war, bevor man es gesehen hat.

In der Alltagsrealität erleben wir es oft, dass wir über unsere Innenpersonen reden und die Reaktion unseres Gegenübers ist: „Das kenn ich. Ich hab‘ auch so kindliche Anteile in mir.“
Die genauen Unterschiede zu erklären, fällt dann oft schwer. Wir müssen zugeben, dass wir selber zunächst doch etwas gebraucht haben, bis wir uns durch den therapeutischen Definitionswust gefunden haben.
Im Nachfolgenden versuchen wir die Begriffe „Inneres Kind“, „Anteile“, „Ego States“ und „Innenpersonen/Multiple Persönlichkeit“ einfach mal mit unseren eigenen Worten zu erklären und voneinander abzugrenzen.

„Inneres Kind“ / „Anteile“
Das innere Kind oder die Arbeit mit dem inneren Kind stellt ein therapeutisches Hilfskonstrukt dar.
Es ist eine Imagination, die wohltuend ist und bei der Heilung helfen soll. Im Grunde das gleiche Prinzip wie die „Tresorübung“ oder der innere sichere Ort.
Das innere Kind agiert nicht aktiv, genauso wenig, wie einen der Tresor von sich aus anquatscht und fragt, ob er was verschließen soll. Man benutzt die Vorstellung, wenn man sie braucht und nicht umgekehrt. Man kann sich fragen, was das innere Kind zu bestimmten Themen sagen würde, sich vorstellen, wie es reagiert oder sich fühlt und es dementsprechend in der Vorstellung versorgen. Auf diesem Weg kann eine gewisse Nachreifung von Facetten der Gesamtpersönlichkeit entstehen. Es ist jedoch nicht abgespalten und es quatscht auch nicht den Kopf voll. Wenn, dann stellt man sich vor, was es gerade sagen würde.
Bei anderen „normalen“ Anteilen verhält es sich ähnlich. Es wird sozusagen eine Facette der Gesamtpersönlichkeit für die Therapie herausgegriffen und genauer betrachtet, z.B. ein wütender Anteil oder der Berufsanteil. Es handelt sich jedoch immer um die EINE gleiche Person. Die Person weiß, dass sie manchmal kindlich, wütend, funktional, etc. sein kann und kann das auch willentlich beeinflussen.

„Abgespaltene Anteile“ / „Ego States“
Abgespaltene Anteile der Persönlichkeit entstehen durch Traumata.
Passiert ein Trauma werden die emotionalen Aspekte des Traumas abgespalten. Es entsteht also ein traumanaher Gefühlsanteil. Die betroffene Person hat in der Folge ein normales Alltags-Ich, das vom Trauma distanziert, eher betäubt und teilweise amnestisch dafür ist. Der beim Trauma entstandene emotionale Anteil trägt die emotionalen Aspekte des Traumas. Dieser taucht z.B. durch Triggerung wieder auf und schwemmt dann die Wiedererlebensqualitäten zurück ins Bewusstsein.
Die folgenden beiden Stufen der Abspaltung – Ego-States und Multiple Persönlichkeit – sind sogenannte „Komplextrauma Stufen“, d.h. Abspaltungen, die nur durch wiederholte Traumata entstehen.
Wiederholt sich die Gewalt oder die Traumatisierung, kommt es zur chronischen Abspaltung von grundlegenden Funktionen in „Teilpersönlichkeiten“, z. B.: Schreckhaftigkeit, Fluchtreflex, Kampfreflex, Schreckstarre, Unterwerfung, Rückzug nach der traumatischen Erfahrung…
Sie kommen wieder sobald der Organismus in Not gerät und das Alltags-Ich kann zunächst relativ wenig gegen diese automatischen Reaktionen tun. Man unterscheidet zwei Arten dieser „Teilpersönlichkeiten“. Die sog. „Affect States“ und die „Ego States“, also Gefühlszustände und Ichzustände.
Beispiel für einen „Affect-State“: Eine Frau leidet darunter, dass sie sehr wütend wird und ihr Gegenüber attackiert, wenn Sie unter Druck gerät und nicht weiß, wie sie diesen regeln kann. Der traumanahe Persönlichkeitsanteil „Kampf“ ist aktiviert worden, um das Problem zu lösen. Der Zustand ist aber keine „Person“, sondern ein sehr heftig und unkontrollierbar erlebter Gefühlsausbruch.
Beispiel für einen „Ego-State“: Eine Frau wirft sich in bestimmten Situationen jeden Mann an den Hals und geht mit jedem Mann ins Bett, obwohl das sonst eigentlich nicht ihrer Persönlichkeit entspricht. Der Anteil, der dann nach vorne rutscht, hat „gelernt“ sich jedem Mann anzubieten, der sie haben will.
Jeder dieser Zustände enthält nur noch bestimmte Teile und Facetten der Ursprungstraumata und nicht mehr, wie oben beschrieben, das komplette Trauma.

„Innenpersonen einer Multiplen Persönlichkeit“
Hat extreme Gewalt ihren Beginn vor dem 5. Lebensjahr, kann dies zur Entstehung einer Multiplen Persönlichkeit mit mehreren Innenpersonen führen.
Neben Persönlichkeiten, die Aspekte der erlittenen Traumata tragen, entstehen hier, im Gegensatz zur Ego-State-Disorder, auch mehrere Persönlichkeiten, die keine traumatischen Erinnerungen oder traumanahen Zustände tragen, sondern andere Funktionen für das System übernehmen und sich Alltagsaufgaben teilen. Sprich, hier war das Leben so unerträglich, dass es nicht nur mehrere Persönlichkeitsanteile brauchte, um die Traumaerfahrungen aufzuteilen, sondern auch mehrere Personen, um den Alltag zu bewältigen. Bei der DIS kann es auch zu Mischungen von alltags- und traumanahen Anteilen kommen, z.B. eine harte, wütende Alltagspersönlichkeit oder eine sensible, fürsorgliche Alltagspersönlichkeit.
Jede/r dieser Persönlichkeiten hat im Laufe der Zeit Seine/ihre eigene „Lebensgeschichte“, eigene Ansichten, Charakterzüge, Aufgaben und Vorlieben entwickelt. Die ursprünglichen Anteile haben sich also immer weiter ausdifferenziert und sind zu eigenständigen Innenpersonen geworden.
Wir persönlich mögen die Bezeichnung als vollabgespaltene Persönlichkeitsanteile hier nicht, weil es für uns schlicht nicht stimmt und nicht zu unserem Erleben passt.
Die Dissoziation ist so tiefgreifend, dass es auch im aktuellen Alltagserleben und nachdem die Gewalt zu Ende ist zu Zeitlücken kommt. Bei Wechseln von einer Persönlichkeit zu einer anderen kommt es oft zu Amnesien. Die Eine weiß dann nicht, was die Andere tut oder in der Zwischenzeit getan hat, bis sie wieder vorne ist.
Der Wechsel zwischen den Persönlichkeiten ist hier meist nicht mehr willentlich beeinflussbar.

Soweit also nun zunächst unsere Erklärungen. Wir hoffen sie sind verständlich und wir haben nichts wichtiges vergessen!
Sonst dürft ihr auch gerne Fragen stellen, wir versuchen es dann so gut wir können zu erklären.
Das Alltagserleben von multiplen Persönlichkeiten wollen wir eventuell demnächst noch etwas genauer beschreiben, weil wir gemerkt haben, dass es doch recht schwer ist, das so kurz zu fassen.

Quellen:
Viele sein – Ein Handbuch (M. Huber)

49 Kommentare zu “Ja was denn nun!? – Inneres Kind, Anteile, Ego States oder Multiple Persönlichkeit mit Innenpersonen

  1. Danke für eure Erklärung! Das ist gerade unheimlich spannend für mich, weil ich mich ja ganz neu mit dem Thema Trauma auseinandersetzen muss und da so viele Begriffe rumfliegen, dass ich kaum weiß wo ich anfangen soll zu lesen.

    Und ganz davon ab: Das „ich kenne das auch!“ ist auch für Autisten ein echtes Problem. Wenn ich wem erzähle, dass ich zB sehr ungern zu Stammtischen in Kneipen gehe, weil meine Reizfilterstörung da voll zuschlägt und ich kein Wort des Gesprächs verstehe, kennt das natürlich jeder auch. Weil es ja alle irgendwie anstrengend finden, lange in einer sehr lauten Umgebung einem Gespräch zu folgen… so gut und vermeintlich verstehend solche Aussagen gemeint sind, eigentlich zeigen sie am Ende ja doch nur, dass das Gegenüber eben nicht verstanden hat, worum es geht *sfz* Das ist manchmal echt frustrierend, weil das Erklären dann nur um so schwerer wird. Der andere glaubt ja, schon längst alles verstanden zu haben…

    • Gerne! 🙂

      Danke dir, für den kurzen Einblick in dein leben mit Autismus. Das war für uns grade sehr interessant über euer Erleben zu lesen.
      Es frustriert oft wirklich, wenn man diese Aussage hört. Nicht gesehen werden, tut oft zusätzlich weh und manchmal empfindenden wir es fast schmerzvoller, als die Probleme und Schwierigkeiten, die wir sonst so haben.

      Liebe Grüße,
      Sofie und Co

  2. Sehr gut geschrieben. Danke an euch!

    Die Aussage: „Wir persönlich mögen die Bezeichnung als vollabgespaltene Persönlichkeitsanteile hier nicht, weil es für uns schlicht nicht stimmt und nicht zu unserem Erleben passt.“ möchte unsereins so unterschreiben. Unsereins bekommt schon teilweise (Re)Aktionen der anderen mit. Und es ist eine gewisse Kommunikation untereinander möglich – seit der Therapie.

    Beeinflussbar, wer wann und wie ‚heraushüpft‘ ist es definitiv nicht. Wohl weis unsereins, dass bei bestimmten Themen die Wahrscheinlichkeit recht hoch ist, dass ein bestimmter von uns aktiv wird… aber eine Garantie darauf gibt es nicht.

  3. Erst einmal vielen Dank für die Erklärungen. Ich finde auch dass da ziemlich viele Begriffe herumschwirren. Von denen sich aber z.B. gar nicht alle im ICD-10 als Diagnosen wiederfinden. Wobei der in Hinsicht auf dissoziative Störungen ohnehin überholungsbedürftig ist.
    Ich habe gerade das Buch „Das verfolgte Selbst“ gelesen. Und da gibt es auf Seite 48 einen sehr interessanten Hinweis:

    „Selbst Teile, die nur wenige Erlebnisse verkörpern, haben stabile Merkmale. In diesem Sinne sind alle dissoziierten Anteile mit einem eigenen, relativ überdauernden Muster relativ überdauernden Muster der Wahrnehmung, der Beziehung zu(r) und des Denken über die Umgebung und sich selbst ausgezeichnet. Dies ist das DSM-IV-Kriterium für den Zustand der dissoziativen Identität oder Persönlichkeit. In der aktuellen Literatur wird kein qualitatives Prinzip beschrieben, das dissoziierte Persönlichkeitsanteile bei DIS von dissoziierten Persönlichkeitsanteilen bei anderen traumabezogenen Störungen wie PTBS unterscheidet. Nach unserer Auffassung bestehen die Unterschiede im Grad der Komplexität und der Emanzipation der einzelnen Persönlichkeitsanteile.“

    Demnach gibt es keine scharfe wissenschaftlich begründbare Grenze, wann denn genau DIS anfängt. Auf jeden Fall aber müssen traumatische Erlebnisse vorliegen, sonst gibt es keine Dissoziation als Traumafolge.
    Später wird das noch mal aufgegriffen und die Selbständigkeit als Grade von Elaboration und Autonomie verstanden. Bei den einfacheren (wobei die schon schlimm genug sind) dissoziativen Störungen ist diese sehr gering ausgeprägt, bei DIS eben sehr stark. Aber selbst bei DIS scheint es ja noch deutliche Unterschiede zu geben. Ich kenne inzwischen 4 Menschen mit gesicherter Diagnose DIS. Und ich erlebe es als einen gewaltigen Unterschied, ob es da 5 relativ autonome Anteile gibt oder gleich mehrere hundert mit fast unüberwindlichen amnestischen Barrieren.

    • Auch dir Danke für die Rückmeldung und die Ergänzungen! 🙂

      Ja, das ICD-10 ist, was Traumafolgestörungen betrifft, tatsächlich sehr antik und viele Dinge finden sich noch gar nicht wieder. Das DSM ist da deutlich fortschrittlicher.

      „Das verfolgte Selbst“ kennen wir nicht.
      Den Ausschnitt kann ich persönlich so nicht unterschreiben. Die Aussagen und deren Schlussfolgerungen sind für uns gerade nicht stimmig.
      Wir versuchen zu verstehen und schreiben hier einfach mal die Fragen, die uns beim Lesen so durch den Kopf purzeln.
      Inwiefern hängt denn Anteile mit stabilen Merkmalen zu haben damit zusammen, dass diese eigenständig Wahrnehmen und Denken?
      Also ein wütender Anteil ist immer wütend und ein kindlicher immer kindlich, aber nimmt der wütende Anteil deshalb z.B. tatsächlich eigenständig wahr?
      Also im Grunde ist er doch ein Gefühl und zwar immer das gleiche, das durch bestimmte Situationen getriggert wird und dann hervorbricht. Das heißt ja noch nicht, dass er Wahrnehmung hat und denkt, oder?
      Wenn dort steht, dass es keine qualitativen Unterschiede gibt, aber Unterschiede im Grad der Komplexität und der Emanzipation bestehen, dann sind das doch qualitative Unterschiede!?
      In der Literatur finden sich sehr gut abgrenzbare Unterschiede von starker Dissoziation und DIS.
      Im Konzept der Strukturellen Dissoziation werden die Abgrenzungen klar und deutlich beschrieben. Im „Handbuch Rituelle Gewalt (Claudia Fliß /Barbara Igney“ werden Persönlichkeitszustände, die entweder nicht als völlig getrennt von der eigenen Person erlebt werden oder ein fehlen von schweren Amnesien, als, Unterschiede zur DIS genannt. Laut Huber ist ein Unterscheidungskriterium das Fehlen von Alltagsamnesien.
      Die Inhalte des Zitates, so wie wir es gerade verstehen, sagen im Grunde nur aus, das dissoziierte Persönlichkeitszustände immer mit Dissoziation, sprich Trauma zu tun haben und in der gleichen Schutzreaktion ihren Ursprung haben, egal ob die Diagnose dann PTBS oder DIS lautet. Bei der DIS sind diese „Anteile“ dann weiter ausgeprägt und zu komplexen Personen geworden. (War das jetzt schon alles und es ist nur kompliziert formuliert?)
      Für uns haben Innenpersonen einer DIS dann aber eben doch deutliche, klar abgrenzbare Unterschiede.
      Irgendwie fehlt’s uns grade am Durchblick.. wir denken nochmal drüber nach… vielleicht wird’s noch… 🙂
      Wir hoffen es ist ok, dass wir unsere ersten Gedanken dazu hier einfach mal so stehen lassen.

      Die wissenschaftliche Grenze, wann DIS genau anfängt ist nach dem Konzept der strukturellen Dissoziation da, wo nicht nur traumanahe Zustände, sondern mehr als eine Alltagspersönlichkeit vorhanden sind. Wissenschaftlich unterscheidbar und abgrenzbar ist das auch durch die Forschung mit MRT, CT, EEG, etc. geworden.

      Bei der DIS an sich, gibt es nochmal einen deutlichen Unterschied zwischen einer DIS, die „einfach“ in Folge der Gewalt entstand ist und einer sogenannten „Programmierten DIS“, die von Tätergruppen bewusst so angelegt wurde, um die Opfer gezielt abzurichten. Die Systeme unterscheiden sich unserer Erfahrung nach in ihrer Struktur und den inneren Mechanismen.
      Ich weiß nicht inwiefern das vielleicht auch auf deine Bekannten passt?

      Liebe Grüße,
      Sofie und Co

      • Die fragliche Stelle stammt aus dem DSM IV. in den Diagnostische Kriterien für 300.14 (F44.81) Dissoziative Identitätsstörung heißt es für das erste Kriterium:

        „Die Anwesenheit von zwei oder mehr unterscheidbaren Identitäten oder Persönlichkeitszuständen (jeweils mit einem eigenen, relativ überdauernden Muster der Wahrnehmung von, der Beziehung zur und dem Denken über die Umgebung und das Selbst). “

        Das ist natürlich eine sehr schwierige und kompakte Definition. Zunächst einmal aber reichen Persönlichkeitszustände aus, es müssen (im Gegensatz zur Bezeichung der Spaltung) keine unterscheidbaren Identitäten sein. Das überdauernde Muster ist einfach schon daher gegeben (so verstehe ich den Text in „Das verfolgte Selbst), dass diese Persönlichkeitszustände durch die Dissoziation dauerhaft abgespalten sind. Das gilt im Grunde für jeden EP. Dieser EP hat, selbst wenn er nur Teile eines traumatischen Erlebnisses beinhaltet, aber in diesem Erleben eine Wahrnehmung der Umgebung und des Selbst, ebenso steht er in Beziehung zur Umgebung und zum Selbst und er kann das auch denken. „Das verfolgte Selbst“ ist übrigens das Grundlagenwerk zum Konzept der strukturellen Dissoziation, einer der Autoren, Onno van der Hart, hat auch viel mit Michaela Huber zusammen gearbeitet. Demnach wäre es also tatsächlich eine recht offene Definition.
        Wirklich Sinn macht das natürlich nur, wenn diesen EPs oder, bei der sogenannten tertiären Dissoziation, auch mehreren ANPs sehr autonom handeln können. Das ist dann das, was du letztlich meinst. Diese können bei fortwährender und chronischer Abspaltung sich soweit verselbständigen, dass es eben tatsächlich unterschiedliche Identitäten werden. Diese Anteile können auch lernen. So kann ein Anteil, der zunächst rein auf die defensive Handlung der Unterwerfung fixiert ist, lernen, dass es auch andere defensive Handlungen gibt (flüchten, kämpfen z.B.). Oder, wenn er noch autonomer wird, dass es auch noch andere Handlungssysteme außer dem Verteidigungssystem gibt.
        Innerhalb des jeweiligen Horizontes nehmen die Anteile z.B. auch eigenständig wahr (was auf deine wütenden oder kindlichen Anteile zutrifft). Ein Anteil oder eine Persönlichkeit, die ausschließlich auf Handlungen des Kämpfens fixiert ist wird es allerdings schwer haben einkaufen zu gehen. Daher passiert das normalerweise auch nicht und wenn doch handelt es sich um nach außen erkennbares dysfunktionales Verhalten. Aber diese Anteile können eben tatsächlich nach vorne kommen (also die Kontrolle über den Körper übernehmen).
        Und so wie ich das jetzt verstanden habe gibt es Unterschiede nur für den Grad der Elaboration (das ist so was wie Erfahrung) und Autonomie. Das dahinerliegende Prinzip der Dissoziation von Persönlichkeitsanteilen ist jedoch bei allen traumabezogenen Störungen qualitativ gleich, funktioniert also nach dem selben Prinzip. Der Unterschied liegt allein in der Quantität.

        Und ansonsten hast du natürlich Recht was meine Bekannten angeht. Programmierte DIS – der Begriff trifft es in einem Fall genau.

        Was diese verschiedenen Begriffe angeht ist das ja auch nicht ganz einfach, weil teilweise eben Begriffe in die Begrifflichkeiten der Traumaforschung eingewandert sind, die dort ursprünglich nicht her stammen. So hat beispielsweise Schulz von Thun einmal so etwas wie ein „Inneres Team“ als imaginäre Variante von psychischen Zuständen „erfunden“. In der Themenzentrierten Interaktion gibt es die „Ich-Zustände“ oder halt Ego-States. Beides sind Phänomene, die erst einmal dazu geeignet sind die normale Psyche eines gesunden Menschen zu erklären. Und irgendwer hat aus den Ego-States dann abgespaltene Anteile als Traumafolge gemacht. Mit der Folge, dass es jetzt auch eine Ego-State-Therapie gibt, die mit der themenzentrierten Interaktion gar nichts mehr zu tun hat. Ego-States gibt es aber auch nicht im ICD-10 oder im DSM IV, dafür sind die noch zu neu. Als Diagnose ist eine Ego-State-Disorder dann DSNNB. Die gleiche Diagnose bekommen aber auch Menschen, die die gleichen Kriterien wie bei DIS erfüllen, aber z.B. keine Amnesien haben. Dabei ist das dann nicht zwangsläufig identisch mit der ESD.

        Genug Verwirrung?

        In den letzten 20 Jahren gab es sehr viel an Forschung im Bereich Trauma. Die diagnostischen Kriterien haben da lange nicht Schritt gehalten. Der DSM ist gerade in der Überarbeitung und soll in zwei Jahren als Version V fertig sein. Der ICD 11 wird kurz darauf folgen. Die vorhandenen Instrumente sind jeweils rund 20 Jahre alt – da hat sich wirklich viel getan in der Zeit. Die Begriffsverwirrung kommt also aus dem wissenschaftlichen Lager selbst, und ist nicht nur bei denen, die gerne eine bestimmte Krankheit hätten.

        Mir persönlich sind die Diagnosen eigentlich egal, die brauchen eher die Therapeuten und Krankenkassen. Mir wäre viel wichtiger dass mir geholfen wird. Leider ist es so, dass es gerade in dem Bereich der psychischen Leiden wahnsinnig viele Fehldiagnosen gibt. Wenn der Psychiater halt nur Psychosen kann und von Dissoziationen keine Ahnung hat wird der viel eher einen Wahn oder eine Schizophrenie diagnostizieren und die DIS übersehen. Dann kann es manchmal helfen wenn der Patient selbst Verantwortung für sich übernimmt und dem Arzt auch mal was erklärt. Du hast das vor ein paar Tagen sehr anschaulich geschildert, wie so etwas aussehen kann. Ein wenig Wissen über die Diagnosen ist dann halt doch wieder ganz hilfreich. Auch wenn es manchmal ganz schön wissenschaftlich und kompliziert ist.

      • Da hast du dir ja ganz schön Mühe gemacht das nochmal zu erklären! Danke dir!
        Heute bin ich schon wieder etwas frischer im Hirn. Gestern Abend ging da irgendwie gar nichts mehr. Jetzt begreifen es meine Synapsen auch. 🙂

        Völlig damit Konform damit gehe ich aber immer noch nicht. Einfach, weil es so nicht meinem Empfinden und Erleben entspricht.
        Vielleicht auch deshalb, weil ich finde, dass Dissoziation und DIS damit wieder schwammige Einheitsmatsche wird und da gibt’s für mich eben einfach ganz klare Unterschiede (und für die Täter auch).

        Manchmal muss es einen bei den ganzen Definierereien und Interpretationen, die sich teilweise dann auch wieder widersprechen, nicht wundern, dass niemand mehr versteht, worum es wirklich geht. Wenn dann noch die Vermischungen und Einflüsse aus anderen Gebieten dazu kommen, ist das Chaos komplett.

        Es wäre wirklich schön, wenn sich die Behandlung nicht nur nach den definierten „Stempeln“ orientieren würde, sondern einfach an den Bedürfnissen der Betroffenen.

        Liebe Grüße,
        Sofie und Co 🙂

  4. Vielen Dank für deinen Beitrag!
    Erst vor kurzem habe ich mich mit einer Klassenkameradin unterhalten, die meinte, eine multiple Persönlichkeit zu haben, weil sie viele Gesichter hat. Nicht einmal Aufklärung hat da etwas gebracht.

    • Mal eine provokative Frage: Woher weißt du dass sie keine hat? Oder eine dissoziative Störung unterhalb von DIS?
      Manche Innenpersonen wissen schon immer dass sie viele sind… Meist hat es einen Grund wenn jemand so etwas sagt.
      Vielleicht wäre es, neben der Aufklärung auch möglich sie zu fragen, welchen Vorteil es für sie hatte oder immer noch hat sich so zu verstehen. Oder vorsichtig danach zu fragen woher sie glaubt das zu haben.
      Wenn es für sie nur chic ist sich als viele zu verstehen ist natürlich blöd. Hat sie selbst Gewalterfahrungen wird der Unglaube für sie schlimm sein. Daher wäre ich mit so etwas sehr vorsichtig und würde es nie jemandem absprechen weil ich mir über die Geschichte der anderen nie sicher sein kann. Im Zweifelsfall würde es damit enden dass ich Hilfsmöglichkeiten hinweisen würde. Dann hätte ich es trotz vorhandener Zweifel nicht negiert, aber auch eine angemessene Richtung angegeben, wo solche Menschen Hilfe bekommen können. Dann ist es wieder ihre eigene Verantwortung sich um sich zu kümmern.

      • Sie war meine beste Freundin, die mit mir immer über ihre Probleme geredet hat. Ich weiß eben eine Menge über sie, und nichts spricht für eine DIS. In der Situation habe ich allerdings nicht negiert, dass sie so etwas haben könnte, nur sie darauf aufmerksam gemacht, was es bedeutet.
        Ansonsten kann ich deiner Botschaft nur zustimmen.

      • Hallo,
        wir waren die letzten Tage leider etwas neben der Spur und konnten nicht schreiben. Drum erst jetzt. 🙂

        Wir finden es toll, dass du da so offen mit deiner Freundin darüber gesprochen hast und auch aufmerksam gemacht hast, was es bedeutet!
        So kommt man über das Thema ins Gespräch und sie kann ihre Sicht ebenfalls erklären. Dann kristallisiert sich sicher auch heraus, worum es wirklich geht. Und damit ist dann sicher auch deiner Freundin geholfen.
        Es ist auch toll, dass du selber etwas darüber weißt und auch erklären kannst. Wenn wir uns unseren Bekanntenkreis so anschauen, hätte da glaub ich, von ganz, ganz engen Bekannten, die mehr von uns wissen mal abgesehen, keiner auch nur im Ansatz eine Ahnung, worum es wirklich geht, wenn wir das so ansprechen. Wenn dann müssten wir erst mal erklären wovon wir sprechen, weil es an der Basis fehlt. Uns könnte dazu von sich aus sicher keiner was erklären oder verständlich machen.
        Die Sache mit den vielen Gesichtern und dass das mit multipler Persönlichkeit zusammenhängen könnte, hört man häufiger. Dafür kann es ja aber auch ganz normale Erklärungen geben, wie einfach sehr vielfältig zu sein oder z.B. auch eine ganze Bandbreite anderer (dissoziativer) Bewältigungsmechanismen.

        Ansonsten hat Solveig natürlich recht.
        Oftmals kennt man Betroffenen ihr Viele sein nicht an und offenes Nachfragen und darüber sprechen ist eine gute Lösung.

        Liebe Grüße,
        Sofie und Co 🙂

  5. Nachdem auch ich immer wieder versuche, „nachfühlen“ oder „verstehen“ zu können und auch schon ähnliche Sätze gesagt hatte, wie oben erwähnt, bin ich sehr dankbar für diesen Beitrag. Weil ich nicht nur bei anderen nicht verstehe, sondern auch bei mir selbst.

    Ich danke sehr für diese Erklärung.
    Liebe Grüße, Luise

  6. Hallo Sofie und Co
    eben ist mir Dein Beitrag „zur Unterscheidung von Arten und Vermischung vom Vielesein“ sehr angenehm entgegen gesprungen. (auch wenn der Stil ein wenig hart anzuhören ist 😉 ).
    Dieser Beitrag ist mir sehr willkommen. Erstens weil ich vor einiger Zeit noch in mir sehr auf der Suche war und vielleicht auch noch bin. Und zweitens weil ich solche Bemerkungen von Gegenübers auch kenne: „..ach ja solche Anteile habe ich auch in mir…“. Was mich hilflos und auch manchmal wütend, ob dem Unverständnis und der Oberflächlichkeit – zurück ließ.
    Dein Blogartikel bringt da viel Erhellendes und Brauchbares und auch Verwendbares, wenn es mal wieder soweit ist… hervor.
    Danke dafür!
    Melinas

  7. Ist es ok, wenn die Therapeutin, absolut ausgebildet in Traumafolgestörungen, mich/uns auf einmal mit „ihr“ ansprecht??? Das war so komisch und doch fühlt es sich ganz wahr an… Und mit Kind-anteilen hat sie auch schon geredet, wobei ich im Hintergrund das mitbekomme… und peinlich finde.. Kann es sein, dass es DIS als Diagnose gibt, ohne Amnesien im Alltag? oder spricht Co-bewusstheit für „nicht näher bezeichnete dissoziative Störung“??

    • Hallo Tulpenblume, 🙂
      wir möchten gerne versuchen dir die Fragen aus unserer Sicht und mit unserem Verständnis zu beantworten.
      Allerdings sind wir keine Therapeuten und möchten deshalb festhalten, dass wir die Diagnosefindung durch einen Arzt oder Psychotherapeuten dementsprechend nicht ersetzen können.
      Hast du deine Therapeutin denn mal gefragt, weshalb sie dich in der Mehrzahl anspricht? Ich könnte mir Vorstellen, dass es wichtig wäre, dass sie das erklärt und wie Sie darauf kommt. Du hast ein Recht darauf zu erfahren, was sie diagnostisch denkt. Dann weißt du auch schon mal in welche Richtung sie tendiert.
      Bekommst du denn grundsätzlich immer alles mit oder variiert das?
      Ich bekomme selbst durchaus auch manchmal mit, wenn z.B. eine Kleine draußen ist und manchmal ist es mir auch peinlich. Auch bei der DIS gibt es durchaus Dinge zwischen manchen Innenpersonen die Cobewusst ablaufen können. Nicht jede Amnesie ist mir Bewusst. Wenn mir z.B. kurze Zeiten durchrutschen fällt das manchmal erst viel später in einem ganz anderen Kontext auf. Diesbezüglich ist es -finde ich- auch nicht immer so leicht zu beurteilen, ob nun Amnesien vorliegen oder nicht. Ob es auch möglich ist eine DIS zu diagnostizieren, wenn die Persönlichkeiten voll abgespalten sind, aber Amnesien gänzlich fehlen, können wir nicht 100%ig sagen. Soweit wir das bislang wissen und auch von anderen kennen, gehören die amnestischen Barrieren aber zu den festen Diagnosekriterien.
      Wichtig finde ich persönlich neben den fachlichen Kriterien auch immer zu sehen, wie du selbst dich dabei fühlst. Die Arbeit mit den Kindanteilen scheint sich für dich ja zumindest stimmig anzufühlen und auch die getrennte, eigenständige Betrachtungsweise. Auch darüber wäre es vielleicht gut, mit deiner Therapeutin zu sprechen, dabei lernt sie auch deine Empfindungen bei der Arbeit besser kennen und kann mit dir genauer hinschauen, was dir daran wichtig ist und sich darauf einstellen.
      Ich wünsche dir, dass du die diagnostische Einordnung so für dich klären kannst, dass es stimmig ist und du einen guten Umgang damit finden kannst. 🙂

      Liebe Grüße,
      Sofie

      • Beim Lesen dieses und der früheren Kommentare, zu denen ich ja schon vor einiger Zeit einen Dankes-Kommentar geschrieben habe….ist mir heute der Schreck in die Glieder gefahren. Denn mir sind mehrere Situationen eingefallen (aus der Zeit vor 35 Jahren, wo ich auch schon einmal eine gescheiterte Therapie gemacht habe) die in mir im Nachhinein die Frage aufwerfen, ob das damals nicht auch schon einige Innens waren, die sich damals gemeldet haben (es war in der Zeit, als zum ersten Mal die Erinnerung an den ersten (?) sex. Missbrauch einschossen. Damals gab es viele Vorfälle – bereits im Vorfeld dieser Erinnerung und später dann noch mehr, wo ich jetzt denke, dass es damals schon Innens waren, die da herausbrachen. Bislang, dachte ich, dass es sowas wie psychotische Episoden waren, denn sie kamen immer erst nach den Therapiestunden zum Vorschein (nachts, oder beim Einschlafen oder beim Aufwachen und in einer Art Trancezuständen am Tag, wo ich völlig weggetreten war – mich aber teilweise doch erinnert habe).
        In der letzten (gescheiterten vor 2 Jahren) Therapie kamen das erste Mal (bewusst für mich wahrnehmbar) mehrere Innens raus – aber auch mit Lücken – weil ich oft nur wusste, dass da welche da waren und dies und jenes fühlten oder sogar sagten – aber ich dann aber am Ende nicht erkennen konnte, wie die, die meistens in der Therapie war, dann so reden konnte, als wäre nix geschehen. Das hatte mich immer schon gewundert.
        Und vor ein paar Monaten hat mir ein Mensch der auch „Mehrere hat“ gesagt, dass er bei mir das Gefühl hat, dass ich glaubte, dass ich alles weiß und im Blick habe. Da hatte ich zum 1. Mal überhaupt die Idee bekommen, dass meine „Ausfälle“ gar nicht so kurz sein könnten und ich doch m.M. nach immer alles weiß…ein Irrtum sein könne.
        In Deinem Blog zu lesen, hat mich jetzt dazu bewogen, Dich zu fragen – ob es denn sein kann, dass solche Situationen, die ich tranceartig, oder im Übergang zu Schlaf und Wach, habe – auch in die Kategorie fallen könnten. Du erscheinst mir so „vielwissend“ :D…und ich hoffe es ist nicht zu viel Text gewesen…

      • „Vielwissend“… Oh Gott… 😀
        Wir schreiben hier in der Regel einfach das, was wir empfinden, wahrnehmen und aus dem was wir erlebt haben, wissen. Das kann für den ein oder anderen mehr oder weniger stimmig sein.
        Leider weiß ich jetzt nicht genau, welche „Kategorie“ du meinst. Ich versuch es dennoch mal mit einer Antwort. Sonst einfach nochmal Fragen. 😉
        Was du in deinem Kommentar beschreibst, kam mir grade beim Lesen an vielen Stellen bekannt vor.
        Irgendwie ist es ja nur logisch, wenn die anderen Innen auch schon da waren, bevor das in der Therapie ein Thema war und sie auch bewusst wahrgenommen wurden. „Eigenartige“ Trancezustände (Dissoziation ist im Endeffekt nichts anderes als ein Trancezustand) vor allem beim Einschlafen und Nachts, begleiten mich auch öfter, vor allem dann, wenn viel Stress ist oder in der Therapie angefangen wurde, etwas zu bearbeiten und viel aufgewühlt wurde. Das arbeitet bei uns anscheinend innen nach und wenn der Verstand dann etwas runter fährt, spült es Erinnerungsbruchstücke zurück, die dann oft schwer greifbar oder wirr sind und einfach an mir vorbei ziehen und ich denke, dass manche Innenpersonen dann auch leichter rauskommen, wenn ich nicht mehr bewusst mit dem Kopf gegensteuere und hinterfrage, was ich tagsüber als kleiner Kontrollfreak durchaus oft mache. 😉
        Wie viel und wie lange Amnesien im Alltag auftauchen, fand ich für mich oft schwer zu beurteilen, weil mir die Lücke im Gedächtnis oftmals erst dann richtig auffiel, wenn mich z.B. jemand etwas gefragt hat, zu dem, was wir gemacht haben und ich einfach keine Antwort wusste. Man denkt ja in der Regel sonst nicht über etwas nach, was für einen selbst gar nicht existiert…

        Ich hoffe, das ging jetzt nicht völlig an dir und deiner Frage vorbei! 🙂

      • Nein, liebe Sofie, das war überhaupt nicht dran vorbei – genau richtig – Danke. Manchmal braucht man so eine Bestätigung von anderen – sehr dringend. Danke!
        Langsam und stetig fangen die Puzzlestückchen an sich aneinander zu fügen.

  8. danke für deine Worte… Ja, meine Therapeutin meinte, es würde sich mit der Zeit zeigen, wie abgespalten die Anteile seien…sie würde da ganz der Zeit vertrauen, und ihr wäre es auch nicht wichtig, ob dort später Ego-state-disorder, DDNOS, oder DIS als Diagnose raus käme…Ganz liebevoll hatte sie da die Ruhe weg..ohne Amnesien für den Alltag würde es wohl eher unter den nicht näher bezeichneten dissoziativen Störungen eingeordent..eigentlich ja auch egal… und doch aufregend…und schwierig anzunehmen, dass Kind-anteile da sein dürfen, willkommen geheißen werden und mit ihnen geredet wird…und berührend zugleich…

    • Nichts zu danken! 🙂
      Das klingt sehr nett und offen, find ich. Manchmal braucht das in der Tat Zeit. Ich kenne aber auch das Gefühl, endlich sicher wissen zu wollen, wo man steht, um auch für sich einordnen zu können, was da in einem selbst vorgeht.
      Wir drücken auf jeden Fall die Daumen, dass du für dich in genau dem richtigen Tempo herausfinden darfst, wie das bei dir ist und dabei gut unterstützt wirst!

  9. Danke liebe Sophie und co,
    Ein sehr hilfreicher Beitrag zur Unterscheidung. Aber auch in dein Ärger ums nicht gesehen werden tut uns gut. Wir sind nicht alleine!
    Danke dafür. 🙂 und ganz liebe Grüße
    „Benita“

  10. Pingback: Vielfalt im Viele sein | Sofies viele Welten

  11. Pingback: Leben mit (unvollständiger) DIS # 14: Angst und Dissoziation – lebendig werden …

  12. Liebe Sophie,

    danke für Deine ausführlichen Erläuterungen zum „Viele sein“. Bei einigen Ausführungen musste ich heftig Nicken. (Ich schätze zB. oft meine Größe falsch ein – bin tatsächlich viel größer.)
    Ich habe recht viele Infos zu DIS im web gefunden und auch zu kPTBS. Nach dem Grau dazwischen habe ich lange gesucht: Ego States Disorder. Danke für Deine Ausführungen dazu…

    Ich werde hier weiter lesen.

    Liebe Grüße aus der Himbeersplitterei

    • Liebe Himbeersplitterei,
      wie schön, dass du hier fündig geworden bist und dir der Beitrag weiter geholfen hat. 🙂
      Es freut uns sehr, dass du hier nun öfter mal vorbei schauen magst! 😊

      Liebe Grüße,
      Sofie und die bunten Schmetterlinge 🙂

  13. Hallo zusammen, DANKE! für Deinen Artikel und die Erklärungen. Ich gebe zu, ich habe mich in den letzten Wochen am ehesten auch zugehörig gefühlt bei DIS. Ich konnte vieles so gut nachvollziehen und fand es logisch. Aber einiges passte auch so gar nicht und ich kam mir vor, wie eine „Aufschneiderin“, der die Diagnose KPTBS „noch nicht reicht“. Und jetzt endlich verstehe ich es. Alles, was ich mir zusammengereimt hatte ergibt nun Sinn bei Ego State Disorder oder/und DDNOS (oder ist Ego State Disorder nicht logischerweise eine Unterform von DDNOS, wenn KTBS mit im Gepäck ist?) Ich werde es diese Woche mal mit meiner Therapeutin besprechen.

    Und eine Frage hätte ich noch, was ich mich bisher nicht getraut habe jemanden zu Fragen. Ich war immer wegen Depression (was es ja nie war, sondern KPTBS) beim Psychiater. Dann-als die Puzzlesteine purzelten- musste ich in die Klinik. Auch dort wurde mehrfach gefragt, ob ich denn wirklich eine PTBS hätte (dort wurde das komplexe ignoriert). Und wenn ich seitdem beim Psychiater bin, um dort in Kontakt zu bleiben, falls es mir wieder schlechter geht, wird jedesmal darauf hingewiesen, dass in der Akte „nur“ Depression vermerkt wird.

    Warum? Ich habe schon den Eindruck, dass meine Psychiaterin mir glaubt und sie ist auch Verständnisvoll. Aber was wird da für ein rumgeeier mit der simplen Diagnose der KOMPLEXEN Ptbs (simple im Sinne von soo selten wird das ja wohl nicht sein, kann ja eigentlich nicht schwer sein das zu diagnostizieren )gemacht. Ich weiß noch gar nicht, ob ich ihr von meiner anderen Idee der EGO State Disorder erzählen soll. das mache ich lieber erstmal nur bei der Therapeutin.

    Versteht das jemand?

    • Hallo echtjetzt, 😊
      es freut mich, wenn dir der Artikel weiter hilft.

      In Deutschland gibt es das Problem, dass Ärzte die Diagnose komplexe PTBS in der Form eigentlich nicht vergeben können, weil sie im verbindlichen Diagnosehandbuch „ICD-10“ nicht enthalten ist. Dort findet sich nur die „normale“ PTBS zur Verschlüsselung. Aus Befunden kenne ich es so, dass dann eine Kombination aus der Fachbezeichnung etwa „Komplexe PTBS“ und dem Schlüssel für PTBS „F 43.1“ angegeben wird. Im Pc meines Hausarztes bleibt dann aber oft auch nur die PTBS über, weil ihm die sein System auswirft. Der weiß das mittlerweile auch ohne Hinweis, war aber anfangs manchmal schwierig.

      Zum anderen ist es tatsächlich so, dass viele Ärzte um diese Diagnosen einen persönlichen Eiertanz machen und sie auf Diagnosebögen nicht benennen. Weshalb bin ich oft selbst überfragt.
      Ich stelle auch Fest, dass viele Ärzte nicht begreifen, dass der Zusatz „komplex“ einen enormen Unterschied in der Therapie macht, weil das zwei völlig verschiedene paar Schuhe sind.

      Es ist leider ziemlich mühsam im Gesundheitssystem die Anerkennung zu finden, die es braucht. Ich drück dir die Daumen, dass du die richtigen Ansprechparter findest.

      Ganz liebe Grüße,
      Sofie 😊

      • ich hatte als komplexe PTBS auch schon die F 43.8 Sonstige Reaktionen auf schwere Belastungen im Sinne einer komplexen PTBS. (Bei einer PTBS Diagnose, so wurde mir erklärt, muss wirklich wirklich wirklich das Erlebnis als Trauma nachgewiesen werden… weil für die PTBS (F 43.1) das Trauma als Ursache gilt… und wer mag schon entscheiden, ob ein Erlebnis von dem du berichtest, wirklich „traumatisch“ im wissenschaftlichen Sinn war oder „nur“ eine schlimme Erfahrung und daher nicht als Ursache für die PTBS im ICD anerkannt.)

      • Guten Morgen Sophie,

        danke für Deine Rückmeldung. Mir geht es so, wenn ich etwas verstehe, kann ich besser damit umgehen. Wieder ein Puzzleteil über das ich mir weniger Gedanken machen muss 🙂

  14. Vielen Dank für die Aufklärung.
    Leider finde ich mich hier nicht wieder. Bei mir wurde eine Dis diagnostiziert. Ich habe jedoch nicht andere Persönlichkeiten sondern switche in mich selbst z.B. mit 15, 12, 17 usw Jahren. Wenn ich wieder zurück komme weiß ich nicht was in der Zeit des „Wechsels“ passiert ist, gesagt oder gemacht wurde.
    In der Zeit soll ich auch nur wissen was bis zu diesem Zeitpunkt war. Zb ich bin jetzt ich vor 2 Jahren, schreibe einen Freund an und sage ich habe morgen da und da ein Vorstellungsgespräch. So als würde ich einen Zeitreise machen.

    Meine komplexe ptbs, also mein Haupttrauma, entstand nicht in der frühen Kindheit sondern ging mit 17 los und zog sich dann über mehrere Jahre. In meiner gesamten Kindheit passierte viel Mist, es ist belastend aber kein Trauma in dem Sinne.
    Ich glaube nicht an die Diagnose Dis, habt ihr vielleicht eine Idee was es sein könnte damit ich mich belesen kann und es meiner Therapeutin vorschlagen kann?

  15. Liebe Sofie & Co., vielen Dank für euren Artikel! Was ich noch nicht vollständig verstehe: ist die Ego-State-Disorder gleichzusetzen mit der Diagnose der DDNOS bzw. mittlerweile OSDD1a/b oder fällt sie lediglich deswegen in Ermangelung einer eigenen Kategorie bzw. eines eigenen diagnostischen Schlüssels darunter?

    Liebe Grüße! 🙂

    • Huhu, 😊
      die Ego State Disorder ist im deutschsprachigen Raum bisher im Grunde gar nicht klassifizierbar, weil das ICD-10 sie nicht gesondert als Diagnose auswirft. Sie fällt dort unter die nicht näher bezeichneten dissoziativen Störungen. Sie gehört damit zur DSNNS bzw. DDNOS.

      Die amerikanischen DSM-Diagnosen OSDD-1a und -1b gehen bereits über reine Ego-States hinaus. Die Klassifikation der DDNOS bleibt dennoch erhalten. Bei den OSDD-1-Typen geht es bereits um Subkategorien der DIS. Die Anteile bei der OSDD müssen für diese Diagnose mehr als reine traumanahe Ich-Zustände sein.

      Ich hoff das hilft dir etwas weiter. Im Zweifelsfall ist es aber immer gut vllt auch nochmal bei einem Therapeuten nachzuhaken. Wir sind hier ja auch nur betroffene Laien.

      Liebe Grüße,
      Sofie 😊

      • Hi Sofie,
        danke für die schnelle Antwort! Das hilft mir schon weiter! 🙂
        Nochmal zum Vergewissern: Ego-State-Disorder beinhaltet ausschließlich traumanahe Anteile, die entsprechende Inhalte halten (Erinnerungen, Verhaltensmuster usw.)? Also ein bisschen wie bei der kPTBS eigentlich – keine konkreteren persönlichen Eigenschaften, Vorlieben etc. oder Alltägliches über traumatische Inhalte hinaus?
        Besprechen wir natürlich auch nochmal in der Therapie. Das geht nur immer etwas leichter wenn man sich schon im Vorfeld etwas informiert und sortiert hat, finde ich. 😉 Nochmal danke!

      • Hallo, 😊
        ja, bei Ego-States geht es „nur“ um EPs. Also um einen Alltagsanteil (ANP) und dem abgespaltenen emotionalen Innenleben. Jochen Peichl beschreibt die Ego-State-Disorder so, dass zwar innere Anteile erlebt werden, aber keine äußeren Switches stattfinden (http://www.jochen-peichl.de/downloads/Dr_Jochen_Peichl_WorkshopKathmandu2008.pdf). So wie ich es verstehe, müssten Vorlieben oder Eigenschaften der EPs mit dem Trauma zumindest im Zusammenhang stehen.

        Liebe Grüße,
        Sofie 😊

  16. Pingback: Namensgebung – ZEiTENMOSAiK … Leben mit dissoziativer Identitätsstruktur

  17. Hallo bunteschmetterlinge,
    dieser Beitrag ist ja schon ne Weile her, ich find das toll beschrieben, und habe den Eindruck mit immer mehr Akzeptanz der Diagnose DIS wird diese Unterscheidung immer wichtiger. Ich würde gerne fragen, ob ihr als Ziel für euch habt weniger zu werden? Zu fusionieren? Jedenfalls falls es die Möglichkeit dazu gibt?
    Ist das für euch ein Thema oder gar nicht?
    Lieben Gruß

    • Hallo, 😊
      ja, wir halten die Unterscheidung auch für wichtig.

      Wir haben nicht das Ziel zu fusionieren. Unser Ziel ist es ein Leben zu haben, in dem wir uns wohl fühlen. Wenn auf dem Weg Innens näher zusammenrutschen ist das völlig ok, aber wir forcieren das nicht. Ich persönlich glaube, dass manche Persönlichkeitsstrukturen nicht rückgängig zu machen sind. Man kann Verbindungen schaffen, aber letztlich werden die Einzelteile immer sichtbar bleiben. Da muss aber wohl jeder seinen eigenen Umgang finden. Für mich ich ist das Problem nicht das Viele sein, sondern die Traumata mit all ihren Symptomen dahinter.

      Liebe Grüße,
      Sofie

  18. Hey! Danke für den interessanten Text. Ich weiß safe, keine DIS zu haben, aber ich habe dieses Anteils-chaos und sich allein da durchzuwühlen, ist schwierig und merkwürdig. Selbst diese inneren Anteile können manchmal so krass fremdsteuern, dass es mir unmöglich ist mir vorzustellen wie es wäre, an einer DIS zu leiden. Ich frage mich aber eins. Ich habe mal den Youtube-Kanal einer Frau gefunden, die meint, eine DIS zu haben. https://www.youtube.com/channel/UC8JDIEFbQejP-meo1OwI0DA
    Ist das tatsächlich so? Dass verschiedene Innenpersonen sich verschieden kleiden, verschiedene Sachen mögen, andere Musik hören etc.? Oder könnte das „gefaked“ sein? Wie ist das bei Euch, wenn ich fragen darf? Ich frage nur aus Interesse und hoffe, ich gehe euch damit nicht zu nahe.
    Liebe Grüße ♥

    • Hallo Frosch,😊
      du darfst gerne fragen!
      Ich fürchte nur, dass wir dir deine Frage ob das gefaked ist nicht wirklich beantworten können. Ich kann für uns ganz klar sagen, dass sich die DIS bei uns so nicht zeigt. Es gibt zwar Innenpersonen, die eine andere Körperwahrnehmung, andere Vorlieben, Interessen oder auch andere Kleidungsstile bevorzugen, aber wir schminken uns definitiv nicht jedes Mal um nur weil ein Wechsel stattfindet. Das geht für uns auch am Sinn einer DIS vorbei. Immerhin haben wir sie als Schutzmechanismus entwickelt und nicht dafür plakativ andere Innenpersonen in die Kammera zu halten. In unserem Alltag können wir mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass außerhalb von Therapie und eingeweihten Freunden niemand einen Wechsel mal eben einfach so mitbekommen würde. Ich kann mir aber auch gut Vorstellen, dass der Hintergrund einer DIS eine Rolle dafür spielt, wie sie sich später zeigt. Als Opfer von organisierter und ritualisierter Gewalt kann man sich so einen Auftritt in der Regel überhaupt nicht erlauben, weil man damit sicherlich sein Leben riskiert. Was an den Videos echt oder unecht ist, vermögen wir nicht zu beurteilen, nur, dass wir uns darin irgendwie gar nicht wiederfinden.

      Liebe Grüße,
      Sofie 😊

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