Auf Traumaentzug

Was Jahre- und Jahrzentelang täglich zu unserem Leben gehörte, soll nun plötzlich komplett wegfallen.
Keine neuen Traumatisierungen mehr.
Sicherheit.
Was sich in der Therapie so stimmig anhört und irgendwie Sinn macht, ist außerhalb des Therapieraumes grausame Realität.
Kalter Entzug.

Den Ausstieg aus den direkten Täterzusammenhängen haben wir schon vor Jahren gewagt. Was blieb waren Ersatzhandlungen, wie sich immer wieder in gefährliche Situationen zu begeben und eine Sexualität zu leben, die im Grunde den Taten, die früher an uns begangen wurden, stark ähnelt und oft auch gleicht. Wie ein Junkie auf der ständigen Suche nach seiner Droge – Dominaz, Unterwerfung und Gewalt. Ich wollte das so – Zumindest dachte ich es.
Da in der Therapie nun auch darüber gesprochen wird und damit immer mehr Bewusstsein dafür entsteht, wie schlimm das eigentlich für uns alle ist, was doch so gewollt erschien, soll nun Schluss damit sein. Keine neue Gewalt mehr. Keine Retraumatisierungen. Jetzt, da wir versuchen das Verhalten bleiben zu lassen, wird zudem immer klarer: Wir hatten keine Wahl. Der Druck innen genau das zu suchen und zu tun ist unerträglich.

Gründe und Ursachen die in dieses Verhalten reinspielen, gibt es viele verschiedene, die man alle im einzelnen genauer beleuchten könnte. Ich möchte mich hier allerdings auf die Auswirkung von körpereigenen Stoffen, wie Adrenalin, Endorphinen und Opiaten, auf die Thematik beschränken.
Bei den folgenden Schilderungen handelt es sich um meine/unsere Erfahrungen und Schlüsse, die wir daraus im Zusammenhang mit der Beschäftigung traumaphysiologischer Reaktionen gezogen haben. Wir erheben also keinen Anspruch auf allgemeine Gültigkeit.

Bei einem Trauma kommt es zunächst zur Überflutung mit Adrenalin und Endorphinen. Endorphine sind körpereigene Morphine. Herzschlag und Blutdruck steigen, um der Gefahr möglichst noch durch Kampf oder Flucht entkommen zu können. Dauert die Situation an werden zusätzlich Opiate zur Schmerzbetäubung und Cortisol zur Hemmung der Handlungen ausgeschüttet. Blutdruck, Herzschlag und Muskelspannung sinken ab. Es kommt zu Stimmbandlähmung, Schreckstarre und Dissoziation.
Wiederholen sich die Traumata werden jedes Mal diese körpereigenen Stoffe ausgeschüttet. Wächst man in einem Milieu auf, in dem (traumatischer) Dauerstress herrscht, sind diese Stoffe sogar ständig erhöht im Blut vorhanden. Die Stresshormone im Blut sind chronisch erhöht und die Morphin- und Opiatsynapsen werden dauerhaft gut „gefüttert“, um die Situation erträglich zu halten.
Was passiert aber nun, wenn der Stress nachlässt und dadurch die Hormonspiegel im Blut sinken?
Von Opiat- und Morphinabhängigen weiß man, dass diese beiden Stoffe sowohl psychisch, als auch physisch, stark abhängigkeitserzeugend sind. Stehen dem Drogenabhängigen die Substanzen nicht mehr zur Verfügung, entstehen zunächst starkes Verlangen nach den Suchtstoffen und später auch typische Entzugserscheinungen, wie Depressionen, Angst, Zittern, Schwindel, Kreislaufprobleme, Schwitzen, Erbrechen, Durchfall.
Warum sollte das mit körpereigenen Opiaten und Morphinen nun anders ablaufen?

Wir fühlen uns oft wie Abhängige, die auf der ständigen Suche nach ihren „Drogen“ sind. Je Ruhiger es um uns im Außen wird, umso heftiger wird das Verlangen, dass endlich wieder etwas passiert. Je länger es ruhig bleibt, umso stärker wird der Druck in uns. Wir fangen an aktiv danach zu suchen. Wollen nicht und müssen doch. Die Synapsen haben hunger. Hunger nach ihren Schmerzmitteln und Endorphinen. Sie fangen an verzweifelt danach zu schreien. „Nicht anfangen zu spüren, oh nein!“ Mit dem Entzug sinken auch die dissoziativen Barrieren. „Nur nicht anfangen zu realisieren! Nicht Erinnern! Lebensgefahr, Hilfe!“
Keiner würde den kalten Entzug von heute auf morgen von einem Junkie verlangen. Von uns wird es verlangt.
Was ist unser Gegenmittel? Wo ist unser Methadon?
Es wäre besser für uns damit aufzuhören. Das weiß der Verstand.
Doch emotional ist das schwer.
Paradoxerweise ist es irgendwann auch hilfreich in Gewaltsituationen zu sein. Neben dem, dass wir gelernt haben, dass es etwas mit gemocht und geliebt werden zu tun hat, so behandelt zu werden und wir uns schrecklich alleine und ungeliebt fühlen, wenn das niemand mehr mit uns macht, wenn uns niemand mehr vergewaltigt, macht es taub. Es hilft nicht spüren zu müssen. Die „Drogen“ wirken – körperlich und psychisch. Die Synapsen schreien laut: „Juhu, endlich wieder eine Runde Opiate und Morphine! Endlich schmerzfrei! Kein Körperschmerz mehr und auch kein Seelenschmerz!“ Für den Moment ist alles egal, ehe danach der Stresshormonspiegel irgendwann wieder abflacht und die Welt erneut über uns zusammenbricht und sich im Kopf die neuen zu den alten Bildern gesellen und der Kreislauf von vorne beginnt.
Die betäubende, schmerzstillende Wirkung wäre so genial, wenn der Weg nicht so destruktiv wäre…
Wir gehen weiter unseren Weg durch den Trauma-Gewalt-Entzug.
Weil wir die Zusammenbrüche danach nicht mehr wollen.
Weil wir feststellen, dass wir immer stärkere und extremere Reize brauchen, um den gleichen Effekt zu erzielen.
So ist das mit dem Gewöhnungseffekt bei Abhängigen.
Weil es sich letztendlich lohnt, so hoffen wir.
Eine Frage im Kopf bleibt bislang: „Wenn die Gewalt als Lösungsstrategie wegfällt, wie sollen wir dann mit der ganzen Scheiße in unserem Kopf umgehen!?“

Gewalt schafft viele Probleme.
Schwierig wird es, wenn Gewalt so viele Probleme geschaffen hat, dass Gewalt die Lösung wird.
Manchmal ist Gewalt grausam und verletzend.
Manchmal bringt Gewalt Menschen um.
Manchmal hilft sie, die Gewalt die passiert ist zu überleben.

19 Kommentare zu “Auf Traumaentzug

  1. ich als mensch mit suchthintergrund, kann sehr, sehr gut nachvollziehen wovon du sprichst.
    „Keiner würde den kalten Entzug von heute auf morgen von einem Junkie verlangen. Von uns wird es verlangt.“
    es gibt vielleicht menschen die entziehen kalt, doch sind sie dann in geschützten seetings, haben begleitung und unterstützung, einen rahmen der hält, für die härteste zeit des entzuges.
    ich wünsche dir alle unterstützung die du brauchst!

    • Danke auch dir für die lieben Worte! 🙂

      Etwas Unterstützung haben wir zum Glück, wenn auch nicht optimal.
      Wir fühlen uns in der Hinsicht manchmal schrecklich unverstanden von der professionellen Helferseite, weil es dort so klar scheint, das man sowas nicht wollen kann und es nichts gibt, was daran „anziehend“ ist. Wir haben dann so das Gefühl, dass der Verstand ausreichen sollte, das nicht zu tun. So leicht ist es aber eben leider nicht…
      Dann müssen wir versuchen zu erklären, warum, wieso, weshalb und sind damit oft einfach überfordert, weil wir es ja selber manchmal nicht verstehen und in die Thematik einfach so viele Dinge reinspielen, dass die Worte das auszudrücken fehlen.

  2. Danke euch für diesen gleichzeitig berührenden und informativen Text! Kenne diesen Entzug, den ihr beschreibt, aus anderen, eigenen Kontexten auch und weiß, wie unglaublich quälend es sein kann, dem „Suchtdruck“ nicht nachzugeben. (In meinem Fall waren es früher „Freundschaften“ zu Menschen, die mich schlecht behandelt haben; heute ist es ein zunehmender Drang nach selbstverletzendem Verhalten, seit der Täterkontakt aufgehört hat).
    Ich finde es sehr stark und reflektiert, wie ihr euch mit diesem sensiblen und schwierigen Thema auseinandersetzt und wünsche euch weiterhin viel Kraft dafür!

  3. das von Dir beschriebene ist vielleicht der grund warum ich früher oft gefragt worden bin welchen stoff ich nehmen würde oder ob ich eine Drüse die stoff produziert in mir habe. wirkte immer total zugedröhnt obwohl ich nichts genommen habe. vom 9 ten bis 22 ten lebensjahr gabs wohl zeitweise sehr viel alkohol, dass habe ich von heute auf morgen aufhören können ohne irgendwelche entzugserscheinungen. trotzdem war ich immer gefühlt im nebel, und dass nur in den gnädigeren stunden oder aber in wachen momenten in der hölle. jetzt ist der hauseigene stoff zu schwach und ich komme kaum noch klar. medikamente will ich keine, habe zuletzt schmerzmittel wegen unerträglicher schmerzen ohne eine spürbare wirkung bekommen, zum schluß als versuch der ärztin zu helfen mehrere sorten im mix, auch ohne wirkung. hoffe das vielleicht handauflegen hilft, keine ahnung ob jemand zaubern kann, dass wäre mein wunsch.

    danke für den guten gedanken dazu von Euch.

    • Danke dir für deine Rückmeldung! 🙂

      Wir hoffen, dass du die Hilfe findest, die du brauchst!
      Handauflegen hat uns oft sehr gut getan und man kann das auch schnell und einfach selber immer wieder mal machen.
      Könnten die Schmerzen denn vielleicht Körperflashbacks sein? Dann hilft ja eventuell auch reorientieren und psychotheraoeutische Techniken…
      Wenn bei uns Schmerzmittel nicht wirken hängt das oft auch damit zusammen, wer das Medikament einnimmt. Wenn es die falsche Innenperson schluckt, nützt das beste Mittel nicht. Ich weiß nicht, inwiefern das bei dir vielleicht auch ein Thema sein könnte.
      Nur so Gedanken, die uns gerade kamen… Vielleicht hilft’s ja irgendwie.

      Liebe Grüße,
      alles Gute,
      die bunten Schmetterlinge

  4. Bin seit 5 Wochen in einer Traumaklinik, hier geht man davon aus das es Körperflashbacks sind. Die Schmerzen haben auch immer böse Bilder im Schlepp und haben sich jeder medikamentösen Behandlung entzogen und treten immer in Ruhe auf. Nur kann ich ja nicht den ganzen Tag und die Nacht in Bewegung bleiben. Habe gedacht hier etwas Trauma loszuwerden oder zu verarbeiten, aber dafür bin ich nicht stabil genug. Also ist Stabilisierung angesagt (das ist ja auch schon Bearbeitung). Und ich lebe schon so lange mit dem Trauma, da hat sich bei mir viel entwickelt damit weiterzuleben, nur bin ich die letzten Jahre oft in unaushaltbaren Zuständen unterwegs und es fühlt sich so unschaffbar an daraus zu kommen oder irgendwie damit halbwegs gut weiterleben zu können. Hoffe in den ca. 7 Wochen die ich noch hier in der Klinik sein werde ausreichend stabil zu werden und auch ein brauchbares Netz für danach zu finden.

    Danke für die lieben Wünsche.

    l.g. sternenstaub

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