Dissoziation und Zweifel im Rückblick 2015

Wenn es etwas gibt, was ich letztes Jahr wirklich mit allem was in mit ist verstehen durfte, dann ist es das, dass das alles wirklich wahr ist und passiert ist – Der Missbrauch, die Vergewaltigungen, die Gewalt, die Folter.
Das war allerdings sehr lange ganz anders.
Oft war es nur eine wage Ahnung, dass irgendetwas nicht stimmt. Was? Keine Ahnung. Wenn Bilder da waren, dann waren sie für mich als Alltagsperson so ungreifbar, dass ich meinen Zweifel daran hatte und oft genug darüber nachdachte, warum meine Phantasie jetzt so mit mir durchgeht. Leider war ich trotz aller Bemühungen unfähig das zu stoppen. Mein Körper machte mir komische Gefühle, ließ mich spüren, dass mich jemand anfasste, streichelte oder auf mir lag und lähmte mich manchmal vor Schmerzen, obwohl niemand da war. Ängste. Schmerz der mich innerlich zerfetzte, wenn ich bestimmte Worte hörte. Alles so real… Doch wirklich passiert!?
Gemeinsam ging ich mit unserer Therapeutin und den Innenleuten vor Jahren irgendwann den Weg des Ausstieges. Mal näher an: „Ja, das stimmt!“ Mal näher an: „Alles Phantasie und Lüge!“ Irgendwie fühlte es sich richtig an, diesen Weg zu gehen. Irgendwie war da immer das Gefühl, das in mir noch viel mehr Dinge sind, die ich nicht weiß. Irgendwie spürte ich, dass es Verbesserungen für mich brachte mich darauf einzulassen, mit den Innenpersonen zu reden, mich von bestimmten Menschen fern zu halten, weil dadurch manche Ängste und Symptome gelindert wurden. Ich ging mit. Entlang an meinem Bauchgefühl. Ich war irgendwann draußen. Hatte mein eigenes Leben. Richtig greifbar wurde es in seiner Gänze allerdings nie. Es blieb ein Nebelschleier, der alles auf eine surreale Ebene hob. Manchmal, wenn die Dissoziation sehr stark war, fühlte es sich so an, als würde ich eine Phantasie leben, mit der ich nicht aufhören konnte. Doch egal, wenn sich durch die Behandlung auch die gesundheitlichen Beschwerden positiv beeinflussen ließen.
Letztes Jahr bin ich mit der Bitte nach Innen gestartet, doch bis Ende des Jahres endlich sicher zu wissen, was mir passiert ist, meine Geschichte endlich durchgängig sicher als Realität greifen zu können. Ich begann damit, das anzunehmen und zu fühlen, was ich sicher wusste. Dazu gehörten u.A. teile des Missbrauches, seelische Gewalt, körperliche Gewalt, Alkoholismus im nahen Umfeld,… Ich erlaubte mir diese Dinge zu fühlen, sie als schlimm anzuerkennen. Ich bemühte mich darum die Gedanken „So schlimm ist das nicht!“ möglichst zu lassen und ein „Doch! Für mich war das richtig schlimm!“, dagegen zu setzen. Blicke, scheinbar zufällige Berührungen, Stimmungen im Raum – Sie alle bekamen nun das Gewicht, das sie für mich schon immer hatten, das mir aber systematisch ausgeredet und als normale Harmlosigkeit untergeschoben wurde. Ich fühlte den riesigen Schmerz, die Ängste, die Verzweiflung. So reihte sich ein Puzzleteil an das andere. Der Nebelschleier lüftete sich Stück für Stück.
Heute weiß ich und kann tief in mir spüren:
Es stimmt.
Es ist die Wahrheit!
Ich wurde missbraucht. Ich wurde vergewaltigt. Ich wurde gefoltert. Ich wurde verkauft. Ich wurde von organisierten Täterkreisen und Kulten ausgebeutet. Wir sind Viele.

Ich dachte immer, dass ich keinen Zweifel haben dürfte, wenn es wirklich so gewesen ist. Ich müsste das doch wissen. Ich dachte, dass ich auch sicher wissen müsste, das ich Viele bin, wenn es stimmt. Heute denke ich anders.
Denn „Viele sein“ bedeutet Dissoziation und Dissoziation bedeutet Zweifel.
Dissoziation schafft den Raum etwas dadurch zu überleben, dass es unreal wird, sich nicht mehr greifen lässt und im Nichts verschwindet.
Dissoziation verwischt das Bild und die dazugehörigen Gefühle und zerstreut sie in kleine Puzzlestückchen, die jedes für sich oft wenig Sinn ergeben, weil die Schachtel mit dem Gesamtbild fehlt, die verrät, wo man sie einsetzen muss.
Dissoziation schafft die Ebene von „Phantasie und Traum“, um die Schrecklichkeiten erst später zu enthüllen und Stück für Stück der Verarbeitung zugängig zu machen, wo sonst die Überflutung den Boden unter den Füßen wegziehen würde.
Dissoziation hüllt den tiefen Schmerz in ein watteweiches, wolkiges Tuch, in dem seine Schärfe nur sehr dezent zum Vorschein kommt.
Da und doch nicht da.
Zweifel entstehen durch mangelnde Bewusstheit einer Realität.
Dissoziation bedingt Zweifel gerade zu.
Zweifel bestätigen die Dissoziation und stellen sie nicht in Frage.
Dissoziation ist der Zweifel.
Zweifel, an der eigenen Wahrnehmung, der einen Überleben lässt.

6 Kommentare zu “Dissoziation und Zweifel im Rückblick 2015

  1. Hier überwiegt Dissoziation. Von Helferseite haben mich alle davon abgehalten den Weg näher daran zu gehen, dass anzusehen. Es ist auch so das bei mehr Zugang zum Abgespaltenen es eher Richtung nicht mehr lebbar geht. Der Körper reagiert sehr heftig, habe immer gedacht mehr Schmerz gibt es nicht, aber es gibt mehr Schmerz. Oft gedacht da ist doch nichts am Körper, es ist kein realer Schmerz. Jetzt nach dem TK- Aufenthalt zieht der Körper mit. Es ging los mit inneren Blutungen mit all den Untersuchungen im Schlepp. Jetzt hat der Körper eine Colitis Ulcerosa und eine Speiseröhrenentzündung. All die Jahre vorher war nie etwas am Körper feststellbar, hatte schon immer nicht erklärbare Schmerzen und bin nur zu den Vorsorgeuntersuchungen gegangen. Habe mir gesagt wenn da nichts festgestellt wird ist es ok. Hier gibt es mittlerweile viel kaltes Wissen über abgespaltenes, ich bin mal in diese Welt reingefallen, als im Außen kein Platz mehr war und hier alles schwer Richtung Suizid rutschte. Der Zugang in diese schlimme Welt ist jetzt offen. Rutsche ich in diese Welt und das Wissen wird lebendig fange ich an zu brennen, hier ist dann alles im früher und Zugriff auf heute ist nicht möglich.

    Ich bin auch früher öfters in diese Welt gefallen, habe gedacht es ist deine Fantasie, dein Kopf dreht durch. Es hat sich damals eher wegschieben lassen. Nur es wurde immer drängender und gab keine Ruhe. Geholfen das anzunehmen hat als ich Realerinnerungen mit der anderen Welt verbinden konnte, da konnte hier dann eher gesagt werden es wird wohl so gewesen sein wie dein Innen es ausspukt.

  2. Liebe Sofie… du schriebst: „Ich bemühte mich darum die Gedanken „So schlimm ist das nicht!“ möglichst zu lassen und ein „Doch! Für mich war das richtig schlimm!“, dagegen zu setzen.“… Hast du diese Gedanken dagegen gesetzt, obwohl du es zu diesem Zeitpunkt noch nicht fühltest?… Hier ist dieses „Alles nicht so schlimm“ ja auch immer wieder sooo präsent… und so frage ich mich grad: Ob es gut wäre, bzw. ob du es so gemacht hast, erst einmal über den Kopf gegenzusteuern, auch wenn man es (noch) nicht fühlt… werden die Gefühle nachziehen? oder brauche ich erst die Gefühle, dass es schlimm war, um dann diese Worte zu sagen?
    ganz lieben Gruß
    Birke

    • Im Grunde ja. Ich habe mich von dem verharmlosen bewusst distanziert und zugelassen, dass es vielleicht doch anders sein könnte, als man mir immer eingeredet hat. Unser Kopf war schneller im begreifen, als die Emotionen dazu. Ich hab mir angeschaut, wo ich überall strauchle und was durch die Geschichte in meinem Leben behindert wird und immer wieder versucht mir einfach zu erlauben, mich so zu fühlen, wie es ist. Außerdem hat mir geholfen, mich immer wieder zu fragen, ob ich es auch nicht schlimm fände, wenn eine andere Person mir ihre Geschichte und ihren Zustand schildert. Ganz oft, wäre da sofort klar gewesen, dass das was passiert ist furchtbar war. Die Krux ist ja auch, dass wir zumindest Selbstmordgedanken haben konnten und gleichzeitig gesagt haben: „Alles nicht so schlimm.“ An manchen Stellen war es dann über das bewusste zulassen, dass es doch richtig schlimm war, möglich, dass die Gefühle dazu sich auch immer mehr zeigen konnten.

      Ganz liebe Grüße,
      Sofie

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