Deprogrammieren

Bin ich ein Roboter der mit einer Festplatte ausgestattet ist und bestimmte Befehle, sprich Programme speichert, und durch einfaches Uninstall alles wieder vergessen und anschließend neu programmiert werden kann?
Nein, bin ich nicht!

Wir sind ein Mensch, der grausames erlebt hat und von den Tätern unter grausamsten Folterbedingungen darauf abgerichtet wurde auf bestimmte Auslösereize hin ein ganz bestimmtes Verhalten zu zeigen. In uns gab/gibt es also bestimmte „Programme“, wie es die Therapeuten nennen, die von den Tätern zu ganz bestimmten Zwecken angelegt wurden, wie etwa „Rückkehrprogramme“, die uns drängen zu den Tätern zurück zu gehen oder Selbstverletzungsprogramme, wenn wir etwas „unerlaubtes“ tun, etc. Vielen Vielen geht es da ähnlich. Sind diese Programme durch einen Auslöser nun erst einmal ins Laufen geraten, ist es für Betroffene oft kaum oder gar nicht möglich diese selbstständig wieder zu beenden. In unserem Fall endeten Versuche der inneren „Verweigerung“ gegen diese Programme oft in einem Blackout und Zeitlücken, in denen wir keine Kontrolle mehr über uns hatten.
Ein wichtiger Schritt ist es dann in der Therapie und während dem Ausstieg aus Täterzusammenhängen diese Mechanismen zu stoppen, zu entschlüsseln und in konstruktives Verhalten zu verändern.
Nur wie!? Sind diese fiesen Dinger doch allzu oft sehr tief irgendwo im System verankert und verschachtelt und man weiß gar nicht, wie das mit dem Lösen gehen soll, ohne, dass einem dabei gleich die nächste Programmbombe um die Ohren fliegt.

Das Wort „Programm“ für diese Art der Konditionierung hat in unseren Augen Vor- und Nachteile. Zum einen macht es deutlich, dass da etwas nach einem vorgegebenen, festgeschriebenen Muster einfach ablaufen muss und grenzt zu anderen Verhaltensweisen, in die auch „Normalmenschen“ immer wieder (zurück) fallen können, wie etwa starke Gewohnheitsmuster, ab. Zum anderen entsteht aber auch ein sehr „technisierter“ Eindruck, der einen denken lassen könnte, dass man ja nur den „Ausschaltknopf“ finden muss, um das Problem wieder zu beheben. Daran orientieren sich auch so manche therapeutische Ansätze. Da werden „Cues“ und „Codes“ gesucht, Zahlenreihen, Verse, Bilder, etc. die als Gegenspieler zum „Auslöser“ dienen und die Programme aushebeln, bzw. im besten Falle sogar löschen sollen. Wenn man bei einem Klienten einen dieser Schlüssel gefunden hat und natürlich überprüft hat, ob diese wirklich richtig sind und nicht nur neue Programme auslösen, dann werden sie in Fachkreisen ausgetauscht, als hätte man gerade das allgemeingültige Allerheiligste gefunden. Ganze Bücher gibt es darüber mittlerweile.
Für uns ist das nicht mehr als ein verzweifelter Versuch Leid schnell zu beenden ohne mit der Klientin und den Innenpersonen weiter in die Thematik einsteigen zu müssen. Allgemeingültige Codes gibt es nicht und wir würden die Finger davon lassen, weil man unter Umständen mehr auslöst und kaputt macht, wenn man nicht hundertprozentig darüber bescheid weiß, was z.B. Zahlenreihen in unerfahrenen Händen bei dieser Klientel auslösen könnten. „Löschen“ geht nicht, weil man dann Erfahrung und damit Identität auslöschen müsste. Unser Gehirn ist kein Computer. Gesetz den Falles man findet tatsächlich etwas, was das Programm für eine gewisse Zeit stoppt, worüber man ja oft schon total froh ist, wenn es plötzlich brennt, so ist das Problem noch immer nicht gelöst, sondern nur verschoben.
Was also dann tun? Es ist ja alles so unglaublich kompliziert! Deprogrammierungsfortbildungen wurden besucht… Bücher gewälzt… Supervision und noch eine Fortbildung… und noch eine… und noch eine…
Also was jetzt!?
Die Lösung ist viel einfacher, liebe Therapeuten!
Sie müssen reden.
Einfach nur reden.
Mit ihrer Klientin und den Innenpersonen.
Die Hintergründe beleuchten. Ehrlich nach innen fragen, warum jemand etwas tut und welchen Sinn das macht. Fragen, was diese Person dafür aushalten musste oder auch dafür bekommen hat, wenn ein bestimmtes Verhalten gezeigt wird. Wer das ist, der da etwas bestimmtes tun muss. Sich kennen lernen. Empathisch sein. Zuhören. Die Ohnmacht und all die Emotionen mit aushalten und wenn sie gemeinsam verstanden haben, was hinter bestimmten Verhaltensweisen steckt und das Hintergrundwissen aus den Kursen und Fortbildungen unterstützt Sie da sicher, dann können Sie gemeinsam eine Lösung finden, wie sich bei der Klientin wirklich etwas verändern kann. Das wirkliche Verstehen der eigenen „Selbstschutzaktionen“ – denn das sind Programme aus seelischer Sicht der Betroffenen eigentlich – führt dazu, dass diese Schutzreaktionen zusammen mit den Innenpersonen aktiv überdacht werden können.
Und das gilt für jeden einzelnen Klienten wieder neu, weil jeder Mensch nunmal individuell ist. Auch wenn ihre Klienten aus ähnlichen oder sogar den gleichen Täterkreisen stammen, hat doch jeder seine eigene Geschichte mit seiner eigenen Sicht darauf.
Wir wissen das ist nicht immer leicht und oftmals für beide Seiten schwer auszuhalten, ist manchmal mit Rückschlägen verbunden und dauert auch schonmal länger, aber es lohnt sich! Es lohnt sich, weil die so erarbeiteten Etappen wesentlich stabiler und sicherer sind, als ein Deprogrammiercode es je sein kann.
Nicht löschen wollen von Erfahrung, sondern schrittweise Integration in den Gesamtkontext der Lebensrealität der Betroffenen.
Effektive Traumaarbeit.
Zudem macht uns das als Opfer das gute Gefühl Mensch zu sein und das Leben in kleinen Schritten immer mehr selbst gestalten zu können.

Wir erheben mit unserer Meinung keinen Anspruch auf allgemeine Gültigkeit! Für uns selbst und andere Betroffene, die wir kennen lernen durften war es allerdings sehr hilfreich das in dieser Art und Weise zu tun und oft auch das einzige, was geholfen hat. Wäre nicht eine Therapeutin, die wir früher hatten, genau dazu bereit gewesen und hätte nicht den Mut und die Geduld gehabt mit uns an die Ursprünge zu schauen, selbst wenn wir grade durch die Programme instabil waren, wären wir mit Sicherheit lange nicht mehr am Leben. Denn das Verstehen war es, was uns letztendlich oft wieder stabilisiert hat, weil die Mechanismen, die uns immer tiefer in den Sumpf zogen, dadurch unterbrochen und über das Verständnis veränderbar wurden. Durch die einfühlsame Offenheit der Therapeutin entstand der notwendige Raum für innere wie äußere Zusammenarbeit.

7 Kommentare zu “Deprogrammieren

  1. zuhören und aushalten war und ist für uns wichtig. hat lange gedauert bis genug vertrauen da war das sprechen ging. uns neu programmieren würde mit ziemlicher sicherheit in den tod führen. versuche zu programmieren setzen hier endzeitprogramme in gang. und wieviel gewalt wäre dazu erforderlich solche programme umzuschreiben? haben auch versucht liebevoll selbst umzuschreiben, dass war im ergebnis bald noch schlimmer. der versuch war so ungefähr wenn hier stimmen befehlen uns zu beseitigen leise dagegen sagen ich möchte leben. der innere aufruhr wurde noch schlimmer.

    in unserer erfahrung können viele therapeuten/innen mit diesen programmierungen eher schlecht umgehen. oft wird versucht zu beschwichtigen. Tips wie das positive sehen und verstärken, also eher wegzusehen sind hier wenig hilfreich. der druck steigt, und der glaube an die eigene fehlerhaftigkeit nun doch zu blöde zu sein das positive richtig wahrzunehmen und endlich zu erkennen das das schlimme einfach seingelassen werden muss damit unser leben schön/besser wird. die unmöglichkeit das umzusetzen wird nicht erkannt. nicht zuhören und ablenken bessert nicht und manifestiert die programme bis in alle ewigkeit.

    hoffe ist zu verstehen was geschrieben ist, bin total fertig.

    lg sternenstaub

  2. Hallo Sofie, hallo Schmetterlinge,

    wir sind schon von mehreren Seiten auf euren Blog hingewiesen worden.

    Zuletzt wegen diesem Beitrag, den wir früher auch schon gelesen hatten, eh lesen wir bei euch schon eine ganze Weile still mit und und berühren ganz besonders all jene Beiträge, in denen ihr über eure Spiritualität schreibt.
    Das hab ich so noch nie irgendwo gefunden in den Blogs anderer Viele Menschen so wie wir und das bedeutet uns ganz viel.
    Denn hier beschäftigen sich auch einige sehr damit, wir waren auch schon einmal bei jemandem, der schamanistische Traumaarbeit macht, es hat uns sehr viel gebracht.
    Man muss dazu aber auch sagen, dass wir sie von jemandem empfohlen bekamen, die wir gut kannten und die diese wiederum auch schon lange kannte, man muss ja bei sowas schon gut Acht geben.

    Egal, eigentlich wollte ich auf diesen Beitrag eingehen aber den anderen von uns war das wichtig euch das noch mal vorher rückzumelden…

    Ich glaub ich muss zu nem anderen Zeitpunkt noch mal einen Versuch unternehmen, aber ich wollte das hier trotzdem schon mal da lassen sonst Trau ich mich am Ende wieder gar nicht.

    Und wir wollen jetzt nicht mehr überall nur stumm mit lesen.

    Vielen Dank für diesen tollen Blog und viel Erfolg grad für das, was ihr euch vorgenommen habt!

    Viele liebe aber unbekannte Grüße

    Lily und Co

    • Schön, dass ihr euch getraut habt euch hier mitzuteilen! 😊 Wir freuen uns über die Gedanken, die ihr uns hier hinterlassen habt. Gerne dürft ihr auch häppchenweise immer das schreiben, was gerade am wichtigsten ist oder einfach, was möglich ist. Spiritualität ist an sich ja schon ein sehr komplexes Thema und in Verbindung mit Trauma erst recht. Toll, wenn ihr positive Erfahrungen für euch daraus ziehen konntet!

      Ganz liebe Grüße,
      Sofie 😊

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