Kohlensäure und Trauma

Wir beobachten.
Kohlensäure prickelt in der Mineralwasserflasche nach oben.
Die Gasperlen spielen sich vom Grunde an die Oberfläche, wo sie aufplatzen und mit Wasserfeinstaub explodieren.
Wenn man nahe genug rangeht, spürt man ihn auf der Nase.
Wenn man die kohlensäurehaltigen Wunderwasserflaschen schüttelt und dann öffnet, bleibt es nicht beim Feinstaub…
Alles entlädt sich schlagartig.
Das CO3, das vorher in das kühle Nass hinein gezwängt wurde, mag nicht mehr drin bleiben, sobald es frei werden und andere Wege gehen kann, in denen es langfristig stabiler ist, als in der Zwangsverbindung. Die im geschlossenen Ruhezustand fast unsichtbaren, winzigen Gasmoleküle nutzen ihre Chance und treten nun beim Aufschrauben die Flucht an. Dabei reißen sie nicht nur sich selbst, sondern auch den Grundstoff Wasser mit in eine Springbrunnenexplosionsfontäne.

Das Mineralwasser, dass ich bis eben einfach nur getrunken habe, weil ein bisschen Blub es geschmacklich für mich ansprechender macht, als komplett stilles aus der Leitung, ist mir auf einmal erstaunlich nahe.
Wir verstehen uns.
Es wird zum Sinnbild für meinen momentanen Zustand.
Aufgrund unserer Geschichte sind Erinnerungen, Erfahrungen und Erlebensweisen in uns hineingezwängt worden, die nun irgendwie eine Verbindung zu uns haben. Sehr stabil ist diese Verbindung allerdings nicht. Wir haben uns arrangiert – notgedrungen -, so gut es geht. Versucht aus den eigentlich inkompatiblen Komponenten „Leben“ und „extrem Trauma“ eine nach außen schlüssige Einheit zu bilden. Den Deckel drauf gemacht.
Problem: Wir können das nicht halten, die Erfahrungen nicht dauerhaft in unser Leben integrieren und manchmal wissen wir nicht einmal, dass sie existieren, bis uns jemand „schüttelt“, weil sie in ihrer verborgenen Blase auf den Moment der Freisetzung warten. Das „schütteln“ wird von Triggern übernommen. Was dann kommt ist oft unerwartet.
Es gibt zwei verschiedene Folgen:
1. Wir implodieren:
Wir brechen innerlich zusammen, weil der Deckel zu fest sitzt, als dass der Druck sich entladen könnte und wir versuchen mühsam alles zu halten und uns der Zwangssymbiose wieder anzupassen.
2. Wir explodieren:
Gefühlsfontäne.
Wer sie abbekommt ist meistens mehr, als einfach nur „nass“…
Das Trauma kotzt sich schwallartig in Teilen aus.
Das einzige Folgeproblem:
Es ist nicht vollständig!
Es ist kein CO3.
Es ist nur das „C“ oder nur das „O“ oder nur das „3“ oder nur die Hälfte eines Bestandteiles oder ein Viertel davon…
Es ist keine stabile Verbindung, die einfach gehen kann oder sich klar abgegrenzt in die Gegenwart integrieren lässt.
Es behält sein „Bombenpotenzial“ und muss notgedrungen unvollständig im Menschen bleiben… vorerst… bis es ganz ist und sich in der Seele lösen kann, denn „Trauma-CO3“ löst sich leider nicht im Außen.

Ich schraube meine Wasserflasche fast andächtig zu.
Die Bilder die ich gerade dazu entwickelt habe schwirren durch meinen Kopf…
Wenn man die Flasche nicht schüttelt, sondern vorsichtig aufschraubt, kann die Kohlensäure mit dem Wasser sanfte Wege in die Freiheit gehen…

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