Opfer sein

Wie man sich fühlt? Wie kaputt das macht? Wie viel Kraft es kostet, dass das Kaputt nicht mehr das Kaputt, sondern das neue Ganz ist?

Ich bin müde.
Ein langer Arbeitstag neigt sich dem Ende zu.
Gedankentreiben.
Warum passiert so eine Scheiße eigentlich überhaupt!?
Meine Zehen werden kalt vom Sommerwind und meine Haare wollen duschen, aber ich nicht. Es triggert. Obwohl ich müde bin, bin ich angespannt.
Ich will ich sein.
Aber wenn ich ich bin, bin ich sanft und das Leben zu hart, als dass ich es ertrage. Also bin ich auch ich, aber anders. Ich ohne mich.
Ich mit zu viel du und außen.
Es bleibt keine Zeit sich Gedanken darüber zu machen, dass Vergewaltigung nicht auszuhalten ist. Keine Zeit für Tränen. Keine Zeit in den Körper zu spüren.

Was ich dennoch fühle:
Ich bin Opfer.
Nicht, weil ich mich klein machen möchte. Nicht, weil ich in der Ohnmacht stecken bleibe. Nicht, weil ich meiner Verantwortung für die Heilung entgehen wil.
Sondern weil ich es in diesen Punkten schlicht war. Ohnmächtig und unschuldig. Und weil es mein Schritt in die Heilung ist mir diese Sicht zu erlauben. Weil es für mich dazu gehört, das anzuerkennen und mich zu sehen. Weil für mich nur Wunden heilen können, die ich mit der „zutreffenden Diagnose“ behandle. Das ist mein Fortschritt, es endlich sein zu dürfen.
Und ich schäme mich nicht Opfer gewesen zu sein. Und ich werde mich nicht dafür schämen, dass ich das Wort gebrauche, weil es für mich stimmig ist.
Ich will nicht Überlebende sein, weil ich es dann geschafft habe oder aktiv bin oder nach vorne blicke und für andere besser da stehe. Ich habe überlebt. Dennoch war ich Opfer. Ich werde mir ebenso wenig verbieten lassen das so zu benennen, wie es meine Freiheit ist über die Taten zu sprechen, die mir angetan wurden, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.
Ich bin stolz darauf, mich meiner Realität zu stellen.
Es fühlt sich gut an.

Wie man sich fühlt ist unbeschreiblich. Wie kaputt es macht, zu groß, um es zu beschreiben. Die Kraft, die es kostet, unendlich.
Es ist mein Recht Opfer zu sein. Verharmlost wird schon genug. Die Situation habe ich nie gewählt.

8 Kommentare zu “Opfer sein

  1. Danke für diese Worte! Mir kommen fast die Tränen, weil du mir so aus der Seele sprichst und den eigenartigen Beigeschmack, den das Wort „Opfer“ mit sich trägt, mal benannt werden darf. Denn neben all dem Kämpfen und sich behaupten, sind wir leider auch (nicht nur, aber eben *auch*) Opfer. Ich fühle mich schon, als dürfte ich diese Tatsache nicht aussprechen, ohne dass gleich ein Aufschrei durch die Reihen geht. Wir sind nicht verantwortlich für das, was uns angetan wurde, sondern nur für das, was wir aus den Gegebenheiten jetzt machen. Manchmal möchte ich auch Opfer sein dürfen, denn diese Tatsache lässt sich nunmal nicht verschleiern und hat für mich genauso etwas mit Akzeptanz und Annehmen zu tun. Ein toller Text! Alles Liebe, MrsTingley

  2. Ja, mich berührt dein Text ebenfalls sehr.
    Als ich ihn heute früh las, ließ er mich meine innere Sprachlosigkeit fühlen, die Trauer und auch Erschütterung darüber, dass es genau so ist.

    Einerseits möchte man so gerne stark sein – oder werden.
    Ein ganz normales Leben führen dürfen.
    Nach vorne sehen und freudig sein.
    Und andererseits? Läßt es sich weder leugnen, noch einfach tot schweigen.
    Opfer sein….
    Die Anerkennung dieses Fakts ist wohl aber sehr wichtig. Ist doch dies der Start-Punkt, von welchem aus unser Weg zur Heilung beginnt.
    Ich wünsche dir alles Liebe.

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