Bist du schon alt genug?

Etwas zu früh spaziere ich in die Arbeit hinein. In der Küche stehen zwei Kollegen, die sich unterhalten. Ich stelle mich dazu, weil ich mir noch Wasser mit an den Schreibtisch nehmen möchte. Eine Kollegin beschäftigt der Missbrauchsfall eines Kindes aus unserer Region. Mitten im Satz hält sie plötzlich inne, dreht sich zu mir und frägt: „Oh Gott, bist du dafür eigentlich schon alt genug? Kann man mit dir schon über sowas reden?“
Ich bin einigermaßen perplex. Mit allem hätte ich gerechnet, aber ausgerechnet mit dieser Frage nicht. „Öhm ja, ich bin 28“, sage ich, wohl auch, weil es das einzige ist, was mir in dem Moment noch einfällt. Die Kollegin ist beruhigt. Noch im Gespräch denke ich mir, dass ich wohl Dinge weiß und erlebt habe, an die sie alle im Traum nicht denken. Mit dem Alter hat das nichts zu tun…🙄
Was mir dabei wieder mal auffällt:
Es gibt Menschen, bei denen Gewalt und Missbrauch nicht zur Tagesordnung gehören. Die entsetzt sind über die „Einzelfälle“, die es aus der Presse an den Rand ihrer Welt geschafft haben. Die Schwierigkeiten haben sich überhaupt vorzustellen, dass es sowas gibt. Ich habe Mühe mich in diese Lebensrealität hineinzuversetzen. Die Themen begleiten mich täglich. Ganz automatisch. Zwei völlig unterschiedliche Kosmen treffen aufeinander. In Ihrer Welt gibt es mich nicht. Ich existiere nicht. „Gut, dass es sowas in unserer Region nicht gibt.“ Ich stehe neben ihr und bin doch unsichtbar.

6 Kommentare zu “Bist du schon alt genug?

  1. Liebe bunteschmetterlinge,

    Erschreckend, diese alltägliche Wahrheit. Wie anstrengend ist es dann unsichtbar zu bleiben? Oder ist es gerade im Bewusstsein dieser beiden Welten der einzige Schutz der bleibt, sich in der Arbeit nicht zu deklarieren?

    Ich hoffe sehr, dass diese Fragen nicht zu persönlich und direkt sind. Bitte entscheide genau, was du beantworten möchtest oder eben nicht. Diese Fragen drängten in unser Bewusstsein, weil es uns so unfassbar schwierig ja fast übermenschlich erscheint unsichtbar bzgl. der eigenen Lebensrealität mit diesen Themen zu arbeiten.

    Herzlichst alles Liebe
    „Benita“

    • Hallo Benita,
      die Antwort auf deine Fragen war gar nicht so leicht. Da mussten wir tatsächlich erst mal nachdenken. 🙂
      Zunächst ist es für uns ein allgemeines Problem im Alltag mit unserer Geschichte überwiegend unsichtbar sein zu müssen. Auch ganz unabhängig von unserer Arbeit. Wir würden uns grundsätzlich wünschen mit unserer Geschichte und den Auswirkungen einfach offen sein zu können. So wie andere sagen: „Ich bin so fertig. Mein Kind ist krank und ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen“, würden wir auch gerne ankommen können und einfach nur sagen: „Scheiß Tag heute. Viel zu viele Flashbacks. Und übrigens: Vergewaltigt werden tut scheiße weh. Das merk ich grade mal wieder ganz besonders…“ Da müsste noch nicht mal eine bestimmte Reaktion vom Gegenüber kommen. Es geht uns einfach nur darum da sein zu dürfen und das genau so sagen zu dürfen.
      In der Arbeitswelt hat das „Unsichtbar sein“ Vor- und Nachteile. Ich würde nicht wollen, dass jeder Kunde oder jeder Kollege alles über uns weiß. Erleichternd fänden wir aber, wenn die Thematik den Menschen/Kollegen bewusster wäre. Wenn es das Thema und die Häufigkeit schonmal in ihr Bewusstsein geschafft hätten und wir nicht auch noch dafür kämpfen müssten, dass wir uns auch in unserer Gegend damit auseinander setzen müssen, weil es eben nicht um Einzelfälle geht.

      Was wir für uns klar haben: Die Unsichtbarkeit wollen wir nicht auf Dauer einfach hinnehmen, weil sich das für uns schlimm anfühlt. Es wird der Tag kommen, da outen wir uns… 😉

      Ich hoffe das beantwortet deine Fragen, sonst bitte einfach nochmal nachhaken.

      Liebe Grüße,
      Sofie

      • Liebe Sofie,
        vielen Dank für deine umfassende Antwort. 🙂
        Für mich erklärt es schon ganz viel. Dass es nicht alle Kollegen und Kunden wissen müssen und sollten, kann ich sehr gut nachvollziehen. Auch die Wünsche an Bewusstheit, aber auch einfach sein dürfen. … Es kostet – zumindest uns – sehr viel Kraft, wenn wir das nicht dürfen bzw. können.
        Ich dachte eben, vielleicht gibt es ja eine Kollegin (Kollegen?), eine Vertrauensperson, bei der outen früher möglich ist. Müssen ja nicht alle wissen, aber wenn’s da eine Person gäbe, wo du NICHT unsichtbar wärst, das erschiene mir schon eine Erleichterung?
        Wie du schreibst, es wird die Zeit … d. h. der richtige und geeignete Zeitpunkt kommen. Dafür wünsche ich dir alles Gute und viel Kraft.
        Ich gestehe, dass ich ja bewundere und verwundert bin, wie arbeiten gehen mit DIS geht. Daher sicher auch mein großes Interesse.

        Liebe Grüße und gute Nacht
        „Benita“

  2. Vielen Dank für den Beitrag und euren Austausch darunter.
    Zu gut kenne ich dieses Gefühl ebenfalls.
    Mich macht dies letztlich mit arbeitsunfähig, weil irgendetwas in mir viel zu sehr auf dieses Zerissensein reagiert.

    Anundfürsich denke ich immer, zumindest ich sollte den Mut haben, mehr damit hinaus zu gehen. „Ich“, weil ich dies ja niemals auch für „andere“ bestimmen könnte.
    Ich vermute immer, es ist auch deshalb nicht in den Köpfen der Menschen, weil sie es nie um sich haben; nie sehen; nie wissen.
    Und weil nur WIR das ändern könnten und uns erschaffen könnten, was wir uns wünschen.
    Mehr Bewußtheit.

    Irgendwann…..
    Ich wünsche dir viel Kraft und Liebe 🙂

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