Vielfalt im Viele sein

Dass nicht alle Menschen ein bisschen Viele sind, haben wir bereits in diesem Artikel deutlich gemacht. Was die Abgrenzungen betrifft bleiben wir auch weiterhin ganz klar. Es gibt deutliche Unterschiede zwischen mal kindlich sein und dem Viele sein.
In diesem Blog-Beitrag soll es heute vielmehr darum gehen, dass auch Menschen die Viele sind vielfältig sind. Das ist eine Tatsache, die Diagnosehandbücher und Literatur oft vermissen lassen. Diese Richtlinien sind sicher wichtig um zuverlässig diagnostizieren und damit auch Behandeln zu können. Wenn es darum geht sich selbst das Viele sein zu glauben ist diese Starrheit allerdings oft hinderlich. Wir sind alles Menschen und genau so wie es die „Unos“ in den unterschiedlichsten Ausführungen mit eigener Wahrnehmung gibt, ist das auch bei „Multis“. Multipel sein heißt, dass man die stärkste Form der Dissoziation als Überlebensmechanismus entwickelt hat. Die Parallelen zwischen mehreren Multiplen bestehen in dieser Tatsache. Wie jedoch der Einzelne diese Dissoziation erlebt kann sehr unterschiedlich sein und hängt sicher auch von der individuellen Lebensgeschichte ab.

1. Das Stimmenhören:
Es ist wohl der Klassiker, der in so gut wie jedem Fachbuch über das Viele sein auch beschrieben wird. Multiple hören die Stimmen von anderen Innenpersonen, die mit ihnen kommunizieren, in Ihrem Kopf. Das kann sein, muss aber nicht!
Lange nicht jede DIS-Patientin hört diese Stimmen und unterhält sich innerlich. Genau so gut, kann es sein, dass man nur „fremde Gedanken“ im Kopf hat oder es fühlt sich vielleicht sogar anfangs so an, als wären es die Eigenen. Gerade, wenn die Bewusstheit, dass es innen noch Andere gibt noch nicht gegeben ist, tritt das häufig auf. Ein anderes Mal passiert die Wahrnehmung der Innenpersonen vielleicht auch über das Körpergefühl. Man fühlt sich plötzlich viel kleiner, bewegt sich anders oder empfindet in einer Situation konträr zu dem, wie man es üblicher Weise tun würde. Auch Mischformen dieser Möglichkeiten die Innenpersonen wahrzunehmen und in Kontakt zu treten. Sind möglich. Nicht zuletzt ändert sich die Wahrnehmung auch mit dem grad der Co-Bewusstheit.
Bei uns ist es so, dass ich als Außenperson manchmal klar eine Stimme höre, die ich mal mehr mal weniger direkt zuordnen kann. Häufig erlebe ich unser Viele Sein allerdings auch, als hätte ich einfach mehrere Gedanken gleichzeitig im Kopf, die sich zum Teil auch widersprechen. Manchmal denke ich, ich denke selbst und stelle erst später in der Therapie fest, dass jemand anderes mit seinen Gedanken ganz nah an mich herausgerutscht ist. Oder mich überschwappt eine Gefühlswelle mitten aus dem nichts und es stellt sich erst im laufe der Zeit heraus, zu wem die Gefühle gehören. Fazit: Es ist wichtig die eigene Wahrnehmung der anderen, wie immer sie auch aussehen mag, ernst zu nehmen und zu entwickeln. Die Diagnose DIS ist nicht ausgeschlossen, nur weil man (vielleicht auch nur zunächst) keine Stimmen hört.

2. Kommunikationsweg innere Konferenz:
Schon möglichst frühzeitig in der Therapie geht es darum sich gegenseitig im Innen kennenzulernen und Kommunikation zu entwickeln. An dieser Stelle ist der Vorschlag zur inneren Konferenz oft nicht weit. Was nun aber, wenn das nicht funktioniert? Was wenn man die Antworten auf Fragen auf diesem Wege nicht wahrnehmen kann? Was wenn trotz den Mühen nichts vorwärts geht!? Ist man dann weniger Multipel, weil es bei den anderen ja anscheinend klappt?
Es gibt durchaus Multiple bei denen das nicht funktioniert. Die auch nach längerem Versuchen oder dem Hinterfragen, ob Programme am laufen sind, nicht in der Lage sind, die Innenpersonen auf diesem Weg wahrzunehmen. Dann gilt es andere Wege zu entwickeln. Auch Allison Miller schreibt in „Werde, wer du wirklich bist“ dass manchen ihrer Klienten die innere Kontaktaufnahme nicht möglich ist. Schreiben dient dann beispielsweise als Alternative.

3. Irgendjemand Innen hat auf jede Frage eine Antwort:
Öhm ja, kann sein… Das heißt aber lange noch nicht, dass er erreichbar ist oder die Antwort verrät. Wir persönlich bezweifeln auch, dass das so ist. Manchmal hat man auch trotz der Vielfältigkeit im Innen keine Lösung parat. Multis wissen genau so wenig alles, wie andere Menschen. Selbst wenn man davon ausgeht, dass ein bestimmtes Wissen innen irgendwo sein muss oder eine Innenperson die Erinnerung ergänzen kann, nützt das wenig, wenn es in diesem Moment schlicht nicht greifbar ist.

4. Irgendjemand Innen kann die Aufgaben übernehmen, mit denen du nicht klar kommst:
Im Grunde ähnlich wie unter Punkt drei. Innenpersonen sind kein unerschöpfliches Ersatzteillager für überforderte Außenpersonen oder welche Anforderungen auch immer. Bis zu einem gewissen Punkt kann man zusammen helfen. Die ein oder andere Aufgabe auch mal Teilen, sich in den Kompetenzen ergänzen. Wie gut das klappt hängt auch davon ab, wie weit man sonst schon mit der Zusammenarbeit gekommen ist. Aber am Viele sein muss keiner Zweifeln, nur weil er in einer schwierigen Situation keine Innenperson hat, die auf Anfrage der Therapeutin sofort einspringt. Auch als Mensch der Viele ist, gibt es Situationen in denen keiner einfach mal eben übernehmen kann. Zudem sind Alltagssituationen auch oft neu und es müssen bestimmte Kompetenzen ebenfalls von Grunde auf neu gelernt werden.

5.Die Diagnose sagt ich bin viele, ich fühle mich aber nur als eine
Dann hat der Programmierer ganze Arbeit geleistet. Wenn die Diagnose sorgfältig von fachkundigen Therapeuten gestellt ist, aber du dich dennoch nur als eine fühlst, dann ist das gut möglich. Schließlich bist du ja eine. Eine von Vielen, aber dennoch eine. Das heißt nicht, dass du deinen Körper für dich hast, nur weil die eigene Wahrnehmung für die Anderen fehlt. Wenn unter Umständen auch schon zweit und Drittmeinungen die gleiche Diagnose stellen, wird es Zeit sich genauer damit zu beschäftigen. Teilweise wird beim Programmieren auch versucht genau diesen Zustand herzustellen. Als Alltagsperson sollst du (meist) nichts von den anderen wissen (Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel). Vielleicht magst du dich auf die Diagnose ja mal unverbindlich einlassen und erkunden was davon für dich stimmt… Ablehnen kannst du sie ja am Ende immer noch, aber dann hast du ehrlich geprüft. Und keine Angst, du wirst sie nicht einfach irgendwann für wahr halten, obwohl niemals etwas war…

6. Andere kaufen Dinge von denen ich nichts weiß und Jugendliche wollen in die Disco zum Party machen…
Das hängt von dir als Mensch, deinem System und wie ihr organisiert seid, ab. Ich habe bei mir innen bislang keine Jugendliche ausmachen können, die gerne mal auf eine Party loszieht ohne dass ich davon weiß. Das wäre für uns früher auch sicher tödlich geendet… Zudem mag einfach keiner die laute Musik, nach der noch Stunden später die Ohren klingeln. Beim Einkaufen ist es ähnlich. Innenkinder sind unbeaufsichtigt nicht draußen beim Einkaufen unterwegs. Das wäre viel zu auffällig gewesen und damit verboten. Dementsprechend wird das auch schon immer von Beschützern Innen kontrolliert. Was bei uns durchaus vorkommt, ist, dass Sachen in den Einkaufswagen gepackt werden wollen, die ich als große ungern darin sehe. Im Großen und ganzen weiß ich aber meist davon. Die Lücken zeigen sich bei uns eher an anderer Stelle.

Das sind nun zunächst die Punkte, die uns als erstes eingefallen sind und mit denen wir Anfangs auch von Zeit zu Zeit gekämpft haben. Die Liste ist sicher unvollständig und noch erweiterbar.
Grundsätzlich gilt auch beim Viele sein:
Mut zur Vielfalt! Mut sich selbst als Individuum zu entdecken!