Eigentlich war es doch gar nicht so…

… unbedeutend.
… leicht.
… harmlos.
Schlimm!?

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Weshalb jeder Missbrauch zählt, zeigt folgender Fall:

Die Geschichte zu diesen Gedanken beginnt mit einem Kundentermin, den ich trotz meiner Krankschreibung wahrgenommen habe. Es war mir wichtig, die offenen Akten soweit abzuschließen, dass ich die Arbeit mit halbwegs gutem Gewissen zurücklassen kann. Die Frau, die im Büro vor mir sitzt, ist über 70 Jahre alt. Wir regeln gemeinsam Formalien, Unterschriften und grob die weiteren Abläufe. Ganz nebenbei beginnt sie von sich zu erzählen, ihrem Mann, der gerade erst verstorben ist und ihrer Kindheit. Ich sei emphatisch und dass Sie sich sehr freue, dass ich mich um ihr Anliegen kümmere, meint sie.
Dann platzt es aus ihr heraus, wie eine Offenbarung. Endlich habe sie nun den Mut in Therapie zu gehen. „Es hat so schrecklich lange gedauert, aber dem Missbrauch aus meiner Kindheit konnte ich mich vorher nie stellen. Jetzt hab ich es doch gewagt“, zittert ihre Stimme. „Mir geht es schon viel besser, seit ich damit angefangen habe. Mein ganzen Leben war danach ausgerichtet. Was ich esse, was ich anziehe, welche Filme ich sehe…“
Ich bin für den Moment sprachlos. Ihre Augen durchdringen mich mit der unausgesprochenen Frage nach meiner Meinung. Mein Kopf nickt und meine Lippen formen eine Bestätigung: „Ich finde es gut, dass sie das machen. Es kommt nicht darauf an, wie alt sie schon sind, sondern dass sie es verdient haben endlich zu heilen.“
Sie lächelt.
Dann erzählt sie mir die alten Situationen.
Für einen Moment möchte ich nur Stopp schreien. Darum geht es hier gerade eigentlich nicht. Es wird mir zu viel. Ich atme zwei Mal tief durch und sammle mich. Dabei bringe ich mich selbst in Sicherheit. Ich entscheide mich für einen Augenblick zuhören zu wollen.

Ihre Schilderung ist kurz.
Erstaunlich kurz.
Irgendwie hatte ich bei der alten Dame „schlimmeres“ erwartet. Immerhin erzeugte das Erlebte einen siebzig Jahre andauernden Leidensdruck…
Das ist an dieser Stelle meinerseits gar nicht abwertend oder verharmlosend gemeint. Das möchte ich deutlich betonen.
Als sie mit der Detailschilderung anfing, war ich innerlich überzeugt davon, dass sie mir gleich Vergewaltigungsszenarien erzählen wird.
Doch darum ging es nicht.
Viel mehr stand Folgendes im Mittelpunkt:
Ein Bekannter steckte ihr bei einem Besuch in einem unbeobachteten Moment kurz unvermittelt die Hand in die Hose als sie gerade vier war. In zwei weiteren Situationen bedrängten Sie als Jugendliche Fremde auf der Straße. Einer riss ihr die Bluse auf. Die Fortsetzungen der Taten konnte durch Passanten verhindert werden.
Alle Täter stammten nicht aus dem familiären Kreis.
Ihre Mutter glaubte ihr sofort, als sie die Vorfälle schilderte und kümmerte sich fürsorglich.

Worauf will ich eigentlich hinaus?:
Die Gesellschaft übersieht viel zu häufig, was solche Situationen bei Menschen anrichten können. Dabei nehme ich mich selber nicht aus. Es fällt mir an mir selbst oft schwer, mich ernst mit meinen Gefühlen zu nehmen. Mit Sätzen wie „Es war doch nur ein bisschen Streicheln“ oder „Das kann mich doch nicht so lange beeinträchtigen“ habe ich in der Vergangenheit häufig Teile meiner eigenen Erinnerungen abgewertet. Was ich dazu fühle ist eine ganz andere Sache. Der Heilung ist das nicht gerade förderlich. Bei anderen Menschen ist mir die Tragweite viel klarer.
Nicht nur in Missbrauchsfamilien wird die Meinungsbildung Richtung „Akzeptierte Grenzüberschreitung“ geformt. Die Medien verkaufen uns mittlerweile tagtäglich in der Nachmittagsunterhaltung, dass eine gewisse Übergriffigkeit zum Leben dazugehört und Frau das auszuhalten hat.
Der Schock und das Entsetzen der Taten war im Fall der älteren Dame deutlich sicht- und spürbar. Es muss keine Vergewaltigung sein um langanhaltende, schwerwiegende Folgen von Traumatisierung zu bewirken.
Meiner Kundin war das absolut klar. „Mit Sprüchen wie „Nochmal gut ausgegangen“ braucht man mir gar nicht mehr kommen. Es war einfach furchtbar. Grenzen werden nicht erst bei Vergewaltigung überschritten. Das ist es was zählt“, sagt sie bewegt und schließt so ihre Erzählungen.

Es wird Zeit, dass wir uns endlich wieder trauen unsere Grenzen unabhängig von der Meinung anderer zu fühlen.
Da Grenze individuell ist, sind es auch Ausmaß und Schwere der Traumatisierungen des Einzelfalles. Es zählt, was für dich selbst zählt!

8 Kommentare zu “Eigentlich war es doch gar nicht so…

  1. Danke für diesen Einblick, die wahren und weisen Worte sowohl der Dame als auch von dir und deinem Umgang mit deiner Vergangenheit.

    Diese Offenheit und Ehrlichkeit ist es, die unbedingt nötig ist in dieser Gesellschaft – zum eigenen Wohl, als auch im Interesse und Wohl aller anderen, die Übergriffigkeit erfahren haben.

  2. Es ist so wichtig, sich nicht von anderen vorschreiben zu lassen, was traumatisch zu sein hat und was nicht. So etwas ist immer subjektiv und hängt von so vielen Faktoren ab, die kein Außenstehender überblicken kann. Ich habe in der Vergangenheit auch oft den Fehler gemacht Erfahrungen klein zu reden, habe sie mir auch von anderen klein reden lassen. Das mache ich nicht mehr. Und wie in deinem Beispiel: besser spät als nie.

  3. Das spontane Vergleichen und Hierarchisieren von „objektiven“ Tatbeständen ist einer der grössten Fehler, die man in der Begleitung von Missbrauchsüberlebenden unbedingt vermeiden muss. Danke für diesen Text!

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