Stephanie Ilan oder auch: Das Grauen jeder aufgeklärten Frau lebt

Manchmal schaue ich gerne Talkshows wie den „Kölner Treff“. Seit ich selbst keinen Fernseher mehr habe, nutze ich öfter die Möglichkeit die Sendungen im Nachhinein im Internet zu verfolgen. Dabei stolperte ich über die Ausgabe vom 15.12.2017 in der Ilan Stephanie ca. ab der sechsundzwanzigsten Minute über ihre Erfahrungen mit Prostitution spricht. Ihr Buch „Lieb und Teuer“ erklomm die Bestsellerlisten. Meine Reaktion lag irgendwo zwischen Tobsuchtsanfall und kotzen.
Wer sich ihre – nicht nur für triggerbare Gemüter ungeeigneten – Aussagen selbst antun möchte, findet die Sendung hier:

Auf ihr Buch hat die Menschheit gewartet. Endlich findet sie Entlastung aus der Verantwortung um die miserablen Zustände in Prostitution und Menschenhandel. Die Freier können die Nutten wieder hemmungslos ficken, weil sie endlich Bestätigung finden, dass die lächelnden Maske der Prostituierten doch zu rechtfertigen, wenn nicht sogar echt ist. Also weshalb noch darüber nachdenken, warum die Frau das macht und was ihre Geschichte ist!? Endlich kann man wieder guten Gewissens in den Puff gehen. Schließlich ist das Image doch sauberer als gedacht und Ausbeutung lange nicht überall… Die Stephanie sagt’s doch schließlich auch!
So ziemlich allen Menschen, die in der Vergangenheit gegen die Ausbeutung in der Prostitution gekämpft haben, dürfte sich dabei der Magen umdrehen. Mit einem einzigen kleinen Fußtritt in Form dieser miserablen Lektüre wäscht Ilan die Gewissenswesten der Otto Normalverbraucher rein und eröffnet eine wunderbare Fluchttür aus der Auseinandersetzung mit den wirklichen Verhältnissen in der Prostitution. Sie verschleiert mehr, als dass sie Tatsachen aufdecken würde, geht hingegen selbst Lügen von Branche und Kolleginnen auf dem Leim. Wo bleibt die Reflexion und der Blick hinter die Fassade!? Man schreibt nur über ein System, wenn man es wirklich kennt und nicht, wenn man mit der Oberfläche kuscheln durfte. Dann nämlich besteht die Gefahr, dass man, wie hier Ilan, auch die Oberfläche nicht wirklich bewerten kann, weil man die Mechanismen dahinter nicht versteht. Es fehlt schlicht die Interpretationsgrundlage der Erfahrung.
Manchmal wäre Schweigen eben doch Gold.

Zwei Jahre arbeitete die Gute in einem Berliner Bordell. Selbstverständlich hat sie in dieser Zeit die Branche durchschaut und festgestellt, dass es durchaus Frauen gibt, die ganz freiwillig Prostituierte sind. Sie hätten keine negativen Vorerfahrungen, wie sexuellen Missbrauch erlebt und machten den Job gerne. Sie selbst sei rein aus Interesse in den Markt eingestiegen. Das Problem: Sie spricht nun als „Fachfrau“ über ein Milieu, von dem sie selbst nichts, ja noch nicht mal die Spitze des Eisberges kennt. Sie hat für viele Männer die Beine breit gemacht hat. Das hätte sie aber auch privat in ihrem Wohnzimmer haben können. Der Lerneffekt zum System „Prostitution“ wäre der gleiche gewesen – Null.
In der Zeit im Puff sei sie auch gefühlt vergewaltigt worden. Natürlich könne man aber dem Freier/Täter überhaupt keinen Vorwurf machen. Er war ja schließlich im Puff und hätte es ja nicht besser gewusst. Natürlich habe er „nichts illegales“ getan. Es sei rein ihr Empfinden gewesen.
Dies ist nur eine ihrer Aussagen, die allen negativen Klischees wie „Eine Prostitiuierte kann nicht vergewaltigt werden“ unnötig Stoff bieten.
Mit der Zwischenfrage ob es „Fair trade Puffs“ tatsächlich gibt, traf Pufpaff einen empfindlichen Nerv der Debatte. Angeblich gehörten alle Angestellten des Etablissements, in dem die Autorin arbeitete, in diese Kategorie.

In der Süddeutschen Zeitung betont sie:
„Der Job des Freiers ist oft härter als der einer Prostituierten.“
What the f… oh sorry, unpassend bei dem Thema. Aber was zur Hölle soll das denn heißen!? Sie erklärt es direkt mit ihren Thesen: Die Männer müssten ja ausblenden, dass eigentlich gar keine Erotik stattfinde und die Frauen ihnen etwas vormachen.
Öhm, ja bzw. nein! Genau deswegen gehen sie doch da hin. Weil sie nicht über die Menschlichkeit des Gegenübers nachdenken wollen, weil sie ihre Komplexe und Vorlieben dort einfach unreflektiert ausüben wollen und weil es noch nie, aber auch wirklich noch nie in der Prositiution um Sex ging. Es geht um die blanke Macht. „Ich habe bezahlt und du tust was ich sage, ob dir das passt oder nicht!“ Der Freier bestimmt.
Einige Zeilen weiter sagt Ilan im Interview:
„[…] selbst wenn man davon ausgehen würde, dass 95 Prozent aller Frauen in die Prostitution gezwungen werden, gäbe es bei geschätzt 400 000 Prostituierten in Deutschland immer noch 20 000 Frauen, die sagen: „Alice, mir geht’s im Puff besser als davor in meinem Bürojob.“
Ja, richtig: Sie sagen das. Aber was dahinter steckt muss nichts Gutes heißen. Die Lösung finanzieller Nöte etwa ist kein „besser gehen“ im Sinne einer erhaltenen Menschenwürde und Gewaltfreiheit. 20.000 Menschen klingt erst mal nach einer Menge. Ist aber gesehen auf die Gesamtbevölkerung Deutschlands die Nadel im Heuhaufen. Außerdem bezweifle ich grundsätzlich stark, dass die Frauen das auch so meinen und gut mit einem traumaerfahrenen Dissoziationsspezialisten reflektiert haben.  Die Dissoziationsrate auf dem Straßenstrich und in den Bordellen beträgt nämlich 100%. Das sich die Frauen abschalten, wird jede bestätigen. Anders könnte man den Job gar nicht machen. Wir hätten selbst gesagt es geht uns gut in den Strukturen in denen wir aufgewachsen sind, sobald uns jemand danach gefragt hätte. Natürlich wären wir, wie antrainiert, freiwillig da gewesen. Die Realität ist eine andere!

SZ: Es gibt Schätzungen der Polizei, die besagen, dass etwa 80 Prozent der Frauen in Deutschland sich nicht freiwillig prostituieren.
(Anmerkung meinerseits: Wenn das schonmal sogar die Polizei sagt…)
Die Frage ist: Was ist freiwillig? Gehen Sie freiwillig zur Arbeit? […]“
Da fehlen mir nur noch die Worte! Allein der Vergleich ist eine bodenlose Frechheit und zeigt wie wenig Stephanie Ilan wirklich verstanden hat. Denn in der Regel geht man sehr wohl freiwillig zur Arbeit, auch wenn sie manchmal mehr oder weniger lästig ist. Man verdient sich seinen Lebensunterhalt und wenn man nicht mehr möchte, kann man auch jederzeit zu Hause bleiben. Außer dem Wegfall des Gehaltes hätte man wohl nichts zu befürchten.
Das kann eine Prostitiuierte nicht. Ihr Leben ist zumindest psychisch davon abhängig nicht damit aufzuhören. Was hinter der Fassade von sogenannten Freudenhäusern vor sich geht, ist für die Seele der Hure das Grauen, dass niemand unbeschadet übersteht. Das kommt zurück, wenn die Dissoziation durch die Fortführung der Tätigkeit langsam absinkt. Es gibt immer mindestens die psychische Abhängigkeit. Dazu können die Zuhälter und/oder eine entsprechende Vorgeschichte kommen. Ausstieg aus der Prostituion heißt wie bei einem Junkie Entzug – Entzug von körpereigenen Opiaten und Endorphinen, die zur Linderung der Not ausgeschüttet wurden.
Dass übrigens auch Ilan Unterstützung danach nötig hatte, erwähnt die „glückliche Hure“ leider nur in einem Nebensatz.

Rp-online schreibt:
„[…] man könnte sagen, Stephani war eine Prostituierte, die es in der öffentlichen Wahrnehmung nicht gibt: Sie fühlte sich die ganze Zeit über frei und selbstbestimmt.“   
Zu recht. Die gibt es nicht nur in der öffentlichen Wahrnehmung nicht, sondern das ist Fakt. Auch wenn Stephanie keinen Missbrauch erlebt hat und keine anderen Traumata zu haben scheint, wie sie von sich selbst behauptet, glaube ich nicht an wirkliche Freiheit und Selbstbestimmtheit. Sie bestimmte rein äußerlich den Punkt des Einstiegs und des Ausstieges in das Milieu. Das mag sein. Welche inneren Mechanismen dazu führten sei dahingestellt.

Im gleichen Artikel sagt Ilan: „Zweitens, ich differenziere „Sex gegen Geld“ und „Sex unter Zwang““
Und wir differenzieren Sex und Machtausübung mit sexuellen Mitteln in der Prostitution! Und zur Machtausübung zählen wir übrigens auch das ach so nette Gespräch mit dem Freier, der meint alles erzählen zu dürfen und ein Anrecht auf Zuwendung zu haben, nur weil die Moneten rüber gewachsen sind. „Sex gegen Geld“ ist eben nicht „Sex auf Augenhöhe“. Das sind Gesellschaftliche Missstände. Punkt. Nichts davon ist besser oder schlechter.

SZ: Weshalb haben Sie aufgehört?
Ich habe mich gelangweilt.
Tja, so ist das, wenn man dissoziiert…

22 Kommentare zu “Stephanie Ilan oder auch: Das Grauen jeder aufgeklärten Frau lebt

      • Deine Leidenschaft in diesem Thema…..

        Aber vielleicht brauchen sogar die Seelen jener auf dem Heilungsweg zeitweise blinde Flecken gegenüber anderen Menschen. Menschen, die man gerne liest und mit welchen man sich beschäftigt.
        Ein bißchen weiche Watte zum Schutz vor Wahrheiten.

      • Oh danke! 😊
        Ja, die „Leidenschaft“ habe ich durchaus. 😀

        Den Wunsch nach blindem Fleck kann ich gut nachvollziehen. Da hast du sehr recht. Ein bisschen Watte für Heilende ist auch völlig ok, solange sie kein Grundsätzlich falsches Bild in der Allgemeinbevölkerung bestärkt.

      • Sagen wir mal so… die Art der Watte ändert sich.
        Früher fühlte ich mich mit allem so völlig einzig; alleine und abgeschnitten und hatte mich hierdurch in eine Art Einzelgummizelle gesperrt.
        Heute staune ich zunehmend über mein noch wattiges Ahnen und Erkennen, dass ich wohl doch nicht so alleine bin. Und dass auch das bei allem Leid irgendwie gut tut.
        Schön, dass Du da bist 🙂

      • Oh wie lieb! ❤️
        Auch sehr schön, dass du da bist! 😊
        Hab beim Schreiben des Beitrages ganz oft an dich gedacht und dass zu dieser Thematik auch schon so viel wichtiges geschrieben hast.

        Die Watte hat sich bei mir auch verändert. Sie ist irgendwie bunt geworden. 🙂 Manches würde ich heute anders sehen, als noch vor einigen Jahren.

      • Bunte Watte mmmmhhhhh – das klingt nach roter, grüner, blauer Zuckerwatte vom Rummel.
        Vielleicht krieg ich die irgendwann auch ein bißchen. Eine schöne Art von Vorfreude ❤️

  1. Pingback: Ein Reblogg der lieben Sofie – Missbrauch, Folgen und der Weg

  2. Interessant, dass sie heute als Körpertherapeutin im Bereich Sexualiät arbeitet. Sie hat nun für mich, nachdem ich in das Video hinein geschaut habe, jegliche Autorität und Integrität auf diesem Gebiet völlig verloren.

  3. „Wir hätten selbst gesagt es geht uns gut in den Strukturen in denen wir aufgewachsen sind, sobald uns jemand danach gefragt hätte. Natürlich wären wir, wie antrainiert, freiwillig da gewesen.“
    So ist es leider. Selbst heute wünschen sich welche von uns ins Burdel oder SM-Studio zu gehen, weil der Gedanke sich so heimisch und nach freisein anfühlt!
    Was man kennt gibt einem eine „Sicherheit“ sei sie noch so schädlich! Man fühlt sich dahin gezogen wie die Motte zum Licht. Und wenn dieses Licht noch so lebensgefährlich ist, das sieht man ja nicht. So viel zum Thema freiwillig, wenn man darauf tressiert wurde!
    Von der Tressur wussten wir damals nichts, also hätten wir auch behauptet wir prostituiren uns freiwillig, allem Ekel zum trotz…

  4. Danke für deinen Beitrag! Habe ich gerade erst entdeckt. Habe mir gerade mal den Ausschnitt mit der Dame angeschaut. Mal abgesehen davon, dass sie sich in einigen Punkten widerspricht… wirkt sie auf mich (ich kann mich irren…klar) programmiert. Die Person, die da eine Lanze für die Prostitution bricht ist so demaßen kontrolliert und Mimik und Gestik wirken total übertrieben. Wie eine Innenperson, die ein sehr vernunftgesteuertes, intellektuelles und selbstbeherrschtes Bild abgeben soll. In ihrer Kommunikation mit der Moderatorin weicht sie sehr ab, wird manchmal mädchenhaft und hat dann dieses fast verlegene, honigsüße Lächeln. Das kommt bei den Männern nicht vor. Kann natürlich auch bei nichtprogrammierten so sein, empfinde ich hier aber schon als auffällig. Der einzige Zeitpunkt, zu dem sie verletzlich wirkte, und nicht so kontrolliert, war direkt nach der Frage nach der Vergewaltigung im Bordell. Da waren die Augen und die Augenpartie auch anders, weicher und echter. Ich kann mich natürlich auch total irren. Aber es wirkte auf mich schon sehr nach einer Frau, die für solche Situationen wie die Talkshow vorbereitet und programmiert wurde. Dass sie sehr gut ausschaut und ein kluger Kopf ist, wäre dem ganzen ja nur zuträglich. Es gibt immer mehr dieser „Vorzeigemodelle“ in den Talkshows. Die „typische Hure“, so wie die Gesellschaft sie sich vorstellt, sitzt da eigtl. nicht mehr.

    • Ob es bei Ilan um Programmierung geht oder nicht, find‘ ich aus der Ferne schwierig zu bewerten. Für ihre Aussagen reicht es völlig aus sich nicht zu spüren. Sie kann schlecht etwas erzählen, was dissoziiert ist, bzw. gibt das maximal Brüche in Mimik und Gestik. Bei deiner Wahrnehmung diesbezüglich stimme ich dir zu. Kopf und Herz passen bei ihr oft nicht zusammen. Da gerät ein achtsamer Zuhörer ins schwimmen. Allerdings kann es gut sein, dass sie nur einen „Ausflug“ ins Milieu gemacht hat und deshalb davon auch nicht mehr erzählen kann. Den Milieu-Vertretern dürften ihre Aussagen so oder so in die Hände gespielt haben und am Geld sie entsprechend zu pushen wird es nicht mangeln. Ilans Beweggründe sind ziemlich ungreifbar und schleierhaft. Das sind sie, aber auch für sie selbst, denke ich. In einem der Interviews spricht sie darüber, dass sie sich Gedanken darum gemacht hat, aber selbst nichts wirklich finden konnte. Zwischen Traumatisierung mit eventueller Reinszenierung und Dissoziation und Programmierung liegen aber nochmal Welten.

      Ich danke dir für deine Meinung dazu! Egal wie es letztlich genau gelaufen ist und unabhängig von ihrem Einzelfall – Die Lobby arbeitet, da hast du etwas sehr wichtiges angesprochen. 🙂

      • Ja – wahrscheinlich ist es so, wie du schreibst. Ferndiagnosen sind heikel. Ich suche bei Frauen, die so über Prostitution reden, wie sie es tut, immer auf Hinweise nach Programmierung. Programmierung kann ja auch schon in harmloserem Setting stattfinden. Ich finde es auffällig, dass da jetzt immer so ausgesprochen hübsche und eloquente Frauen sitzen. Eine Freundin, die aus rituellem Hintergrund kommt, meinte, die seien programmiert…

      • Programmierung ist ein ziemlich umfangreiches Thema und würde hier leider die Kommentarfunktion sprengen, wenn wir es hier in Gänze aufgreifen. Deshalb nur so viel: Ein „harmloseres Setting“ gibt es bei Programmierung nicht.
        Wenn es ein gut gemacht Programmierung ist, fällt nach außen gar nichts auf. Das ist die Krux…

        Die Erfahrungen deiner Freundin sind sicher richtig. Es gibt genug Frauen, die aus diesen Kreisen kommen und hervorragende „Öffentlichkeitsarbeit“ im Sinne der Täter machen.

        Ich wünsch dir einen schönen Tag und hoffe bei dir scheint die Sonne genau so schön, wie bei uns! 😊

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