„Der Tag an dem mein Leben verschwand“

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Naomi ist 32 Jahre alt und alleinerziehende Mutter eines Sohnes. Eines Morgens wacht sie auf und kann sich plötzlich an nichts mehr erinnern. Ihr Leben wird zum Fragezeichen. So beginnt für sie eine Spurensuche nach den Schlüsseln der Vergangenheit, die den Gedächtnisverlust ausgelöst haben.

Diese Kurzzusammenfassung würde wahrscheinlich auch auf dem Umschlag eines Kriminalromanes gut ankommen. Hier handelt es sich aber um eine wahre Geschichte. Das 412 Seiten dicke Taschenbuch haben wir uns zugelegt, als wir mal wieder einfach Lust auf etwas Lesestoff hatten. Erwartet haben wir eine gelungene Kombination von erlebter Realität und schreiberischem Knowhow. Im besten Fall also sowas, wie einen wahren Krimi. Dem war leider nicht so. Die Lektüre zieht sich stellenweise sehr.

Schon auf den ersten fünfzehn Seiten wird klar worum es grob geht. Naomi ist aufgewacht und ist davon überzeugt 15 Jahre alt zu sein. Sie ruft ihre Schwester Simone und ihre Freundin Katie an, die sie sofort abholen und versuchen sich um sie zu kümmern. An dieser Stelle mutet die Handlung für mich als Leserin etwas unlogisch an. Wenn meine Schwester mich anrufen und mir von heute auf Morgen erzählen würde, dass sie ihr komplettes Gedächtnis verloren hat, dann würde ich sie schneller in eine Notaufnahme bringen, als sie schauen könnte. Als Hauptperson würde es mir da auch nicht anders ergehen. Ich würde dringend untersucht werden wollen. Dagegen kommt der Vorschlag den Arzt aufzusuchen nur zurückhaltend. Der Hausarzt ist im Urlaub, weshalb Naomi erst einige Tage später zur Urlaubsvertretung geht. Als diese sie nicht ernst nimmt, war’s das auch an fachmännischer Untersuchung. Hier hätte ich mir deutlich mehr Abklärung und Auskünfte aus medizinischer Sicht gewünscht.
Stattdessen blättert Naomi auf den nächsten Buchseiten fast ausschließlich in ihren alten Tagebüchern. Sie hofft, dadurch ihr Gedächtnis irgendwie wieder ankurbeln zu können. Erst nach gut 180 Seiten Lektüre, gibt es einen ersten Anhaltspunkt für die Ursache des Erinnerungsverlustes. Ein kindliches Trauma des sexuellen Missbrauches kommt zur Sprache. Leider versiegt die Informationsquelle schon wieder, eh sie richtig begonnen hat. Mit wenigen knappen Sätzen und Nennung von Oberbegriffen, weiß man als Leser kaum mehr, als die Tatsache selbst, dass wohl etwas passiert ist. Ähnlich hangelt man sich auch durch die folgenden Seiten. Tagebuchlektüre mit knappen Lichtblicken, die zur Lösung des Falles beitragen. Mir persönlich zu knapp. Lieber wäre mir gewesen, dass der ein oder andere Tagebucheintrag eingekürzt oder mit mehr Gehalt versehen worden wäre. So wäre man den Wiederholungen von gleichen Sachverhalten in anderen Worten entgangen.

Doch wo Kritik ist, muss auch Lob sein. Die hat das Buch nämlich durchaus auch verdient. Es gibt viele wunderschöne tiefsinnige Zitate. Die Verzweiflung und Emotionsgeladenheit mancher Situation wird sprachlich gut dargestellt. Das kommt beim Leser an. Manche Aussage regt durchaus zum Nachdenken an. Ab Mitte des Buches kommt die Geschichte besser in Fahrt und erhält mehr Facetten. Naomi beginnt aktiv zu werden, interagiert mit Menschen aus ihrem „früheren Leben“. Sie erobert sich ihren Körper und ihre Seele zurück. Ihre Beschreibungen des persönlichen Erlebens, fanden wir sehr interessant. Wir haben bis zum Ende durchgehalten und ab einem gewissen Punkt auch gerne weitergelesen.

Insgesamt würden wir das Buch wohl wieder lesen, auch wenn es unsere Erwartungen nicht erfüllt hat. „Der Tag an dem mein Leben verschwand“ hat Momente von Tiefgang und ansprechenden Wortbildern. Wir hätten uns deutlichere Schilderungen von manchen Hintergründen gewünscht. Das heißt nicht, dass Naomi etwa den Missbrauch hätte zwingend detaillierter Schildern sollen. Vielmehr fehlt uns hier die persönliche Ebene, die ihre Wahrnehmung deutlicher macht und den Leser ein Stück mitnimmt. Wir fühlten uns stellenweise so, als macht die Autorin endlich die Tür auf, an der wir schon so lange klopfen und gewährt uns einen Blick hinter die Kulissen. Gerade als sich der Zugang einen kleinen Spalt öffnete, schlug man ihn uns aber auch schon wieder vor der Nase zu. Gleichzeitig gab es aber auch schöne Momente, bei denen wir uns tief berührt fühlten. In dem ein oder anderen Satz liegt so viel Wahrheit.
Wer also eine Taschenlektüre sucht, Erfahrungsberichte mag und die Thematik an sich interessant findet, liegt mit einem Kauf hier bestimmt nicht falsch.

2 Kommentare zu “„Der Tag an dem mein Leben verschwand“

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