Alltagsstruktur mit DIS

Bunte Sterne haben uns in den Kommentaren von „Ein Beitrag für euere Fragen“ zu dem Thema „Alltag“ und „Alltagsorganisation“ mit DIS angeregt.

Liebe Sofie,

ich finde das eine sehr schöne Idee 🙂
Mich würde interessieren wie ihr euren Alltag organisiert. Habt ihr eine gute Regelung dafür gefunden, dass jeder seinen Interessen nachgehen kann, aber auch die Pflichten des Alltags nicht zu kurz kommen? Wie geht ihr damit um, dass einige sehr viele Fähigkeiten haben, aber andere noch im vergangenen Erleben stecken?

Liebe Grüße
Bunte Sterne

„Welche Organisation?“, dachten wir zuerst und mussten dann über uns selbst lachen. Hier regiert das Chaos. 😉
Na gut, ganz so drastisch ist es nicht. Dennoch bin ich derzeit tatsächlich eher mit Ent-organisation des Alltages beschäftigt, als damit ihn zu strukturieren. An sich haben wir kein Problem damit Ordnung in die Routine zu bekommen. Solange wir berufstätig sind, bzw. waren, weil wir grade ja krank geschrieben sind, hat alleine die Arbeit ein großes Stück des Tagesablaufes diktiert. Aber auch ohne feste Verpflichtung gäbe es an sich genug zu tun, dass wir den Tag streng durchtakten könnten. Das will ich aber gerade nicht. Deshalb nehme ich Termine raus, sage Treffen ab und versuche bis auf wenige Ausnahmen so viel als möglich freie Zeit zu schaffen. Wir haben festgestellt, dass es uns mit diesem Model derzeit wesentlich besser geht, weil wir dann den Raum haben, spontan auf innere Bedürfnisse zu reagieren. Was wir machen, entscheiden wir, wenn es soweit ist. An manchen Tagen haben wir Lust darauf raus zu gehen, uns zu bewegen oder etwas Neues zu sehen. An anderen wollen wir einfach nur Ruhe und in der Wohnung bleiben dürfen. Solange wir unsere Geschichte nicht verdaut haben, sind für uns diese Freiräume derzeit notwendig.
Eine wichtige Instanz prüft dabei möglichst Objektiv, ob wir gerade die Auszeit brauchen und ob sie uns an der Stelle gerade wirklich gut tut. Ein Beispiel wäre z.B. wenn wir sehr dissig sind. Oft werden wir dann gleichzeitig auch etwas träger und wollen nichts mehr unternehmen. In den Fällen täte uns aber gerade Bewegung gut, weil sie uns aus der Dissoziation holt. Dann versuchen wir uns trotzdem irgendwie aufzuraffen. Wenn wir aber z.B. Schmerzen von Erinnerungen haben oder uns einfach sehr traurig und niedergeschlagen von der Therapie fühlen, ist es auch völlig in Ordnung, wenn wir uns einfach hinlegen und Kraft tanken.

Nichts desto Trotz braucht es natürlich auch in unserem Zusammenleben ein paar Regeln. Feste Verpflichtungen, vor allem, wenn es um die Finanzen geht, gehen vor. Wenn uns das Geld fehlt, haben wir eine gewaltige Zusatzbaustelle und damit hätten wir alle ein großes Problem mehr. Amtsgeschichten werden deshalb möglichst zeitnah von der zuständigen Alltagsperson geregelt. Was die Interessen betrifft, wechseln wir ab. Wenn etwa jemand gestern einen Tag hatte, um sich kreativ auszutoben, wird die Entscheidung heute eher auf den Wunsch etwas zu Lesen oder nach draußen zu gehen fallen. Ob, immer alle mit ihren Interessen wirklich drankommen, ist schwer zu sagen. Wir bemühen uns zwar darum, aber manchmal kommt, dann auch etwas dazwischen, weil z.B. das Auto kaputt geht und wir in die Werkstatt müssen. Bis wir wieder Zeit hätten, etwas zu unternehmen, kann die Innenperson vielleicht grade nicht mehr da sein, weil es ihr nicht so gut geht, oder weil sich insgesamt etwas verändert hat. Dann ist es schwierig und einige Stecken damit sicher auch öfter mal zurück. Das ist der Haken an dem „Pflicht geht vor“-Modell.

Seit kurzem haben wir ja ein Bullet Journal oder zu deutsch halt ein Notizbuch, das wir uns selbst gestalten. Wir müssen sagen, das hilft bislang sehr. Für uns ist es wichtig, dass es offen geführt wird und nicht jeden Tag etwas geschrieben werden muss. Deshalb haben wir keinen Wochenplaner eingezeichnet, sondern gestalten einfach Stück für Stück.
Da gibt es z.B. die Rubrik mit wichtigen Wochenthemen, in der wir die Woche über festhalten, was uns beschäftigt. Was wir am Ende der Woche lösen konnten, bekommt ein grünes Häkchen. Was auch für die kommende Woche wichtig bleibt wird farblich markiert und mitgenommen. Manche Dinge erledigen sich auch einfach so. Dann schreiben wir nur kurz dazu, dass es im Moment so aussieht, als wäre das wieder ok.
Des Weiteren gibt es z.B. einen Trigger-Tracker, in dem wir uns Triggersituationen eintragen, die wir bewusst wahrgenommen haben. Auch das hilft uns bei der Alltagsplanung. So bekommen wir einen Überblick über schwierige Auslöser und können das nächste Mal besten Falls vorher vorbauen. Wir stellen darüber beispielsweise fest, dass uns eine Person sehr triggert und wir nach dem Kontakt mit ihr regelmäßig innerlich zusammenklappen vor Anstrengung. Dann haben wir andere Möglichkeiten damit umzugehen. Wir könnten etwa schwierige Dinge beim nächsten Mal ansprechen, uns vorher orientieren oder auch den Kontakt reduzieren. Je nachdem, wie wichtig uns die Person ist.
Beim Tracking an sich, ist uns wichtig, dass wir wirklich nur ganz kurz in zwei, drei Worten aufschreiben, worum es geht. Eine längere Beschäftigung damit würde nur erneut triggern.

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Deine letzte Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Wir haben gerade überlegt, wie wir das händeln. Im Prinzip macht jeder hier seinen Fähigkeiten entsprechend das, was er oder sie kann. Auch im vergangenen Erleben zu sein, ist für uns eine Fähigkeit, die eine Person mit einbringt. Sie kann sich eben an etwas besonders gut erinnern. Das ist z.B. in der Therapie sehr wichtig, wenn wir etwas zusammensetzen oder wenn wir verstehen wollen, weshalb wir auf eine Situation so heftig reagieren. Schwierig wird es dann, wenn, die Gefühle von Erinnerungen, auf die Personen überschwappen, die eigentlich gerade Alltag regeln sollten, weil diese dann teilweise ihren Aufgaben nicht mehr nachkommen können oder für sie normale Dinge plötzlich sehr erschwert werden. Das lässt sich aber nicht immer vermeiden. Ein Stück weit gehört es glaub ich auch dazu, dass man Schmerz und Leid ebenso teilt wie fröhliche Momente, sobald man näher zusammenrückt.

7 Kommentare zu “Alltagsstruktur mit DIS

  1. Liebe Sofie,

    vielen Dank, dass ihr euch die Mühe gemacht habt meine Fragen zu beantworten 🙂
    Tatsächlich hat euer Beitrag zu neuen Fragen bei uns geführt und vielleicht mögt ihr uns ja hier in den Kommentaren darauf antworten. Wenn nicht, ist es aber natürlich auch okay 😉
    Hat es bei euch schon immer so gut geklappt, dass ihr aufeinander Rücksicht nehmt und euch abwechselt? Oder ist es ein Ergebnis von harter Arbeit in der Therapie? Bei uns hat sich tatsächlich schon einiges verbessert was die Kooperation anbelangt, aber wir sind noch ziemlich weit davon entfernt das so gut hinzubekommen wie ihr. Die Wünsche und Interessen anderer werden oft boykottiert und wir stehen uns oftmals gegenseitig im Weg.
    Ihr habt ein Problem angesprochen, dass wir sehr gut kennen, nämlich dass manchmal Gefühle von Erinnerungen zu Alltagspersonen überschwappen und diese dann sehr beeinträchtigen. Ihr habt geschrieben, dass sich dies nicht immer vermeiden lassen würde. Für uns liest sich das so als würde es euch manchmal aber durchaus gelingen das zu vermeiden. Haben wir das richtig verstanden? Wenn ja, könnt ihr uns vielleicht einen Tipp geben, was dabei helfen kann? Uns beeinträchtigt das im Alltag nämlich ziemlich massiv und von unserer ursprünglichen Funktionalität scheint nicht mehr viel übrig zu sein. Ich bin zwar durchaus auch deiner Meinung, dass das neben den guten Momenten auch dazugehört, wenn man näher zusammenrückt und bin auch optimistisch, dass wir im weiteren Verlauf der Therapie irgendwie an Funktionalität zurückgewinnen werden, aber es würde sicher sehr zu unserer Stabilisierung beitragen, wenn uns das bereits jetzt ab und zu gelingen würde 😉

    Liebe Grüße
    Bunte Sterne

    • Hallo Bunte Sterne,
      das war gar keine Mühe, sondern hat uns Freude gemacht! 😉

      Die Sache mit der Rücksicht… das funktioniert mal besser und mal schlechter. In bestimmten Bereichen, war sie unbewusst schon immer da. Wenn ich z.B. im Alltag bestimmte Dinge vermieden habe, weil das Erinnerungen bei anderen ausgelöst hat, hätte man das ja durchaus als eine Form von Rücksicht sehen können. Damals wusste ich aber noch gar nicht, wieso ich mich so verhalte. Bewusst aufeinander zu achten, haben wir in der Therapie gelernt und da gibt es mit Sicherheit auch immer noch viel Raum das zu verbessern. Ganz am Anfang in der Therapie war es auch noch viel mehr so, dass wir voneinander nichts wissen wollten. Da wollte ich mir durchaus auch einfach mal Beweisen, dass ich Dinge einfach ohne Rücksicht machen kann. Je mehr das gegenseitige Verständnis wächst, umso weniger ist das notwendig. Die Annäherung geht ganz langsam. In dem Prozess sind wir immer noch. Uns ist hier auch ganz wichtig zu sagen, dass auch wir in Beziehung Zusammenarbeit unsere Schwierigkeiten haben. Wir können vielleicht mittlerweile ein paar Dinge, die andere Viele noch als Anstrengung empfinden. Genauso ist es aber so, dass andere Viele-Frauen Dinge schaffen, die für uns ganz fern erscheinen. Innere Konferenzen wäre nur ein Beispiel dafür. Auch wir geraten in heftige Konflikte. Wir nennen es nur nicht mehr Boykott oder sich gegenseitig im Weg stehen. Das ist mir zu negativ und klingt für mich so, als würden wir uns absichtlich negativ behindern. Mit positiver sprachlicher Umbesetzung fühle ich mich in der gleichen Situation wohler. Im Grunde sehe ich es aber vielmehr so, dass viele Experten teils scheinbar kontrovers um das für uns sicherste, heilste und gesündeste Leben ringen. Bei heftigen Themen im Innen stockt dann auch mal das Außen. Wie feilen dann intensiv an unseren eigenen Lebens- und Sicherheitskonzepten. Hinter jeder erfolgreichen Unternehmung steht ein gutes Konzept. 😉 Für den Blogbeitrag haben wir uns auf das fokussiert, was für uns klappt. Deswegen sind wir aber nicht unbedingt weiter als ihr!

      Das „Überschwappen von Gefühlen“ auf Alltagspersonen ist so eine Sache. Bis zu einem gewissen Grad können wir uns im Funktionieren ablenken und manchmal auch etwas nochmal runterdrücken. Wenn dann im Nachhinein so viel Zeit ist, dass wir uns zu Hause hinsetzen und zuhören, was los war, kann es uns manchmal gelingen, dass der Druck wieder abnimmt. Das geht aber lange nicht immer. Ich glaube, dass es wirklich auch so ist, dass Auszeiten zur Heilung dazu gehören. Wir können es auch derzeit nicht vermeiden aus dem Alltag komplett aussteigen zu müssen und uns krankschreiben zu lassen. Irgendwo gibt es dann eben doch nur den einen Körper, der nicht unendlich viel Kraft für alles hat.

      Liebe Grüße,
      Sofie 😊

      • Liebe Sofie,

        danke, dass du auch meine weiteren Fragen beantwortet hast 🙂
        Ich fühle mich nun etwas „entspannter“, weil mir deutlich geworden ist, dass wir uns nicht nur „blöd“ anstellen, sondern dass es eben nicht alles so einfach ist und auch andere da Schwierigkeiten haben.
        Das was du zu der positiven sprachlichen Umbesetzung geschrieben hast, finde ich interessant und sehr einleuchtend. Auch die anschließende Sichtweise, dass da im Grunde viele Experten das gleiche Ziel haben und nur unterschiedliche Vorstellungen davon haben wie dies zu erreichen ist, fand ich sehr hilfreich. Als ich darüber nachgedacht habe, ist mir schnell bewusst geworden, dass das für uns eigentlich auch so stimmt, aber bei uns oft die negativen Konsequenzen dieser Versuche zu sehr im Mittelpunkt stehen. Ich schätze wir müssen uns unsere inneren Bewertungen generell nochmal genauer anschauen und überlegen, ob man die Dinge nicht auch positiver betrachten kann.
        Vielen Dank nochmal!

        Liebe Grüße
        Bunte Sterne

      • Gern geschehen! 🙂
        Also blöd anstellen tut ihr euch mit Sicherheit nicht. Ihr könnt ganz gewiss auch Dinge, die andere von euch lernen können. Heilung ist einfach ein sehr individueller Prozess, der Zeit braucht.

        Liebe Grüße,
        Sofie 🙂

  2. Das ist mal wieder ein 1a Beitrag. Da ja hier sowohl System und damit verbunden auch Struktur ziemlich krachen gegangen ist, ist das ja ein feiner Moment, um ein paar neue Impulse zu bekommen 😁

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