Die paradoxe Programmierung des „Wie geht es dir?“

Auf die Frage nach dem eigenen Befinden trifft man im Alltag immer wieder: „Wie geht es dir?“ Selten scheint sie wirklich ehrlich gemeint. Die Antworten darauf sind ebenso blass, wie nichtssagend. „Danke, gut“, „Muss ja“, oder „Irgendwas ist doch immer“ kleiden sie sich in schwammige Worthülsen.
Für Überlebende von „Ritueller Gewalt“ und organisierten Täterkreisen kann diese Phrase des gesundheitlichen Interesses noch ganz andere Bedeutung haben und Auslöser beinhalten.

In den folgenden Darstellungen möchte ich von einigen Aspekten zu diesem Thema aus unserer Erfahrung berichten. Sie basieren auf unseren subjektiven Erlebnissen. Nicht jede Überlebende, die auf diese Frage getriggert reagiert, tut das aus dem selben Grund wie wir. Da gibt es sicher noch viel mehr Facetten, die dabei eine Rolle spielen. Unsere Ausführungen können lediglich EIN möglicher Ansatz sein. Wir haben uns darum bemüht, die Vorgänge so abstrakt wie möglich zu beschreiben, dennoch kommen wir für die Verständlichkeit nicht umhin auch Gewalt grob zu skizzieren.

„Wie geht es ihnen heute?“ oder „Wie fühlen sie sich?“ ist wohl eine der standard Erföffnungsfragen für ein therapeutisches Gespräch. Wenn ich es geschafft habe meine Gefühle über die Türschwelle hinweg mit in den Therapieraum zu nehmen, so war bei mir oft spätestens nach dieser Frage Schluss damit. Mein Innen verschwand. Alles was mich bis zu diesem Zeitpunkt an Emotionen und Erinnerungen beschäftigte, verbarg sich nun hinter einer dicken Mauer im Ungreifbaren. Es war vergessen! Notgedrungen musste die weitere Konversation nun auf dem letzten Rest meiner verbleibenden kognitiven Ebene erfolgen. Sofern ich mir vorab etwas aufgeschrieben habe, konnte ich es damit versuchen. Dennoch blieb es ein Trauerspiel. Der Tiefgang verschwand. Wir drehten uns im Kreis. Nicht selten hätte ich mir hinterher die Haare raufen können. Kaum zu Hause angekommen war der ganze Horror nämlich wieder da und eine weitere Therapiestunde ungenutzt für vergleichsweise harmlose Plaudereien verstrichen.
Es verlangte uns einiges an Arbeit ab, bis sich irgendwann die Hintergründe dieser Reaktion zu zeigen begannen und Innenpersonen so mutig waren, von ihrer Geschichte zu erzählen.

Die Täter stellten uns die Frage „Wie geht es dir?“ immer wieder während Gewaltsituationen.
Ein Mann berührte uns etwa zunächst an bestimmten „harmlosen“ Stellen. Dabei fragte er uns immer wieder, wo wir etwas spüren und was genau. Im Verlaufe des Trainings nahm die Bedrängnis und die Gewaltanwendung zu. Sie gipfelte in Vergewaltigung und Folter. Seine Fragen wiederholte er beständig immer wieder. „Was fühlst du wo, wie, weshalb? Wie geht es dir?“
Auf eine detaillierte weiter Schilderung der Programmierungssituation verzichten wir an dieser Stelle. Wir wollen keine Online-Anleitung für Täter und Trittbrettfahrer schreiben.

Was passiert nun durch dieses Vorgehen.
Der oder die Täter hebeln im Moment des Traumas mit gezielten Fragen ein Stück weit die Dissoziation aus. Wer minutiös beschreiben muss, was mit einem selbst geschieht und wie man sich dabei fühlt, kann es sich nicht leisten abzuschalten. Das Opfer muss im relativ wachen, bewussten Zustand mitbekommen, was an ihm verbrochen wird. Nur so entgeht es der vielleicht tödlichen Konsequenz noch härtere Gewalt zu erfahren. Da man diese Situationen als Mensch aber nicht ertragen kann, öffnen sich die Türen nach innen, weil es im Außen kein entkommen gibt. Innere Raume und Personen müssen sich auftun, um die Qualen zu überstehen. Diese werden in das Training wiederum von Täterseite gezielt einbezogen. Das Opfer muss zunächst gegen den Schutzmechanismus „Dissoziation“ des Körpers ankämpfen, weil es ihm sonst das Leben kostet.
Nach dem Trauma setzt ein paradoxer Vorgang ein: Wer während des Traumas nicht dissoziieren kann, wird es hinterher umso stärker tun. Das ohnehin Unerträgliche wird noch unerträglicher, wenn es bewusst erlebt werden muss. Die Erfahrung wird tief verkapselt und bleibt dem Alltags-Ich unzugänglich.
Was von der traumatischen Ursprungssituation später bleibt ist die Frage „Wie geht es dir?“ als programmierter Auslöser und die taube Verkapselung als Erinnerungsfragment, die daraufhin spürbar wird und den Zugang zum eigenen Erleben verhindert.

In der Therapie kann es deshalb Sinn machen, die Eingangsfragen der Therapeutin mit den Innenpersonen zu hinterfragen. Natürlich ist das nicht das einzige Problem, das im Kontakt mit Hilfspersonen auftreten kann, wenn man aus einem organisierten Täterkreis kommt. Einen Blick sollte es aber Wert sein, vor allem dann, wenn regelmäßig in der Therapie nichts mehr wahrnehmbar oder besprechbar scheint, was sonst den Alltag bewegt.

17 Kommentare zu “Die paradoxe Programmierung des „Wie geht es dir?“

  1. Vieles an diesem Text hat mich an jene Blogfreundin erinnert, die ich einst über eine längere Zeit begleiten durfte, die so unendlich viele Stachelbeeren war. – Ich musste ein paar mal innehalten beim Lesen.

    Ich kann nun sehr gut verstehen, was die an sich „harmlose“Frage für Euch auszulösen vermag. Und ich beginne zu erahnen, wie viele andere an sich „harmlose“ Worte, Fragen, Situationen, Konstellationen, Reize da wohl noch sein können. Und wie schwierig es nicht zuletzt deshalb ist, manche Therapiestunde zu bewältigen.

    Und ich bemerke: Meine Wut auf diese täter war nie weg, aber jetzt ist sie wieder unermesslich. Und noch größßer ist meine Wut, dass denen so wenig Einhalt geboten wird, dass es so wenig Schutz gegen diese UNMENSCHEN gibt.

    Dankeschön für den Mut, die Offenheit, die Bereitschaft, Eure Gedanken, speziell die von heute, hier zu teilen.

    Von Herzen liebe Grüße!

    • Lieber Sternenflüsterer,
      der größte Schutz gegen diese „Unmenschen“ sind Menschen wie du, die bereit sind hinzusehen und mitzufühlen. Insofern tust du grade ganz viel dagegen! 😉 *dir mal auf die Schulter klopf*

      Tatsächlich war da lange Zeit nach der Frage einfach gar nichts mehr. Keine Bilder, Keine Schmerzen, einfach nur nichts. Klingt blöd, aber es war eher das Gefühl: „Warum bin ich gleich eigentlich nochmal hier? War da was?“. Das Gefühl war nicht schlimm, aber extrem kontraproduktiv für den Therapieprozess. In dem Moment in dem die Grausamkeiten dahinter deutlich wurden, war es schlimm für uns, aber die Situation wurde auch beeinflussbar. Indem wir uns z.B. mit der Therapeutin darauf verständigt haben, dass diese Frage besser abgeändert wird und wir an anderen Dingen die uns belasteten wieder arbeiten konnten.

      Wir finden es immer wieder beeindruckend zu lesen, wie sehr du mit dieser Blog-Freundin verbunden warst und wie wertschätzend du von ihr sprichst. 🙂

      Danke dir für deine liebe Rückmeldung! Wir haben die Erfahrung gerne geteilt.

      Herzliche Grüße,
      Sofie 🙂

  2. wir haben unserer Therapeutin die Frage „wie geht es dir / euch?“ verboten 😉 Weil die nämlich dazu führt, dass wir nix mehr merken. Dass sich innen alles in Luft auflöst. Die Frage macht zu Therapiebeginn alle Wege des „etwas nach außen bringen könnens“ dicht. Deshalb haben wir andere „Stundenanfangsalternativen“ entwickelt. Danke für Euren Text!

    • Da wär ich ja jetzt glatt neugierig, wie ihr das mittlerweile macht. 😉 Natürlich nur wenn du davon erzählen magst.

      Danke dir, für deine Rückmeldung! Ist trotz all der Grausamkeit im Thema grade auch gut zu wissen, dass du ähnliches erlebst, wie wir. 😊

      Liebe Grüße,
      Sofie

  3. 😨😢😧
    Oh man, mein tiefes Mitgefühl an das kleine Innenwesen, dass diese Grausamkeiten ertragen musste…
    Wirklich grauenhaft den Ausweg der Dissoziation nicht zu haben und gezwungen zu sein alles ganz genau mit zu bekommen…
    Bin gerade wortlos.

      • Ich überlege gerade, warum ich die Frage nicht kann… weil es über 10 verschiedene Antworten gibt? … weil ich überfordert bin, dass die übliche Floskel ausnahmsweise eine wahre Antwort will? … weil die gleich in Min. 1 ein riesen Fass aufmachen würde manchmal? … weil die Therapieversion so solchen Dingen KEINEN Zugang hat? Ich weiß es nicht genau…

      • Das finde ich jeden einzelnen Punkt für sich genommen schon als guten Grund, dass die Frage schwer ist. Vielleicht spielen all diese Gründe ja auch ineinander und es mag auch noch für jede Innenperson unterschiedlich sein. Manchmal ist die Innenwelt schon sehr komplex…😊

      • Ich „kann“ die Frage auch nicht… mir ist in diesen Wochen nochmal klar geworden, dass es ein „Gut-Ge-Gebot“ im Sinne von: Mir muss es gut gehen. Es darf mir nicht schlecht gehen, gibt… und daher wohl meine „Allergie“ gegen diese Frage… denn die Antwort ist immer: „Gut“… wie ein Automatismus aus „alter Zeit“… Es durfte mir nicht schlecht gehen. „Gut-gehen“ war meine Bewältigungsstrategie…

  4. Kommt hier sehr bekannt vor und löst hier irgendwie Mitgefühl aus und es macht irgendwie, … das „nicht allein“ Gefühl. Welche die es ähnlich kennen, danke für diesen Beitrag und wir schicken Sterne und hoffen ihr kommt gut durch die Nacht. Liebe Grüße von uns.

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