Von innerer Zeugenschaft

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Durch einen Austausch mit Sonrisa zum Thema „Sich glauben“ entstanden in uns interessante Gedanken. Sie erscheinen uns wichtig, so dass wir sie hier in einem Beitrag nun nochmal ausführlicher aufgreifen wollen.

Immer wieder berichten die Alltagspersonen von Viele-Frauen, dass sie ihrem inneren Erleben nicht trauen können, weil sie den auftauchenden Bildern eher distanziert und wenig emotional gegenüber stehen. Sie können die Erinnerungen nicht greifen. Teils wirken sie abstrakt traumhaft und doch fühlen die Alltagskämpferinnen irgendwo, dass es sie betrifft. Nur wie!?
Dieses Beispiel zeigt, dass wir Wahrheit nicht zuletzt aus einem Zusammenspiel von Emotion und Realität ableiten. Fehlt eine Komponente des Erlebens wird die Einordnung schwer.
Die Krux an der Geschichte: Das genau macht Dissoziation.
Sie trennt Erlebenswelten.
Das unwirkliche Gefühl der Alltagspersonen ist also ganz typisch und normal. Durch diesen Umstand sind die inneren Erlebensfragmente nicht weniger wahr.
In der Praxis tun Multiple sich dennoch oft schwer das anzunehmen. Spätestens dann kommt nämlich nicht selten der Zweifel an der eigenen Dissoziation dazu.

An dieser Stelle sei kurz angemerkt: Ich schreibe hier von Frauen, weil ich selbst eine Frau bin und damit ihrer Erlebensrealtität näher. Das heißt nicht, dass es Männern nicht ebenso ergehen kann und sie ausgenommen sind.

Die Alltagsperson hat mit dem Trauma nichts zu tun. Sie lebt den Alltag, wie der Name schon sagt. Ihre Lebensrealität ist genau so gewöhnlich, wie die jedes anderen Kindergarten- oder Schulkindes und später Arbeitnehmers. Sie erlebt als Kind das Leben der halbwegs „normalen“ Familie. Hin und wieder mag es da wohl gekriselt haben, aber ansonsten alles gut. Sowas kommt doch in den besten Familien vor, oder!?
Das ist der Job der Alltagsperson für das System. Sie ist der Anteil, der auf das äußere Überleben abseits vom Trauma spezialisiert ist. Genau so, wie andere Innenpersonen beispielsweise die Aufgabe haben, mit Tätern umzugehen, ein Wiedererinnern zu verhindern, Informationen an bestimmte Personen weiterzugeben oder Gewalt zu ertragen. Die Alltagsperson mag zwar aufgrund ihrer Aufgaben viel Zeit im äußeren Körper verbringen (müssen). Dennoch ist sie nicht mehr, als ein spezialisierter Anteil, bzw. eine spezialisierte Innenperson.

Die traumatischen Erfahrungen tragen andere Innenpersonen. Beim Wiedererinnern wird die Alltagsperson zum späten Zeugen von Emotionen und Erlebnissen, die ihr eine andere Person erzählt. Wie jeder am ursächlichen Trauma unbeteiligte Mensch hat die Alltagsperson dabei eine gewisse emotionale Distanz. Es ist ja nicht ihr Erleben, sondern das ihres Gegenübers. Gleichzeitig heißt das nicht, dass ihr Gegenüber deshalb unglaubwürdig ist oder sie nicht emphatisch reagieren und ihm Glauben schenken kann. Der einzige Unterschied bei einer DIS liegt darin, dass sich Zeuge und Opfer in einem Körper befinden.

Die anderen Innenpersonen können übrigens genau so Zeuge sein, wenn die Alltagsperson von ihrem Leben erzählt. Sie denken durchaus auch manchmal: „Ey, was erzählt die Alte da von einem gewaltfreien Leben und Alltag!? Das stimmt doch gar nicht!“ Dazu haben einige von ihnen ebenso wenig Bezug wie die Alltagsperson zum Trauma. Auch hier gibt es den Bedarf sich mit den unterschiedlichen Stärken kennen zu lernen.

Mit der Sichtweise von gegenseitiger Zeugenschaft muss vielleicht weniger um wahr oder unwahr und glauben oder nicht glauben diskutiert werden. Man kann sich im Innen annähern und sich einfach mal unvoreingenommen zuhören. Die Erzählungen von Traumata musst du als Alltagsperson zunächst genau so wenig direkt auf dich beziehen, wie du es bei einer anderen Betroffenen im Außen tun würdest. Es ist dir persönlich als Alltagsperson nicht sofort mehr passiert, nur weil du andere in dir ernst nimmst. Deswegen warst du damals immer noch nicht dabei. 😉 Umgekehrt ist den Innenpersonen nicht weniger passiert, nur weil du nicht direkt betroffen warst und das für dein Leben verneinst. Niemand muss verändert werden oder sich anpassen. Es geht nicht um ein überzeugen wollen. Die vielen Erlebensweisen können gleichberechtigt gleichzeitig nebeneinander stehen.
Wie für den Körper gute Kompromisse aussehen und man die Erfahrungen teilt kommt später und ist nochmal eine ganz andere Sache. 🙂

„Ich darf heute Zeugin der Lebensrealität einer Innenperson sein und als Zeuge glaube ich ihr.“

22 Kommentare zu “Von innerer Zeugenschaft

  1. Für mich sehr spannend zu lesen! Es lässt mich jene junge Frau, von der ich schon mehrfach hier erzählt habe, im Nachhinein noch besser verstehen.

    *

    Mit einer ihrer Innenpersonen, jener, die letztlich alles Leid auf sich nahm einschließlich der „Schuld“ daran, hatte ich sogar neben der Alltagsperson Kontakt. Sie selbst hat mir eines Tages geschrieben. Das war zutiefst berührend aber auch ganz und gar nicht einfach für mich … –

    Es quält mich sehr, nichts mehr von ihr erfahren zu können. Sie war noch lange nicht so weit wie Du, wie Ihr …

    *

    Mir geben Deine /Eure Texte viel, weil ich seither nicht mehr aufhören kann und will, mich solchen Themen, mich Menschen, die so etwas durchleben mussten, zu stellen. Es wird viel zu viel weggesehen, gerade in und für diesem/n Bereich …

    Dankeschön also, und ganz liebe Grüße!

    • Es freut mich, dass wir auch für dich damit ein Puzzlesteinchen zum Verstehen beitragen konnten. 😊

      Ganz sicher war die Begegnung mit dir auch für die junge Frau wichtig. Manchmal kann man in diesen Bereichen nicht verhindern, dass Kontakte abgebrochen werden. Gründe dafür gibt es viele.

      Es ist schön zu merken, wie sehr du dich für das Thema interessierst und engagierst. Mach aber bitte auch mal Pause mit dem Thema. Andauernde Auseinandersetzung ist zu viel. Nicht mal ich, kann mich ständig damit beschäftigen und muss ab und an auch einfach mal heile Welt machen. 😉

      • Das ist ja lieb von Dir. Ich nehme es mir zu Herzen, denke auch an anderes. – Aber mein Interesse wird nie mehr verschwinden. Das hat jene junge Frau damals geweckt, und ich fände es nun noch schlimmer, wegzuschauen.

        Sie war damals so froh, dass überhaupt jemand ehrliches Interesse und Verstehensbereitschaft signalisiert hat. – Das hat mich zutiefst beeindruckt und hat mich seither auch geprägt in dieser Richtung.

        M;ein Interesse und meine Sensibilität werden also bleiben, für sie und für alle, die etwas ähnlich Grausames durchmachen mussten.

        Nochmals liebe Grüße!

      • Hallo Sternfuesterer,
        Ich freue mich über dein Interesse an diesem Thema. Ich kann so gut nachvollziehen, dass die junge Frau froh war über dein ehrliches Interesse und deinen Wunsch zu verstehen.
        Selbst wenn ich denke, dass es selbstverständlich sein sollte, dass wir uns für einander interessieren, so zeigt die Realität, dass es weit entfernt von selbstverständlich ist. Daher meinen herzlichen Dank an dich, dass du auch weiterhin hinsehen willst.
        Liebe Grüße
        „Benita“

  2. Wow Sophie!! Ein toller Text. Du sprichst mir aus dem Herzen. Da sind so viele Fragen, so viel ist unverständlich, eigentlich ist es einfach und verständlich so wie du es schreibst. Dennoch bleibt es doch unverständlich und emotional nicht nachfühlbar. Es bleibt die Spaltung, die Trennung, das nicht nachvollziehen können. Eine tolle Erklärung! Vielen Dank dafür!! Liebe Grüße Lisa

  3. Ich sitze schluchzend vor dem Bildschirm… Gut, die Therapiestunde heute und das dort angesprochene äußerst heikle Thema waren schon sehr belastend. Und ich sitze dort, kann mir einmal mehr selbst nicht glauben, was ich Frau Wunder erzähle (jemanden aus Innen erzählen lasse) und fühle, komme nach Hause und darf diesen Text von dir lesen… ❤️

    • *kleinen Tröstekoffer pack* *Taschentuch hinhalt* ❤️
      Manchmal ist aber auch alles einfach viel und man weiß nicht, was man glauben soll. Wein den Druck ruhig einfach raus und gönn dir etwas Ruhe. Für heute hast du/habt ihr schon so viel gearbeitet. Wenn ich dir noch was Gutes tun kann, lass es mich wissen. Ansonsten sitze ich hier einfach auf der anderen Seite deines Bildschirms und sehe und verstehe dich. 😊

  4. Wow Sofie, danke.
    Es ist auch unser Thema wie du weiß, dieser Zweifel und nicht glauben können.
    Selbst wenn ich die Theorie der Abspaltung kenne, könnte ich doch nicht glauben.
    Mit deinen Worten ermöglichst du mir die Praxis zu verstehen und schenkst uns allen eine neue Sichtweise. Ja, das könnte echt helfen den anderen in uns zu glauben und mitzufühlen, egal was sie von sich geben, egal wie schlimm es ist, egal wie unglaublich es sich für mich und andere aus uns anhört.
    Danke ❤

  5. Liebe Sofie,
    Herzlichen Dank für diesen wunderbaren Beitrag, der vieles klarer macht. Ich glaube auch einen Unterschied zwischen DIS und DDNOS zu verstehen. Selbst wenn auch ich Alltagspersonen habe, könnte ich als eine Alltagsperson (da gibt es mehrere) nicht die Zeugin der traumatisierten Innenwesen sein. Dafür bin ich zu sehr betroffen, auch wenn ich nicht erinnere, spüre ich deren Gefühle bei Erinnerungen zu nahe, sie sind dann ein Teil von mir. Allerdings ist das noch nicht lange so. Aber ich konnte und könnte nicht sagen, es ist deren Erleben.
    Es ist sehr interessant für mich zu lesen, dass ihr das anders empfindet.
    Ganz liebe Grüße
    „Benita“

    • Oh, das finde ich jetzt auch sehr interessant! Danke dir, du diesen Unterschied in deinem Erleben so zurückmeldest! Das macht uns umgekehrt grade auch etwas vom Erleben bei DDNOS klarer.

      Liebe Grüße!
      Sofie 🙂

      • Drückt doch eure Erkenntnisse nochmal aus, bitte… oder ich versuche mal, was ich verstanden habe: Bei DIS fühlt es sich wie Zeugin sein, emotional unbeteiligt…bei DDNOS fühlt man die Gefühle der erlebten Innenwesen? Hm…aber ich kann doch mitfühlen und die Gefühle haben und Zeugin sein, wenn mir eine Freundin was erzählt?? Ich verstehe eure Gedanken leider nicht, obwohl sie spannend klingen…

      • Ich versuch’s mal mit dem, was ich verstanden habe. 🙂
        Ich habe Benita so verstanden, dass sie nicht nur emphatisch mitfühlt, sondern direkt gleichzeitig mit ihrem inneren Anteil empfindet, dass die Gewalt ihr passiert ist. Für sie gibt es im Moment der Erinnerung, also den Abstand nicht im Sinne von das bin ich und ein anderer Anteil erinnert sich, bzw. mich gerade. Sie ist nicht Zeugin, sondern auch gefühlt direkt Betroffene.
        Ich hoffe das habe ich jetzt so richtig verstanden. 😊

      • Ja genau Sofie. Es ist nicht Empathie, die ich empfinde. Ich erinnere anders.Ganz lange habe ich Erinnerungen wie Gedanken von Innenwesen zugeflüstert bekommen. Ich konnte aber nie sagen, das geht mich nichts an, weil ich so massive Kopfschmerzen und andere körperliche Beschwerden bekommen habe, sobald ich es versuchte. Ich musste schlucken und mir eingestehen, o.k. offenbar hab ich das erlebt. Heute bin ich mittlerweile dort, dass Erinnerungen mit Gefühlen kommen (also nicht nur Gedanken) und dann kann ich auch tagelang total zusammen brechen, weil die Wucht des Gefühls mich mitreißt. Da ist dann klar, ich hab es erlebt. Und das obwohl ich nichts über die Gewalterfahrungen erzählen könnte, auch nicht mehr erinnern, als die Sequenz, die die traumatisierte Innenperson erzählte.
        Danke für euer Interesse. Ich hoffe, jetzt ist es klarer. 😊

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