Aushalten

„Was soll ich denn noch tun? Ich vermeide jeglichen Kontakt, ich lasse mich auf keine Einladung zum Kaffee mehr ein, ich habe mich zurück gezogen wie ein Bücherwurm, aber immer wieder übernimmt der, sobald auch nur vier Leute auf einmal auftauchen. Und das alles nur, weil die bescheuerte Therapeutin gerade diese alte Geschichte bearbeitet. Ich hab keinen Bock mehr und schon gar keine Nerven!“

„Bingo!“, hätte ich beim Lesen dieser Zeilen am liebsten geschrien. Genau so fühle ich mich grad. Wie ein Krebs, der rückwärts vorwärts geht. Manchmal steht man als Außenperson da und kann bei aller Mühe nicht mehr tun, als aushalten. Das Außen und das Innen. Es ist frustrierend zu bemerken, dass die eigenen Wünsche und Vorstellungen manchmal hilflos an der Realität abprallen. Vor allem trifft es dann, wenn man sich eigentlich auf ein Treffen mit Freunden, eine Feier, einen Job oder etwas anderes Tolles freut. Dennoch bleibt wieder nur die Absage. Körper und Psyche können nicht. Da hilft die ganze Therapie nichts. Im Gegenteil. Manchmal wackelt sogar für einige Zeit der mühsam aufrechterhaltene Alltag erst recht. Irgendwo hat man eben doch nur den einen Körper.

Besonders blöd ist das Gefühl, mit dem ganzen Unvermögen alleine da zu stehen. Man spürt als Außenperson oft einfach nur, dass etwas nicht geht. Nicht immer hat man das Glück großartige Erklärungen dafür zu erhalten. Am Anfang der gemeinsamen Arbeit bleiben diese vielleicht sogar überwiegend aus. Das Innen verkrümelt sich im Trigger. Dadurch ist es für Alltagspersonen oft schwer nicht zusätzlich in die Selbstabwertung zu Fallen. Wenn man scheinbar „grundlos“ etwas wichtiges nicht tut, liegen Schlüsse wie „Faulheit“ und „mangelndes Durchhaltevermögen“ nahe. Keine Erklärung für das eigene Verhalten zu haben heißt allerdings nicht, dass es nicht gewichtige Gründe dafür gibt. Diese Hürde lernt man erst mit der Zeit besser zu nehmen, wenn man die eigene Innenstruktur versteht. Diese Symptomatik ist typisch für Dissoziation. Persönlich weiß ich mittlerweile viel darüber und kann einige Dinge im Innen händeln. Dennoch bleiben auch bei mir Momente von maximalem Frust nicht aus.

Die Reaktionen voll Unverständnis aus der Unwelt machen die Situation nicht leichter. Wir können ja verstehen, dass es komisch erscheint, wenn wir einerseits nicht in der Lage sind zu arbeiten, andererseits privat durchaus auch mal mit Freunden Kaffee trinken gehen.
Es sieht vielleicht nicht nach „Wir tun was wir können“ aus. Aber es ist genau das. Vermeintlich lockeres Kaffeetrinken kostet oft die letzte Kraft für ein miminmales Stückchen von Normalität. Es sind unsere mühsamen Versuche von „Zurück in den Alltag“.

Wir sind viele.
Wir müssen unsere inneren Spannungen gegenseitig aushalten und oft genug auch die äußeren Widerstände.

Die Therapeutin wird mit Stefan, vermittelt über Rose, besprechen, dass es wirklich ein großer Erfolg ist, dass weder Johanna noch Peter ihr Programm durchziehen konnten und die kleinen gerade besser schlafen. Aber die kleine Jutta, die, um deren Erfahrungen es in der letzten Zeit ging, wird noch eine ganze Weile Bauchschmerzen haben, die Johanna für Menstruationsbeschwerden hält.

[Anmerkung „Sofies viele Welten“: Johanna= Alltagsperson; Peter = Innenperson von Johanna mit bockiger, sturer Präsenz]

Zitatquellen:
Lydia Hantke in Michaela Huber, Viele sein. Ein Handbuch, Junfermann, Paderborn 2011, S. 460

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10 Kommentare zu “Aushalten

  1. Mich schockiert gerade, wie sehr ich mich in Eurem Text wieder finde, ihr lieben bunten Schmetterlinge…! *uffz*
    Haltet weiter durch! 🤗

    Mein Nacken schmerzt vom vielen, heftigen Nicken.

    Vielerlei Grüße aus der Himbeersplitterei von Himbeere

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