Was ich heute verstehe…

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…und was mich die Dissoziation zu Beginn meiner Therapie verstehen lies, sind teilweise zwei völlig unterschiedliche Paar Schuhe. Besonders bewusst wurde mir das nochmal, als ich in einem Buch blätterte, in dem ich schon öfter gelesen habe. Die Informationen waren immer in der selben Form darin enthalten, aber sie kamen einfach nicht bei mir an. Gestern viel mir auf, dass ich sie ganz selbstverständlich annehmen konnte. Das liegt vor allem daran, dass wir über die Jahre Fortschritte gemacht haben und dadurch auch anders fühlen dürfen.
Einige Punkte und Gedankengänge möchte ich in diesem Beitrag im direkten Vergleich von früher zu heute aufgreifen.

„Traumatische Ereignisse können vollständig abgespalten sein. Die Opfer entwickeln häufig eine Amnesie für das Unaushaltbare. Das lässt sich mit den Traumamechanismen sehr gut erklären. Bei Alltagspersonen ist das sogar meist so, dass sie sich an nichts erinnern.“

Damals:
Jaaa, das sagen die so. Aber insgeheim wissen die anderen Opfer doch bestimmt trotzdem schon immer was passiert ist oder haben es zumindest geahnt. Wer weiß, ob sich das bei denen wirklich so angefühlt hat, wie bei mir. Außerdem habe ich eine gute Merkfähigkeit. Da wäre mir doch etwas aufgefallen. Und Alltagsperson… Hmm… Die Theorie ist ja gut, aber bin ich denn überhaupt eine und könnte das Grauen wirklich so an mir vorbeigegangen sein?
Heute:
Mist. Ich habe wirklich extrem viel vergessen. Ja, manches war KOMPLETT weg und das war mir lange gar nicht bewusst. Wenn ich heute zurückblicke, gab es sogar die Punkte, die mich hätten etwas von dem Grauen ahnen lassen können, aber die hatte ich zum damaligen Zeitpunkt völlig verdrängt, bzw. falsch eingeordnet. Alltägliches heißt für ein Kind Normalität, was aber wiederum nicht heißt, dass es wirklich „normal“ ist. Mein Leben ist tatsächlich an vielen Stellen ganz anders verlaufen, als ich es mir jemals hätte ausmahlen oder vorstellen können. Das tut verdammt weh, aber es ist die Wahrheit.

„Es gibt Zweifelprogramme“

Damals:
Bei Anderen vielleicht. Aber wer sagt mir, dass ich vielleicht nicht wirklich nur gut Schauspielere oder meine Phantasie mit mir durchgeht und meine Zweifel berechtigt sind. Ich muss einfach Abstand zur Thematik halten, bevor ich verrückt werde.
Heute:
Diese Zweifelprogramme gibt es tatsächlich. Sie haben über lange Zeit verhindert, dass ich mich auch nur in irgendeiner Form wirklich mit dem Innen beschäftigen konnte. Sie haben mir über manche Strecken vorgegaukelt, dass ich vielleicht doch nur „Eine“ bin. Das war wichtig, aber es hat auch verhindert, dass wir wirklich gemeinsam heilen konnten und das Erlebte verarbeiten. Ich konnte keine „Kleinen“ versorgen und keine Erinnerungen wegstellen, geschweige denn mich orientieren, denn vielleicht war das alles ja gar nicht da!? Wirklich besser ging es uns erst, als wir uns auf unser Viele sein einlassen konnten.

“ Multis hören die Stimmen ihrer Innenpersonen“

Damals:
Ich hör nix.
Heute:
Ich höre die Innenleute sehr wohl in meinem Kopf. Aber in stressreichen Zeiten, wird das hervorragend dissoziiert. Dann kommt von den Anderen bei mir nichts mehr an und ich fühle mich wie eine funktionierende leere Hülle. Es kostet mich einige Anstrengung den Kontakt dennoch zu halten. Nicht immer macht sich eine Innenperson bei mir lautstark bekannt. Manchmal kommunizieren wir eher über Gedanken. Dann fühlt es sich so an, als würden sich „fremde“ Gedanken unter meine mischen. Das kann sehr subtil sein. Es kommt auch vor, dass ich einfach nur bemerke, dass ich mich kleiner fühle oder mein Körpergefühl sich verändert, wenn eine andere Person nahe an mich heran rutscht.

“ Du bist dissoziativ. Manches bekommst du gar nicht mit.“

Damals:
Ich bekomme immer alles mit. Aktuelle Amnesien hab ich nicht.
Heute:
Doch, ich hatte und habe im Alltag Lücken, allerdings bekomme ich das nicht immer mit. Da greift bei mir tatsächlich die klassische Amnesie für die Amnesie. Und wenn ich das mal bemerkt habe, dann habe ich auch das wieder schön geredet. Das lief dann ganz nach dem Sinn: „Also das kann ja mal passieren, dass man einfach Dinge im Schrank vorfindet, die man nicht bewusst gekauft hat. Das geht sicher jedem so.“ Oder: „Naja, ich war im Gespräch eben kurz unaufmerksam. Das Thema ist mir einfach komplett durchgerutscht.“

„Manchmal treffen Multis auf Menschen, die sie nicht erkennen. Das Gegenüber jedoch erkennt sie wohl.“

Bis zum Tag X hätte ich das absolut verneint. Dann habe ich bei einer Veranstaltung einen vermeintlich fremden Mann getroffen, der in mir Panikattacken ausgelöst hat, wie ich sie in der Öffentlichkeit bis zu diesem Zeitpunkt selten erlebt habe. Er hat mir freundlich zugewunken und machte den Eindruck mich zu kennen. Ich dachte ich muss ersticken und hatte Bilder im Kopf, wie genau dieser Mann mich missbraucht. Geglaubt habe ich mir das zunächst nicht und versucht die Erfahrung als Trigger wegzustellen. Tage später befand sich ein Foto von ihm in der Zeitung, das ich aus Zufall einer Bekannten zeigte. Als diese zu mir sagte: „Na, das ist doch der Soundso. Erinnerst du dich gar nicht. Der ging doch früher bei euch ständig ein und aus“, wäre ich fast vom Stuhl gekippt.

Unser Fazit:
Solange die Dissoziation hoch ist, verbirgt sie sich praktisch selbst. Die besten Erklärungen helfen an bestimmten Stellen wenig, wenn man es selbst so einfach noch nicht fühlen und damit nachvollziehen kann. Bestimmte Dinge werden erst im Laufe der Therapie verständlich, wenn schon einiges verarbeitet wurde und damit die Dissoziation langsam sinkt. Erst wenn sich der Nebel lichtet bemerkt man plötzlich Dinge, die darin bis dahin verborgen waren. Es braucht das Vertrauen sich auf Therapie einzulassen, obwohl man selbst anfangs manchmal nichts oder nicht viel mehr als ein ganz schwammiges, dumpfes Gefühl zu seiner Vergangenheit und der eigenen Innenwelt hat. Der Psychotherapeut ist dabei gleichsam der Guide durch den dichten Dunst der Dissoziation.
Und: Es lohnt sich! Ich bin um jedes Stück von mir, dass ich wieder habe dankbar. Damit geht es uns so viel besser.

15 Kommentare zu “Was ich heute verstehe…

  1. Mir ist beim Lesen bewusst geworden, wie lang und beschwerlich Dein Weg aus dem Nebel war und ist. Aber weißt Du was?

    Dieser Text hier hat mich mit ider Zeile mehr wahrhaftes Glücksgefühl für Dich empfinden lassen, darüber wie mutig, wie entschlossen, wie reflektiert Du diesen Weg siehst und weiter gehst. Und darüber, wie weit Du auf ihm schon gekommen bist.

    Ich kann die Leistung, die Stärke, die Kraft, die Du dafür aufgewendet hast und immer noch aufwendet, nur erahnen, aber sie ist unglaublich groß.

    In mir ist ganz viel Zuversicht, dass Du diesen guten Weg, Deinen Weg, weiter zu gehen imstande bist, wissend, dass Du dabei auch ganz schwere Zeiten meistern musst, nach wie vor.

    Dass Du Deine Erfahrungen hier auf die Weiße teilst, wie Du das tust, ist, da bin ich mir sicher, ganz vielen Menschen, die leider ähnlich Furchtbares wie Du durchmachen mussten, sowohl große Hilfe als auch größer Ansporn für sich.

    Du tust etwas sehr Wertvolles indem Du hier schreibst.

    Mit ganz viel Respekt, Wertschätzung und Sympathie für Dich und alle Schmetterlinge wünsche ich Dir einen schönen Maifeiertag.

    Sehr liebe Grüße!

    • Lieber Sternenflüsterer,
      ich Danke dir für dein Lob und deine Zuversicht! 😊

      Ich freue mich sehr, wenn meine Gedanken anderen weiterhelfen. Dann lohnt sich die Auseinandersetzung doppelt. 😊

      Wir wünschen dir auch einen wunderschönen ersten Mai! ☀️🦋🙂

  2. Wow, du hast echt einen langen und schmerzhaften Weg hinter dir! Du kannst wirklich stolz auf dich sein. Ich kann mir vorstellen, wie schwierig das für dich sein muss und wieviel Angst das auslöst. Danke für diesen Text, er hat mich sehr berührt und mir Mut gemacht.

      • Genau so ist der Heilungsweg bei DIS liebe Sofie.
        Ich könnte es nicht besser beschreiben. Die Angst vor dem Erkennen überwinden heißt lebendig werden Schritt für Schritt. Damit lösen sich Ängste auch wenn sie zuvor erst bewusst zu Tage treten.

        Wieder einmal ein wunderbarer Beitrag. Danke ☺️
        Herzliche Grüße
        „Benita“

  3. Suuuuper Text… ja… und doch auch schmerzhaft, wenn die Dissoziation „langsam sinkt“… und das Wahrnehmen von manchem erst beginnt… das macht es nicht immer gleich einfacher… gar nicht… aber auf jeden Fall stimme ich zu: „Ich bin um jedes Stück von mir, dass ich wieder habe dankbar.“ Ich auch… und ja: Es lohnt sich!!

    • Danke dir für das Lob! 😊
      Wie schön, dass du deinen Prozess für dich auch als etwas Positives empfindest! Ich finde das ist die beste Bestätigung, dass die Auseinandersetzung mit dem Trauma sinn macht.

  4. Puuuh, an vielen Stellen kann ich mein Erleben in deinen Zeilen wieder finden. Manchmal so ziemlich genauso, wie du es schreibst, manchmal ein wenig anders. Was bleibt ist die Erkenntnis, wie weit ich (und du/ihr) schon gekommen bin, denn auch ich habe gerade letztens mit Frau Wunder nochmals darüber gesprochen, was ich zu Anfang meiner Therapie alles nicht wusste/erkennen/deuten konnte und somit der Therapeutin auch nicht mitteilen konnte und wie viel klarer es jetzt ist. Doch ja,… Mit dieser Klarheit kommt auch mehr Schrecken und Grauen hervor, was es auch irgendwie zu „prozessieren“ gilt. All dies in Einklang oder ersteinmal unter (m)einen Hut zu bringen, überfordert mich noch oft.
    Auch, weiß ich noch immer nicht genau um die „Stärke“ der Spaltung Bescheid. Viele in mir. Ja. Aber wie gespalten mein Ich tatsächlich ist, das weiß ich bisher nicht. Und so bleibt irgendwie die Angst vor dem, was sich da an Abgründen noch auftun wird, wenn der Nebel sich weiter lichtet.
    Danke für diesen Beitrag von dir 🙂

    • Wenn der Beitrag die Erkenntnis angestoßen hat, wie viel du schon geschafft hast, dann hat sich das Schreiben doppelt gelohnt. 😀 Ich finde das so wichtig, dass man auch das immer wieder sieht.

      Ich glaube, das ist ganz normal, dass man mit all dem oft überfordert ist. Das Grauen muss man einfach erst einmal im Alltag managen lernen und selbst dann wird es Momente geben, in denen einfach alles zu viel ist. Diese „Auszeit“-Momente stehen einem aber auch zu, bei allem, was es mit einer derartigen Geschichte zu halten gilt.

      Ich find’s in manchen Momenten ganz gut, dass ich nicht genau weiß, wohin mein Weg noch führen wird und wie sich das Ausmaß ganz am Ende darstellt. Sonst würde ich wahrscheinlich wahnsinnig werden und vor Überforderung erst gar nicht weiterlaufen. 😊

      Liebe Grüße,
      Sofie

      • Mir gibt es, bzw. gab es immer wieder Sicherheit zu wissen, dass nur soviel aus den Untiefen des Verdrängens oder von dissoziieren Anteilen in mein Bewusstsein kommt, wie ich ertragen konnte. Denn dass ich es ja ertragen habe zu erinnern, eins nach dem anderen, das ist ja klar. Sonst gäbe es uns ja nicht mehr.

        Ich wünsche dir einen schönen Tag.
        Liebe Grüße
        „Benita“

  5. Wow, Sofie ihr habt echt viel geschafft. Auch ich erkenne mich wieder, leider mehr in dem von dir beschriebenem Damals. Aber zum Glück nicht nur.
    War für mich auch ein Schock zu entdecken eine Monate lange Beziehung komplett verdisst zu haben und nicht mal von dem Mann zu wissen dem ich (?) Liebesbriefe schrieb, schon arg krass!
    Wegen meinem Artikel zu den DIS Test Fragebogen, überlege ich gerade, wie diese Test denn in dieser Phase jemals richtige Aussagen treffen können. Diese Fragen haben wir, ne ich, ja auch verneint. Klar gab und gibt es welche die mich (?) kannten, ich die aber nicht. Ich dachte dann immer, die verwechseln mich mit anderen. Entsprechend kreiste ich 0% an und die Test waren ?für die Katz? Irgendwie wurde die Diagnose trotzdem gestellt damals und wurde von mir auch verdisst. Aber wenn die Ärzte es nicht zufällig selbst merken und sich nur an diesen Tests orientieren, wie hoch ist dann die Zahl der falschen Diagnosen? Und damit falscher Therapie…
    Danke für diesen Beitrag und liebe Grüße

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