Sag du mir, was ich glauben soll…

„Glauben Sie mir?“ oder „Denken Sie, dass es wahr ist?“ sind wohl Fragen, die jede Überlebende im Laufe ihrer Therapie immer wieder stellt. Über lange Zeit braucht es die Rückversicherung der Therapeutin, wenn im Innen die Zweifel toben. Eines vorab: Es ist im Heilungsverlauf für die Opfer gut, wichtig und richtig sich diesbezüglich bei anderen Menschen rückversichern zu können. Wir sind froh, damals eine Therapeutin an unserer Seite gehabt zu haben, die in den größten Zweifeln die Fahne für uns hoch hielt und uns ohne Kompromisse glaubte. Sie hatte den Mut für uns Position zu beziehen und diese offen auszudrücken. Außerdem möchte man als Mensch auch einfach wissen, was das Gegenüber von der eigenen Geschichte denkt.
Wir wollen in diesem Beitrag heute allerdings den Fokus auf einen anderen Blickwinkel bezüglich der „Glaubensfrage“ richten, den wir an manchen Stellen für sehr wichtig halten. Dafür wollen wir ein bisschen von unseren Erfahrungen erzählen.

Wir springen in der Zeit zurück, an einen Punkt in unserer Therapie an dem Sätze wie „Sie glauben uns doch, oder!?“ und „Halten sie das für wahr!?“ etwas überspitzt dargestellt jedem zweiten Satz folgten. Wir erzählten eine schmerzvolle Erinnerung, die wir in jeder Faser des Körpers spüren konnten und spätestens danach stellten wir die Frage aller Fragen. An vielen Stellen wäre im Nachhinein betrachtet „Darf ich mir glauben!? Dürfen wir uns glauben?“ die passendere zugrundeliegende Frage gewesen. Es ging um die Absolution der eigenen Wahrnehmung vertrauen zu dürfen und nicht darum die Erfahrungen an sich als wahr einzuschätzen. Das wiederum ist von Tätern aufgezwungenes Verhalten.
Wer in Kreisen der organisierten und ritualisierten Gewalt aufwächst, lernt von den Tätern, was er glauben darf und was nicht. Früh wird festgelegt, welche Gedanken zulässig oder völlig abzulehnen sind. Das Kind wird qualvoll darauf trainiert, sich bei unerwünschten kognitiven Vorgängen „richtig“ zu verhalten. Wirkliches Erinnern zählt mit Sicherheit zu den Komponenten die diese Verbrecher mit allen Mitteln zu verhindern versuchen. Die Bandbreite der Programmierungen, die darauf abzielen, ist groß. Eine Schlüsselposition nehmen dabei die „inneren Zweifler“ ein. Unter Qualen haben sie ihren Job gelernt. Sie führen ihn meist bis weit in die Therapie mit Perfektion aus. Oft genug liegt unter ihrem beständigen Hinterfragen der Erinnerungen der gesamte Entwicklungsprozess lahm. In der Kindheit mussten die heutigen Innenpersonen immer wieder nach versteckten Schlüsseln bei den Tätern Ausschau halten, die Ihnen intuitiv verrieten was sie glauben dürfen.
Das machen sie später auch bei den Unterstützern. Sie könnten ja verdeckt zu der Tätergruppe gehören und sie nur testen wollen. Das wäre gefährlich! Stellen die „Zweifler“ die „Glaubensfrage“ in der Therapie geht es deshalb oftmals nicht um die Validierung der Erinnerungen, sondern um eine Einschätzung, wie sie ihre Arbeit machen sollen. Das wollen sie von der Therapeutin wissen. Denn sie entscheiden das nicht selbst. Sie erwarten eine Anweisung. Die Therapeutin tut gut daran, keine Anweisungen zu erteilen. Dann nämlich stellt sie sich auf Täterebene! Für Überlebende bedeutet es eine Menge Arbeit zu lernen, dass sie nach dem Ausstieg letztlich selbst entscheiden dürfen, was ihre Wahrheit ist.

Offene Antworten seitens der Unterstützerin wie „Ich glaube euch, was ihr erzählt. Dennoch geht es nicht darum, was ich glaube, sondern darum, was Ihr als euere Wahrheit anseht und euch selbst glauben wolllt,“ können eine erste Anregung in die Richtung sein irgendwann diese Entscheidung auch selbst zu treffen. Außerdem halten wir es für wichtig, dass die „Zweifler“ aktiv mit ihrer Geschichte in die Therapie einbezogen werden. Alleiniges bejahen der „Glaubensfrage“ führt sonst in manchen Situationen wohl eher zu einer Verstärkung der Zweifel, als zu einem festen Halt, an dem entlang innere Entwicklung geschehen kann. Immerhin sind die Zweifler ursprünglich ja dazu da, um das realisieren der Gewaltgeschichte zu verhindern. Für Innen, aber auch nach Außen! Niemand soll wissen, was ihnen tatsächlich zugestoßen ist. „Glauben sie mir?“ beinhaltet also zeitgleich auch immer die Frage: „Habe ich als „Zweifler“ etwas falsch gemacht?“ So sichern sie ab, am Leben zu bleiben. Mit ihrer Rolle übernehmen Sie im System eine wichtige Schutzfunktion, die nicht einfach übergangen werden kann. Sie verhindern die Überflutung mit unaushaltbarem Traumamaterial und garantieren mit ihrem Verhalten nach außen, dass Täter keinen erneuten Handlungsbedarf sehen.

Welcher Aspekt in der jeweiligen Situation nun hinter diesen Fragen nach Wahrheit und Realität steht, muss natürlich erst einmal im gemeinsam Gespräch erläutert werden. Nicht immer ist es der Wunsch nach „Arbeitsanweisung“, wie wir ihn hier in diesem Artikel besonders aufgegriffen haben. Wenn es allerdings darum geht, sollte auch nicht vergessen werden, dass niemand gerne seinen Job verliert – auch zweifelnde Persönlichkeitsanteile nicht. Ein „Du darfst dir glauben und musst nicht mehr zweifeln“ greift zu kurz. Damit nimmt man ihnen ihren Sinn und das kann in massive Krisen stürzen. Für was sind sie und ihr Leben dann noch wichtig? Sie brauchen sinnvolle Alternativen zu ihren bisherigen Aufgaben. So könnten Sie etwa zunächst bewusst mithelfen Traumamaterial nach den Stunden wieder zu distanzieren, indem sie den Erinnerungen eine „neutrale“ Ebene verpassen. Wer gut im Hinterfragen ist, hat in der Regel auch ein waches Gefühl dafür, ob ein Erinnerungspuzzlestück an der richtigen Stelle eingeordnet ist oder ob die Schnittstellen unstimmig sind. Sie könnten die Aussagen der Täter auf ihren Wahrheitsgehalt untersuchen. Neue Personen im Außen können von Ihnen erst einmal auf ihre Vertrauenswürdigkeit unter die Lupe genommen werden. Oder die einzelnen Innenpersonen haben selbst eine Idee, wie sie ihre Schutzfunktion den neuen Umständen anpassen.

25 Kommentare zu “Sag du mir, was ich glauben soll…

  1. Vielen Dank für diesen Einblick!
    Das Thema ist für mich ja neu, aber ich finde, du zeigst hier sehr anschaulich und verständlich, was hinter dieser Frage steht, wie es dazu kommt und was für Auswirkungen verschiedene Reaktionen darauf haben können.

    Alles Liebe! ❤

  2. Glauben… oder zulassen?
    Wir kennen die Glaubensfrage auch. Wir hatten aber eher das Problem des sind wir wirklich ein“wir“?!
    Die Frage stellen wir uns nicht mehr. Das Leben wirt eindeutig. Aber wir sehen/ spüren keine Erinnerung die beeindruckend genug zu sein scheint, dass „Ich“, „wir“ wurde. Es scheint fast was sozialisiertes, ‚geerbtes‘, Dissoziation als Familien-Erleben und wir als Kleinste, die die es professionalisiert haben/ mussten um allen Zuständen gerecht zu werden.
    Immer wenn ich Euch lese, eure Welt versuche zu erahnen, kommt die Frage nach dem Recht des Wir sein bei uns auf. Ihr (üb)erlebt(et) so viel grausames…
    Wir sind einfach Wir geworden…

    • Niemand wird einfach so wir! Das Leben muss euch schon sehr übel mitgespielt haben, dass dieser Überlebensmechanismus greift. Eine DIS schaut man sich nicht ab. Dafür braucht es massive Traumata, die das Gehirn zu dieser Maßnahme zwingen. Was gut sein kann ist, dass die dazugehörigen Erinnerungen noch verschüttet sind. Wobei ich grade natürlich nicht weiß, was ihr als eventuell nicht schlimm genug empfindet. Manchmal ist die Wahrnehmung von Schlimm bei komplex traumatisierten Menschen auch sehr verschoben… Wenn ihr viele seid, dann seid ihr viele. Die Frage nach dem Recht dazu stellt sich nicht. Das ist ein Fakt. Egal was geschehen ist, es war grausam. Ihr dürft sein, so wie ihr seid. Jede und jeder von euch mit seiner Geschichte.

      Eine meiner schlimmsten Erinnerungen am Anfang war eine verschenkte Barbie, die eigentlich uns gehörte. Wir wurden nicht gefragt, man nahm sie uns einfach weg. Immer wenn diese Bilder kamen hat es mich innerlich zerlegt vor Schmerz. Die Kinder schrien. Das kann man sich von außen vielleicht schwer vorstellen, aber es war wirklich schlimm. Das galt es erst einmal so zu würdigen. Viele Jahre später habe ich erfahren, was andere Innens zusätzlich an Erfahrungen damit verbanden. Das lies mich einige Reaktionen besser verstehen und den Schmerz dahinter verarbeiten.
      Was ich damit aber eigentlich sagen will: Traumatische Erinnerungen sind oft sehr fragmentiert. Alles was Betroffenen bleibt ist sich erst einmal mit dem ernst zu nehmen, was da ist. Egal wie viel das ist. Bei Alltagspersonen ist das zu Beginn der Therapie meist recht wenig.

      Ich weiß wie schwer das ist, aber versucht euere Geschichte weniger mit der von uns oder anderen Vielen zu vergleichen. Ihr habt euere eigene. Die gilt es zu entdecken. Sonst fehlen die Vergleichswerte. Vor fünfzehn Jahren hätte ich meine Geschichte auch noch viel harmloser gesehen. Da war ich die weitestgehend blanke Alltagsperson. Euere Erlebnisse sind vielleicht anders, aber auch furchtbar. Ihr dürft das fühlen, was ihr fühlt. Niemand hat das Recht, das zu bewerten.

      Liebe Grüße und viel Kraft für eueren Weg!
      Sofie 🙂🦋

  3. Liebe Sofie, liebe Aquahocker,
    wir sind auch nicht einfach so geworden…Was aber für mich/uns so sehr wichtig geworden ist in all den Jahren, war unsere Wahrnehmung und den Sinn verstehen.
    Ohne die Erinnerungspuzzles fanden wir keinen Sinn. Die Erinnerungen – auch wenn sie uns manchmal zweifeln ließen – sie waren und sind immer noch – sooo wichtig für das Verstehen unseres eigenen Seins.
    Aber es ist wahr, die Wahrnehmung von Kindern ist anders als die von Erwachsenen und deshalb zweifelten wir oft – konnten nicht glauben, dass es so war, wie die
    Erinnerungen uns zeigten. Doch die durch die dazugehörigen Gefühlsphänomene haben wir mehr und mehr gelernt, dass dies echt war – auch wenn es dem Kopf unwahrscheinlich vorkam.
    Das Beispiel mit den Märchen gibt da vielleicht Aufschluß. Märchen handeln von Hexen, Riesen und Zauberwesen….dies ist so, und deshalb sind sie bei Kindern auch so beliebt – weil für Kinder sind Riesen eben Riesen, weil die Erwachsenen so groß sind im Verhältnis, so mächtig und unverständliche Dinge, die Erwachsene mit Kindern machen eben Angst macht und dann werden sie eben zu den bösen Figuren, Hexen etc. So habe ich es besser in meinen Schädel gekriegt, wie das funktioniert mit den Innenkindern und ihrer Wahrnehmung.

  4. Danke für diesen Beitrag. Ich bin nicht viele, aber diesen massiv zweifelnden, alles torpedierenden Persönlichkeitsanteil habe ich auch, seit so langer Zeit. Er zieht sich nicht zurück, er lässt sich nicht beschwichtigen. Er ist extrem stark.

    • Hallo,
      Danke dir für deine liebe Rückmeldung! 😊
      Ich glaube Zweifel an der eigenen Geschichte kennen sooooooo viele, auch ganz ohne Viele sein. Das hängt denke ich auch mit der Dissoziation an sich zusammen. Sie gibt traumatischem Erleben ja immer einen „traumhaften“ Charakter, bei dem es schwer fällt das Ereignis als zu sich gehörig zu empfinden, weil es eben abgespalten ist.

      Könnte es helfen, wenn du den zweifelnden Teil nicht beschwichtigst, sondern recht gibst und dir seine Sicht erzählen lässt? Worin besteht denn seine Angst? Warum findet er zweifeln wichtig? Je nachdem was er sagt, stimmt es ja z.B. auch wenn er sagt, dass ihm das Trauma nicht passiert ist. Diesen Part trägt ein anderer Anteil. Das sind keine wiedersprüchlichen Wahrnehmungen, sondern sie können gleichzeitig bestehen. Oder zweifelt er, weil er nur Bruchstücke kennt und ihm Erinnerungsteile fehlen? Dann ist da eine Erinnerung wirklich noch nicht ganz rund, was aber nicht heißt, dass sie deshalb nicht stimmt. Oder er versucht dir das Trauma erträglicher zu machen, indem er ein Stück davon mit Zweifeln wieder wegnimmt…. Das wären nur ein paar Ideen. Vielleicht helfen sie ja weiter.

      Ich finde Zweifel entstehen aus einem Mangel an Information. Diese Informationen schluckt beim Trauma die Dissoziation. Dagegen kann man erst einmal wenig tun und es braucht einfach Zeit, bis die Informationen ins Bewusst sein zurückkehren. Andererseits gibt es auch eine positive Seite: Wenn die Zweifel kommen, ist ein Teil des Traumas schon zurück im Bewusstsein. Sonst wären sie nicht da. 😉

      Liebe Grüße und schöne Pfingsten!
      Sofie 🙂🦋☀️

      • Wow, vielen Dank für deine Rückmeldung, die ist sehr wertvoll für mich! Sinnvolle Kommunikation mit diesem Anteil war bislang nicht möglich, dafür ist er viel zu abschätzig, gefühlsfeindlich, boshaft. Er hat eigentlich nichts als Herablassung übrig für alles, was mit Gefühl und Trauma zu tun hat, er weist Schuld zu, wenn man doch beginnt, das irgendwie zu glauben und zu kommunizieren. Und sein Zweck ist mir bislang auch nicht klar. Abgesehen von: das Trauma wegkämpfen, aber das funktioniert ja nun schon seit vierzehn Jahren nicht mehr zuverlässig. Thema ist und bleibt es trotzdem. Dass Erinnerungen und Beweise fehlen, spielt ihm natürlich in die Hände, ganz klar.

        Auch dir ein schönes Pfingstwochenende! 🙂

      • Sehr gerne!
        Beim Lesen haben wir gerade so gedacht, ob es wohl möglich wäre einen Kompromiss mit ihm einzugehen? Im Sinne von man begegnet ihm mit Respekt, bedankt sich für seine hervorragende arbeit und hört ihm zu. Er darf mit seinen Zweifeln sein und wird nicht mehr beschwichtigt, bzw. versucht einfach wegzustellen. Immerhin hat er etwas wichtiges zu sagen. Andererseits hört er aber auch auf (vielleicht am Anfang zeitlich auf z.B. eine Stunde, einen Tag… begrenzen, weil‘s doch ziemlich anstrengend ist) abwertend über die Anteile mit anderer Erlebensweise zu sprechen, hört zu und verhält sich zumindest neutral. Ihm dürfte ja auch daran gelegen sein, dass er die Fakten der anderen kennen lernt. Sonst kann er ja gar nicht wirklich abschätzen, ob die Erfahrungen letztlich stimmen oder nicht. Ein Kompromiss in diese Richtung mach vielleicht allen Begeiligten weniger Stress und man kann viel später entscheiden, was man letztlich für real hält, wenn die Puzzlestücke zusammengetragen wurden.

        Ist der zweifelnde Teil wirklich der Gleiche wie der „boshafte“ oder stehen sie nur in enger Verbindung (z.B. wenn der „boshafte“ auftaucht, muss ich zweifeln)? Gibt es eine reale Person im Außen, die du kanntest und die im Bezug auf deine Gefühle ähnlich abschätzig dachte wie er? Könnte es sein, dass er einen Teil dieser Person verinnerlicht hat, um dich vor ihren Reaktionen zu schützen, indem er sie in gewisser Weise vorwegnimmt und dich nieder macht? Das wäre doch an sich sehr nett von ihm, oder? Vielleicht kann man ja über die Schutzmöglichkeiten vor entsprechender äußeren Person mit ihm reden…

        Wenn die Gedanken unpassend sein sollten, darfst du sie gerne einfach verwerfen. Du musst sie auch nicht hier beantworten, wenn du nicht magst.

        Liebe Grüße,
        Sofie

  5. Danke für deinen Blog!

    Kennst du Dokumentationen oder Reportagen über ritualisierte Gewalt, die du empfehlen kannst? Ich kenne nur „Höllenleben“ vom Hessischen Rundfund irgendwann Anfang der 2000er, würde mich aber gern mehr damit beschäftigen.

    Liebe Grüße!

    • Hallo Mona,
      vielen Dank für deine liebe Rückmeldung! 🙂

      Mit Reportagen dazu ist es wirklich schwierig. „Höllenleben“ wäre mir jetzt spontan auch eingefallen. Ansonsten gibt es auf YouTube noch einige wenige, wenn man nach ritueller Gewalt oder Menschenhandel sucht. Da müsste auch eine bezüglich dem Fall Dutroux dabei sein. Ich kann sie dir hier nur leider nicht verlinken, weil ich grade zu wenig Datenvolumen zum Suchen habe. Vielleicht kann ich das zu späteren Zeitpunkt nachholen. Ich denk auch nochmal drüber nach, ob mir was in die Richtung Film oder Reportage einfällt.

      Ansonsten finden wir „Vater Unser in der Hölle“ ein gut recherchiertes Buch zum Thema Rituelle Gewalt von Ulla Fröhling. Es schafft den Spagat zwischen spannender Erzählung und Fachwissen sehr gut. Das macht es leserfreundlich.
      Als Standardwerk zum Thema „Viele sein“ und den Hintergründen ist für den Einstieg auch das Buch von Michela Huber „Multiple Persönlichkeiten – Überlebende extremer Gewalt“. Wenn du auch Bücher zum Thema Rituelle Gewalt suchst, kann ich hier gerne auch nochmal mehr einstellen.

      Liebe Grüße und schöne Feiertage!
      Sofie 🦋☀️

      • Vielen lieben Dank für deine Antwort! YT durchsuche ich gern selber mit deinen Stichworten, dann kannst du dein Datenvolumen schonen 🙂

        Ich kann gar nicht in Worte fassen was dein Blog mir gibt. Ich bin auf jeden Fall sehr dankbar für die Einblicke die du deinen Lesern gewährst und die Aufklärung.

        Ich habe auch mal eine Frage, falls du dazu schon mal etwas geschrieben hast, sag es einfach, dann such ich es mir raus.

        Im englischen Sprachraum gibt es bei DIS den Begriff des Hosts, das scheint aus meiner Nicht-Betroffenen-Sicht die „reale“, „äußerliche“ Existenz zu sein. Dazu gibt es dann ganz viele Innenpersonen.

        Ich als Nicht-Betroffene kann mir vorstellen, dass es, vielleicht in frühen Lebensabschnitten, eine Zeit gibt, in der dem Betroffenen nicht klar ist wer von den Vielen die „reale“ Person ist.

        Ich will jetzt nicht sagen, dass die Innenpersonen nicht real sind und ich würde auch dafür plädieren, dass alle Personen zum Gesamt-Wir gehören – ich weiß nur nicht wie ich mich besser ausdrücken soll.

        Deswegen finde ich den Begriff des Hosts für mich ganz greifbar. Ich selbst kenne nur sehr starke emotionale Empfindungen, die schon manchmal dazu geführt haben, dass ich gar nicht mehr wusste, wer ich selbst eigentlich bin. Und das wäre meine Frage: Können die Innenpersonen und der Host immer klar getrennt werden oder gibt es „Phasen“, in denen alles ganz konfus ist und man gar nicht mehr weiß wer man ist, weil man vielleicht gestern ganz untypisch gehandelt hat, weil eine Innenperson im Vordergrund war?

        Ich hoffe ich habe mich nicht zu blöd ausgedrückt oder ausversehen etwas verletztendes gesagt. Ich finde es gerade echt schwer mich treffend auszudrücken :/

        Liebe Grüße,
        Mona

      • Es freut uns wirklich sehr, dass dir unsere Texte so viel geben! 😊

        Mit Host bezeichnet man im Grunde die Innenperson, die im Alltag am häufigsten anzutreffen ist, bzw. bei manchen Multiplen auch eine Gruppe an Innenpersonen, die gemeinsam den Alltag managen. Sie sind aber nicht realer als andere Innenpersonen, die z.B. traumatische Erfahrungen tragen. Sie haben nur eine andere Aufgabe. Ich glaube das meintest du auch so, oder?

        Jetzt musste ich ein bisschen überlegen, wie das nun eigentlich mit dem Wissen um die Alltagsperson in der Kindheit war. Wenn ich jetzt einfach mal von mir ausgehe, hat sich die Frage wer nun wofür da ist, glaube ich, so nie gestellt. Ich war einfach da und hab viel im Alltag gemacht. In anderen Situationen war ich einfach weg. Von den anderen Innenpersonen hab‘ ich lange Zeit ja gar nichts gewusst, geschweige denn vom Ausmaß der Gewalt. Als Kind gab es für mich klar manchmal sehr komische Momente, wo ich beispielsweise nicht wusste, was ich in einem bestimmten Zeitraum gemacht hatte oder in denen mir etwas vorgeworfen wurde, was ich angeblich getan haben soll, aber ich konnte mich einfach nicht daran erinnern. Ich hab auch manchmal innere Gespräche geführt. Allerdings konnte ich das nicht einordnen. Ein Stück weit, war das für mich irgendwo normal. Mich gab‘s ja nie ohne die anderen.
        Wenn ich mit der Sichtweise eines Programmierers auf die Frage schaue, würde ich sagen, dass der sehr genau weiß, welchem Anteil er welche Aufgabe gibt und weshalb. Der kann auch sehr genau sagen, wie weit die Abspaltung bei einem Kind schon ist und wie gut sie ausdifferenziert ist. Insofern, wäre von Außen da schnell klar, wer wofür eine Innenperson zuständig sein soll.
        Ich merke gerade beim Schreiben, dass das sehr komplex ist. Im Zweifel einfach nochmal nachhaken bitte, falls was unklar ist oder wir an dir „vorbeigeschrieben“ haben.

        Das man mal nicht mehr weiß, wer jetzt eigentlich was macht und wo oben und unten ist, kann grade in stressigen Zeiten immer wieder vorkommen. Wenn Innenpersonen nahe an mir dran sind und teilweise„durch mich hindurchagieren“, tu ich mich manchmal durchaus schwer zu unterscheiden, zu wem das Verhalten gehört. Manchmal habe ich auch plötzlich Gedanken in meinem Kopf, bei denen ich erst einmal schauen muss, wem sie zuzuordnen sind. Das ist nicht immer ganz leicht und am Anfang war’s extrem schwer.
        An sich ist die „Trennung“ und Autonomie der Innenpersonen in konfusen Zeiten aber genau so gegeben. Daran ändert sich nicht grundsätzlich etwas. Lediglich die Wahrnehmung kann durch die Dissoziation erschwert sein.

        Du hast dich überhaupt nicht blöd ausgedrückt! Wenn du Fragen hast, frag einfach. Sollte ich was nicht verstehen, melde ich mich schon. 😉
        Ansonsten finde ich das Thema grade auch sehr spannend und vielleicht mag ja auch noch die ein oder ander Viele-Leserin von ihrem Erleben diesbezüglich erzählen.

        Liebe Grüße und sonnige Stunden! 🙂☀️🦋

  6. Wieder ein bewegender Eintrag von euch, Danke dafür! Ich bin immer wieder beeindruckt von den klaren und deutlichen Worten.

    Was ich mich frage, aber eigentlich nie zu fragen traute, war, worum es bei ritualisierter Gewalt wirklich geht. Geht es überhaupt um Rituale, und wenn ja, was sollen diese bewirken? Sind Rituale nicht lediglich ein Vorwand, um Gewalt ausüben zu können? Ihr müsst mir diese Frage natürlich nicht beantworten. Ich wollte sie nur mal aussprechen, weil sie in meinem Kopf herum spukt. LG!

    • Liebe Alenka,
      wie schön, dass du dich hier fragen traust! 🙂 Wir beantworten dir deine Fragen gerne aus unserer Sicht. Das würden wir allerdings mit einem separaten Beitrag tun. Wir könnten uns vorstellen, dass das für mehr Leser interessant ist und hier in der Kommentarfunktion versinkt es sonst so.

      Liebe Grüße und einen schönen Pfingssonntag!
      Sofie 🙂🦋

      P.s.: Es wäre schön, wenn Kommentare zu Alenkas Fragen von anderen Lesern, dann auch erst unter dem neuen Beitrag landen. Dann ist das Thema gebündelt. 😉

  7. Danke liebe Sofie. Auch ohne Dis machen mich die Zweifel an den Erinnerungen wahnsinnig. Ich würde so hoffen dass mir im Außen jemand die Antworten geben könnte. Doch das wird nichts. Ich hoffe, dass ich es irgendwann selber wissen werde, was war und was nicht. Ich glaube mir und doch kann ich nicht glauben was mir passiert ist. Das ganze artet aus. In mir. Wie kann man den Frieden mit sich selber schließen und sich Glauben. Was wenn mejn Hirn sich das alles doch nur ausdenkt. Das macht mich noch verrückt. LG Alice

  8. Hallo Ihr!
    Ich möchte was fragen: Was ist denn wenn man als notorischer Zweifler sich aber nicht daran erinnert, diesen Job bekommen zu haben geschweige denn mit Gewalt darauf trainiert worden zu sein? Ist das dennoch möglich? Und jetzt kommt sie, die Frage „Ist das (dennoch) möglich?“

    Während ich die Geschichte mit der Barbie so gerne verstehen würde. Bei unsgibt es ähnliches mit immer wieder weggenommenen Geschienken (Geburtstage, WEihnachten) es sind immer wieder schreckliche Tage und der Glaube daran, dass diesmal ein Geschenk bleiben dürfte ist jedesmal in Schrecken getaucht. Unsere Thera (und wir) verstehen nicht, was da so schlimm ist, denn wir haben ja viel schlimmere DInge erlebt als das…. Mögt ihr uns dazu noch etwas sagen?
    Liebste Grüße A/Part

    • Also Zweifel sind immer möglich. Dafür muss man an sich nicht darauf gedrillt sein. Der Umstand der Dissoziation an sich bedingt auch, dass das Trauma nicht im Bewusstsein ankommt. Das begünstigt Zweifel ohnehin.

      Ich finde das schrecklich, wenn einem Kind ein Geschenk weggenommen wird. Dabei ist es doch ganz egal was noch passiert ist. Ich finde diese Geste allein hat etwas dermaßen entwürdigendes und lässt das Kind so vernichtend wertlos fühlen. Das ist furchtbar! Natürlich waren diese Festtage in einen Kontext eingebettet, der vielleicht auch anderweitig Gewalt bedeutet hat. Das macht diese Erinnerung an die Geschenksituationen aber nicht weniger schlimm. Das muss erst mal angenommen und verarbeitet werden.
      Ansonsten kann man zusätzlich auch mit den Innens sehen, welche Erinnerungen noch
      dahinter stehen und ob bestimmte Geschenke etwas antriggern. Erfahrungsgemäß funktioniert das aber besser, wenn man erst die Dinge ernst nimmt, die da sind. Wenn sich das für dich so schrecklich anfühlt, darfst du das auch so fühlen.

      Liebe Grüße,
      Sofie 🙂☀️🦋

      • Wenn’s dir wichtig wäre, müsstest du‘s nochmal erklären, wenn meine Antwort an dir vorbei ging. Dann haben wir uns missverstanden und ich‘s kann’s nur nochmal versuchen.

        Liebe Grüße und gute Nacht! 🙂

  9. Zweifeln ist auch ohne Programmierung möglich oder? Ist Zweifeln doch eine Überlebensstrategie… eine Bewältigungsmöglichkeit, damit „es“ nicht zu nah kommt… nicht nach Außen dringt?!? Woran man „programmierte“ Innens oder den Unterschied zwischen „programmierten“ und nicht „programmierten“ erkennt, bleibt immer im Nebel für mich, weil es so wenig bekannt ist… Danke für dein „Bild“ vom Altar, den kleinen Eindruck von ritueller, organisierter Gewalt…

    • Ja, Zweifeln ist an sich auch völlig ohne Programme möglich.
      Da hast du vollkommen recht. Programmierte Innenpersonen erkennt man von Außen wahrscheinlich weniger an ihrem Verhalten im Einzelfall, sondern im Zusammenhang mit den berichteten Erfahrungen von Ihnen und Anderen aus dem System. Ein Programm betrifft meist mehrere Innenpersonen. Diese „Ketten“ lassen sich in der Therapie aufdecken. Um Programmierung allein am Verhalten einer einzelnen Innenperson festzumachen braucht es einige Erfahrung.

      Ganz liebe Grüße,
      Sofie

  10. Also ich kann auch zumeist keine Ketten erkennen. Aber ich vermute immer da Programme, wo nichts veränderlich ist und wie automatisiert abläuft. Wo man mit Worten nicht weiterkommt. Wo keine Kommunikation hilft. Und wo es Systemübergreifend auswirkt.

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