Was ist rituelle Gewalt?

Die liebe Alenka hat uns in den Kommentaren zum letzten Beitrag folgende Fragen gestellt:

Was ich mich frage, aber eigentlich nie zu fragen traute, war, worum es bei ritualisierter Gewalt wirklich geht. Geht es überhaupt um Rituale, und wenn ja, was sollen diese bewirken? Sind Rituale nicht lediglich ein Vorwand, um Gewalt ausüben zu können? Ihr müsst mir diese Frage natürlich nicht beantworten. Ich wollte sie nur mal aussprechen, weil sie in meinem Kopf herum spukt. LG!

Auf unserem Blog gibt es grundsätzlich keine Triggerwarnungen. An dieser Stelle wollen wir dennoch darauf aufmerksam machen, beim Lesen dieses Artikels gut auf sich zu achten.

Vorab eine kurze Definition des Begriffes „Rituelle Gewalt“, wie wir ihn verwedenden:
Gemeint sind hier mit ritueller Gewalt alle Formen von psychischen, physischen und sexualisierten Gewalthandlungen, die ritualisiert, also wiederholt und nach einem bestimmten Schema im Kontext von religiös oder anderweitig ideologisierten Kulthandlungen durch Gruppierungen und Sekten verübt werden. In der Regel enthalten die Zeremonien Elemente, die den Anschein von Religiösität, Magie oder übernatürlicher Bedeutung vermitteln. Den Gewalthandlungen wird über den zugrundeliegende ideologischen Kontext von den Tätern ein tieferer Sinnzusammenhang zugewiesen. Dies dient auch der gefügig Machung, Verwirrung, Einschüchterung und Abrichtung der Opfer für die Zwecke der Tätergruppe.

Ein Beispiel aus der Praxis in Kurzfassung zum besseren Verständnis:
[Eine Sekte feiert zum Ausdruck ihrer Glaubensüberzeugungen an einem Festtag eine Messe. Neben dem Lesen von bestimmten religiösen Texten und Versen ist die Vergewaltigung eines Kindes durch den Priester und die anwesenden Mitglieder fester Bestandteil dieser Zeremonie. Ideologisch wird diese Handlung der Anhänger dadurch gerechtfertigt, dass es im Auftrag ihres „Gottes“, bzw. Satans geschehe. Zudem werde durch sexualmagische Riten mit einem unbefleckten Kind eine besondere Energie frei, die für magische Zwecke genutzt werden könne und müsse. Dem Kind wird erzählt, dass es etwas ganz besonderes sei, diese Handlungen an sich erleben zu dürfen, weil nur wenigen Kindern diese Ehre zu Teil werde. Es sei von Satan selbst dazu auserwählt. Während der Priester die zugehörigen Verse spricht, dringt er in das auf dem Altar liegende Kind ein, ehe er es an an die anderen Anwesenden weiterreicht.]

An dieser Stelle kommen wir auf Alenkas Fragen zurück. Es ist gar nicht so leicht zu beantworten, ob es in diesen Sekten wirklich um die Rituale an sich geht. Für die Abrichtung der Kinder haben sie mit Sicherheit einen großen Stellenwert. Sie beinhalten meist neben der Gewalt eine große Zahl an tranceinduziereden Praktiken. Dazu gehören etwa das Trommeln oder rhythmische (Sprech-)Gesänge. Zudem geben die Ideologien den tatsächlich völlig sinnlosen Schrecklichkeiten einen Sinn. Die Traumata wiegen besonders schwer, weil sie zu heiligen Handlungen deklariert werden. In der Regel verschwinden die Erinnerungen an die Kulthandlungen vollständig in der Dissoziation. Die Glaubensvorstellungen binden zum einen die Opfer stärker an die Sekte, zum anderen entlassen sie aber auch die Täter völlig aus ihrer Verantwortung. Eine höhere Macht, wie auch immer man sie im Einzelnen dann nennt, will es ja so. Egal wie grausam manche Rituale auch sind, sie stehen im Mittelpunkt einer Gemeinschaft. Das enthemmt. Unter Gleichgesinnten gibt es die Erlaubnis die Folterwünsche an den Opfern uneingeschränkt auszuleben. Dazu kommt, es sind nicht die verrückten Vorstellungen eines Einzeltäters, sondern meist gängige Praxis für das gesamte soziale Umfeld des Kindes. In diesem findet es zwischen den Quälereien gleichzeitig Halt und Unterstützung, bis das nächste Mal die Hölle über es hereinbricht. Das erleichtert die Indoktrinierung. Eine Distanzierung vom Gedankengut ist kaum möglich, wenn doch „alle“ so denken. Die Gruppierungen bilden eine Art Interessensgemeinschaft mit einer ganz bestimmten Weltanschauung. Überwiegend sind die Mitglieder eben keine harmlosen Spinner, sondern hochintelligente Psychopathen. Sie glauben an das was sie tun und praktizieren die Rituale im Sinne ihrer Lebensphilosophie. Leider bedeutet das zeitgleich auch, dass in diesen Gemeinschaften eine große Lobby für das Quälen von Menschen entsteht. Denn wer Straftaten in einer derartigen Gemeinschaft verübt, ist so gut wie immer vor Strafverfolgung geschützt. Die Opfer dissoziieren die Taten, sind auf Schweigen gedrillt und selbst wenn sie sich äußern, stoßen sie oft auf Unglauben. Wer Aussteigen möchte, wird sich das ohnehin gut Überlegen, wenn er damit rechnen muss einen ganzen Clan gegen sich zu haben.
Insofern glauben wir schon, dass der Glaubensinhalt und die dazugehörigen Rituale im Leben von Opfer und Täter eine wichtige Rolle spielen.
Das ist ein bisschen so, wie bei Christen, die jeden Sonntag zum Gottestdienst gehen, um zu beten. Natürlich könnte man sagen, glauben und beten kann ich zu Hause auch. Dennoch scheint die Gemeinschaft, mit dem entsprechenden Machtgefälle, an dem man sich orientieren kann und in dem man seine Werte auslebt, einen wichtigen Anreiz für den Besuch der Messe zu geben. Bei ritueller Gewalt passiert dies natürlich in viel extremerer Form.

Andererseits halten wir diese Ideologien im Grunde für reine Vorwände mit denen gewaltverherrlichende Machstrukturen ihre Daseinsberechtigung begründen. Hinter einem fadenscheinigen Gebilde an Glaubensvorschriften ist jede noch so abartige Neigung leicht zu rechtfertigen. Für manche Täter stellt die Ideologie mit Sicherheit ein reines Mittel zum Zweck dar. Die Machtgeilen „Chefs“ halten eine Menge Menschen klein in ihren Händen. Sie können es sich leisten Gott zu spielen. Grenzen werden Ihnen kaum gesetzt. Mit rechtlichen Konsequenzen müssen sie ohnehin nicht rechnen.

Rituale sind also zum einen ein Vorwand unter dem Gewalt ausgeübt wird, zum anderen geht es aber auch darüber hinaus, weil die dahinter stehenden Philosophien und Weltanschauungen viel tiefer im Leben der Mitglieder wurzeln und Grundüberzeugungen der Angänger wiedergeben. Sie sind der feste Rahmen in dem Gewalt passiert und religiöse Überzeugungen skrupellos in der Gemeinschaft ausgelebt werden. Dabei sind sie nur ein Baustein im Machtgerüst der Obrigkeiten derartiger Sekten und Gruppierungen.

Ich hoffe das Thema ist mit diesem Beitrag etwas klarer geworden. Ansonsten stehen wir gerne für Nachfragen zur Verfügung. Gerne dürft ihr zu dem Artikel auch kommentieren und euere Sichtweisen hinzufügen.

7 Kommentare zu “Was ist rituelle Gewalt?

  1. Danke, liebe Sofie, für die ausführliche Erklärung zu diesem Thema. Ich weiß gar nicht was ich dazu sagen soll. Aber ich verstehe jetzt umso mehr, wie sehr man in dem Zusammenhang des „Glaubens“ und der „Religion“ beeinflussen kann, weil man ihm einen „Sinn“ gibt… Ich stelle es mir unsagbar schwer bis unmöglich aus dieser Sache herauszukommen. Ich habe selbst keine rituelle Gewalt erlebt, weiß aber, wie schwer es ist irgendwo rauszukommen, wenn viele Menschen beteiligt sind und einen einkreisen. Wie schafft man es, da raus zu kommen? Und was wird aus den Menschen, die das nicht schaffen? Liebe Grüße und einen schönen Pfingstmontag!

    • Hallo Alenka,
      der Weg des Ausstieges ist meist langwierig. Es braucht Zeit sich schrittweise innerlich und äußerlich von den Tätern zu distanzieren und ein Netz an Unterstützern zu finden. Ganz ohne Helfer ist das sehr schwer bis unmöglich.

      Ich denke, wie es den Menschen geht, die den Ausstieg nicht schaffen kann sehr unterschiedlich sein. Manche wechseln irgendwann auf die Täterseite und fühlen sich in den Kreisen ganz wohl. Je nach Gruppierung, kann es auch sein, dass die Gewalt irgendwann aufhört, weil die Opfer die „gefragte“ Altersgrenze überschritten haben. Dann heiraten sie vielleicht sogar außerhalb der Gruppierung und bekommen ihre eigene Familie, weil sich die Täter sicher sind, dass Ihr Abrichtung und die Dis funktioniert. Oder sie werden im organisierten Verbrechen weitergereicht, weil sich so noch Geld mit Ihnen verdienen lässt. Es gibt sicher auch die, bei denen die Gewalt nie endet und die irgendwann im Kult sterben. Wie es im einzelnen weiter geht, hängt viel von der beteiligten Tätergruppe ab.

      Liebe Grüße und ebenfalls einen schönen Pfingstmontag! 🙂☀️🦋

  2. Danke für die Erklärung, liebe Sofie,
    Uns gruselt dermaßen, obwohl es kein neues Thema für uns ist, erschüttert es uns immer wieder enorm.
    Daher will ich mein „gefällt mir“ nicht unkommentiert setzen. Danke für die hervorragende Beschreibung. Das Grauen wird dadurch sehr klar.
    Alles Liebe euch ❤️🌞
    „Benita“

  3. Ich habe das nur sehr schwer lesen können, obwohl ich es (Du weißt, durch meine frrühere Blogfreundin, die junge Frau, für die ich jeden Abend immer noch und immer weiter Bitten in den Himmel sende) „kannte“. – Es ist so unsagbar schlimm!!!

    Und das Schlimmste ist, dass bzw. wie „gesellschaftsfähig“ diese Grausamkeiten, dieses UNMENSCHLICHE ist. Die Täter kommen grundsätzlich davon … !!!

    Verschweigen, Ausblenden, Rechtfertigen – das ist vielmehr so oft noch an der Tagesordung. Und diejenigen, die so etwas durchmachen mussten, so darstellen, dass sie sich „mal nicht so anstellen“ sollten.

    Ekelhaft. Gruselig.

    Wie mutig und stark ihr Schmetterlinge seid, darüber hier so zu schreiben!! Und wie wichtig das ist!

    Meinen größten Respekt und ganz liebe Herzensgrüße an Euch! ❤

    • Lieber Sternenflüsterer,
      ich hoffe du achtest bei diesen Beiträgen gut auf dich! Manchmal ist das einfach zu viel und dann ist es auch völlig ok, das nicht zu lesen. 🙂

      Ich würde nicht sagen, dass die Täter grundsätzlich ganz davon kommen. Was die Justiz betrifft stimmt das leider und die Gesellschaft leugnet gerne. Dennoch ist jede Aussteigerin und jeder Mensch der glaubt für diese Verbrecher ein Schlag ins Genick und nimmt ihnen ein Stück der Macht, die sie leider oft noch haben. Ihre sicheren Posten wackeln und es wird der Tag kommen, an dem so viele reden, dass wegsehen unmöglich wird. Da bin ich mir sehr sicher. 😉

      Herzliche Grüße, eine liebe Umarmung und einen schönen Abend! ❤️

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