Wasser im Nabel

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Gerade habe ich den letzten Pflanzkorb in mein kleines Balkonbiotop eingesetzt, da fängt es an zu Donnern. Bald prasselt auch der dazugehörige Gewitterregen nieder. Ich ziehe mich in die Wohnung zurück. Unter der Dusche fühlt es sich fast an, als würden wir mitten im Sommerschauer stehen. Die Luft ist schwül. Unser Magen verspürt einen leichten Hunger. In große Handtücher gewickelt laufen wir in die Küche und schieben uns etwas zum Essen in den Ofen. Dann machen wir es uns im Sessel gemütlich.

Als wir wieder nach draußen treten, um ein Foto vom Miniaturteich zu machen, sieht man aufgrund der Dunkelheit nicht mehr viel von den Pflanzen. Ein bisschen Wasser im Wassernabel können wir noch einfangen. Wie kleine Perlen ruhen die Tropfen in den Blattrosetten. Wir sehen uns um und entdecken auch auf den anderen Pflanzen die kleinen feuchten Kostbarkeiten. „Wasser vom Himmel spendet leben. Das muss teuer aussehen.“ Im Kerzenschein glitzert der Schatz. Wir atmen in die erfrischte Nacht.

„Zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust“, denke ich. Na gut, vielleicht sind es auch mehr…😉 Jedenfalls fühle ich in diesem Moment eine Gefühlskluft, die paradoxer nicht sein könnte. Einerseits wohnt in meinem Herzen gerade das kleine Glück. Ich bin dankbar, dass ich diese Wohnung habe. Sie wird uns und den Tigern immer mehr ein richtiges zu Hause. Meine Seele freut sich über die wundervollen Pflanzen und die guten Geister, die mein Heim und die Natur beseelen. Ich kann essen, trinken, arbeiten, spielen, lernen, lieben, lachen, leben und so vieles mehr und wenn ich meinen Blick etwas wende, dann wohnt direkt nebenan ein tiefer Abgrund. Er ist gleichzeitig. Ein Ort, an dem einfach alles viel zu viel ist, an dem wir nicht mehr können, an dem man manchmal lieber tot wäre und voll Verzweiflung in die Zukunft blickt. Das bin nicht ich und doch gehört es zu mir. Ich kann leben wollen und gleichzeitig sterben. In uns ist das kein Widerspruch. Es hängt zusammen, wie das Ausatmen mit dem Einatmen. Wenn ich mir ausnahmsweise an dieser Stelle einmal die Frage stelle, wie es mir, wie es uns geht, dann muss ich passen. Ich habe keine Ahnung. Zumindest nicht insgesamt. Ich kann nur Teile davon fühlen.

Ein kühler Wind zieht an mir vorüber. Eine Wolke besteht aus so vielen kleinen Wasserteilchen. Ob sie am Ende wohl weiß, wo jedes Tröpflein einmal landen wird und wie es sich dort fühlt? Eine Wasserperle rinnt wie Tau über das Palmenblatt. Ich beuge mich leicht über das Balkongeländer nach vorne. Das orange Licht der Straßenlaterne grüßt warm zu uns herauf. Für heute wird es Zeit zu schlafen. Morgen werde ich wieder versuchen die Teile zusammenzusetzen.

P.s.: Die ersten Radieschen sind geschlüpft. 😁

4 Kommentare zu “Wasser im Nabel

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