Von der Wahrheit in Träumen

quote-1351710_1280

Ich nehme mit dem Strohalm eine Schluck aus meiner Eisschokolade. Der Sonnenschirm ist längst zugeklappt. Es wäre ohnehin bereits schattig. Ein kühler Wind lässt mich im kurzen T-Shirt leicht frösteln. Die langen weißblühenden Astausläufer der Hecke wiegen sanft im Luftzug. Lila glitzert der Lavendel zu uns herüber. Die durstigen Pflanzen schlürfen mit ihren langen Wurzeln das Gießwasser aus der Erde, während ihnen die Vögel ein Nachtlied singen. Bald wird der Tag auch für uns zu Ende sein. Dann schlafen wir ein und betreten eine „traumhafte“ Welt.

Für die Verarbeitung von Traumata spielen Träume eine wichtige Rolle. Wir kennen kaum Überlebende, die nicht spätestens ab einem bestimmten Punkt ihrer Aufarbeitung Probleme mit flashbackartigen Erinnerungsträumen bekommen. Viele belasten diese so sehr, dass sie versuchen sich krampfhaft wachzuhalten, um das Grauen nicht jede Nacht erneut zu erleben. In der Therapie wird den Träumen meist nicht die Beachtung geschenkt, die sie für die Aufarbeitung von organisiertem und rituellem Missbrauch verdienen. Denn dort sind sie durch die Täter gezielt installiert und besetzt. Eigene Innenpersonen kümmern sich um das Traumerleben. Sie regeln im Auftrag ihrer Folterer was die Betroffene, wann und unter welchen Umständen zu träumen hat. Träume werden im therapeutischen Kontext meist zwar als belastendes Symptom gesehen, direkt daran gearbeitet wird jedoch selten. Psychologen versuchen häufig dem Traumhorror ihrer völlig übermüdeten und ausgezehrten Patienten durch Stabilisierung oder direkter Arbeit an den Hintergründen beizukommen. Das ist nicht grundsätzlich falsch, kann aber bisweilen unmöglich sein und weiter zermürben, wenn sich einfach nichts bessert. Dann arbeitet man meist an den Innenpersonen vorbei, die im Hintergrund die Fäden ziehen. Für jede erfolgreiche Therapie gilt der allgemein gültige Grundsatz: Lasse auf deinem Heilungsweg nie etwas außer acht, dem deine Täter eine Bedeutung beigemessen haben.

Weshalb ist es den Tätern nun so wichtig die Träume im Griff zu haben?
Das hat verschiedene Gründe. Zum einen ist das Träumen ursprünglich ein Vorgang in dem die Seele Eindrücke verdaut und Erlebnisse verarbeitet. Das wäre nicht im Sinne der Gruppierungen. Würden die Opfer im Schlaf einen Teil der Erlebnisse verarbeiten können, hieße das automatisch, dass Programme von Außen kaum einschätzbare Lücken bekommen könnten. Das gilt es zu vermeiden. Ferner könnten die Opfer auf diesem Weg mit abgespaltenen Erinnerungsinhalten in Kontakt kommen. Auch das möchte kein Täter. Was für das Alltagsbewusstsein unzugänglich gemacht wurde, soll es auch bleiben. Also braucht es eine Strategie das Träumen zu kontrollieren. Dafür werden in der Regel eigene Innenpersonen geschaffen, die diese wichtige Funktion übernehmen. Darüber hinaus verhindern Täter über diese inneren Schaltzentren allerdings nicht nur, dass Erlebnisse bewusst und verarbeitet werden. Sie nutzen das Träumen in ihrem Sinne um Programme anzustoßen oder fehlerhafte Mechanismen im Inneren gewollt auszubessern. Es kann also gut sein, dass beispielsweise in der Therapie ein Programm aufgeweicht oder scheinbar gelöst wird, bis die fleißigen Traumprofis im Inneren über Nacht alles wieder auf Anfang setzen und die Lücken schließen. Die Täter genießen den Vorteil, dass Traumamaterial, das dabei unter Umständen ins Bewusstsein der Alltagspersonen gespült werden sollte, „nur ein Traum“ ist. Die Glaubhaftigkeit von Träumen wird gesellschaftlich grundsätzlich in Frage gestellt. Den Opfern fällt es noch schwerer als bei wachem Tagesbewusstsein überhaupt einen Wahrheitsgehalt darin zu vermuten, sofern sie sich nach dem Aufwachen überhaupt noch daran erinnern. Der rituelle oder organisierte Missbrauch bleibt damit ein reiner „Albtraum“. Zudem sind im Schlaf manche inneren Barrieren heruntergefahren. Bestimmten Innenpersonen können sich in dieser Zeit Systemübergreifend austauschen und gegebenenfalls auch Programme auslösen, sofern die Aktivitäten der Anderen am Tage das zu erfordern scheinen.

Persönlich raten wir deshalb dazu, Träume sehr ernst zu nehmen und ihre Wahrhaftigkeit zumindest in Betracht zu ziehen. Natürlich haben auch bei hochdissoziativen Menschen nicht alle Träume in der Wirklichkeit eins zu eins so stattgefunden. Ein gewisser Anteil daran beruht aber zumindest meist auf realen Begebenheiten. In der Regel stellt sich bei der direkten Arbeit mit den Träumen und ihrer Bedeutung für’s innere System irgendwann heraus, ob es sich um eine geträumte Erinnerung handelt oder es wirklich „einfach nur ein Traum“ war. Wenn uns ein Traum sehr bewegt, nehmen wir das ernst. Wir schauen uns aus einer möglichst neutralen Perspektive an, weshalb das so ist und wir lassen zu, dass Träume auch Abbilder von tatsächlich erlebter grausamer Wahrheit sein können.
Man kann und sollte natürlich auch versuchen Kontakt zu den zuständigen Innenpersonen herzustellen, beziehungsweise zunächst herauszufinden, ob es spezialisierte Anteile im System für diesen Job gibt. Das erfordert meist allerdings Geduld. In der Regel sind sie in einem ganz anderen Zeitfenster „wach“ und gut durch dissoziative Barrieren abgetrennt. Dennoch loht es sich am Ball zu bleiben, weil dann auch Kompromisse ausgehandelt werden können.

Wir empfinden es als extrem wichtig alle Ausdrucksformen der Seele ernst zu nehmen. Dazu gehört auch die Traumwelt. Für die Seele gibt es immer einen Sinn hinter den Bildern, die sie uns zeigt. Manchmal ist er metaphorisch, ein anderes Mal objektive Realität. Immer ist es ein Ausdruck der inneren Wahrheit.

13 Kommentare zu “Von der Wahrheit in Träumen

  1. Wie perfide ist das denn – eine Innenperson zu schaffen, die sogar die Träume überwacht…das ist echt gruselig.
    Als ich diesen Beitrag angefangen habe zu lesen, ist mir der Satz….“Überlebende, die nicht spätestens ab einem bestimmten Punkt ihrer Aufarbeitung Probleme mit flashbackartigen Erinnerungsträumen bekommen. Viele belasten diese so sehr, dass sie versuchen sich krampfhaft wachzuhalten, um das Grauen nicht jede Nacht erneut zu erleben….“ so entgegen gesprungen, denn genauso war es bei mir…..ganz genauso.
    Wenn ich dann doch mal ein paar Minuten erschöpft einschlief – bin ich hoch gefahren und hab die schrecklichen Inhalte gleich in meinen Kladden geschrieben und habe dann das Buch ganz laut zugeklappt (es waren Worte, die toal getriggert haben) so konnte ich sie wegbannen. Das wiederholte sich x-Mal in der Nacht und X-Nächte.

  2. Ja, das mit den „Alpträumen“ hat schon früh begonnen bei uns. In der Nacht zu schlafen ist auch gefühlt schon immer ein Problem.
    Ich kann dem nur zustimmen was du hier schreibst Sofie. Es gab schon oft ein „halb-Schlaf“ wo ich gemerkt habe, wie andere sich um den Körper regelrecht streiten. Ein hin und her Gereiße! Oder auf mal komm ich dazu und höre noch die letzten Sätze derer Unterhaltung, auf mein Nachfrage hin worum es geht, weil ich nichts verstehe, bekomme ich tatsächlich ein „das geht dich gar nichts an, verschwinde wieder“ zu hören.
    Es gab Träume, die so Real wahren, wo ich auch in unserem Alltag endlich begreifen konnte, wieso gewisse Bilder in meinem Kopf ständig rum spucken. Im Zusammenhang mit einem Traum, habe ich bereits eine Inni kennengelernt, die in der Therapie eine Horror Story erzählte.
    Ja, es gibt Träume mit echten Inhalten. Ob die jetzt extra durch programmierte Anteile laufen, das kann ich nicht beurteilen. Ist zwar perfide, wundern tut mich das jetzt aber so gar nicht.
    Danke für diesen Beitrag

    • Jetzt wäre die Frage, was generell unterbewusste Vorgänge sind und erst Recht bei DIS-Patienten. Und es stellt sich die Frage, ob unbewusste Vorgänge nicht auch bei „Unos“ aktiv sein können, nur weil sie bewusst nichts davon mitbekommen. Immerhin wählt ja die Seele und der Körper aus den Erfahrungen des Tages auch bei ihnen Aspekte, die im Traum noch verdaut werden müssen.

      Bei „Vielen“ geht an sich so einiges, was Menschen ansonsten für unmöglich halten. Die Augenfarbe gilt beispielsweise in der Regel als unveränderliches Merkmal, das in den Genen festgelegt ist. Dennoch verändert es sich mitunter bei unterschiedlichen Innenpersonen. Michaela Huber schreibt in einem ihrer Bücher über das Unbewusste auch so schön. Frei aus meiner Erinnerung sagt sie: Multiple Persönlichkeiten sind der beste Beweis, dass das Unbewusste existiert und aktiv agiert.

      Es ist ja so, dass nicht alle Innenpersonen gleichzeitig schlafen. Wo die eine also „unbewusst“ ist, beginnt bei anderen Innens ihre wache und bewusste Zeit. Neurobiologische könnte man sagen, es bleiben Teile des Gehirnes aktiv, die in das Schlaf- und Traumerleben der anderen eingreifen können.

      Wissenschaftlich könnte man daran sicher noch viel erforschen. Die medizinischen Zusammenhänge für derartige Vorgänge lassen sich oft noch kaum nachvollziehen. Ich kann nur sagen, dass ich persönlich und auch von anderen Betroffenen weiß, dass die Beeinflussung von Träumen funktioniert und sich programmieren lässt.

      Liebe Grüße und einen schönen Abend! 🙂

  3. So explizit habeich da noch nie drüber nachgedacht. Aber uns war schon lange klar, dass wir im Traum Wahrheiten erleben. Wir nennen das Traum-Flash. Auch Innere Wahrheiten zeigen sich oder bestimmte Innenpersonen schicken Träume um etwas mitzuteilen.
    Aber ihr habt Recht, vermutlich wird auch da zum Teil gesteuert.
    Wir haben immer und immer wiederkehrende Albträume die sich an der Grenze zum real erlebten bewegen.

    Was bei uns aber besonders ausgeprägt ist, dass Erinnerungen und Inhalte und auch Gefühle und Bezüge zu einem Thema über Nacht weggewebt werden. Wie in dem Film 50 Erste Dates. Die Tafel wird über Nacht abgewischt und nam nächsten Tag fehlt jeder Bezug dazu. Manchmal gleich die ganze Erinnerung. Man weiß noch „da war was“ aber was?

    Pauline-s zu deiner Frage kann ich nur sagen, dass sich ja Programme ohnehin der Hypnose und Trance bedienen und sowieso im Unterbewusstsein ablaufen und eingestellt sind. Also: Warum nicht?

  4. Liebe Sofie,

    Gerade habe ich bei Google nach „Die Wahrheit in Träumen und Trauma“ gesucht und bin bei euch gelandet!

    Ich hatte zwar schon immer schlimme Albträume, doch beobachte ich zurzeit etwas neues. Anteile träumen und irgendwann werde ich mitten in der Nacht wach und nehme bewusst wahr wer das geträumt hat. Das habe ich so bewusst noch nie erlebt. Ein bisschen fühle ich mich wie ein Beobachter/Vermittler. Die Dinge, die geträumt werden kann ich aber nicht einordnen. Es gibt KEINEN Hinweis in der Erinnerung darauf ob sowas passiert ist, aber der Schreck darüber bleibt noch länger im Körper gespeichert.
    Irgendwas in mir möchte, dass ich genauer hinschaue und ich fühle auch, dass meine Träume eine Bedeutung haben. Nur,dass sie vielleicht übersetzt werden müssten.
    In der Therapie wurde das bisher als Symptom hingenommen, aber nicht näher beleuchtet.

    Mein Gefühl sagt mir, dass ich da unbedingt weitergehen sollte. Kennst du Fachliteratur zum Thema Trauma und Träume oder hilfreiche Quellen?

    War sehr schön darüber zu lesen, auf einem mir so vertrauten Blog! 🙂 Danke!

    • Liebes Mondmädchen,
      wie schön, dass wir uns auf diesem Weg wiedertreffen und Google uns ausgespuckt hat. 😊

      Wenn ich ehrlich bin kenne ich zum Thema Trauma und Träume so gut wie gar nichts brauchbares an Literatur. Wir haben da selbst länger gesucht, aber nichts gefunden, was uns persönlich weitergeholfen hätte. Entweder es war pure Esoterik oder es hatte mit unserem Erleben nicht mehr viel gemein.
      Wir haben uns dann damals entschlossen einfach bei uns selbst dran zu bleiben und im Wachen der Spur zu den betreffenden Innenpersonen zu folgen, bzw. einfach mal weiter zu beobachten. Leider kann das dauern und ist oft auch nicht ganz einfach.

      Auf jeden Fall würden wir dran bleiben, wenn du das Gefühl hast, dass sie für dich eine Bedeutung haben. Vielleicht wäre ja deine Therapeutin doch dazu bereit mit dir genauer hinzusehen, wenn du sie darum bittest?

      Liebe Grüße und einen schönen Sonntagabend! 😊

      • Dann erging es dir auf deiner Reise ja ganz ähnlich wie mir gerade. Bisher habe ich auch nichts brauchbares gefunden.

        Eine Überlegung war, die Träume und ausgelösten Gefühle auf zu schreiben und auf die Mitarbeit von Innen zu hoffen. Ich bin dann quasi der Protokollant. 😀 Aber mit der Mitarbeit ist das so launenhaft, wie bei einer Kindergartengruppe. Da braucht es viel Geduld, Ha!

        Wenn meine Therapeutin dabei keine Hilfe sein kann, dann nehme ich das mit in die Klinik und hoffe dort jemand kompetentes an zu treffen.

        Danke für’s ernst nehmen!

        Euch wünsche ich auch noch einen angenehmen Sonntagabend! 😊

      • Ja, anscheinend machen wir da ähnliche Erfahrungen.

        Ich finde das mit dem Schreiben dennoch eine gute Idee. Die Klinik im Hinterkopf zu behalten finde ich auch super. Wir hoffen die habe Ahnung und können euch helfen!

        Liebe Grüße,
        Sofie 😊

Kommentar verfassen: Entscheidest du dich für das Absenden eines Kommentars wird deine IP-Adresse, deine E-Mail-Adresse, dein Name und ggf. deine angegebene Webseite in einer Datenbank gespeichert. Mit dem Klick auf den Button "Kommentar absenden" erklärst du dich damit einverstanden.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.