Freigeist trifft Baumgeist

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Frei wie der Wind saßen wir als Kind oft in einem alten Baum. Wir genossen die Erholung in der Natur. In seinen Astgabeln fühlten wir uns nie alleine. Er war stark und hörte zu. Im Sommer verschwanden wir vollständig unter seinem Blätterdach. Niemand konnte uns sehen. Unter seinem Schutzmantel fühlten wir ein Stück Geborgenheit. Er war ein guter Freund. Wenn die Männer nach uns suchten, machte er uns unsichtbar und unerreichbar. Er tröstete uns über manche Wunde hinweg. Von ihm fühlten wir uns verstanden.

Später dann, als wir bereits ausgezogen waren, kehrten wir noch einmal an diesen Ort zurück. Es brach uns das Herz zu sehen, dass man unserem Baumfreund seine tiefen Astreihen abgesägt hatte. Von dem Baumriesen, der uns durch die Kindheit trug, war nur noch ein Minimum übrig geblieben. Dabei lag der Eingriff nicht an seiner Substanz. Menschen hatten ihn aus purer Lust genau so gequält, wie man uns versucht hatte klein zu halten. Früher haben wir uns oft auf einen seiner Äste gesetzt, wenn Zuschnitte drohten und darum gebettelt, dass man sie ihm ließe. Dem Wunsch wurde nachgekommen. Erst später verstanden wir, dass wir, dem Baum damals genau so Schutz vor den Menschen in der Umgebung boten, wie er uns. Manchmal dachten wir, er musste für uns leiden, weil man die Wut über unseren Fortgang an dem Ausließ, was uns wichtig, aber leider fest an diesem Ort verwurzelt war.

Wenn wir heute auf der Terrasse sitzen und den Kopf etwas zur Seite wenden, steht unweit von hier ein Baumriese von der selben Sorte. Er erinnert uns an die Stunden als Kind in der Natur. Manchmal spüren wir Trauer, über den Verlust des alten Baumlebewesens, das uns das Aufwachsen ermöglicht und unsere Einsamkeit genommen hat. Manchmal denken wir mit einem Lächeln zurück an unsere Gespräche von Baum zu Mensch.

Immer noch fühlen wir uns in der Natur oft so viel mehr verstanden und beschützt, als von den Menschen in unserem Umfeld. Wenn wir einsam sind, reicht die kleinste Blume, um uns ein Gefühl von „zu Hause“ zu vermitteln. Wir denken gerne draußen, weil wir dort die besten Antworten bekommen. Diese Welt lässt uns unsere Freiheit und berührt uns doch tief in der Seele. Sie gibt uns Anleitung ohne uns einzuengen.

Freigeist trifft Baumgeist – von Herz zu Herz.

16 Kommentare zu “Freigeist trifft Baumgeist

  1. Natur ist so etwas wundervolles, wir lieben den Wind in unseren Haaren, den regen auf uns unserer haut, den Geruch nach einem Regenschauer…. Manchmal fühlt es sich an wie verwurzelt zu sein oder verbunden, wir gehen gerne an Felder vorbei, beobachten Libellen bei der jagt und fragen uns ganz oft , warum soviel Schönheit über sehen wird…LG sam und co

      • Guten abend, wusstet ihr das wenn Ameisen nach oben bauen , also so wie Türme, das sie damit voraus sagen das es regnet ? Einige bei uns haben ein paar Jahre im Garten gearbeitet und bringen viel wissen über die Natur mit, da Zeit für uns so schwierig ist , sie wahrzunehmen orientieren wir uns an der Natur, am Kleid der Bäume, oder welche pflanzen wachsen…LG sam und co

      • Echt!? Das ist ja voll cool! 😀 Danke für die Info!

        Das finde ich ja auch mal eine tolle Idee, sich an der Vegetation zu orientieren, wenn Zeit sonst so schwer wahrzunehmen und einzuordnen ist.

        Ganz herzliche Grüße,
        Sofie 😊

      • Ja so manche alte Bauernregel klingt zwar schräg aber stimmt meistens, wir können regen riechen, lange bevor er da ist.. Am verhalten von mauerseglern erkennt man auch wie das Wetter wird, wenn Unwetter droht wird es in der Vogelwelt sehr leise , wie stille…hoffen ihr könnt damit was anfangen, könnten stundenlang weiter schreiben…LG

      • Oh ja, an manchen Bauernregeln ist durchaus was dran. Regen und Schnee kann man wirklich riechen. Das kennen wir auch. Wir finden diese Sachen richtig toll! Vielleicht wäre das ja mal einen Beitrag auf euerem Blog wert? Wir fändens zumindest sehr interessant. 🙂

  2. Das war gerade trotz des traurigen Endes so schön zu lesen! Ich kenne das Gefühl, für die Natur, einen Ort oder Gegenstand so viel mehr zu empfinden und vor allem mehr zurück zubekommen!

    Ganz liebe Grüße! ❤️

  3. Sooo berührend! Dein Wesen ist eine tiefe schöne Liebe – aus Deinen hier geschriebenen Worten über den Baum, über die Natur, spricht es ganz authentisch und unverwechselbar.

    Ein Genuss, das lesen zu durfen, ein Geschenk, es so mit- und nacherleben zu können.

    Dankeschön.

    Viele ganz liebe Grüße an alle !

  4. ich kann so gut fühlen, was du meinst. Bäume und Natur sind für mich auch das Größte… es ist der stärkste Halt… und das innigste Vertrauen…Wälder konnten uns versteckt halten, Bäume konnten uns tragen, Höhlen erstickten unser Keuchen… alles war Schutz, was uns die Natur geben konnte… auch als ich in der Klinik war die letzten vier Monate, bin ich jedes Mal (obwohl ich auf der Geschlossenen war) abgehauen. Ich bin abgehauen und bin zu diesem einen Baum im Garten gerannt, der so zwei Äste hatte, die einen richtig tragen konnten. Wie oft wir uns da die Augen wund geweint und uns geborgen gefühlt haben. „Menschen sind doch alle doof“… … sagt eine in uns.

    es gab so ein schönes Zitat, von dem ich nicht mehr weiß, wo der her ist:

    Ich liebe die Menschen, aber die Natur lieb ich mehr.

    • Wie schön, dass euch die Natur auch so ein gutes zu Hause ist. Irgendeine sichere Anlaufstelle braucht man, wenn man mit Menschen so ungute Erfahrungen hat.

      Das Zitat ist wirklich schön! Danke für‘s Teilen!

  5. So schön!!! Ich habe als Erwachsene auch einen Baumfreund. Ich bin zwar erwachsen, aber trotzdem hab ich mir das Kindliche immer behalten. Ich rede oft mit dem Baum, lehne mich an ihn, umarme ihn, usw. Die Baumgeister und überhaupt die Naturgeister freuen sich, wenn sich die Menschen wieder rückbesinnen auf die Natur.
    Lieben Gruß Jacqueline

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