Von den individuellen Ideologien hinter der rituellen Gewalt

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Rituelle Gewalt = Satanismus.
Der Eindruck könnte entstehen, wenn man sich die Schilderungen in der Fachliteratur oder auf diversen Internetseiten ansieht. Beschrieben sind so gut wie ausschließlich Rituale oder schwarze Messen im Zusammenhang mit satanistischem Gedankengut. Doch diese Einengung greift zu kurz und schafft neue Probleme.

Eine hoch dissoziative Frau, die mit dem Begriff der „rituellen Gewalt“ in Resonanz geht, selbst aber vielleicht noch gar nicht weiß, weshalb das so ist, wird zunächst nach Informationen diesbezüglich suchen. Vielleicht spürt sie ganz genau, dass etwas an diesem Oberbegriff auf sie zu passen scheint. Es beschäftigt sie in ihrem tiefsten Inneren. Da gibt es vielleicht gar keine oder nur sehr verschwommene Bilder. Dennoch fühlt sie ihre Betroffenheit bis tief in die Zellen ihres Körpers. Sie nimmt sich also ein Buch zur Hand und beginnt zu lesen. In jeder Zeile steckt der Versuch einer Entdeckungsreise von sich selbst, der Wunsch ihr Empfinden endlich einordnen zu können. Die Verwirrung ist groß. Sie hadert mit dem, was in ihr so erschreckend auftaucht und ohnehin gar nicht verstanden werden kann und noch mehr hadert sie damit, dass es zudem auch noch gar nicht so ist, wie sie es in den Büchern vorfindet. Denn die Männer in schwarzen Kutten bei grausamen Messen passen nicht hundertprozentig zu ihren inneren Eindrücken. Etwas ist anders, auch wenn sie nicht weiß wie. Sie ist doch streng katholisch erzogen. Jeden Sonntag war sie damals in der Kirche. Das scheint ihr ein Widerspruch zu sein. Je mehr sie versucht sich zu informieren, umso größer werden ihre ohnehin vorhandenen Zweifel. Vielleicht bin ich dann doch eher verrückt, denkt sie und versucht das Thema wegzuschieben. Doch es lässt sie nicht los. Immer wieder drängt es sich auf. Es schüttelt sie heftig, brüllt sie gleichsam an, es endlich zur Kenntnis zu nehmen, doch so wie bei Angela Lenz in „Vater uns in der Hölle“ war es ja gar nicht. Also muss ihres gelogen sein. Erfindung… Oder!? Zu einer Therapeutin wird sie sich noch lange nicht trauen. Zu groß ist die Scham und die Angst.

Nun gibt es auf dem Weg von der dissozierten zur bewussten Wahrheit ein Problem. Die bewusste Wahrheit findet man dann, wenn man sich mit den Dingen auseinandersetzt, die bereits wahrnehmbar sind. Solange man die eigenen Empfindungen leugnet, weil man sich zu sehr an äußeren Begebenheiten orientiert, steckt man in der Verarbeitung fest. Die vermeintlichen Unstimmigkeiten von Innen und Außen schüren meistens Zweifel. Das führt zu einem Teufelskreis.

Welche Ideologien stecken aber nun hinter ritueller Gewalt?
Zunächst möchten wir allen Betroffenen grundsätzlich raten: Findet es für euch selbst heraus! Die Bandbreite an individuellen Glaubensmodellen ist viel größer, als sie in der Literatur beschrieben sein könnte. Nicht immer sind es riesige Sekten oder Gruppierungen, die bereits in irgendeiner Art und Weise erfasst sind. Das macht das Erlebte aber weder weniger schlimm, noch kann es sich dabei nicht auch um rituelle Gewalt handeln. Wir wissen wie groß der Drang sein kann, endlich zu erfahren, wie die eigene Geschichte verlaufen ist. Man greift nach jedem Strohhalm. Manche Betroffenen fangen an darüber zu lesen, in der Hoffnung sich selbst irgendwo zwischen den Zeilen eines Betroffenenberichtes zu finden. So verständlich das ist, so schwierig kann es sein, wenn man sich zu sehr daran orientiert. Erfahrungsgemäß kommen mit jedem stimmigen Element andere Einflüsse dazu, die einem noch mehr an der eigenen Wahrnehmung zweifeln lassen. „Habe ich das nun gelesen oder erlebt?“ Am besten liest man als (mögliche) Betroffene nur dann, wenn man sich von den Schilderungen ausreichend distanzieren und offen für sich selber bleiben kann.

Grundsätzlich ist es keineswegs immer die satanistische Ausrichtung, die hinter den Verbrechen steckt. In unserer Kindheit spielte beispielsweise der katholische Glauben eine große Rolle. Nach außen waren unsere Familienmitglieder Bilderbuchkatholiken. Sie engagierten sich fleißig in der Gemeinde. Das war das beste Alibi dafür, dass hinter verschlossenen Türen das Kreuz zu bestimmten Anlässen auch mal anders herum hing und ganz andere Töne angeschlagen wurden. Wir erlebten sowohl von christlicher, als auch von antichristlicher Seite massive Gewalt. Das geht durchaus gleichzeitig und stellt keinen Widerspruch dar.

Was immer du erinnerst, nimm es ernst. Lass dich von den Beschreibungen Anderer nicht davon abhalten. Ideologien können vielfältig sein. Christlich, antichristlich, faschistisch, rechtsradikal, linksradikal, etc. Dabei kann auch mehreres gleichzeitig zutreffen. Selbst dieselbe Grundüberzeugung kann in der Auslebung durch unterschiedliche Mitglieder völlig anders ablaufen. In größeren Sekten und Gruppierungen spielt zudem der persönliche Rang des Täters in der Hierachie für die Ausübung von Zeremonien eine entscheidende Rolle. Du wirst nur herausfinden, wie es bei dir war, wenn du das zulässt.

Vielleicht stellst du dann irgendwann fest, dass dich der Begriff „Rituelle Gewalt“ bewegt, weil du in einer sehr engstirnigen, gläubigen Familie aufgewachsen bist und dir mit den Glaubensinhalten Angst gemacht wurde. Vielleicht entdeckst du, dass die erlittene Gewalt vom Täter mit einer Art höheren Willen gerechtfertigt wurde. Vielleicht hatten deine Täter eine Ideologie, die sie verband oder auch verschiedene gleichzeitig. Vielleicht war es so, wie bei „Angela Lenz“ in „Vater unser in der Hölle“
oder „Sybill“ oder wie in „Aufschrei“… Vielleicht aber war es auch ganz anders.

Hab den Mut deine eigene Geschichte fern von öffentlich bekanntem Denken zu entdecken!

7 Kommentare zu “Von den individuellen Ideologien hinter der rituellen Gewalt

  1. Ihr habt das wunderbar geschrieben! Auch bei uns war es so, dass wir feststellen mussten, dass das was wir elebt haben, in den oben von euch geschriebenen Punkten so gar nicht in die üblichen Schemata passt. Damit umzugehen war auch für uns nicht einfach. Grade in der Anfangszeit als wir anfingen uns damit auseinanderzusetzen. Im Lauf der Zeit wurde immer deutlicher, dass das bei uns eben anders war und so war wie es war. Wir fänden es gut, wenn der Fokus nicht nur auf Satanismus liegen würde, sondern deutlicher würde, dass rit. Gewalt eben viele Gesichter hat.

    • Danke für die Rückmeldung! 😊
      Wir finden es gut zu wissen, dass es anderen da ähnlich geht und die Erfahrungen von den üblichen Beschreibungen abweichen.

      Wir schließen uns deinem Wunsch nach einem offeneren Bild von ritueller Gewalt an. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass viel Therapeuten auch sofort in diese eine Richtung denken. Auch hier wäre unserer Meinung nach ein unbefangenerer Umgang wünschenswert.

      Liebe Grüße,
      Sofie 😊

  2. Hallo ihr, während diese Worte gelesen werden, gibt es einen Ansturm von innen, das es da im aussen jemand gibt der unsere Unsicherheit endlich in Worte fasst, denn genau wie ihr das beschreibt, war es hier, es wurden Bücher gelesen , wieder weg gestellt mit dem Gedanken, ach Quatsch so etwas gab es hier nicht oder oh Gott ich hab mir alles nur ausgedacht, weil man zu viele Bücher gelesen hat. Heute und einige Erinnerungen später, glauben wir uns selber, und verstehen das alles seine Zeit braucht

  3. Ja also irgendwie will unser Handy hier keine Antwort senden…also nochmal das ganze…
    Manchmal sind wir echt sprachlos und immer wieder beeindruckt von dem was ihr beschreibt, denn genau so war es am Anfang bei uns, es wurden Bücher über diese Themen gelesen, wieder weg gelegt mit den Gedanken, ach Quatsch sowas hat man gar nicht erlebt, oder wenn in der Therapie ein inneres Bild erzählt wurde, das man sich alles nur ausgedacht oder einfach zu viele Bücher gelesen hat, heute und einige Erinnerungen weiter, wissen wir das wir dem inneren trauen und vor allem glauben…und irgendwie braucht alles viel Zeit….LG sam und co

    • Danke für das Lob! 😊

      Das ist leider beim Lesen von Berichten oft das Problem, wenn man selbst nachvollziehbarer Weise noch so unsicher ist. Es braucht tatsächlich extrem viel Zeit sich seiner Geschichte anzunähern.

      Liebe Grüße und gute Nacht! 😴

  4. Immer wieder versuche ich mir vorzustellen, wie Leute, die solche Gräueltaten begehen als sei es ganz normal, alltägliche Dinge tun, z. B. im Aldi einkaufen. Oder zur Arbeit gehen. Oder neben mir in der Bahn sitzen. Ich beginne, fremde Menschen kritisch anzuschauen. Mich zu fragen „Bist du solch einer?“ Ich finde es so wahnsinnig, dass Leute scheinbar ganz normal solche 2 verschiedenen Seiten „leben“. Alle Leute bezüglich ihrer wahren Natur täuschen. Macht mich fast sprachlos. LG!

  5. Danke Sofie.
    Danke echt, das ist ein wichtiges Thema, damit man nur auf sich selbst schaut und seine eigene Wahrheit für wahr halten kann. Das stärkt mich gerade.
    Wir passen wohl auch nicht irgendwo rein. Aber was ihr beschreibt kennen wir hier durchaus, irgendwie. Auf der einen Seite jeden Sonntag in die Kirche und auf der anderen …
    Ich mag keine Bücher darüber lesen, weil entweder geglaubt wird, man will bloß alles nachmachen was man gelesen hat um sich wichtig zu tun und Mitleid zu erhaschen, oder man glaubt, man spinnt, da es nicht mit unseren Erinnerungen passt. Wir haben selbst in dem Buch von M.Huber die Passagen zu ritueller Gewalt/Satanskult komplett ungelesen gelassen, leider auch alles zum Thema Programmierung, da ich dachte, sowas trifft niemals auf uns zu (so kann man sich irren…).
    So kann ich eher glauben, da ich weiß, das hab ich nirgends gelesen und entweder ich muss über arg viel abartiger Phantasien verfügen, oder es muss stimmen…
    Aber wir brauchen dennoch die Bestätigung von Außen, dass es solche Dinge gibt, denn sonst könnte ich das echt nicht glauben.
    Ja, mehr Offenheit und keine Rahmen von Seiten der Behandler wären sicher gut.
    Nochmal Danke und alles Liebe für euch.

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