Kopf und Bauch im Heilungsprozess

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Du musst dort starten, wo du in deinem Bauch bist, nicht dort, wo du von deinem Kopf her glaubst sein zu müssen.


Einer der größten Spagate im Heilungsprozess war und ist es immer wieder Kopf, Herz und Bauch in Einklang zu bringen. Was wir im Alltag ständig erleben, finden wir im obigen Zitat wunderbar auf den Punkt gebracht. Es reicht nach traumatischen Erlebnissen nicht, etwas nur zu wollen, um es umzusetzen zu können. Solange die Seele keinen Sinn darin sieht, ist die Mühe oft vergebens. Der willensstärkste Mensch muss vor der Macht des unverarbeiteten Traumas kapitulieren. Letztlich entscheiden die Emotionen darüber, wie es im Leben weiter geht.

Unser Kopf will eigentlich nur ganz normal arbeiten, eine Familie gründen und ab sofort glücklich sein. Für den Verstand spricht längst nichts mehr dagegen. Wir sind sicher, haben in der Therapie schon viel geschafft, genießen die Gesellschaft unserer Wahlfamilie aus Freunden und Bekannten, haben sämtliche Ausbildungen mit Bestnote abgeschlossen und alle Möglichkeiten im Berufsleben stehen uns offen. Doch ein männlicher Partner bedeutet tief in unserem Innen immer noch Gefahr. Die Anforderungen im Beruf übersteigen oft alle Grenzen des Machbaren. Nicht aus sich selbst heraus, sondern weil es für uns, mal mehr mal weniger bewusst, ständig eine Flut an Traumamaterial zu händeln gilt. Da ändern auch die besten und funktionsfähigsten Reorientierungsübungen nichts daran. Es stellt eine extreme zusätzliche Anstrengung dar, den schmalen Grad an normalem Aktivitätsniveau aufrechtzuerhalten! Also bleibt uns nichts besseres übrig, als immer wieder einen oder mehrere Gänge zurückzuschalten und dabei teils frustriert zu bemerken, dass wir erneut unter unseren Möglichkeiten bleiben, weil wir daran noch ausbrennen würden.

Das gleiche gilt für die Emotionen. Es nützt rein gar nichts, wenn wir uns mit dem Kopf sagen, dass etwas nicht so schlimm oder lange vorbei ist. Unsere Gefühle brauchen die volle Anerkennung, um heilen zu können. Wenn wir beispielsweise wütend sind, sind wir wütend. Da hilft all das schöngeistige Gerede vom Loslassen und Vergeben gar nichts. Das kommt danach, irgendwann, vielleicht oder eben auch nicht.

Und so müssen wir auf dem Heilungsweg den vorauseilenden Verstand, der oft so wunderbare Möglichkeiten im Jetzt malt, immer wieder bremsen, um Herz und Bauch mitreifen zu lassen. Unsere Körperzellen müssen neu lernen und unsere Seele braucht den Raum, um sich selbst zu kleben.

Wenn wir bei einer anstehenden Entscheidung unsicher sind, wie die Antwort für unser System derzeit am besten ausfällt, helfen wir uns oft mit einer Übung. Dabei antworten wir bei jeder „Station“ schnell und spontan mit „Ja“ oder „Nein“:
1. Was sagt mein Unterleib, bzw. was sagt die Frau in mir dazu?
2. Was sagt mein Bauchgefühl und meine Intuition?
3. Was sagt mein Herz?
4. Was sagt mein Kopf/Verstand?
Ich entscheide mich dann so, wie die meisten Instanzen in mir sich entscheiden würden. Bei Unentschieden schiebe ich die Angelegenheit entweder auf, weil die Zeit noch nicht eindeutig Reif ist oder ich überlege mir, ob ich in der Sache eher Kopf oder Bauch folgen möchte und schau mir dann die jeweilige Antwort an.

Unsere Seele wurde im Trauma aus der Zeit geworfen. Nun braucht sie ihre Zeit, bis sie wieder aufholt.

Eingangszitat entnommen aus:
„Trotz allem“, Ellen Bass und Laura Davis, S. 207, Orlanda, 2009

11 Kommentare zu “Kopf und Bauch im Heilungsprozess

  1. Ihr habt es voll auf den Punkt gebracht, in vielen Dingen verlassen wir uns auf das berühmte Bauch Gefühl und damit sind wir immer bestens gefahren…wir würden so gerne arbeiten, oder studieren , aber die Realität sieht nun mal anders aus und unsere Kapazitäten müssen noch ein wenig mit Energien wieder aufgeladen werden…vielen dank für diese Worte.. LG sam und co

    • Danke euch! 😊
      Einerseits finden wir es entlastend zu hören, dass ihr vor ähnlichen Herausforderungen steht, andererseits finden wir es auch immer ganz schön traurig, dass Traumata eine Lebensplanung so durcheinanderwerfen.

      Liebe Grüße,
      Sofie 😊

      • Liebe Sophie,
        Lassen massive frühkindliche Traumata eine Lebensplanung zu? In meinem Fall hat sich mein Leben nun bislang über 50 Jahre rund um Gewalt und die Heilung von den Folgen gedreht. Das tut enorm weh auch wenn es mir dzt. so gut geht wie selten und die Heilung voran schreitet. Es gibt keine Lebensplanung, die nichts damit zu tun hätte. Ich wünsche allen, dass ihr Leben anders gelingt. Ich kann nur sagen, dass ich enorm viel gelernt habe in meinem Leben. Aber geplant habe ich es nicht. Es waren bislang Wege, wie mit Trauma umgehen. Nun mein Wesen hat mich sicher entscheiden lassen, wie mein Heilungsprozess verläuft, welche Wege ich gehe. Aber es bleibt eben im engen Korsett Trauma. Expertin wider Willen und dennoch dankbar und stolz soweit gekommen zu sein.
        Wir wünschen euch, dass ihr eure Pläne verwirklichen könnt.
        Herzliche Grüße
        „Benita“

      • Hallo Benita,
        du hast recht, das Trauma spielt bei der Lebensplanung irgendwo immer eine Rolle. Dennoch empfinde ich es schon so, dass wir unser Leben in gewissem Umfang planen. Auf dem Weg zum Ziel muss ich nur versuche. mit einzuberechnen, wie ich trotz Einschränkungen dort landen kann. Klappt nicht immer und ist an manchen Stellen unberechenbar, aber das wird sicher in andere Leben manchmal auch so sein.

        Ich finde es gut, wenn du stolz auf dich bist! Das kannst du bei allem, was du leisten musstest auch wirklich sein.

        Herzliche Grüße,
        Sofie 😊

  2. soooooooooooooooooo ein großartiger Text…. ja… hier auch so…. im Moment… Danke für die gut tuenden Worte: „Und so müssen wir auf dem Heilungsweg den vorauseilenden Verstand, der oft so wunderbare Möglichkeiten im Jetzt malt, immer wieder bremsen, um Herz und Bauch mitreifen zu lassen.“

  3. P.S. Ich mag noch unterstreichen, dass ohne diesen beschriebenen Einklang von Herz, Bauch und Verstand Heilung wohl nicht gelingen kann, weil dies der Spaltung entgegen wirkt und sich nur so ein gemeinsamer Weg finden lässt. Danke für den inspirierenden Beitrag, liebe Sophie. 😊🏵️
    Alles Liebe
    „Benita“

  4. Ich habe nicht annähernd erleben müssen, was Du erlebt hast. – Aber davon, wieviel Geduld es braucht, eine Seele zu heilen, weiß auch ich aus eigener Erfahrung etwas. Und, dass das nur in kleinen Schritten geht. Und Rückschläge gibt. Und, dass es lohnt, dann erst recht geduldig zu sein.

    Weil man doch, ein Stückchen vorwärts kommt, vielleicht nicht an das eigentlich erträumte Ziel, aber hin zu ein bisschen mehr Lebensqualität. Und das ist nicht zu unterschätzen.

    Du hast es so reflektiert beschrieben, dass ich sicher weiß, dass Du genau so denkst. Das freut mich und schenkt mir Zuversicht, die Dich begleitet und meinen Wunsch, dass Du in kleinen Schritten immer wieder ein Stückchen vorankommst.

    Hier stimmt es ganz sicher: Der Weg ist das Ziel!

    Und: Sei mit Fug und Recht Stolz darauf, wie viele gute Schritte Du schon gegangen bist.

    Du bist großartig! 🙂

    Ganz liebe Grüße! 🙂

    • Vielen Dank, lieber Sternenflüsterer! 😊

      Die Seele sucht sich ihren Weg. Davon bin ich überzeugt. Das braucht Geduld und Vertrauen, wie du es auch beschreibst. Irgendwann werden wir sicher gemeinsam im Regen vor Freude Tanzen. 😉

      Liebe Grüße,
      Sofie

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