Tinderwahnsinn

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Vor ein paar Tagen fiel er mich an – der Tinderwahnsinn. Ursprünglich wollte ich nur mal sehen, von was andere Menschen so reden, wenn sie von der Plattform „Tinder“ sprechen. Also habe ich mich kurzentschlossen angemeldet und losgestartet. Es dauerte nicht lange und schon waren die ersten Übereinstimmungen gefunden. Die überwiegende Mehrzahl der Männer wollte tatsächlich einfach nur Sex und am besten sofort. Darunter waren einige, die mehr nach einem Stück kostenlosem Fleisch, als nach einer Frau suchten, um ihre teils ziemlich perversen Phantasien auszuleben. Man Fragt sich, wo die das Hirn gelassen haben, wenn schon das Herz fehlt. Anzubieten es sofort ohne Gummi zu machen und ein Foto des besten Stücks zu schicken, geht dann doch deutlich zu weit. Ich will gar nicht weiter darüber nachdenken, was man sich bei denen zudem alles an Krankheiten einfangen könnte. Zwei der Herren haben sich bislang allerdings sehr anständig verhalten und nett geschrieben.

Doch abgesehen von den direkten Erfahrungen mit der Plattform ergab sich bei uns schnell noch eine ganz andere, traumabasierte Baustelle aus den Flirtkontakten. Wir waren ohne es anfangs mitzubekommen bald so getriggert, dass es uns alle Mühe kostete, nicht blindlings im Adrenalinrausch auf jedes Angebot einzugehen und uns benutzen zu lassen. Im Kopf verschwammen die alten Vergewaltigungen mit den neuen anmachen. „Nein“ wurde zunehmend schwerer auszusprechen. Die groben Nachrichten mancher Gegenüber zogen an den Innenpersonen, die gelernt hatten, dass es bedeutet etwas Wert zu sein, wenn wir benutzt werden. Hätte es nicht eine kleine feste Instanz in uns gegeben, die Angst davor hatte, nicht nur übel benutzt und erneut vergewaltigt zu werden, sondern im schlimmsten Falle umgebracht, hätten wir uns wahrscheinlich auf die Forderungen eingelassen. Wobei wir ab einem gewissen Grad an Anspannung kaum noch in der Lage war rational darüber nachzudenken. Ein Teil der alten Automatismen knockte uns aus. Ein Mann fordert – wir machen, egal was es bedeutet. So einfach lief das früher.

Nun haben wir uns Zwangspause verordnet und bekommen dabei Gott sei Dank Unterstützung von außen. Wir fühlen uns wie ein Junkie, der sich von Drogen fern halten soll. Zwischendrin zittert unser gesamter Körper vor Anspannung und Aufregung. Das Handy ist tief in eine Schublade gewandert, dass wir nicht draufsehen können. Wir müssen runter kommen von dem „Stoff“.

Einige Tage nach dem ursprünglich harmlosen Gedanken sich bei Tinder anzumelden, wünsche ich mir ich hätte es nicht getan. Es triggert und ist für uns zu einer Plattform geworden, die keinen Reinszenierungsimpuls unbeantwortet lässt. Das macht es noch schwerer zu widerstehen ihn auszuleben und sich zu erden.
Unser Fazit fällt entsprechend aus: Als Frau und insbesondere als sexuell traumatisierte Frau mit teils unverarbeiteten alten Traumata – Finger weg davon!

36 Kommentare zu “Tinderwahnsinn

  1. Liebe Sophie,
    Ich kann die Neugierde, aber auch die Trigger soooo nachempfinden. Hast du dein Profil schon gelöscht?
    Ich kann mir ja gar nicht vorstellen, dass auf dieser Plattform jemand gefunden werden kann, der eine ernsthafte Beziehung möchte. Aber dass sie existiert ist ein Abbild unserer (pornographischen) Gesellschaft.
    Wie schön und wichtig, dass ihr Unterstützung habt. ❤️
    Ich hoffe, es hat sich schon ganz beruhigt innen.
    Herzliche Grüße 🍀🍀🍀🤗
    „Benita“

    • Liebe Benita,
      bislang existiert es noch. Heute war es erst einmal wichtig auf abstand zu gehen und mich erst dann einzuloggen, wenn ich sicher und geerdet löschen kann, ohne dass wieder weiter geschrieben wird.

      Danke dir für die lieben Wüsche! 😊

      Herzliche Grüße zurück,
      Sofie

      • Danke, liebe Sofie 😊…… bitte verzeih, dass ich den Namen falsch getippt hab. 😌
        Das klingt nach einem sehr guten Ansatz.
        Vielleicht kann ja eine Vertrauensperson dabei sein, wenn du das Löschen vornimmst? Ist mir gerade eingefallen. Allerdings bin ich überzeugt, dass ihr den für euch besten Weg findet.

        Wirklich wunderbar, wie ihr auf Distanz gegangen seid. Eine große Leistung.🏵️
        Alles Liebe
        „Benita“

  2. Uff – da bin ich aber auch sehr froh, dass ihr es habt entlarven können und dieser Falle entkommen.

    Wie gut ich es nachvollziehen kann, wie all diese Konditionierungen einen wieder zu fangen vermögen. Zu gut kenne ich diese ja auch selbst.
    Ich wünsche Euch rasch wieder guten Boden unter die Füße und ein liebevolles, sicheres Heimatgefühl im Herzen und Umfeld.
    Und nein, ich selbst würde mich wohl nicht trauen, das Ding nochmal alleine zu öffnen. Die Idee mit der Vertrauensperson ist gut.
    Liebe Grüße, Luise

    • Ich danke dir für deine emphatische Anteilnahme und das Verständnis! 😊

      Langsam wird’s schon etwas besser. Kann schon wieder ein bisschen an andere Dinge denken.
      Ich glaube ich werde bei Gelegenheit auch jemanden Fragen, ob wir zusammen das Profil löschen. Tut aber gut, das auch von dir nochmal so deutlich zu hören.

      Liebe Grüße und einen schönen Abend! 🌻🦋☀️

  3. Uns geht dazu so ein Gedanke durch den Kopf. Wir kennen solche Verhaltensweisen grade vor besonders schwierigen Tagen. Bewusst wird uns das aber meistens erst danach, wenn diese Tage vorbei sind. Für uns ist z.B. heute so ein „besonderer“ Tag. Da steigt dann Tage vorher schon der Druck zu reinszenieren (oder in irgendeiner anderen Form diesen Druck lsozuwerden) ganz stark. Uns sprang nur so an, dass dich der „Tinderwahnsinn“ grad so vor ein paar Tagen angesprungen hat und eure Leute kaum dagegen halten konnten, die „Dates“ anzunehmen. Wir können damit aber auch völlig daneben liegen und der Tag heute ist für euch völlig bedeutungslos.

    • Hallo ihr Lieben,
      da habt ihr absolut recht. Das ging mir auch schon öfter so. Diesmal hätte ich den Zusammenhang gar nicht bemerkt, aber es kann natürlich sein, dass wir ganz unbewusst diesem Tag heute vorgegriffen haben und deshalb so stark am reinszenieren waren.

      Liebe Grüße,
      Sofie

  4. Dass Du, dass Ihr die Kurve noch gekriegt habt … – ich bin sooo, sooo froh darüber.

    (Beim Lesen war meine Wut zwischendurch so unermesslich, meine Wut, wieder einmal, die Wut, die ich habe, und immer wieder empfinde auf die „Menschen“, die Euch seinerzeit so furchtbar behandelt haben)

    Liebe, liebe Grüße – flattert ihr Schmetterlinge – überall hin, wo es schön für Euch ist, wo es hell ist und Euch etwas wahrhaftig Glück, Wärme und Licht schenkt, aber bitte nie wieder auf so ein Portal.

    Gute Nacht und helle, schöne Träume!

    • Danke dir, lieber Sternenflüsterer, für die lieben Worte! 😊

      Wir versuchen uns fern zu halten. Allerdings muss man fairerweise sagen, dass das Portal die eine Sache und unsere Reaktion nochmal eine andere ist. Ich denke ohne diese Erfahrungen, hätten wir uns einfach abgegrenzt und gut.

      Wir flattern heute vor allen Dingen zu Hause und freuen uns auf Fußball. Das entspannt uns immer so herrlich! ☀️😎🦋

      Liebe Flattergrüße und einen schönen Samstag!

      • Ja, das war richtig knapp. Ein bisschen Leid getan haben mir die Schweden schon (wie bitterlich die kleine „Minischwedin“ auf dem Arm ihrer Mutti geweint hat …)

        Auch einen schönen Sonntag für Dich/Euch und liebste Grüße!

  5. Oh, das erinnert hier an unsere Reinszinierungen vor etlichen Jahren. Damals war es aber nicht Tinder, es begann bei AOL… Da wurde leider nicht rechtzeitig aufgehört, es wurde nicht mal als solches erkannt. Zum Glück haben wir das nicht mit dem Leben bezahlt. Doch im Nachhinein muss ich sagen, das war echt gefährlich. Erst heute verstehe ich überhaupt was da abging. Die armen Kleinen fanden das nicht witzig, die weinten bitterlich und die Verantwortliche ließ sich nicht blicken, nach dem sie alles organisierte. Wie praktisch für sie (grryy!😨).
    Passierte meist nach Mutter Kontakt und in „bestimmten Phasen“ die ich jetzt im Nachhinein nicht mehr einordnen kann…
    Daher Hut ab, dass ihr es gemerkt habt und auch noch stoppen konntet.
    Ich würde auch sagen, löscht den Account nicht allein. Da ist man schneller („mal eben nur das, nur ganz kurz“) drin als man schauen kann. Vielleicht ist Kontrolle nicht mehr drin…
    Passt auf euch auf, alles Liebe euch💗

    • Hallo Vergissmeinnicht,
      wie gut, dass es mittlerweile aufgehört hat und ihr das so gut reflektiert habt! Es war bestimmt grausam, was passiert ist.

      Wir werden wohl auch noch einmal in uns gehen und genau hinschauen, was das bei uns Ausgelöst hat.

      Liebe Grüße und ein schönes Wochenende,
      Sofie ☀️🦋😎

  6. Liebe Schmetterlinge,

    es tut mir leid zu hören, dass das so eine schwere Erfahrung war. Auch ohne selber Missbrauchserfahrungen gemacht zu haben, kann ich aber, glaube ich, ganz gut nachvollziehen, wie es da zu diesem Trigger kommen kann.
    Ich habe bei mir auf Tinder auch erlebt, wie schwer es mit zum Teil gefallen ist „Danke, aber nein danke“ zu sagen und mich gegen unangenehme Gespräche zur Wehr zu setzen, statt mich doch zu irgendwas bequatschen zu lassen. Jemanden einfach zu unmatchen fühlt sich wie ein enormes Unding an, sodass ich auf die Idee gar nicht komme. Und manchmal merke ich überhaupt erst hinterher, wie unangenehm mir die Situation eigentlich war.
    Das spielt sich bei mir sicher alles auf einem anderen Level ab, aber ich glaube, ich kann mir ganz gut vorstellen, dass Grenzen zu setzen in eurem Fall dann nochmal viel, viel schwerer ist und dass da sehr leicht alte Verhaltens- und Denkmuster getriggert werden können.

    Ich wünsche euch jedenfalls gutes Verarbeiten dieser Erfahrung.

    Alles Liebe ❤

    • Liebe Eule,
      ich denke, das ist für Frauken vielleicht allgemein schwer. Immerhin lernen wir ja gesellschaftlich ohnehin nicht auf unser Bauchgefühl zu hören oder dass es ok ist sich deutlich gegenüber Männern abzugrenzen und nein zu sagen.

      Wir fänden es absolut in Ordnung, wenn man den Match wieder entfernt, wenn es dir nicht gut damit geht. Das Gegenüber hatte ja seine Chance respektvoll zu sein. Schwer bleibt es wahrscheinlich trotz dem rationellen Wissen.

      Wir danken dir für’s Teilen deiner Erfahrungen! Wir hoffen du hast insgesamt einen guten Umgang mit der App gefunden.

      Liebe Grüße und ein schönes Wochenende!
      Sofie ☀️🦋😎

      • Ja, rational betrachtet fände ich ein Auflösen des Match schon in Ordnung. Emotional ist das mal wieder deutlich schwerer… Da bekomme ich dann gleich ein schlechtes Gewissen…

        Und ich stimme dir auch zu, dass das wohl den meisten feminin sozialisierten Menschen sehr schwer fällt…

        Mein Umgang mit der App war jetzt die beiden Male, wo ich sie ausprobiert habe, in der Form, dass ich mein Profil halt wieder gelöscht habe, als ich gemerkt habe, dass mich die App belastet hat. Was ich auf Dauer mache, weiß ich noch nicht…

        Ganz liebe Grüße zurück und ebenso ein zauberschönes Wochenende euch 😊

      • Kann ich so gut verstehen. Ich hadere grade auch mit dem Löschen, obwohl ich vom Verstand her weiß, dass es besser wäre.

        Wie ging es dir damit, wenn sie gelöscht war?

        Liebe grüße und sonnige Sonntagsstunden!
        Sofie 😊🦋☀️

      • Mir geht’s gut damit. Ich hatte noch 1-2 Tage ein schlechtes Gewissen, dass jetzt ein paar Menschen denken werden, ich hätte sie entmatcht ohne eine Erklärung zu bekommen, aber das konnte ich recht schnell abschütteln. Und danach habe ich die App nicht vermisst…

        Ich bin sicher, ihr werdet die für euch richtige Entscheidung treffen, wann immer es an der Zeit dafür ist 🙂

        Liebe Grüße zurück und ebenso noch einen wunderbaren sonnigen Sonntag euch ❤

  7. Liebe Sofie,
    dass die App euch getriggert hat, tut mir sehr leid! Es ist sicher eine gute Entscheidung, sie erst mal nicht zu benutzen. Dennoch verstehe ich eure Neugier! Ich habe sie auch benutzt und lustigerweise meinen Freund dort kennengelernt! Allerdings habe ich ähnliche Erfahrungen gesammelt…Profile, die schamlos und ohne Respekt nach körperlichen Aktivitäten fragen.
    Ich finde, dass es eine App geben sollte, die nur auf sowas aus ist, damit man nicht ständig damit konfrontiert wird!

    Liebe Grüße und danke für diesen ehrlichen Beitrag!

    • Oh, dass ist ja interessant. 😀 Schön, dass es dort dann doch auch noch andere Männer gibt!

      Vielleicht würde eine gesonderte App etwas nützen. Die Frage ist dann nur, ob sich so viele dort anmelden würden. Vor allem bei Frauen könnte ich mir vorstellen, dass es dort einen akuten Mangel gäbe und dann eben wieder auf die belebteren Portale zugegriffen wird.

      Liebe Grüße und ein schönes Wochenende! 🦋😉🌻

  8. Ob man nun im realen Leben oder Online bei Tinder nach Sex gefragt wird, macht glaube ich nicht so einen Unterschied. Außer das man Online in der anonymen Welt eben viel mehr solche Anfragen bekommt.
    Ich habe jedenfalls schon einige nette Gespräche und Treffen mit Tinder erreicht. Man muss offensichtlich nur anders sein, als alle anderen Männer 😅

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