Scham und ihre Opfer

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Scham ist die Angst davor nicht mehr Beziehungswürdig zu sein.
Im Grunde ist sie nichts anderes, als die Furcht vor dem Verlust von lebenswichtigen Bindungen. Wer Scham einmal gefühlt hat, weiß, wie vernichtend sie sein kann. Sie radiert mit unerträglichem Schmerz die Erlaubnis zur eigenen Existenz aus. Kaum ein Opfer von Gewalt kennt sie nicht. Betroffene schämen sich für das, was ihnen zugestoßen ist. Ihre Scham lässt sie unter der Angst leiden, den Kontakt mit anderen Menschen aufgrund der Übergriffe nicht wert zu sein.
Gleichzeitig stellt Scham der Gesellschaft ein Armutszeugnis aus. Sie hat verfehlt den Grundsatz „Die würde des Menschen ist unantastbar“ so zu leben, dass die Opfer von Straftaten sich ihrer menschlichen Daseinsberechtigung sicher sein können. Hingegen gelten sie oft als beschmutzt, kaputt, zerbrochen und nicht mehr normal lebensfähig. Das Opfer hat eine Beschädigung davongetragen. Dem Täter spricht man seine Ganzheit nicht ab. Im Gegenteil. Er war eben frustriert, konnte es nicht anders, hatte eine schlechte Kindheit und wird das doch bestimmt nicht wieder tun. Es ist, als bliebe all sein Dreck am Opfer haften.

Wenn wir uns dem Thema „Scham“ widmen, haben wir eine lange Liste an Dingen für die wir uns selbst als nicht beziehungswürdig einordnen. In der Regel versuchen wir sie irgendwie zu umgehen. Wer will sich schon die ganze Zeit mit diesen Gefühlen herumschlagen!? Gleichzeitig verlieren wir darüber aber auch etwas, was wir uns eigentlich am dringendsten wünschen – Beziehung. Wir sind gar nicht fähig dazu, ein „Ich mag dich“ oder „Du bist hübsch“ wirklich anzunehmen. Der ungeliebte Teil aus der Kindheit erwartet, dass es daran einen Haken gibt. Man lächelt uns bestimmt nicht einfach nur an, denn wahrscheinlich lacht man uns eher aus. Wir rationalisieren uns selbst weg, machen uns klein und entziehen uns Tag für Tag neu die Lebensberechtigung, indem wir unsere Liebenswürdigkeit in Frage stellen. Das wirklich grausame daran ist, dass es noch nicht einmal unsere eigene Denkweise zu unserem Körper ist. Es ist die der Täter, die uns lähmt und den Mut zur Bindung im Keim erstickt. Ich erinnere mich noch gut an den Satz eines Haupttäters: „Dich wird niemals ein Mann freiwillig anfassen!“ Das Kind in mir glaubt das aus tiefstem Herzen bis heute. Es fühlt sich hässlich und nicht Wert einen Partner zu haben. Niemand könnte es je hübsch finden. Da hilft alles rationales Hinterfragen nichts. Natürlich, hat das ausgerechnet der Mann gesagt, der uns auch vergewaltigt hat. Natürlich ist die Aussage einen Dreck wert. Natürlich ist das alles völlig paradox. Aber seine Worte und das bisschen Beziehung zu ihm, waren so wichtig für’s Überleben, dass es schwer ist davon loszukommen.

Wenn wir in der Therapie über die erlittene Gewalt sprechen, kommen wir oft an den Punkt, an dem wir nicht weiter reden können, weil wir vor Scham am liebsten im Boden versinken würden. Jedes Wort wird dann zur Qual und bleibt im Halse stecken. Schlüsseln wir das im Sinne der eingangs aufgeführten Definition von Scham auf, heißt das übersetzt: Wir haben Angst davor nicht mehr beziehungswürdig zu sein, wenn wir beispielsweise von den Erinnerungen erzählen, dass ein Mann uns als Kind gegen unseren Willen seinen Penis in die Scheide geschoben hat. So gesehen ist Scham an dieser Stelle nicht mehr, als gesellschaftlich verinnerlichtes Victim Blaming. Sie schreit: „Du bist Schuld! Du hättest es verhindern müssen. Du hast es nicht geschafft, also bist du dreckig! Du hättest verhindern müssen, dass ein Mann seinen guten Ruf verliert, weil er in der Lage ist eine Tat an dir auszuführen, die ihm schadet, weil dir das alle Beziehungen kosten kann.“ Für uns lässt das die Schlussfolgerung zu, dass Scham über erlebte Gewalt im Grunde nichts mit dem Opfer zu tun hat. Es geht um die unbewusst verinnerlichten gesellschaftlichen Ansprüche an die Betroffenen im Umgang mit ihrer Geschichte.

Im Grunde kann ich also aufhören mit meiner Scham, wenn ich mir erlaube
a.) nicht Schuld an den Vorkommnissen zu sein
b.) ich mir selbst die Beziehungswürdigkeit dennoch zusprechen kann, was heißt, dass ich mir Selbstwert zugestehe
c.) endlich der Täterschutz aufhören darf
d.) die Täter die Verantwortung für ihre Taten wieder zugesprochen bekommen
und
e.) die Gesellschaft ihre Haltung gegenüber den Opfern endlich entsprechend anpasst und ihnen ihre Fähigkeit zu gesunder Beziehung nicht abspricht.

Opfer sind nicht beschmutzt. Sie haben keine Makel. Sie sind nicht auf ewig zerstört, zerbrochen, in das normale Leben nicht mehr integrierbar und durch die Tat zu unliebenswerten psychisch Kranken mutiert. Sie sind nicht ansteckend und man darf sich ihnen ganz normal nähern. Sie sind Menschen. Ohne Fehler! Den den hat der Täter begangen. Sie verdienen die Wertschätzung für das, was sie durchgestanden haben und für unsere Gesellschaft durch ihre Bereitschaft zur Heilung leisten. Ja, fucking hell, perverse Arschlöcher haben uns ihren Schwanz in verschiedene Körperöffnungen gesteckt und uns gefoltert. Ich bin Stolz, dass wir die direkten und indirekten Folgen überlebt haben.

Ich find mich gut, so wie ich bin.

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26 Kommentare zu “Scham und ihre Opfer

  1. Dieser Beitrag von euch ist so toll beschrieben! Hier fehlt der Mut, zu sagen „wir sind froh…“ weil wir mitten im Überleben sind. Mitten im Ausstieg. Es trifft auch einiges zu. Gerade in der Therapie ist es irgendwann dann gar nicht mehr möglich zu sprechen, aus Angst, aus Scham und die Scham ist und kann so zermürbend sein. Und trotzdem wird hier weitergekämpft bis wir es schaffen. Liebe Grüße von uns.

    • Danke euch für die liebe Rückmeldung! 😊

      Wir sagen uns dann immer, dass wir froh sind, es bis hierher geschafft zu haben. Im Ausstieg ist oft viel Tohuwabohu, aber die Leistung ist ja trotzdem da, auch wenn ihr noch nicht ganz am Ziel seid. Wir wünschen euch ganz viel Kraft für eueren Weg und dass ihr gemeinsam ganz schnell das erreicht, was ihr euch wünscht!

      Liebe Grüße,
      Sofie 🦋☀️❤️

  2. Vorne weg: ich widerspreche dir in keinster Weise. Mein Kommentar ist eher als Ergänzung/Erklärungsversuch gemeint, nicht, um irgendwas, was ihr hier schreibt zu devaluieren oder irgendwas zu rechtfertigen…

    Das Thema, wie die Gesellschaft mit Tätern und Opfern umgeht beschäftigt mich schon länger sehr. Ich sehe hier durchaus einen Fortschritt darin, wie mit den Opfern umgegangen wird. Aber das ist noch weit davon entfernt, ein umfassend humaner Umgang zu sein. Und wie der Rechtsstaat damit umgeht ist nochmal eine ganz andere Sache…
    Ich habe den Eindruck, dass für viele Menschen die Vorstellung, Opfer von (sexuellen) Gewaltverbrechen zu sein, so ungeheuerlich ist, dass sie nach Erklärungen suchen, was das Opfer „falsch“ gemacht haben könnte und was man somit tun könnte, um sich und einem nahestehende Personen davor zu schützen. Das gipfelt dann in so absurden Aussagen, wie „Kein Wunder, dass sie vergewaltigt wurde – in dem Outfit…“ – also das klassische Victim Blaming… Es gibt zwar so gute Bewegungen, wie den Slut Walk, aber das führt dann wieder zu so absurden Aussagen, dass ein Mann heutzutage eine Frau ja nicht mal mehr ansprechen dürfe, ohne gleich angezeigt zu werden… Und gar Frauengruppen, die regelrecht für ihr „Recht, sexuell belästigt zu werden“ kämpfen…
    Es fehlt also auch noch jedes Gefühl dafür, wie sich „normale Konversation“ und „normales Flirten“ von sexueller Belästigung unterscheiden. Da wundert es mich nicht, dass auch das Gefühl dafür fehlt, wie sich einvernehmlicher Sex von einer Vergewaltigung unterscheidet.
    Und statt sich fortzubilden und ein Gefühl für diesen Unterschied zu entwickeln, werden die Täter verharmlost und die Opfer entmenschlicht. Vermutlich, weil das einfach schneller und bequemer ist, als ehrlich zu reflektieren vielleicht ein bisschen am eigenen Wertesystem zu arbeiten.
    Statt die Chancen zu sehen, wie sich de Gesellschaft zum Besseren entwickeln könnte, hat man Angst davor, dass einem etwas weggenommen wird.

    Und das zieht sich durch die Themen. Ob es nun um Naturschutz, Sexismus, Rassismus, die Flüchtlings-Thematik, oder eben auch die Opfer von Gewaltverbrechen geht… Ich habe den Eindruck, da sind überall ähnliche Mechanismen am Werk und die umzustellen dürfte eine längere Angelegenheit sein…

    Bis dahin werden Opfer nicht nur die Opfer der Gewaltverbreichen selber, sondern danach jeden Tag auf’s Neue wieder durch die Ignoranz ihrer Mitmenschen weiter verletzt.

    Ihr zeigt eine enorme Stärke und Ausdauer, wie ihr gegen diese Widerstände weiter und weiter euch euren Selbswert zurück erkämpft. Ihr hättet den eigentlich durch euer bloßes Existieren schon verdient. Stattdesen müsst ihr jedes kleine Stückchen hart erarbeiten. Ihr seid nicht kaputt oder schmutzig. Ihr seid damit einer der stärksten und strahlendsten Menschen, die ich mir vorstellen könnte. Es ist schlimm, dass ihr diese Kraft braucht. Aber ich finde es absolut bewundernswert, wie ihr mit so viel Durchhaltevermögen immer weiter geht!

    Ich wünsche euch alles Gute und viel Kraft für den weiteren Weg!

    • Liebe Eule,
      vielen Dank für deine Reflexion zu dem Thema! Ich empfinde eueren Kommentar auch gar nicht als Devaluierung. 😊

      Diese Diskussion um Flirt oder Belästigung gerade von Männern (Nicht dein Kommentar!) regt mich jedes Mal wieder auf, weil es für mich ganz klare Unterschiede gibt und eigentlich mag ich mich dazu im Alltag immer gar nicht äußern. Denn du hast recht, dazu könnte man sich auch belesen und weiterentwickeln. Allerdings muss ich auch sagen, dass ich ein Stück weit, grade auch bei der MeToo-Debatte, meine nachvollziehen zu können, wie es dazu kommt. Für uns liegt das auch daran, dass teilweise so schwammig ausgedrückt wurde, worum es wirklich geht und plötzlich alles vom Anschauen über den Grapscher bis hin zur Vergewaltigung in einem Topf gelandet ist. Deshalb sind wir dafür, dass man die Übergrifflichkeiten möglichst genau benennt.

      Danke euch für die lieben und mutmachenden Worte! Uns hilft beim Durchhalten und weiter gehen sehr Ziele zu haben, für die unser Herz schlagen kann.

      Liebe Grüße und einen schönen Abend,
      Sofie 😊☀️

      • Schön, wenn mein Disclaimer über meine Intention nicht nötig gewesen wäre 😅
        Ist halt doch ein sensibles Thema und ich wollte unter keinen Umständen irgendwie blöde Gefühle von Entwertung oder so bei meinen Worten aufkommen lassen.

        Ja, das „Alles in einen Topf werfen“ halte ich auch für sehr kritisch. Da wird aus der guten Idee von „wehret den Anfängen“ schnell ein Gleichsetzen Grapschern mit Vergewaltigern. Und natürlich ist es unangenehm angegrapscht zu werden, aber ich sehe da schon nochmal einen „klitzekleinen“ Unterschied zu einer Vergewaltigung… Während man einem Grapscher vermutlich noch erklären könnte, warum das gerade nicht erwünscht war und es wohl in den meisten Fällen für das Opfer eben wirklich nicht viel mehr als eben „unangenehm“ ist, sieht das bei wiederholtem Missbrauch sehr anders aus…
        Und so wird gerade bei #metoo da von Anfang an mit einer Aggression debattiert, die die Empfänger automatisch in die Defensive drängt und damit jede offene Kommunikation verhindert… Ich kann die Aggression dabei einerseits verstehen, denn auch kleine Grenzüberschreitungen sind immer noch Grenzüberschreitungen und sich dagegen zur Wehr zu setzen, Angst zu haben, dafür als hysterisch betrachtet zu werden und trotzdem zu hoffen, dass man ernst genommen wird und einem zugehört wird, wenn man in versöhnlichem Tonfall spricht, ist etwas, das mir persönlich sehr schwer fällt…

        Ich sehe da bessere Chancen, wenn sich hier Mediatoren-Rollen herausbilden würden…. Unbeteiligte Dritte, die hier vermitteln können… Aber wie man dahin kommt?!?

        Alles Liebe und ebenso einen schönen Abend ebenso 😊

      • Ja, das wäre schön! Allerdings müsste man dann erst einmal so weit sein, dass jemand als Otto Normalverbraucher sagt, ich möchte mich mit einem Mediator an den Tisch setzen, weil ich das Thema grundsätzlich wichtig finde.

        Liebe Grüße,
        Sofie 😊

      • Ich meine das mit den Mediatoren weniger wörtlich. Ich denke eher an Menschen, die eben für die Thematik sensibilisiert sind, ohne selber betroffen zu sein, und dann entsprechend in ihrem Umfeld schlichtend eingreifen und vermitteln und gegenseitige Empathie fördern und unterstützen können…

        Aber ob es realistisch ist, dass sich sowas herausbildet und das dann auch angenommen wird?!?

        Liebe Grüße zurück 😊

      • Hups…😊

        Das könnte ich mir auch gut vorstellen. Ich glaube es würde schon viel bewegen, wenn man im Freundeskreis Aussagen hinterfragt und erklärt worum es wirklich geht. Dafür wären manche sicher offen. Wir haben das in der Uni erlebt, dass manche jungen Männer dankbar für Erklärung waren, weil es ihnen auch half aus der Verunsicherung zu kommen.

        Liebe Grüße! 😊☀️🦋

  3. Liebe Sofie! Scham… Das Thema, welches ständig in der Therapie an allen Ecken und Enden aufploppt. Es mir gefühlt unmöglich macht, (weiter) zu sprechen oder Frau Wunder nach einer Email mit Schilderungen der Verbrechen unter die Augen zu treten.
    Ich weiß bisher nicht, wie ich aus diesem Teufelskreis des Schämens und dann schweigen (müssen) ausbrechen kann. Zu gigantisch ist dieses Gefühl, zu nichts außer *** gut zu sein. Mich vor jedem Millimeter meines Körpers zu ekeln und für jeden Millimeter zu schämen. Ein großes, so unfassbar schweres Thema… Und danke fürs Ansprechen, Aussprechen, lesbar machen!
    MrsTingley

    • Liebe Mrs. Tingley,
      wie schön von dir zu lesen! 😊

      Oh, das Gefühl kennen wir so gut. Dabei finden wir es so wichtig wirklich auszusprechen was war. Wenn wir trotz Scham etwas sagen konnten, tat uns das bislang immer gut. Ich denke und hoffe, dass Therapeuten tatsächlich die Täter für abartig halten und nicht ihre Patienten. Uns hilft das immer etwas, wenn wir uns deutlich machen, wer für die Misere gleich nochmal verantwortlich ist.

      Liebe Grüße,
      Sofie

  4. Lesen gerade diese Worte, und denken genau das ist es, warum man nicht gern enge Sachen trägt und fast nie geschminkt ist, warum es in der Therapie immer ab einer stelle oft schwammig wird und sehr schwierig , ihr habt den Nagel auf den Kopf getroffen…vielen dank das ihr über dieses Thema geschrieben habt…lg

    • Wir danken euch für die emphatischen Worte!

      Das mit dem Schminken kennen wir auch. Nur nicht zu viel Aufmerksamkeit aus Angst, dass mit ihr gleich auch die Ablehnung kommt. Logisch ist das bei uns sicher nicht, zumal wir eigentlich denken, dass eine hübsche, gepflegte Frau sicher keine grundsätzliche Ablehnung erfährt.

      Liebe Grüße,
      Sofie 😊

  5. Das ist wahnsinnig gut und so knallhart-ehrlich geschrieben. Den letzten Absatz finde ich am besten, obwohl er hier noch so schwer zu akzeptieren oder zu fühlen oder zu sehen ist. Er ist wirklich gut!!! …. und jetzt haben wir nen Hänger… sorry. Gab gerade eigentlich noch SO viel dazu zu sagen, ist jetzt plötzlich weg, verdammt.

    Ach ja… zum Thema Scham (haha, da wird’s gleich laut im „Hinterstübchen“….) ICH würde sagen, ich kenne das Gefühl nicht wirklich. Da sind immer so Gedanken da,… ach Schwachsinn, nein… oh man, tut mir leid… der Kopf ist grad echt laut…. ich geh auf das Thema vielleicht ein andermal ein.

    Jedenfalls gebe ich dir hier vollkommen Recht!: *(..)“Opfer sind nicht beschmutzt. Sie haben keine Makel. Sie sind nicht auf ewig zerstört, zerbrochen, in das normale Leben nicht mehr integrierbar und durch die Tat zu unliebenswerten psychisch Kranken mutiert.“(…)*

    Dieser Satz wird hier sofort mit der Psychiatrie assoziiert, weil wir uns dort ausgerechnet von Ärzten und Fachkräften genauso behandelt fühlten: mutierte, nicht mehr lebensfähige oder selbstbestimmende psychisch Kranke zu sein. Als wären wir nicht mehr dazu in der Lage für gesunde Selbstwahrnehmung oder Entscheidungen. Sie behandelten uns, als wäre alles was wir sagen völliger Schwachsinn, als wäre jedes Wort eine Folge der psychischen Erkrankung. Das hat uns rasend gemacht vor Wut. Jemand von den Innens stand sogar einmal vor dem Stützpunkt und schrie die Pfleger mit Tränen in den Augen an: „Wir sind keine Tiere! Wir sind Menschen und nur weil wir eine Vergangenheit haben, die sie nicht einmal ansatzweise nachvollziehen können, heißt das nicht, dass wir Matsch in der Birne sind, dass wir nicht wissen was wir sagen oder tun! Sie dürfen uns nicht einfach mit Medikamenten abfüllen, sich hier zurücklehnen und so tun, als wären wir wie Affen in einem Zirkus, die nach Ihrer Pfeife tanzen!“ Als jemand von den Innens den Fachkräften das ins Gesicht schrie (das war kurz nach den Visiten, was heißt dass Oberärztin, Sozpöd, Assistenzärzte und Pfleger im Raum waren), wurde es auch auf dem Gang still.

    Sie ist weinend und verbittert und wütend davon gerannt, und obwohl die anderen Patienten sie dafür lobten und den Rest des Aufenthalts wertschätzten, weil sie sich als jüngste Patientin gegen dieses verkorkste System gestellt hat, konnte sie nicht damit abschließen. Denn wir alle haben gemerkt (alle aus Ich), dass dieser Satz von J2 nicht im Geringsten bei den Leuten im Stützpunkt angekommen ist.
    Nicht ein kleines bisschen.

    Im Gegenteil. Eine Woche später wollten sie sogar eine Verordnung zur Zwangsmedikation stellen (was die Gerichtsmedizinerin GOTT SEI DANK verboten hat).

    Wir sind NICHT schwerstgestört. Wir sind funktionstüchtig, wir sind lebensfähig – mehr als manch andere sogar, weil wir wissen, wie wichtig es ist zu LEBEN, weil wir uns FÜR das Leben entschieden haben, in dem Moment, in dem diese Alle in uns entstanden! – WÄHREND Taten, die andere Menschen vielleicht um den Verstand gebracht hätten, die man manchmal anders gar nicht hätte überleben können. Wir haben uns FÜR das Leben entschieden, während wir vom Tod vielleicht manchmal nicht einmal mehr wenige Minuten entfernt waren.

    Niemand kann uns vorwerfen, niemand darf uns (uns Opfern von Gewalt) vorwerfen, wir wären minderwertig (niemand im Innen und auch niemand im Außen), oder nicht lebensfähig, nicht integrierbar in die Gesellschaft. Wir können genauso atmen, denken, fühlen und handeln wie alle anderen Menschen auch, wir können interagieren, arbeiten, Spaß haben und Freude, wie JEDER ANDERE MENSCH AUCH.

    Wir sind nicht einfach nur „psychisch krank“ …wir sind eigentlich… Überlebenskünstler.

    • Danke Mi für das dicke Lob! 😊

      Manchmal geht uns das beim Schreiben von Kommentaren genau so. Wir wollen etwas ausdrücken und dann hängen wir dabei. Das macht überhaupt nichts.

      Was ihr erlebt habt, stelle ich mir als sehr dramatische und einschneidende Erfahrung vor. Ihr hattet absolut recht und ich finde gut, dass jemand ausgedrückt hat, was ihr gefühlt habt. Uns ist es auch ein Dorn im Auge, dass für unser Empfinden oft viel zu schnell auf die Chemiekeule zurückgegriffen wird und die anderen Komponenten der Heilung unter den Tisch fallen gelassen werden. Kaum jemand macht sich die Mühe, wirklich langfristig über die Beziehungsebene zu arbeiten.

      Ja, ihr seid absolute Helden und Heldinnen und wir sind fest überzeugt, dass der Mut zur Verletzlichkeit einen Menschen wirklich als Mensch ausmacht. Überlebenskünstler finde ich einen wunderschönen Ausdruck für diese Leistung.

      Liebe Grüße,
      Sofie 😊

    • 💖 ein großes, herzliches Dankeschön für diese starken, hilfreichen und liebevollen Worte, die dir/euch selbst, uns und allen Opfern von sexualisierter Gewalt gelten. 😊💐❤️❤️🍀🍀🍀
      Von Herzen das Beste für euch
      „Benita“

  6. Pingback: Die Geschichte der Täter | Sofies viele Welten

  7. Liebe Sofie und die bunten Schmetterlinge,
    Ich wusste, weshalb ich mehrere Tage brauchte, diesen Beitrag zu lesen. Wir ahnten, dass er so nahe gehen würde, wie er nun gegangen ist und das meine ich durchaus in einem außergewöhnlich gutem Sinne, denn wie du schreibst: “ So gesehen ist Scham an dieser Stelle nicht mehr, als gesellschaftlich verinnerlichtes Victim Blaming. (…) Für uns lässt das die Schlussfolgerung zu, dass Scham über erlebte Gewalt im Grunde nichts mit dem Opfer zu tun hat. Es geht um die unbewusst verinnerlichten gesellschaftlichen Ansprüche an die Betroffenen im Umgang mit ihrer Geschichte.“, dann tut das einfach nur gut. Mir scheint, du bist so viel weiter im Umgang mit Scham, als wir es sind. Wir haben kaum Worte dafür, nur Tränen und Angst. Scham als Existenzangst, wie wahr! In jeder Faser spürbar. Danke, danke, danke für diesen Beitrag. 💖❤️
    Weiß gar nicht, wie ich ausdrücken kann, was es mit uns macht. 😊
    Alles, alles Liebe und Gute und wenn ihr wollt eine liebe virtuelle Umarmung. 🏵️🤗
    „Benita“

    • Liebe Benita,
      wir sind immer noch sehr berührt, dass wir euch damit so berühren konnten. Insofern können wir den Dank für diese Rückmeldung nur zurückgeben! 😊

      Die Auseinandersetzung mit der Scham kommt bei uns eher in Wellen und ist nicht beständig vorhanden. Das wäre zu viel.

      Wir umarmen euch an dieser Stelle einfach mal zurück, wenn ihr wollt. 🤗

      Herzliche Grüße und viele liebevolle Gedanken für euch selbst!
      Sofie 😊🦋☀️

      • Liebe Sofie,
        Gerne nehmen wir die Umarmung und die lieben Wünsche an. 😊 Wir freuen uns sehr uns mit dir zu freuen über das, was es auslöste an Positivem. Ich denke, dass alle Themen in Wellen kommen und wieder gehen um sie verarbeiten zu können. Ja, sonst wäre es bestimmt zuviel.
        Herzliche Grüße 😊
        „Benita“

  8. Pingback: Leben mit DIS#17: Mich schämen zu existieren! – lebendig werden …

  9. Liebe Sofie,
    ich habe mir erlaubt dich unter Nennung deines Beitrages auf meinem Blog im aktuellen Beitrag öfters zu zitieren. Falls die Zitate für dich nicht passen, weil falscher Zusammenhang oder generell unangenehm, bitte lass es uns wissen.
    Alles Liebe
    „Benita“

  10. Pingback: Das Dilemma und mein Weg hinaus – lebendig werden …

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