Gewalt gegen Frauen in der Sprachkultur

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Wenn man sich unsere Sprachkultur so ansieht, könnte man oft meinen, dass Gewalt allein das Problem der Frauen ist, denen sie passiert. Die Männer haben die Konversation rein von der Wortwahl meist schon lange verlassen, bevor ihre aktive Beteiligung an der Gewalt überhaupt sichtbar werden könnte.

Dazu ein Beispiel (angelehnt an Jackson Katz, Gewalt gegen Frauen – Ein Männerproblem):

1. Der Mann schlägt Anna.
„Der Mann“ steht hier als Subjekt im Mittelpunkt des Satzes. Er ist aktiv und steht direkt mit dem Geschehen in Verbindung.

2. Anna wurde von ihrem Mann geschlagen.
Und schon ist der Mann passiv. Anna steht im Mittelpunkt des Satzes, obwohl ihr Mann der aktive Täter ist.

3. Anna wurde geschlagen.
Hier spielt der „Mann“ schon gar keine Rolle mehr. Er fällt aus dem Zusammenhang völlig raus. Anna ist Gewalt passiert. Durch wen wird nicht definiert.

4. Anna ist eine geschlagene Frau.
Nun ist die Gewalt sogar zu Annas Identität geworden. Kein Täter und kein Mann mehr in Sicht. Es ist alleine Annas Problem.

Mal ehrlich, wie oft hören wir nicht die erste, sondern irgendeine der vier anderen Versionen über stattgefundene Gewalt!? Wie oft wurde eine Frau vergewaltigt und geschlagen, statt den Mann als Vergewaltiger zu verbalisieren. Wir sind eine missbrauchte, gefolterte und vergewaltigte Frau, aber wo zum Henker bleibt in dieser Aussage der Bezug zum Täter!? Wir sind es, die die Therapien machen, die sich darum kümmern müssen, dass die Dinge, die unsere Peiniger an uns verbrochen haben wieder ins Lot kommen und die jeden Tag darum kämpfen wieder so „normal“ im Leben stehen zu können, dass es für die Umwelt passt. Die Täter sind an diesem Prozess null beteiligt. Sie machen fröhlich weiter. Das Resultat aus ihren Verbrechen ist nicht ihr Problem. In der Sprache wird das deutlich. Sie zeigt, wie die Gesellschaft tickt. Sie fragt, weshalb die Frau einen zu kurzen Rock anhatte, wieso sie sich alleine mit einem Mann getroffen hat, ob sie es hätte verhindern können, wenn sie sich stärker gewehrt hätte. Sie schreit oft nicht: Wer war das Arschloch!? Wieso hatte der Mistkerl sich nicht im Griff? Was läuft in dem kranken Gehirn eines Mannes ab, der ein Kind vergewaltigt? Wie kommt er dazu sich das Recht herauszunehmen die Grenzen von Schutzbefohlenen so massiv zu übertreten? Können wir irgendetwas für das Opfer tun, um es in Zukunft zu schützen? Die gesellschaftlichen Prägungen unserer kognitiven Strukturen zielen darauf ab, das Verhalten der Frau zu hinterfragen. Aber das dient noch nicht einmal der Prävention. Das ist Victim Blaming. Jackson Katz nennt dieses Vorgehen „Töte den Botschafter“, weil es darum geht die Frau als Überbringerin und Aufzeigerin von kulturellen Missständen Mundtot zu machen. Es entspringe der Angst sich den schwachstellen im System zuzuwenden.

Als ich mich damit beschäftigt habe, war es für uns wichtig unsere eigene Wortwahl zu hinterfragen. Wenn ich in der Therapie über die erlittene Gewalt spreche, sage ich tatsächlich oft „Ich wurde vergewaltigt“. Ich führe oft nicht detailliert aus von wem genau. Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, liegt das tatsächlich nicht nur, aber auch daran, dass ich die Gewalt mehr zu meinem Thema mache, als zu dem des Täters. Irgendwo im Hinterkopf läuft mal mehr mal weniger bewusst mit, dass ich das nicht darf und ich überlege mir auch, wie es den Tätern damit gehen würde, wenn sie als solche erkennbar würden. Dann habe ich versucht meine Sätze zu ändern und habe damit tatsächlich ordentlich zu kämpfen. Zu sagen „XY hat mich vergewaltigt“ jagt mir Schauer durch den Körper. Meistens bringe ich das gar nicht gut über meine Lippen und stopsle einige Zeit herum. Aber weshalb ist das so? Warum quält es mich zusätzlich den Täter zu benennen unabhängig von Verboten? Vielleicht weil das gesamte Geschehen dadurch noch mehr greifbar wird. Zumindest wird das Unrecht in dieser Form des Satzbaus für uns deutlicher spürbar. Dann hat mir jemand etwas angetan, was unrecht war und das lässt mich die Ohnmacht wahrnehmen. Der Täter steht im Zentrum des Satzes und damit auch im Zentrum der Tat. Wir finden es spannend zu spüren, dass auf diese kleinen Veränderungen in der Sprache auch unsere Emotionen jeweils anders reagieren.

14 Kommentare zu “Gewalt gegen Frauen in der Sprachkultur

  1. Vielen Dank für diesen Beitrag. Die Macht der Sprache wird oft gewaltig unterschätzt. Das sieht man momentan auch wieder sehr an der „Gender-Sternchen-Debatte“. Dabei verändert unsere Sprache nicht nur unser Denken, sondern auch z.B. wie wir Farben sehen (https://www.youtube-nocookie.com/embed/mgxyfqHRPoE).

    Insofern sollte es nicht so schwer sein, sich vorzustellen, wie stark die Sprache, die wir verwenden, sich auf unsere Wahrnehmung der Welt auswirken kann.

    Worte haben enorme Macht. Nicht nur, wenn sie verwendet werden, um Tatsachen zu verdrehen, sondern auch durch Assoziazionen, die durch gewisse Formulierungen geweckt werden…

    Alles Liebe und viele Grüße 🙂

  2. Wow, guten Morgen. Als ich das gerade gelesen habe kamen innen Reaktionen wie „Schau mal, sie hat recht, es sind Sätze die verletzen, als wären nur „wir“ oder die Opfer im Mittelpunkt des grauens. Die Täter werden heimlich gemacht, kaum benannt.“ Oder manche sagen „Ja, man schämt sich sowieso schon und dann wird man noch so in die Gesellschaft gepresst!“

    Wir haben durch das Schweigegebot Probleme überhaupt auszusprechen. Erst durch die Therapie lernen wir, Schweigen zu brechen. Aber hier bennent man nie/kaum „ich/wir wurden gefoltert/missbraucht etc“ sondern – „Die/ Der XY hat mich/uns ….“ Ich find es ein schwieriges Thema, gerade in der Gesellschaft, man versucht das Schweigen zu brechen und trifft gegen Mauern. „Er hatte eine schlechte Kindheit etc“ so etwas verunsichert hier extrem – Es mag vermutlich so sein, dass bei Täter auch keine gute Kindheit war, aber ist es wirklich die Entschuldigung? Wir denken nicht, denn hier versucht man gerade deshalb vorsichtig mit Menschen umzugehen, weil wir wissen wie man auch mit Wörtern verletzt werden kann. Wir versuchen jeden Menschen anzunehmen, sind eben nicht böswillig. Ich hoffe du/ihr versteht wie ich das meine. Denn gerade diese entschuldigungen. Mit gerade solchen Sätzen können wir nicht umgehen. Wenn man weiter darüber nachdenkt „Ja, ihr könnt nicht dies oder das, ihr seid ja Opfer!“ Das ist zum Beispiel auch ein Satz, der uns immer wieder Gänsehaut verpasst, denn wir versuchen mit am Leben teilzunehmen, wollen einen Weg finden und nicht immer darauf reduziert werden. Logisch, manche Sachen können wir vielleicht aus diesem Grund nicht. Aber wir wollen es lernen. Zu Leben. Euer Beitrag hat zum Nachdenken gebracht. Danke für diese Einsicht. Liebe Grüße.

    • Hallo, 😊
      danke für die liebe Rückmeldung!

      Wir haben die Entscheidung getroffen, dass es für uns vollständig egal ist, welche Vergangenheit die Täter hatten. Wir laufen ja schließlich auch nicht Amok.

      Ich glaube, was ein Opfer kann oder nicht kann, ist so unterschiedlich, dass eine Bewertung von außen schlicht übergriffig ist. Wir sind beispielsweise schon immer sehr gut in der Lage Dinge mit dem Verstand zu reflektieren. Das mussten wir trotz Dissoziation nicht lernen, obwohl oft genau das Gegenteil von Traumapatienten behauptet wird. Es wird Zeit, dass wir versuchen jeden einzelnen Menschen mit seinen Reaktionen wieder als Individuum zu sehen und uns einen Schritt, von den Studien lösen, die auf Allgemeingültigkeit aus sind.

      Liebe Grüße,
      Sofie 😊

  3. Guten morgen, es ist als ob Frauen generell die Sprache verloren haben, und keine eigene Meinung mehr haben oder sich nicht trauen eine zu besitzen….wir haben lange in einem Männer dominierenden job bearbeitet, und auch dort wurde man belächelt, musste sich sexuelle Sprüche anhören, jedoch hat man sich nicht abschrecken lassen und vor allem nicht abschrecken lassen….LG

  4. Ein sehr spannender Beitrag! Ich bin auf jeden Fall auch der Meinung, dass Sprache einen großen Einfluss darauf haben kann, wie Sachverhalten wahrgenommen werden, wie wir uns fühlen und darüber hinaus auch, wie wir denken! Das Problem im 2. bis 4. Beispiel ist für mich auch, dass die Frau so gegenüber dem Mann hervorgehoben wird und dadurch für mich automatisch eine Art Opferrolle einnimmt. Wie du ja sagst, sie bleibt passiv… und das lässt sie so erscheinen, als ob sie gar keine Chance hat, sich zu wehren, als ob sie automatisch die Schwache ist. Ich muss sagen, dass ich zwar noch nicht viel auf deinem Blog gelesen habe und deinen Hintergrund nicht wirklich kenne… aber ich finde es toll, dass du deine Sprache so änderst und den Menschen, der die etwas angetan hat, aktiv als Verbrecher benennst. Liebe Grüße!

    • Hallo 😊,
      danke dir für das Lob und die Rückmeldung!

      Ich empfinde es immer so, dass unser männerdominierte Kultur über Jahrhundert versucht hat Frauen über Scham und Schuld klein zu halten und dieses erzeugte „automatisierte Verantwortungsempfinden“ bei Frauen jetzt eben auch in der Beschreibung von Straftaten an Frauen durchblickt.

      Liebe Grüße und einen sonnigen Mittwoch!
      Sofie ☀️🦋😎

  5. Toll geschrieben! Ich könnte gerade nur nickend zustimmen! Sprache transportiert so viel und kann so oft falsch aufgefasst werden und das Denken beeinflussen!

    Danke für diesen wichtigen Beitrag! ❤️

  6. Liebe Sofie und die bunten Schmetterlinge,
    Wie sehr spricht uns dein Beitrag aus dem Herzen. Es sind mittlerweile Jahrzehnte, die ich kämpfe auch sprachlich einen Weg zu gehen, der der zumeist männlichen Gewalt angemessen ist. Ich bin sehr dankbar für deinen Beitrag, weil er mir Kraft gibt weiter zu gehen in diesen Belangen. Zu wissen, ich bin damit nicht alleine, tut uns enorm gut. 💖😊 Ich weiß noch, wie ich vor vielen Jahren (20 oder mehr?), mir bewusst gemacht habe, dass meine Eltern Verbrecher sind und an mir wurden. Wobei mein Vater der aktive Part war. Immer wieder habe ich diesen Satz, dass sie Verbrecher sind vor mich hin gesagt, um die Ungeheuerlichkeit zu begreifen. Gerne verwende ich deshalb auch bewusst ganz klare Worte, wie (sexualisierte) Gewaltverbrechen, wenn ich über das Erlebte spreche oder schreibe. Es ändert etwas an der Gefühlslage. Es gibt mir die Autonomie über mein Leben retour. So werde ich zum handelnden Subjekt, das „Nein!“ sagt, „Ich/wir lasse/n mich/uns nicht weiter benutzen! Für Beschönigungen und Vertuschen bzw. Verharmlosung sind wir nicht zu haben!“
    Darf ich deinen Beitrag wieder einmal rebloggen?

    Von Herzen das Beste für euch 💖🍀🍀🍀🤗💐
    „Benita“

    • Vielen Dank für deine emphatische Rückmeldung! 😊Den Beitrag darfst du natürlich gerne rebloggen.

      Wir finden es super, dass ihr die Sprache euren Bedürfnissen anpasst. Manchmal tut es wohl weh, wenn man so deutlich ausdrückt, was war, aber es hilft auch beim verarbeiten.

      Herzliche Grüße,
      Sofie ☀️🦋🙂

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