Wegfahrsperre und neue Heimat

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Mehr als ein dreiviertel Jahr ist seit meinem Umzug jetzt vergangen. Mehrere hundert Kilometer vom ursprünglichen Wohnort entfernt hat sich einiges verändert. Am Anfang sehr schleichend und subtil, mittlerweile deutlich spürbar. Einige Erkenntnisse kamen durchaus überraschend, nachdem ich vorher immer behauptet hätte, dass ich mit der geographischen Nähe zu den alten Tätern durchaus gut leben kann, solange sie mir vom Hals bleiben. Der Rückblick erzählt eine andere Geschichte.

Das Handy piepst kurz auf, um mir eine Nachricht zu melden. Beiläufig schiele ich auf das Display um ihren Ursprung zu verorten. Eine liebe Bekannte, aus der alten Heimat. Sie vermisse mich und ob ich denn mal wieder in der Gegend sei. Es ergibt sich ein kurzer Austausch und ein Telefonat. Wir wollen uns treffen. Da ich das Wochenende frei habe, beschließe ich mir einen Tag dafür Zeit zu nehmen. Als wir auflegen fühle ich mich noch wohl, freue mich darauf eine Tasse Kaffee mit ihr zu trinken, denke an die schönen und lustigen Momente mit ihr in der Vergangenheit und schwirre im Kopf durch verschiedene Gedanken zur Planung der Fahrt. So weit, so ungut.
Während sich meine Essstörung in letzter Zeit praktisch wie von selbst auf ein erfreuliches Niveau eingependelt und gefallen an gesunder Ernährung gefunden hatte, klopft jetzt ganz subtil durch die Hintertür die Lust auf Süßes an. An einem Stückchen Kuchen, ist doch nichts schlimmes, oder? Den Drang bringe ich zunächst überhaupt nicht mit dem Treffen und der Fahrt in alte Gefilde in Verbindung. Ich esse also ein Stück. Doch dabei bleibt es nicht. Bald sind es zwei und drei. Chips hatten wir auch schon sehr lange nicht mehr. Also weg mit der Tüte. Pommes, Fanta, Hühnchen, Nudeln, Pizza… In meinem Magen landen in kürzester Zeit mehr ungesunde Kalorien, als in den gesamten letzten Wochen. „Morgen wird es besser“, denke ich mit aufkeimender Übelkeit. Doch dem ist nicht so. Der Heißhunger auf alles, was mir zwischen die Finger kommt, beleibt in den nächsten Tagen. Ich versuche ein Bein in die Tür zu kriegen und überlege angestrengt, was die Ursache für diesen Zustand ist. Erst nach einigen Bemühungen fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Es ist die anstehende Reise und die räumliche Nähe zu den Tätern. Ich fühle mich, als wollte meine Seele nochmal für eine extra dicke Schutzschicht sorgen. Trotz allem möchte ich das Treffen ungerne absagen und entschließe mich dafür. Ein paar Skills werden es schon richten… Ich bemerke die Wegfahrsperre in mir, als ich mich am Wochenende schließlich ins Auto setze. Letztlich wird das Treffen mit der Bekannten schön werden, aber der Preis ist hoch. Zwei bis drei Wochen werde ich im Nachgang damit kämpfen, die Essanfälle zu beenden, aus einem dauerdissoziativen Nebelschleier aufzutauchen, die sexuellen Selbstverletzungen einzustellen und einen Umgang mit den Flashbacks zu finden.

Diese Szenerie ist mittlerweile beispielhaft für die Auswirkungen von Kontakten in die alte Heimat geworden. Dabei sind noch nicht einmal die direkten Gegenüber oder Freunde das Problem. Sie hatten mit den Gewaltbeziehungen nie etwas zu tun. Alleine das bekannte Umfeld lässt meinen Körper vor Stress explodieren. Plötzlich schreit dann der Darm und kündet einen neuen Entzündungsschub an, die Hormone geraten durcheinander, meine Haut nässt und wird im Intimbereich wund, alte Zwänge tauchen wieder auf und die Dissoziation steigt sprunghaft an. Wirkliche Lösung, außer mich fern zu halten, habe ich noch keine. Blöd nur, dass mir manche Menschen dort eigentlich wirklich wichtig sind.

Aber auch abgesehen vom sozialen Umfeld hat sich in der neuen Stadt viel verändert. Ich kann einkaufen, ohne in der maximalen Anspannung damit rechnen zu müssen, vielleicht jemanden zu sehen, der mir aus Täterzusammenhängen bekannt ist. Mir dessen bewusst zu werden, hatte etwas derart befreiendes, dass ich für einige Wochen täglich breit grinsend und völlig aufrecht mit dem Einkaufswagen durch den Laden geschoben bin. Wenn ich zum Schwimmen gehe, tauche ich mit dem Kopf unter Wasser und gleite für eine Stunde von allen Sorgen frei durch das Nass. Der Druck mich beeilen zu müssen, weil sonst vielleicht doch noch Menschen auftauchen, die ich kenne, entsteht nicht und wenn mich doch einmal jemand grüßt, dann grüße ich einfach freundlich zurück. Im Café stört es niemanden, wenn ich nur blöd vor mich hinschauen will und keiner guckt doof, wenn ich mal nicht mega gestylt aus dem Haus gehe.

Manche Belastungen haben durch den Abstand zunächst zugenommen. Die teils diffusen Erinnerungen bekamen mehr Klarheit. Unser Geschichte lässt sich schwerer vom Alltag trennen, weil die dissoziativen Barrieren zunehmend abnehmen. Wir können dadurch nicht mehr so funktionieren, wie vorher und mussten eine Arbeitspause einlegen. Schweigen ist für uns immer weniger eine Option und regelmäßige Therapie wieder wichtig geworden. Dennoch empfinden wir das generell als einen Gewinn. Langsam kommen wir uns selbst wieder nahe. Manche Zusammenhänge von Symptomen wären uns ohne den Umzug vielleicht nie Aufgefallen, weil sie entweder zu dauerpräsent waren oder in der Abspaltung untergingen. Wir entwickeln am neunen Wohnort ein Gefühl von Leben und nicht nur Überleben.

Auch wenn wir nie die Notwendigkeit sahen wegzugehen, sind wir froh, dass wir die Chance über unseren Job geschenkt bekommen haben. Im Nachhinein kann ich eine deutliche räumliche Distanz von den Tatorten nur empfehlen.

20 Kommentare zu “Wegfahrsperre und neue Heimat

  1. hi, finden eure klaren worte zu diesem Thema auch für uns nochmal hilfreich, obwohl wir schon lange an einem anderen Ort als die Täter leben. Wünschen euch ein gutes zurückfinden in eure neuen Grenzen..

  2. Hi 🙂
    Von dem bisschen, was ich über DIS weiß, kann ich mir schon sehr gut vorstellen, wie wichtig der räumliche Abstand ist.
    Aber ich kann auch gut nachvollziehen, dass ihr die Menschen aus der alten Heimat, die ihr lieb gewonnen habt, trotzdem ab und zu sehen wollt. Vielleicht gibt es ja eine Möglichkeit, sich eine Stunde oder so entfernt vom alten Heimatort zu treffen – irgendwo zwischen eurer alten und eurer neuen Heimat, wo die Gefahr den Tätern über den Weg zu laufen quasi gleich null ist und wo ihr keine Orte mit den alten Erlebnissen verbindet? Irgendwo wo es anonymer ist…?

    Ich wünsche jedenfalls gute Entscheidungen und alles Liebe 🙂

    • Huhu, 😊
      das versuchen wir derzeit hinzubekommen. Das Problem ist teilweise auch, dass wir die Leute mit der Region verbinden und das reicht anscheinend auch schon für einen Trigger.

      Liebe Grüße und vielen Dank, dass du dir hier für uns Gedanken gemacht hast! 😊
      Sofie 🦋

      • Ja, ich glaube, das kann ich nachvollziehen…
        Ich drücke die Daumen, dass ihr einen Weg findet, wie ihr triggerfrei trotzdem zumindest die wichtigsten Menschen nicht aus eurem Leben verbannen müsst…
        Aber trotzdem ist das Wichtigste, dass es euch gut geht!
        Alles Liebe ♥️

  3. Ich kann es gut nachvollziehen, dass die physische Nähe zu deinem alten Heimatort nicht gut! Das zeigt sich bei dir ja in psychischen und sogar physischen Symptome, womit dein Körper ganz klar deine Aufmerksamkeit Erlangen möchte! Das mit dem Essen finde ich auch sehr spannend… und bewundernswert, dass du dann so schnell bemerkt hast, was der Auslöser dafür ist. Ich wünschte ich könnte das… bei mir herrscht meistens nur ein großes Chaos haha. Könnten dich deine Freunde nicht auch an deinem neuen Wohnort besuchen kommen? Das tät dir doch bestimmt gut. 🙂 liebe Grüße!

    • Ich glaube das mit dem Essen erschien auf die länge des Beitrages schneller, als es im Realen war. Bis zu der Situation, in der es uns dann letztlich bewusst wurde, waren einige Rückschläge dabei, die wir nicht zuordnen konnten.

      Meine Freunde kommen schon auch zu mir. Es wäre manchmal nur rein zeitlich praktischer, wenn ich fahre, weil ich ja im Moment nicht arbeite.

      Liebe Grüße,
      Sofie 😊

      • Aber zumindest konntest du es dann zuordnen, das ist doch toll! 🙂

  4. Ich möchte mich Grübel-Eule anschließen. Diesen Gedanken, dass ein Treffen in der Mitte helfen kann hatte ich auch. Das ist euch aber wohl auch schon eingefallen. Und ich bin überzeugt, dass jene lieben Bekannten es nicht mögen, wenn ihr liebe Sofie euch so großen Strapazen und Schmerzen aussetzt um sie zu treffen. Allerdings kenne ich auch zur Genüge, es überprüfen zu müssen, ob es nicht eh schon geht. Bzw. hättet ihr ohne dieses Treffen ja gar kein Bewusstsein für die noch immer wirksame Schwere gehabt, um es anders zu planen.
    Ganz viel Kraft wieder zur Ruhe zu kommen. …..
    Alles Liebe
    „Benita“

    • Danke dir! ❤️

      Ich denke, dass nicht alle unbedingt ahnen, was es wirklich für mich bedeutet. Wir werden wohl einfach mehr mit ihnen darüber reden müssen, jetzt wo es uns bewusster ist.

      Dir auch alles Liebe,
      Sofie 😊🦋☀️

  5. Könnte die Bekannte nicht zu dir kommen? Ich finde das eine Zumutung, dass du da hin sollst. Weiß sie denn, wie belastend das für dich ist? Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie das wollen würde…

    • Ich denke, dass sie das schon machen würde. Sie hat auch in der Vergangenheit schon angedeutet, dass sie uns mal besuchen kommen kann. Tatsächlich, wissen nicht alle der Bekannten von meiner Geschichte oder nur sehr begrenzt. Insofern ist es eine Herausforderung für uns, jetzt offener damit umzugehen.

      Liebe Grüße und danke, dass du trotz deiner derzeitigen Lage, die Kraft gefunden hast deine Gedanken mit uns zu teilen!
      Sofie 🦋😊☀️

      • Ich würde wirklich überlegen, wie viel du dir zumuten kannst und willst. Offenheit kann dir da helfen, und wie gesagt, deine Bekannte würde nicht wollen, dass es dir schlecht geht. LG!

  6. Das war ein total wichtiger Eintrag für uns…. wir sind noch weit entfernt von.. ausstieg und umzug usw. Allein schon das thema ausstieg löst hier blankes entsetzen aus,weil einfach von vielen ichs noch nicht geglaubt wird, dann ist da die bescheichtigung und dann noch die täterloyalen. Aber die können nix dafür denn die wissen ja nix. Also wirklich nich

    Immer wenn da das wort ausstieg fällt.. dann kommt ja auch.. umzug.. und dann innen ganu ganz ganz viel angst und panik und verzweiflung und nahe am zusammebruch, weil viele ichs sich hier so wohl fühlen weil sie das leben hier lieben. Wir sind ja schonmal umgezogen vor 6 jahren. Aus der großstadt raus, wo auch sehr sehr enger täterkontajr bestand. Hier ja seitdem nicht mehr so.

    Aber es ist einfach ein so schweres thema. Es ist gut, erfahrungen zj lesen.

    • Hallo Mi, dein Kommentar hat mir eben als Spiegel geholfen, nur geht es bei mir um meine Eltern zu denen ich Abstand nehmen möchte. Danke fürs Teilen!
      Ich finds gerade voll krass, was für eine Erschütterung entsteht, weil ich mich lösen will. Damit hab ich gar nicht gerechnet. Und es ist echt ähnlich wie du beschreibst.

      • Ist auch nicht leicht, im Gegenteil. Wir brauchten sehr lange dafür und Hilfe mehrerer Theras…
        Kontakt ist nun abgebrochen. Doch Sicherheitsanker liegen noch. Leben in der selben Stadt, und die Angst vor Begegnung ist oft präsent.

        Viel Mut euch und entsprechende Kontakte nach innen.

  7. Ähm.. ich weiss jetzt nicht obs abgesendet ist. Ich hatte nur gesagt.. es tut echt gut erfahrungen zu lesen, weil hier das thema ausstieg ja immer wieder andockt und panik auslöst weil viele ichs noch so unterschiedlicher meinung und sich gegenseitig noch so unbekannt sind. Und was den umzug angeht ist der grösste streitpunkt. Weil wir vor 6 jahren .. äh ne 5… momentmal.. vor 5 jahren schon umgezogen sind und wir diesen ort hier so lieben und in der grossstadt vorher, da hatten wir sehr arg engen täterkontakt, hier nichr mehr so sehr. Und da ist es einfach so ein megs unbeliebtes thema hier… es löst imme rimmer panik aus und dann resignation. Oder starre. Keine Ahnung. Danke jedenfalls für deinen einblick… ich finde es so toll, wie gut du das schon beobachten kannst und ein gefühl für die zusammenhänge kriegst/hast…

  8. Uns triggert es sogar unsere Heimat-Sprache zu hören! Wir haben zu keinem dort Kontakt, selbst nicht zu Freunden. Obwohl wir es versucht haben und zu einer per FB verbunden sind, können wir nicht mit ihr kommunizieren. Angst und Scham macht sich bereit…
    Wir wollen hier auch weg aus dieser Stadt. Wollen Freiheit, weit weg… Aber da sind plötzlich Tausend Gründe, wieso es doch nicht geht. Und die Angst geht so weit, dass wir uns nicht mal trauten Urlaub zu buchen um für eine Woche zu verreisen! Wieso auch immer… Ob es mit Mutter zu tun hat? Oder anderen hier lebenden? Vielleicht ist es auch nur das Ungewisse und die Vertrautheit…

    PS. Als ich euren Text las, da hatte ich Sorge um euch, weil diese Freundin dort wohnt und vielleicht durch Täter manipuliert wird ohne ihr Wissen, um euch irgendwie auszuspionieren… Vielleicht ist das Humbug, aber seit vorsichtig. Euer Zustand ist eine Warnung ein Schrei, dass ihr den kleinen zu liebe vielleicht unbedingt beachten solltet. Sie wissen oft Dinge, die anderen nicht bekannt sind…
    Alles Liebe euch.

    • Liebe Vergissmeinnicht,
      danke dir, dass du dich um uns sorgst! Die Bekannte ist in diesem Fall sicher. Aber du hast recht, dass man da sehr aufpassen muss und der Hinweis da gut hinzuschauen war dennoch sehr wertvoll.

      Für uns wäre Weggehen auch seeeeeeeeeehr lange überhaupt keine Option gewesen und es hat gedauert, bis die innere Bereitschaft dazu immer mehr spürbar wurde. Vielleicht kommen ja da bei euch auch mehrere Facetten zusammen, die allesamt langsam angeschaut und gelöst werden können. Wir drücken dir die Daumen, dass ihr das zusammen hinbekommt! Das mit den Freunden ist natürlich blöd für euch. Manchmal kann man das aber auch nicht so schnell ändern. Schämen müsst ihr euch aus unserer Sicht da gar nicht.

      Liebe Grüße,
      Sofie 😊

      • Nicht schämen ist aber leichter gesagt als gemacht…
        Ja und mit dem Umzug… dar reden wir schon seit locker 2, 3 Jahren ständig drüber. Der Wunsch ist echt groß, aber … Mal sehen wie es mit dem Urlaub wird. Selbst dass wir gebucht haben, wird wieder verdrängt, dabei wollte ich über diese Angst in der Therapie sprechen. „Vergessen“! Nun ja… Vielleicht geht ja auch alles gut.
        Alles Liebe euch

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