Mutterschmerz

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Schmerzwellen fluten unser sein.
Sie tragen unterschiedliche Namen.
Mal ist Ebbe, dann wieder Flut. Aber das Meer ist immer da.
„Verrat“ und „Verzweiflung“ und „Überforderung“ und „Kindheitsschmerz“ und „Schutzlosigkeit“ schreien sie gegen meine Synapsen, bis mir vor Seelenkummer fast der Kopf platzt. Es rüttelt mich. Mein Körper vibriert. Jede Faser schüttelt sich. „Wo warst du, schützende Mutter!?“ „Und wo bist du heute!?“
Meine Not nimmt sie nicht an. Sie kämpft ihren Kampf und lässt mich darin untergehen. Sie tut ihr Bestes, aber ist das Beste auch genug? Das sind die Momente, in denen klar wird, weshalb wir viele sind. Es gibt die aktiven Täter und eine Muttertäterin, die vor allem mit Passivität glänzt. Mit ihrem Nicht-Eingreifen, dem Nicht-Verstehen und dem Nicht-Sehen-wollen. Egal was passierte, die Verantwortung blieb alleine bei uns.

Heute Morgen am Telefon merke ich an, dass ich ihr Handeln nicht in Ordnung finde und sie mich damit erneut überfordert. Das macht mir Angst.
„Spinnst du!“, war alles was sie dazu zu sagen hatte, ehe sie mich und das Kind in mir mit Schweigen erwürgte.
Nein, ich spinne nicht und dennoch spinnen ihre respektlosen Worte einen Nebelschleier auf mein eigenes Empfinden. Ich bin verunsichert, obwohl ich das gar nicht sein will und weiß, dass es in Ordnung war ihr das zu sagen. Zumindest mit dem Verstand. Das Herz kämpft. Dafür hasse ich sie. Das sie meine Qualen nicht ernst nimmt und mich zurückstellt.

Das ist nichts Neues. Im Grunde war es schon immer so. Unsere Gefühle durften nie sein. Mittlerweile erwarte ich allerdings, dass sie uns aushält, wenn sie mit uns Kontakt haben will. Ich bin nicht mehr bereit den Schmerz für sie zu schlucken. Wahrscheinlich mache ich es an der ein oder anderen Stelle unbewusst dennoch. Diesmal nicht. Wir haben uns lange genug völlig für sie aufgegeben, in der Hoffnung sie wird uns irgendwann doch noch sehen und uns mit all den Gefühlen halten. Das wird wohl nie passieren. Seit wir das wissen ist der Abstand deutlich größer geworden. In ihrer Gegenwart sind wir als Mensch ausradiert. Es gibt uns nur noch in der Hülle, die sie erwartet. Verantwortlich für all ihre Gefühle und für ihr Wohlergehen.

Manchmal wünschte ich so sehr, ich hätte nie die Kind-Mutter meiner Mutter sein müssen. Für ein heranwachsendes Lebewesen ist die Dauerüberforderung, die das bedeutet, eine maßlose Überforderung und seelische Qual. Wir wurden ausgelöscht, noch bevor wir auf dieser Erde wirklich ankamen. Die Ansprüche machten aus uns ein gebrochenes Wesen, das für die Hoffnung auf ein bisschen Liebe bereit war zu sterben. Letztlich waren wir nie Tochter, sondern Sklave für gute Gefühle beim Gegenüber.

24 Kommentare zu “Mutterschmerz

  1. Die ihr beschreibt und doch sind sie die Wahrheit, die am meisten weh tut und schmerzt. Wir sind eine Mutter, zwar eine viele Mutter aber immer hin, und wir tun unser bestes, und das obwohl wir nie dieses Gefühl kennen werden, weil wir es nie gespürt haben. Eure Worte bringen uns zum nach denken, zum reflektieren und dafür sind wir sehr dankbar.. Wir wünschen euch einen irgendwie leichteren Umgang mit solchen Gefühlen und eine ruhige Nacht voller Sterne …LG von uns

    • Ich denke, man kann auch als Viele-Mutter eine ganz wunderbare Mutter sein. Letztlich geht es doch vielleicht auch einfach nur darum sein Bestes zu geben. Ich glaube, solange man sich reflektiert ist man auf einem guten Weg. Fehler machen alle Mütter mal. Für uns ist es eher eine Frage, wie man damit umgeht.

      Liebe Grüße und danke für die Sterne! 😊

  2. Es tut mir so leid, zu lesen, wie sehr dich die vermurxte Beziehung zu deiner Mutter schmerzt. Und doch ist es wohl das Natürlichste auf der Welt, dass die Kinder auch wider besseres Wissen immer und immer wieder in der Hoffnung auf echtes elterliches Verhalten versuchen, Verständnis und Fürsorge zu erbitten.

    Es stimmt mich einfach traurig, dass das so oft einfach nur jedes Mal wieder zu Verletzungen führt. Und doch ist es so unwahrscheinlich schwierig, zu akzeptieren, dass man immer und immer wieder enttäuscht werden wird. Ich denke da immer: „Wenn ich es doch nur noch einmal mit anderen Worten versuche, vielleicht bekomme ich dann endlich die Reaktion, die ich mir so sehnlich wünsche?“

    Ich wünsche euch von Herzen, dass ihr einen für euch guten Weg findet, wie ihr damit auf eine Weise umgehen könnt, die euch nicht noch mehr verletzt, als es bisher schon der Fall war!

    Alles Liebe ❤

    • Das versteh ich so gut und ich hab schon so viele Worte durchprobiert… Langsam hab ich bei uns das Gefühl, ich muss das wirklich langsam aufgeben. Es scheint mir nicht mehr an der Wortwahl zu liegen, sondern eher an einem nicht sehen können/wollen.

      Vielen lieben Dank für deine Wünsche! Ich hoffe auch du findest den besten Umgang für dich damit.

      Liebe Grüße,
      Sofie 😊

      • Danke 😊
        Bei meinem Ex fiel es mir sehr schwer, das zu akzeptieren, aber seit ich mir selbst diesen Druck, unbedingt verstanden werden zu müssen, nehmen konnte, geht es mir sehr viel besser.

        Diese Akzeptanz geht aber auch mit einer emotionalen Distanzierung von der Person einher. Bei meinem Ex war die ja erwünscht, tat aber doch auch weh. Das ist ein bisschen wie ein kalter Drogenentzug…
        Wie leicht es also für euch wäre, mit der im Bezug auf die eigene Mutter umzugehen, kann eine ganz andere Sache sein.

        Wie auch immer ihr euch entscheidet: ich wünsche ganz viel Kraft, um diese Entscheidung dann auch wirklich durchzuziehen und durchzustehen!

        Alles Liebe ❤

  3. Unsere schaute nicht nur zu, sie war selbst sadistisch. Und doch glauben hier welche, irgendwann Liebe von ihr zu bekommen, die Hoffnung stirbt zuletzt, auch heute noch.
    Ich verstehe wohl, aber ich lasse nicht mehr zu, dass hier welche unter Kontakt zu ihr leiden! Ja andere leiden, weil sie keinen Kontakt bekommen. Die Kind-Mutter unser Mutter kommt damit auch nicht zu recht… Zufrieden macht es nicht, aber es gibt zumindest mehr Frieden insgesamt und weniger Eskalation und Suizid Drang, der nach Kontakt entstand…
    Ja, unser Mutterschmerz ist auch so riesig…
    Ob es was nützt sich liebevolle Eltern in einer perfekten Familie für uns zu imaginären?
    Wir haben es versucht… Resultat? Hmm weiß ich nicht mehr, Tränen?
    Wie dieses Defizit auffüllen?

    • Hmm, das weiß ich nicht. Versuchen kann man es mit schönen inneren Bildern immer. Habe ich in dem Zusammenhang noch nie ausprobiert, aber im Grunde kann man damit ja auch nichts falsch machen. Für uns funktioniert es ganz gut, wenn wir uns selbst in den Arm nehmen und die großen ein Stück weit in Selbstfürsorge wie eine Mama für die Kinder innen da sind. Ist natürlich keine wirklicher Ersatz, aber es tröstet uns und macht die Leere etwas kleiner.

      Liebe Grüße,
      Sofie

  4. Pingback: Zermürbend – Missbrauch, Folgen und der Weg

  5. Auch wir kennen das. Sehr gut sogar. Bisher mussten wir immer die Erfahrung machen, dass egal wie sehr die Hoffnung da ist, sie leider immer wieder zerstört wird. Und dann, versucht man wieder letztendlich abstand zu bekommen, aber das Herz schmerzt zu sehr um das auszuhalten. Heute -haben wir sehr oberflächlichen Kontakt und das ist okay. Und es ist ein super Schritt, dass du ihr das gesagt hast, was du nicht in Ordnung findest. Ein super Weg und deinen Eintrag können wir sehr gut nachempfinden. Viele lichtstrahlen und ein bisschen frieden für euch .. liebe Grüße von uns.

    • Traurig, das ihr das auch erleben müsst. Auf Dauer Kontakt an der Oberfläche finden wir so unbefriedigend. Aber vielleicht geht es in Zukunft wirklich nur so. Wir steigen, wie ihr das so gut beschreibt, auch immer wieder aus und irgendwann ist die Sehnsucht doch größer und man versucht es wieder.

      Viele liebe Grüße,
      Sofie und Co

      • Ja. Die Sehnsucht ist das was am meisten innerlich so unendlich viel auslöst. Gerade bei uns ist es so, wenn wir andere „Mama’s“ sehen und z.b Ziehmama ist die Sehnsucht noch größer. Die Mitte finden ist schwer und dennoch glauben wir an euch. Lg von uns .

  6. Wir haben keinen Kontakt mehr zu unserer, genau so einer „Mutter“ Person. Ich mag das Wort Mutter (für sie) nicht. Denn Mutter ist nicht nur, wer ein Kind auf die Welt gepresst hat und dann…es entweder sich selbst überließ oder es ausbeutete. Ja Sklave der Befindlichkeit der Mutter. Schön ausgedrückt und so wahr.
    Auch wahr für uns.
    Geopfert auf dem Altar der Mutterbefindlichkeit und Sicherheit.
    Kein Kontakt tut uns jedenfalls wesentlich besser als immer und immer wieder dmait konfrontiert zu sein, dass einem nicht geglaubt wird, dass unsere Befindlichkeiten niedergemetzelt werden und ausgeredet. Und irgendwas in einem glaubt es doch immer (noch) und immer wieder.
    Unsere sagte mal „ich habe nichts getan“ und ich konnte nur bitter lachen. Genau, sie hat nie was getan. Nie gesorgt, nicht eingestanden, nie geholfen.
    Wir haben uns bewusst gemacht, dass eine Mamasehnsucht nichts mit der Person zu tun hat, die uns auf die Welt brachte, sondern nach einer Illusion. Nach einer Bilderbuchmama. Aber die war sie nicht und wird es nie niemals sein. Und deswegen verbieten wir uns diesen Kontakt.
    Nur mal was von uns, keine Ahnung, obihr was damit anfangen könnt oder wollt.
    Liebe Grüße

  7. Ein Satz den ich hier las ist mir so sehr im Kopf geblieben und hilft mir gerade im innerlichen Umgang mit meiner Elternwunde. Es hat mich tief berührt.

    „Mittlerweile erwarte ich allerdings, dass sie uns aushält, wenn sie mit uns Kontakt haben will.“

    Innerlich hat das einen Konflikt ausgelöst. Die Fragen waren da. „Darf man das?“ „Darf ich das auch?“ Das hat ganz viel ins Rollen gebracht.

    Danke.

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