Von Tochter zu Vater

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Lieber Papa,
seit du mich gezeugt hast, gehört dir ein Platz in meinem Herzen. Du hast ihn dir leider nie verdient. Trotz allem vermisse ich in manchen Stunden einen wirklichen Vater. Bei all der Angst, die diese Welt mir macht, hätte ich dich so sehr, als den Helden an meiner Seite gebraucht.

Als deine Tochter wünsche ich mir, dass du meine kleinen wackligen Schritte so behütet hättest, dass ich als Frau fest im Leben stehen kann. Ich hätte dich gebraucht als Mann, der mir die Männerwelt erklärt. Der mir zeigt, wie Männer wirklich ticken. Wie geht das mit dem flirten eigentlich? Was empfindet ein Mann und wie finde ich heraus, ob er’s ehrlich mit mir meint? Ich hätte mir so sehr gewünscht, dass ich deine Prinzessin gewesen wäre, die du auf Händen getragen hättest und der du sagst, dass sie die schönste Frau der Welt ist und der Mann, der sie später bekommt, sich glücklich schätzen kann. Mein Herz sehnt sich nach dem Daddy, der mir beim ersten Liebeskummer die Hand hält und mir sagt, dass mich der Typ, so wie er mich behandelt, gar nicht verdient hat und dass noch viel tollere kommen. Ich vermisse einen friedvollen Krieger, der mir den Rücken frei hält und der mich vor den Männern schützt, die mir böses wollen.

Stattdessen sitze ich hier und weiß nicht, wie ich mit dem jungen Mann umgehen soll, der seit Wochen mein Herz so eigenartig bewegt. Ich habe Angst vor ihm. Nicht weil er etwas tut, was mir Angst macht, sondern weil er ein Mann ist und damit allein bedrohlich auf mich wirkt. Ich kann ihm nicht glauben, dass er nichts schlechtes im Sinn führt, weil du und deine Freunde es nie gut mit mir meinten. Dabei würde ich dich so gerne fragen, wie ich mich nun richtig verhalte und wie man mit einer Beziehung umgeht und wie seine Worte gemeint sein könnten.

Heute habe ich so viel Angst davor zu lieben, weil meine Liebe zu dir noch immer so schrecklich schmerzhaft ist. Nie wieder soll mich jemand so sehr zerstören.

Ich weiß, dass ich dich und die Vergangenheit leider nie mehr ändern kann. Aber ich will, dass du weißt, dass du mir in manchen Momenten auch als erwachsene Frau noch fehlst. Trotz allem. Und dass du immer noch scheiße baust, weil du nicht da bist. Jeden Tag neu. Du hast dich dafür entschieden Verbrecher statt Vater zu sein. Das ist deine Sache. Ich habe das Recht dich zu vermissen, egal was war. Und dabei vermisse ich wahrscheinlich noch nicht mal dich, sondern eine wirkliche Vaterfigur, die ihren Job macht.

Von Opfer zu Täter,
Von Tochter zu Vater,
deine Sofie

17 Kommentare zu “Von Tochter zu Vater

    • Ja, an der Stelle ging es uns gerade um etwas anderes. Wir sind auch ganz oft wütend auf unseren Vater. Hier stand für diesen Moment die Sehnsucht im Vordergrund, die eben auch in uns wohnt.

      Danke dir für deine Rückmeldung zu deinen Impulsen diesbezüglich! 😊

  1. Hallo Sofie,

    ich hatte ganz spontan Gedanken zu deinem Text – die aber ehrlich gesagt nicht sonderlich einfühlsam sind. Ich weiß nicht ob du sie lesen willst.

    Den Vater den du beschreibst, den gibt es nicht. Auch nicht in „normalen“ Familien. Du schilderst eine völlig idealisierte Vater-Figur, eine „Heile-Welt-Bilderbuch“-Vaterfigur, die es einfach nicht gibt und das auch nicht in Familien, die nicht so im Arsch sind wie die deinige.

    Mein Vater – er liebt mich von ganzem Herzen und hat immer alles in seiner Macht stehende für mich getan – war nie ein „Krieger, der mich vor Männern beschützt“. Ich musste meine eigenen Erfahrungen machen und lernen, mich selbst zu beschützen.

    Mein Vater hat mir nie erzählt wie „Männer ticken“ (zum Glück, denn kann ein einzelner Mann für die halbe Menschheit sprechen?). Ich habe selber verschiedene Männer kennen gelernt und mit der Zeit gelernt, wie unterschiedlich sie als Individuen ticken. Und das keiner wie der andere tickt.

    Gleiches gilt für die Frage „wie er empfindet“. Und wie man flirtet habe ich auch selbst rausbekommen – ich kann mir beim besten Willen auch nicht vorstellen, da Tips von meinem Vater zu bekommen :D. Gerade das Flirten: das ist in dir. Das ist in jedem von uns auf ganz individuelle Art und Weise. Es gibt nicht die ultimative, immer gültige Flirtstrategie die für jede(n) funktioniert. Muss man für sich selbst rausfinden und: ich persönlich emfpinde unbewusstest Flirten irgendwie am verführerischsten. Unbewusst meint: du flirtest durch dich selbst. Durch deine Art wie du redest, wie du lachst, wie du denkst, wie du schweigst. Das alles kann flirten sein, wenn der Gegenüber zufällig damit kompatibel ist.

    Wie soll ein Vater sagen wie man sich richtig verhält? Er kann höchstens sagen, wie er sich verhalten würde – das muss für dich aber nicht richtig sein.

    Du projizierst deine nachvollziehbare Unsicherheit auf ein Vater-Ideal, was ich nicht für zielführend halte, weil dieses Vater-Ideal wie eine Märchenfigur ist. Etwas übernatürliches, nicht real existierendes und damit auch nicht hilfreich. Du willst, dass dein realer oder fiktiver Vater für dich Entscheidungen trifft (dir sagt, was richtig ist, wie etwas zu machen oder zu erklären ist). Was wäre, wenn er mit seiner Ansicht aber „falsch“ liegen würde? Hätte er dann die Verantwortung für dein Handeln nach seinem Rat/Empfehlung/Vorgabe oder hättest du sie? Ich sehe da gerade einen religiösen Gedanken. Ich weiß nicht ob du religiös bist. Aber mir ist bei den wenigen Messen bei denen ich war, aufgefallen, dass man Gott um verschiedene Sachen gebeten hat. Die Verantwortung für verschiedenes hat man abgegeben und an Gott gegeben. Damit war man auch für die Folgen nicht verantwortlich. Musste nicht reflektieren, nach Ursachen forschen.

    Ich persönlich lebe lieber selbstbestimmt. Mache meine eigenen Erfahrungen, lerne daraus, verändere mich, wachse.

    Du hattest als Kind nicht die Chance selbstbestimmt zu leben und musst diesen Entwicklungsprozess jetzt schwer durchgehen. Das ist natürlich unglaublich viel schwieriger als wenn man dieses Prozess als Kind durchläuft, ermuntert von Eltern, die einen zu einem freien, selbstbestimmten Menschen erziehen wollen.

    Ich glaube dieses Vater-Ideal hilft dir nicht dabei, dich von all dem zu lösen und deinen eigenen Weg zu gehen.

    Das einzige was mein Vater aus deiner Liste wirklich gemacht hat, war mich über den ersten Liebeskummer trösten. Wenn auch nicht ganz so romantisch wie in deiner Vorstellung – aber er war in dem Moment für mich da. Mehr erwarte ich bis heute nicht.

    Liebe Grüße,
    Mona

    • So wie ich das im Kopf habe, geht das sicher und ich glaube vieles davon passiert in einer guten Vater-Tochter-Beziehung ganz von selbst und viel subtiler, als du es in deinem Kommentar aufgreifst. Für das Kind ist er schlicht verantwortlich gewesen, auch mit seinen Entscheidungen.

      Abgesehen davon braucht es manchmal auch einfach die Träume und Sehnsüchte, um zu heilen und die Welt ganzer zu machen. Wir sind es uns selbst mittlerweile Wert, sie mit all ihrer Romantik zu erfahren.

      Ich finde dieses Vater-Ideal sogar sehr heilsam, weil es mir hilft mich selbst lieb zu haben. Immerhin muss ich mir/uns heute liebender Vater und liebende Mutter selbst sein, um ins Leben zu finden. Je klarer das Bild ist, umso besser. Insofern kann ich deine Bedenken, dass mich meine Wünsche auf meinem Weg hindern könnten, an dieser Stelle gerade voll und ganz zurückweisen.

      Liebe Grüße,
      Sofie

  2. Pingback: Ich schlafe noch – Missbrauch, Folgen und der Weg

  3. Kommt mir alles so bekannt vor – man darf trotzdem vermissen – egal was auch tatsächlich ist – Wut wäre vielleicht angebracht, weil sie die Traurigkeit kurz überdecken kann – schwer auszuhalten ist es eh, auch wenn man in Wahrheit etwas vermisst, was man nie hatte oder was hätte sein müssen/können.
    Trotzdem bleibt er ja ein Vater, ein Mensch…

  4. Mich hat der Text auch sehr berührt und vieles empfinde ich ganz ähnlich.
    Für mich ist das „Papa-Thema“ oft noch schwieriger als das „Mama-Thema“, da mein Vater im Alltag tatsächlich auch eine sehr liebenswerte Seite hatte und mich mitunter vor meiner Mutter beschützt hat. Es ist für mich oft noch schwierig anzunehmen und den anderen in mir zu glauben, dass er uns so schlimme Dinge angetan hat.

  5. Danke dir
    Einfach danke
    Kanns so gut verstehen
    Du bist sehr mutig finde ich
    Ich lese alles was du schreibst und bin…einfach…danke.
    Deine texte geben mir das gefühl nicht ganz so alleine zu sein!!
    🌈
    Nur getrau ich mich nicht dir zu schreiben
    Weil ich oft keine schlauen Sätze hervorbringen kann.

    • Vielen Dank für das Lob und das Mitlesen!

      Super, dass du dich jetzt getraut hast zu schreiben! 😊 Du musst gar keine besonders schlauen Sätze auf Lager haben. Am besten sagst du‘s einfach so, wie du es dir denkst! Es geht ja um den Austausch und da geht es uns wohl allen so, dass wir einfach versuchen in Worte zu fassen, was sich in uns abspielt. Das ist ganz normal, dass da nicht immer große Weisheiten entstehen und das ein oder andere Mal liegen sie auch einfach plötzlich zwischen den Zeilen, wo man sie selbst vorher gar nicht vermutet hätte. Selbst wenn es mal Verwirrungen geben sollte, kann man das ja im Schreibgespräch ganz in Ruhe klären. 😉 Also nur Mut! Wir würden uns freuen wieder von dir/euch zu lesen!

      Liebe Grüße,
      Sofie 😊🦋

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