„Wie fühlt sich eigentlich…

…eine vergewaltigte Frau?“

Ich sitze ruhig, atme noch einmal tief ein und aus und lasse die Frage einen Moment länger auf mich wirken. Sie kommt aus vollem Herzen von jemandem der verstehen möchte. Das spüre ich. Sie ist es wert beantwortet zu werden, auch wenn sie zunächst komisch klingen mag. Also versuche ich Worte zu finden. Stille trennt mich von der Antwort. Im Suchen nach Sprache finde ich mich selbst kurz selbst wieder. Jeden Tag frage ich mich, wie ich mich eigentlich fühle. Selten gibt es eine wirkliche innere Antwort. Meist besteht sie aus unerschöpflich vielen Facetten, die ich nicht greifen kann.

„Ich weiß es nicht“, sage ich.
„Du müsstest es doch eigentlich wissen. Wenn nicht du, wer dann?“
„Ich hab‘ keine Ahnung. Ich kann dir sagen, wie ich mich fühle, wie meine Tage vergehen und wie das Leben auf mich wirkt. Aber ich weiß nicht, wie es anderen Frauen damit geht. Vielleicht ähnlich, vielleicht auch ganz anders. Ich habe keine Antwort, es sei denn du fragst nach mir. Dann kann ich es versuchen.“
„Ok, erzähl mir, wie es dir damit geht.“

Ich atme.
Dann spüre ich dem Kind, dem Mädchen und der Frau in mir nach.

„Eigentlich weiß ich gar nichts zu sagen und vielleicht ist das auch eines meiner zentralsten Gefühle im Alltag. Ich weiß nichts. Nicht was ich spüre, nicht was ich will, nicht was Gefahr bedeutet oder was Sicherheit war. Nicht was in mir vorgeht und nicht wohin dieses Leben noch trägt, nicht was mich glücklich macht und nichts von dem Leid in mir. Ich bin eine Hülle, die nach dem Grauen irgendwie weiter funktionierte, aber das Lied meiner Seele ist lange verstummt. Manchmal summt es mittlerweile wieder leise Töne. Diese Momente genieße ich in mitten einer riesigen Leere. Einige Tage sind schwarz, trüb und dunkel und nichts scheint mehr Sinn zu machen. Andere lächeln mich an und zeigen mir, wie schön es ist auf der Welt zu sein. Dabei sind Freud und Leid immer nur einen Wimpernschlag  voneinander entfernt. Lebensfreude und Todessehnsucht geben sich die Hand.

Wenn du wissen willst, was ich in den manchmal stundenlangen Augenblicken gefühlt habe, als ein Mann all meine Grenzen überschritt und in mich eindrang, habe ich keine Worte. Manchmal kann ich es fühlen, aber mit keinen Buchstaben erfassen. Es ist wie zerbersten, aber auf einer derart tiefen Ebene, dass alles Sein damit ausgelöscht zu sein scheint. Es ist wie sterben im lebendigen Körper. Wie Tod mit Herzschlag. Es nimmt den letzten Rückzugsort der Seele und radiert alles aus. Der Atem erstickt vor Schmerz und ich falle in das ewige Nichts, das mich verschluckt. Jedes Mal wieder. Vernichtet. Die Leere gaukelt mir noch heute manchmal vor, alles wäre nur ein böser Traum, lässt mich zweifeln und versucht mir damit das Leben zu retten. Wenn die Qualen vorbei waren, kam ich langsam wieder zu mir ohne dabei wirklich anwesend gewesen zu sein. Das Körperhaus gehört mir nicht mehr. Es ist mir über die Gewalt fremd geworden. Ich bewohne es nicht, ich lasse es lediglich funktionieren, wie eine Marionette an unsichtbaren Fäden. Taub und gefühllos.“

„Und wie ist das heute? Nach all den Jahren?“

„Wie gestern und manchmal nicht einmal das. Dann spüre ich all die Berührungen wieder, als würden sie gerade geschehen. Ich habe auf meinem Weg mittlerweile so manches Seelenstückchen wieder eingesammelt. Mein Leben ist mir wichtig. Ich möchte lieben und lachen. Ich fühle mich mehr, als irgendwann sonst, aber das bedeutet auch den Schmerz nicht mehr ausklammern zu können. Vieles ist besser geworden. Manches bleibt bis heute. Aber es lohnt sich weiter zu gehen. Davon bin ich überzeugt.

Heilung heißt: Ich bin mich suchen gegangen, weil mich wiederfinden Heilung ist. Ich versuche mich über jede schmerzliche Erinnerung zu freuen, wie über einen guten Freund, den ich nach langer Zeit endlich wiedersehe. Das gelingt mir nicht immer und es überfordert mich oft maximal, aber ich werde dabei ganzer.

Letztlich lässt sich deine Frage für mich in Kurzform wohl so beantworten: Ich fühle mich beschissen. Mein Leben gehört nicht mehr mir, sondern dem Trauma. Die Gewalt hat alles, wirklich alles beeinflusst. Oft ist es sau schwer. Jeder Tag wird zum Kampf. Aber ich habe die Hoffnung, dass ich es Stück für Stück zurückerobern kann und am Ende der Gewinner bin.“

16 Kommentare zu “„Wie fühlt sich eigentlich…

  1. Guten abend liebe sofies, es ist schön wieder von euch zu lesen, haben all die Worte vermisst… Diese Frage ist schwierig zu beantworten, denn wir als sam , sind eine Hülle für all die anderen, auch wir fühlen nicht, und doch können wir Situationen sehen in denen diesem Körper Gewalt angetan wird, wir sehen was passiert , als Beobachter, doch manchmal das kommen schmerzen und die sind grauenvoll, und kaum auszuhalten. Hoffnung ist ein wunderschönes uns kraftvolles Wort und wir tragen sie wie eine Fackel im Herzen…wünschen euch eine angenehme Nacht und viele Sternschnuppen, denn heute Nacht sind sie zu sehen..LG sam und co

    • Hallo, 😊
      die Hitze lies mich vorübergehend etwas schweigsam werden. Die letzten Wochen habe ich viel im Bad und an kühlen Gewässern verbracht.

      Was ihr beschreibt kann ich sehr gut nachvollziehen. So ähnlich geht es mir auch oft. Ich habe dann das Gefühl, als wäre ich eine völlig unbeteiligte und doch schmerzlich daran zerbrochenen Frau. Eigentlich paradox und doch anscheinend möglich.

      Liebe Grüße und einen schönen Sonntag! 😊😎🦋
      Sofie und die bunten Schmetterlinge

  2. Zuerst möchte ich dir sagen das ich großen Respekt vor dir habe. Darüber zu schreiben, was man in Worten nicht ausdrücken kann und mag, kostet wohl unendlich viel Kraft. Aber du bist den Weg der Heilung schon ein ganzes Stück gegangen. Anders wäre es nicht möglich darüber in aller Öffentlichkeit zu reden. Deine Worte lassen mich deinen Schmerz erahnen und ich würde dir gerne ein wenig von deinem Leid und Schmerz abnehmen, würde das irgendwie funktionieren. So kann ich dir nur sagen, daß ich dir wünsche, daß du den eingeschlagenen Weg weiter gehen kannst. Das du deine verlorenen Seelenteile Stück für Stück zurück bekommst. Das du wieder in den Morgen lachen kannst und dein Trauma in einer Wolke aus Verständnis und Liebe für immer ruhen mag. Das der Tag kommt in dem du dein Spiegelbild wieder als das sehen kannst was du bist. Eine starke, liebenswerte, großartige Persönlichkeit.
    Lg Robert

  3. Hallo liebe Sofies,
    ein sehr starker und mutiger Eintrag. Es tut weh zu lesen und auch weil ich es auf einer Ebene verstehen kann, von der ich lange nicht wusste, dass das sie gibt. Das Gefühl, trotz schlagenden Herzens, zu sterben oder ins ewige Dunkel der Ozeane zu versinken. Kalt, finster. Leider scheine ich es zu kennen. Dein Eintrag beschreibt es auf so grausam traurig treffende Weise.
    Danke, dass du uns an diesen Gefühlen und Empfindungen teilhaben lässt.
    Ich bewundere immer wieder mit welchem Mut und welcher Kraft, trotz allem, du diesen dir vom Universum nur all zu harten Weg gehst.
    Liebe Grüße
    Alice

    • Danke, liebe Alice, für deine lieben Worte! 😊 Es tut uns leid für dich, dass du unsere Gefühle persönlich nachvollziehen kannst. Wir wünschen dir, dass es auch für dich stetig aufwärts geht!

      Manches im Leben ist mehr als hart, aber das Universum zaubert auch derzeit grade wieder gleichzeitig so viele tolle Sachen ins Leben, dass es sich wirklich lohnt. ❤️

      Liebe Grüße und einen tollen Tag!
      Sofie und die bunten Schmetterlinge 🦋😎☀️

      • Ja liebe Sofie, das Universum oder was auch immer, gibt und nimmt in einem Atemzug. Ich versuche mich auch an den vielen schönen Dingen zu erfreuen und übe mich in Dankbarkeit, für das was ich habe. Es macht die Gräul der Vergangenheit nicht vergessen, nicht, wenn sie sich in die Gegenwart schieben und ich mein erwachsenes Ich verliere, nur ein Kind über bleibt, was ja nicht weiß, wie gut das Universum sein kann. Ich lese sehr gerne deine Einträge und kann dort so viel Kraft entdecken und Wertvolles, Hilfreiches. Ich wünsche dir eine wundervolle neue Woche 🙂 Alles liebe, ALice

  4. Liebe Sofie,

    als ich die Frage las, ging es mir ganz ähnlich wie dir und ich dachte „Ich weiß es nicht, obwohl ich es ja eigentlich wissen müsste/könnte.“
    Und obwohl du sehr Recht damit hast, wenn du schreibst, dass man diese Frage nicht allgemeingültig beantworten kann, sondern nur versuchen kann Worte dafür zu finden wie es einem selbst damit geht, habe ich mich doch in sehr vielem wiedererkannt, was du geschrieben hast.
    Ich finde es wirklich mutig von dir, dass du diese Fragen beantwortet hast. Ich hätte das vermutlich (noch) nicht geschafft.
    Und ich teile deine Hoffnung. Ich glaube ohne diese Hoffnung ginge es auch nicht.

    Alles Liebe ❤
    Bunte Sterne

    • Liebe Bunte Sterne,
      ich konnte die Frage auch nur beantworten, weil mir mein Gegenüber sehr vertraut war. Wäre das nicht der Fall gewesen, hätte ich es wohl weder versucht, noch so gut geschafft. Wobei in der Realität tatsächlich viele Schweigemomente zwischen den Zeilen lagen.

      Ich wünsche dir, dass deine Hoffnungen alle wahr werden! Danke dir für deine Rückmeldung, dass du dich in unserem Beitrag wiederfindest. Manchmal lässt einen das ja auch weniger alleine fühlen… uns geht es gerade zumindest so. 😊

      Liebe Grüße und einen schönen Abend!
      Sofie und die bunten Schmetterlinge 🦋

  5. Liebe Sofie,
    Deine, eure, Worte haben mich gerade so berührt, dass mir und meinen Kleinen die Tränen laufen. Da ist so viel, was ich gern erwidern würde, zustimmen würde, sagen würde aber es finden sich dafür keine Worte. Aber ich bin froh, dass ich diese Zeilen lesen durfte, denn sie sind so wahr, so echt, so berührend! ♥

    • Liebe MrsTingley,
      ich würde dir jetzt gerne ein Taschentuch zum Trost hinhalten und mach das einfach mal auf die Ferne. 😊

      Ich danke dir für diese Rückmeldung aus deinem Herzen! Manchmal versteht man sich auch still.

      Liebe Grüße und trotz allem einen schönen Abend!
      Sofie und die bunten Schmetterlinge 😊🦋

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