Gewichtige Abendgedanken

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Es regnet. Draußen höre ich die Regentropfen auf die Balkonbretter klopfen. Eigentlich ist es ein sanfter Schauer. Dennoch klingen manche Aufplatscher hart. Die Luft ist angenehm zu atmen. Feuchte Kühle schleicht sich in mein Zimmer. Ich schaue unter der Bananenpalme zur Tür hinaus. Würde mir nicht das Dach fehlen, säße ich jetzt gerne auf der Terasse. Nebenbei bemerke ich, dass es finsterer ist, als mir lieb ist. Immerhin ist Sommer. Da mag ich es nicht, wenn es um neun Uhr schon dunkelt. Um jetzt noch etwas zu arbeiten bräuchte ich Licht. Allerdings möchte ich nicht, dass 1738 Mücken sofort laut „Gefällt mir“ schreien und mich besuchen kommen. Also lasse ich das und beschließe den Rest des Abends maximal lichtreduziert zu verbringen.

Der Laptop ist hell genug, um ihm ein paar Gedanken vor der Nacht zu übergeben. Ein Lachsbrötchen verschönert mir nebenbei die Tippselei und ist gleichzeitig mein Abendbrot. Morgen heißt es wieder Wiegen. Rund fünf Wochen sind nun vergangen, seit ich versuche meine Ernährung umzustellen. Eine Diät will ich bewusst vermeiden, auch wenn ich nichts essen besser könnte, als das richtige Maß finden. Die ersten Kilos sind gepurzelt. Ob ich mich damit nun wohler fühle? Eher nicht. Es macht mir verdammte Angst etwas von dem Schutz zu verlieren, der mir ab einem gewissen Punkt ein Stück weit mein Leben gerettet hat. Jedes Gramm rührt an alten Geschichten. Abnehmen heißt für mich dauerhafte Traumakonfrontation und gleichzeitig steigt damit auch das Level an Dissoziation im Alltag. Ich spüre mich und meinen Körper zwar immer deutlicher. Die Abspaltung reguliert aber an anderer Stelle gegen. Der Innenkontakt ist blockiert. Zu viel. Überflutung. Das ist schwer auszuhalten. Trotzdem will ich einen Weg finden. Für mich. In meinem Tempo.

In der kühlen Nachtluft zirpen die Grillen. Die ein oder andere Mücke hat es mittlerweile wohl trotz Finsternis in mein Zimmer geschafft und einen direkten Gefäßzugang gefunden. Mein Knie juckt. Die Sonnenblumen vor dem Fenster ruhen in sich gekehrt. Für heute werde ich es ihnen gleich tun. Ich klappe meine Fühler ein, schlürfe zum Bett und wünsche mir und den Anderen, wie jeden Abend eine gute Nacht. „Eigentlich wiegen wir gar nicht so viel, dafür, dass wir so viele sind.“

9 Kommentare zu “Gewichtige Abendgedanken

  1. Ach Sofie, ich fühle so mit Dir und doch musste ich laut auflachen über Deinen letzten Satz.
    Ich kenn das mit Gewicht verlieren und immer hautloser zu werden und die Spannungen vermehren sich unendlich.
    Ich wünsch Dir, dass Du Deinen (Galgen)humor nicht verlierst. ❤

    • Liebe Melinas,
      der Humor bleibt ganz bestimmt. Ohne wäre es ja nicht auszuhalten. 😉

      Es freut mich, wenn du lachen musstest. Ich musste tatsächlich auch sehr darüber schmunzeln.

      Irgendwie zeigt die Reaktion auf das Abnehmen ja auch, dass der Körper kein Gramm ohne Grund einlagert. Der weiß oft einfach besser was und warum er es tut, noch bevor es spürbar wird. Ist schon ein schlaues Kerlchen.

      Liebe Grüße und einen tollen Dienstag! 😊🦋

  2. LIebe Sofie. Ich musste am meisten lachen über das „gefällt mir“ der Mücken.
    So ist es! Die kommen doch schon mit umgebundenen Lätzchen zum Abendessen.
    Nun zum Ernst der Lage:
    Ich glaube euch, dass das enorm schwer ist, was ihr da nun vor habt und begonnen habt.
    Habt ihr irgendwie Unterstützung im Alltag? Und (ich habe es gerade nicht im Kopf) ambulante Therapie?
    Ich wünsche euch ganz viel Stärke und schicke ganz viele liebe Grüße

    • Oh ja, die Mücken! Wie gut, dass die kein Facebook haben. Wer weiß, was die da so posten würden… 😄

      Ein bisschen Unterstützung haben wir. Therapeutin haben wir derzeit leider keine direkt, weil es an der Finanzierung hapert. Wir holen uns aber schon immer wieder Hilfe oder eine Stunde, wenn wir es uns leisten können.

      Liebe Grüße und danke für die lieben Wünsche!
      Sofie ❤️

  3. Hallo liebe Sofie(s),
    dein Beitrag ist traurig und lädt zum schmunzeln ein. Mücken gefällt das, ich konnte nicht mehr. Ich kenne das auch. Bei mir ist es nicht das Gewicht, sondern die Neuroleptika die purzeln, bis zum Nullpunkt und schon ist die Haut dünn, wie Papier, die Traumakacke näher und generell die Zündschnur kürzer, ich hoffe ja, dass Gelassenheit sich dann mit der Zeit doch mal einspielt und der Geist und Körper sich dran gewöhnen, bis dahin heißt es wohl nur durchhalten -,-
    ich wünsche dir viel Kraft und Gelassenheit
    Alles Liebe ALice

    • Hallo Alice,
      das ist wohl wie im richtigen Leben. Freud und Leid liegen oft so nah beieinander. Wir mussten grade nochmal mir dir lachen, als wir gelesen haben, dass die Mücken dich wohl aufgeheitert haben.

      Ich kenne Neuroleptika zwar nicht, kann mir aber gut vorstellen, dass das beim runter dosieren ähnliche Wirkung hat. Irgendwie ist da ja auch plötzlich eine Art Schutzwand zwischen den Synapsen weg und man spürt wieder deutlicher. Ich wünsche dir ganz viel Kraft und Durchhaltevermögen! Es wird sich alles bestimmt einspielen! Ich denke es dauert nur am Anfang, bis man selbst mit den Emotionen hinterher kommt.

      Liebe Grüße und viele Sonnenstunden!
      Sofie und Co 🦋☀️😎

      • Hallo liebe Sofie und Schmetterlinge,
        ja es ist wirklich oft so, dass alles eben zwei Seiten hat, am Ende ist es ein abwägen, welche Seite mehr Gewicht oder Bedeutung hat. Ich hatte lange Seroquel hochdosiert wegen psychosenaher Symptome. Eine Zeit wo ich eine Woche tatsächlich eine Psychose auch hatte. Verfolgungswahn, magische Gedanken und eine Anspannung, die stets am Anschlag war. Mir half es überhaupt wieder meine Skills anwenden zu können und therapeutische Dinge zu lernen. Leider nahm ich auch 20 Kilo zu. Nun nehme ich es nur noch in einer Minidosis und bin halt sehr in der Umwelt drin. Fühle mich oft bedroht oder angreifbar, sehe Bewegungen in den Schatten. Ich lerne damit umzugehen. Die Belohnung sind intensive Glücksgegfühle und das Empfinden meinen Körper wieder zu haben. Es hat alles im Leben seinen Preis. Ich merke aber, dass es mir jeder Woche oder Monat, die vergeht besser und leichter wird, ich mit kognitiven Skills dem Herrin werde. Nun nehme ich auch eins von zwei Antidepressiva nicht mehr und das Spiel beginnt von vorne. Die Belohnung wird ein Körper sein, der mir gehört, klare Gedanken und intensive Gefühle. Ich finde es ist es wert, auch wenn es ein Kampf ist. Ähnlich posivte Erfahrungen wünsche ich dir, auch wenn der Anfang schwer ist und man aufgeben möchte, es wird besser bzw. leichter werden. Du kannst es aushalten, davon bin ich überzeugt.
        Liebe Grüße und eine weiterhin gute Woche
        Alice

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