„Ich bin traumatisiert“

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Ja, ich weiß. Das kommt überraschend. 😉

Tatsächlich kam mir die Erkenntnis vor ein paar Tagen nachts im Bett und knallte mit voller Wucht durch bis zum Bewusstsein. Nun mag sich vielleicht die ein oder andere MitleserIn wundern, wie das möglich ist, wo ich doch hier schon so lange über Traumatisierung schreibe. Zu recht. Mir geht es seitdem nicht anders. Immerhin habe ich ja auch schon einen längeren Weg an ambulanter Therapie hinter mir und arrangiere meinen Alltag so, dass sich die Folgen meiner Geschichte möglichst wenig darauf auswirken. Dennoch hat dieser Moment einiges in mir verändert.

„Wie kann mir das passieren, dass mich nach vielen Jahren, die Erkenntnis so trifft?“, habe ich überlegt. Wenn ich mir meine Tagesstruktur so ansehe, stelle ich fest, dass Trauma und Alltag noch immer in parallelen Universen passieren. In der Regel durchmischen sie sich nicht. So gibt es etwa die Zeit vor und nach der Psychotherapie, die weitestgehend von dem entkoppelt ist, was in der Therapie sein darf. Es gibt Funktionieren oder Trauma – Nicht Funktionieren und Trauma. Natürlich kommen Flashbacks von Zeit zu Zeit ungefragt auch außerhalb der Therapie. Dann packen wir sie aber relativ schnell weg. Die Dissoziation tut ihr übriges und hält diese Momente unwirklich. Schon hat das Trauma nichts mehr mit mir zu tun.

Zu diesem eher unbewusst organisierten Getrennthalten kommt noch ein weiterer Punkt. Mit dem in der Gesellschsft üblichen Bild von traumatisierten Menschen konnte und wollte ich mich lange nicht identifizieren. Ich bin nicht kaputt oder gebrochen und zu nichts mehr fähig. Ich hatte Schwierigkeiten in manchen Bereichen meines Lebens. Auf einer gewissen Ebene habe ich diese aber trotz aller Not verharmlost. Anderen geht es ja noch viel schlechter, ich starre ja gar nicht den ganzen Tag die Wand an, ich kann reflektieren, vielleicht bin ich manchmal ja auch doch nur faul, mich überwältigen die Flashbacks ja gar nicht, etc. Tatsächlich habe ich Flashbacks nur sehr selten in der Form, dass ich zu gar keiner Handlung mehr fähig bin oder meine Umwelt nicht mehr wahrnehme. Meistens weiß ich sehr gut, wo ich bin, warum und dass jetzt eigentlich alles ok ist. Es ist ein anderes Universum in mir, dass das nicht mehr weiß und bei dem es oft auch nicht hilft, mir orientierende Dinge zu sagen. Es macht mir nicht weniger Stress, aber der Stress ist unwirklicher.

„Ich bin traumatisiert“ zu sagen, bedeutet für mich, mir einzugestehen, dass etwas in mir kaputt gegangen ist. Ob man es reparieren kann, ist eine ganz andere Frage. Zunächst einmal bin ich schwer verletzt worden. Das Geschehene betrifft mich in einer extrem heftigen Art und Weise. Das zu fühlen tut weh. Ich bin einer dieser schwer geschädigten Menschen, auch wenn ich meinen eigenen Umgang damit habe. Das zuzugeben macht mich als Mensch nicht schlechter. Zerbrochen und doch ganz.

Im Grunde ist die Akzeptanz der Traumatisierung das Anerkennen von tiefer seelischer Verletzung und das Ende der Verharmlosung von erlebtem Leid. Es schmerzt. Manchmal zerfetzt es. Ja, es war wirklich so schlimm, wie ich es wahrnehme. Ich bewege mich täglich in einem unendlichen, stillen Ozean aus Traurigkeit und Leere. Meine Seele schwebt irgendwo über den Trümmern der Vergangenheit. Ich liebe mein Leben und lache. Das ist kein Widerspruch. Das ist Dissoziation.

27 Kommentare zu “„Ich bin traumatisiert“

    • Hallo Sanne,
      vielen Dank für deine liebe Rückmeldung! 😊 Ich freue mich, wenn du dich in dem Text so gut wiederfindest und empfinde es gleichzeitig schlimm, dass du Dinge erleben musstest, die dich diese Erkenntnis nachempfinden lassen.

      Viel Kraft und Leichtigkeit, vor allem, wenn der Weg schwer ist!

      Liebe Grüße,
      Sofie 😊

  1. Liebe Sofie,

    ein Beitrag zum Nachdenken. Dankeschön!
    In mir ist gerade einfach nur die Feststellung: ‚So habe ich das noch gar nicht gesehen…‘

    Liebe Grüße aus der Himbeersplitterei

  2. Ich habe dieses Erkenntnis immer wieder aufs neue. Und es trifft mich jedes mal wie eine Wucht. Es wird heftig geweint, die Welt bricht auseinander. Und einen Bruchteil später weiß ich nicht wieso ich weinte. Alle Tränen verschwinden, der Alltag kann weiter gehen, als wäre nichts gewesen.

    Ist es meine Erkenntnis gewesen, oder erkannte es wer anderes? Und wieso passiert das immer wieder aufs neue?
    Dissoziation ist schon echt ein Ding, oder?

    • Ihr lieben Vergissmeinnicht, die Fragen habe ich mir auch schon oft gestellt. Letztlich läuft es immer irgendwie auf Dissoziation hinaus, aber die ist manchmal auch unergründlich und komplex.😉 Da habt ihr sehr recht!

      Ich hoffe und wünsche euch, dass die Erkenntnis irgendwann bleiben darf und der Schmerz dadurch langsam abheilen kann.

      In der Beschreibung mit den Tränen habe ich mich gerade so sehr wiedergefunden. Ich habe schon mitten im Weinen inne gehalten, mich gefragt, wieso ich eigentlich weine, weil die Traurigkeit von einer zur anderen Sekunde weg war, mich umgedreht und etwas völlig anderes gemacht. Danke für‘s Teilen.

      Liebe Grüße,
      Sofie 😊

      • Liebe Sophie,
        Es ist unfassbar und ein Glück für mich/uns, das ich teilen möchte, weil es – so hoffen wir – Zuversicht vermitteln kann.
        Ich kann mich so gut erinnern, dass wir sehr stark weinten, bei Flashbacks oder Erkenntnissen, wie jener traumatisiert zu sein. Dann z.B. sahen, dass jetzt keine Zeit für weinen ist, oder es zu belastend wurde weiter zu weinen. Also beutelten wir uns ab, wie ein nasser Hund. Drehten uns um und Alltag ging weiter, einfach so. Vielleicht wirkte es noch einige Minuten nach, aber das war’s. Das ist Dissoziation. Ich kann heute nicht mehr genau sagen, wann es aufgehört hat, dass wir so lebten. Es hat sich ausgeschlichen. Und wir können heute nicht erinnern, wann wir das letzte Mal so agierten. In den letzten fünf Jahren hat sich so vieles geändert für uns. Ich hielt es immer für eine tolle Fähigkeiten, dies zu können, weil es uns ein Leben ohne Psychiatrie ermöglicht(e). Heute, wo wir diese Flashbacks und die Dissoziation danach nicht mehr so leben, fehlt sie uns keineswegs. Vielmehr ist die Verletztheit nicht mehr ganz so tief, dass es erforderlich ist es abzuspalten um weiter zu leben. Wann auch immer es sich geändert hat, ich denke, dass mehrere heilsame Aspekte ineinander gegriffen haben. Irgendwie ist da kein bzw. kaum mehr Zweifel, dass wir viel Gewalt erlebt hatten. Immer mehr Menschen glauben uns, Menschen, von denen wir es nicht erwartet hätten. Vor allem wir uns selbst. Ich bin, dankbar, dass es zu dieser Veränderung in unserem Erleben kam. Verwundert schüttle ich den Kopf, dass es tatsächlich so ist. …. Ich weiß, ich bin Opfer geworden. Ist es das Wissen darum, das den Schmerz auch heilt, wie du es im Kommentar geschrieben hast? Ich kann es nicht sagen, was es war, nur dass ich heute anders empfinde. Freude empfinden kann und diese starke Dissoziation von tiefster Seelennot (zumindest momentan?!!) nicht benötige und das tut sehr gut.

        Ich bin dankbar, sehr, sehr dankbar dafür. Und ich wünsche es euch und allen, die so schwere Gewalt erlitten, dass sie heilen darf und Dissoziation immer weniger not-wendig ist, weil die innere Not nicht mehr so stark ist, oder gar verschwunden ist.

        Danke für den Beitrag und die Kommentare. Ich hoffe, ich bin nicht ausgeufert mit meiner Schilderung. Die Verwunderung der Erkenntnis wurde im Schreiben so fühlbar.

        Von Herzen das allerbeste für dich/euch
        Alles Liebe 😊🎈💖🌻
        „Benita“

      • Jetzt hab ich schon wieder „Sophie“ statt „Sofie“ geschrieben ….. Es will nicht in meinen Kopf, aber ich bleib dran, versprochen!!! Bitte verzeih meine neuerliche falsche Anrede. *zerknirscht dreinschau*
        Alles Liebe
        „Benita“

      • Kein Problem! 😊 Das passiert auch anderen öfter und ich selbst schreibe ebenfalls nicht jeden Namen richtig. Ich komme ja teilweise schon bei meinen eigenen Innens ins straucheln…😉 Das nehme ich dir also wirklich nicht krumm. Dein Gesichtsausdruck darf gerne wieder zu einem Lächeln wechseln. 😉

        Alles Liebe,
        Sofie 🦋🍁☀️

      • Juhuuu, 😃 …… Danke für dein Verständnis. Aber, vielleicht weil ich ja eine Geschichte hab mit Namen, und von meinem Vater absichtlich falsch angesprochen wurde um mich zu demütigen, finde es gar nicht fein, wenn mir derlei passiert. Ich verspreche aber, dass es niemals Absicht und mit bösen Hintergedanken ist. Aber ich denke, das weißt du. Das hoffen wir. 💖🙂
        Aber ich werde Mal untersuchen, wer innen uns da diese falsche Schreibweise immer wieder unterjubelt. Dabei lesen wir Kommentare auf Tippfehler durch und dennoch überlesen wir es. Das soll nicht sein. 😉🌻🌼
        Hat also mit mir zu tun. 🤔

        Hab einen schönen Abend 🍀🌜🌟
        „Benita“

      • 😀 Kein Stress! Das weiß ich. Falls jemand aus dem Innen beteiligt ist, meint er oder sie das sicher nicht böse. Kann ja sein, dass sie eine andere Sofie kennt oder die Schreibänderung für meinen Fall einfach nicht mitbekommen hat. Egal wie es damit weiter geht, ihr seid hier dennoch immer gerne gesehen und verletzt fühlen wir uns von euch kein bisschen! 😊

        Das mit deinem Vater ist natürlich schrecklich! Dann passt vielleicht grade auch einfach gut auf euch auf, dass es euch nicht zu sehr antriggert und nehmt von dem Thema auch einfach Abstand, wenn es zu viel ist. Bei uns ist alles fein! Insofern könnt ihr beruhigt sein. 😊

        Liebe Grüße,
        Sofie 😊

      • Hallo Benita,
        vielen lieben Dank, dass du dir die Mühe gemacht hast einen so ausführlichen Kommentar zu verfassen! ❤️ Wir haben uns sehr darüber gefreut und finden es interessant und spannend gleichzeitig, wie du dein Erleben dazu beschreibst. Ja, das macht in der Tat Hoffnung! 😊

        Irgendwie ist es fast paradox, dass der Schmerz weniger wird, bzw. besser aashaltbar scheint, sobald er anerkannt ist. Ich kann dein Empfinden gut nachvollziehen. In den letzten Tagen nach der Erkenntnis, habe ich etwas sehr ähnliches gefühlt.

        Ganz herzliche Grüße und nochmal ein großes Dankeschön! Deine Zeilen bedeuten uns gerade wirklich viel!

  3. Hallo Sofie, oh ja, das kann ich genau so unterschreiben bei mir… Bestimmte Wörter kann ich annehmen (wie ich lebe ein zersplittertes Leben), andere mag ich für mich nicht (noch nicht?) annehmen (z.B. ich bin kaputt / gebrochen / zerbrochen – nein, das bin ich nicht und möchte ich nicht sein). I don’t want to live in that broken space, war ein Satz, den ich mal in einem Podcast gehört habe. Und ich möchte ein richtiges Leben! lg s

    • Hallo Sonrisa,
      es tut gut zu lesen, dass es dir ähnlich geht! 😊 Irgendwie kam ich mir schon komisch vor, als das in den letzten Tagen so bewusst wurde. Das Trauma ist Teil meines Lebens und gleichzeitig nicht mein Leben. Schon verwirrend manchmal… Dein Zitat finde ich sehr treffend! Danke für‘s daran teilhaben lassen! 😊

      Liebe Grüße,
      Sofie

      • Ich muss dann immer lächeln – wenn ich mit mit einer „Erkenntnis“ irgendwie FÜHLE, also so durchgesickert, nach über 10 Jahren als Traumapatientin… rieseln mir langsam die Basics durch… Es ist eh ganz klar ein Dissoziationsphänomen, dass wir das so getrennt halten können… und plötzlich verbindet sich etwas. Heureka. Alles Liebe Euch, s.

    • Oh, ja! Da hast du vollkommen recht! 😊Danke für diese Ergänzung! Diese Variante gibt es natürlich auch noch. Beim Schreiben habe ich zwar an andere Situationen gedacht, dennoch ist das tatsächlich wichtig zu bemerken.

      Liebe Grüße,
      Sofie

    • Hallo, 😊 danke für den lieben Kommentar und den Einblick in deine Empfindungen.

      Ich finde es immer schon einen guten Anfang, wenn etwas kurz als Gedanke da sein darf. Die Zeiten können ja Stück für Stück länger werden.

      Liebe Grüße,
      Sofie

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