Trauma heißt Verleugnung

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Immer wieder zweifeln Betroffene an ihrem Trauma. Scham und Schuldgefühle beuteln die Opfer, die eine Realität für gegeben nehmen müssen, die für sie selbst nie – noch nicht einmal während des Ereignisses – als real wahrnehmbar war. Für die Täterlobby stellt das ein gefundenes Fressen dar. Die Verleugnung wird schwubsdiwups zur Scheinwissenschaft über „False Memories“ umfunktioniert, um die Täter zu entlasten. Andere Wissenschaftler forschen dazu, weshalb Menschen selbst nachweislich stattgefunden Traumata vergessen und verleugnen. Dabei lässt sich ein Trauma ganz einfach definieren: Es ist die Zeitgleich mit der Tat beginnende konsequente Verleugnung der Realität, die als solche ansonsten nicht aushaltbar gewesen wäre.

Wir alle haben unsere Traumata nie miterlebt. Sonst wären sie nämlich kein Trauma. Wir sind ausgestiegen. Haben uns energetisch gleichsam eingefroren und sind erst nach dem Erlebnis zurückgekehrt. Unser Körper-Seele-Geistgefüge hat alles dafür getan, diese Momente zu verleugnen und zu vertuschen,  bis wir schließlich tatsächlich nicht mehr dabei waren. Natürlich könnte man das auf neurobiologischer Ebene erklären, aber da möchte ich gerade gar nicht hin. Ich war keine Neurobiologin, als die Männer mich vergewaltigt haben. Ich war einfach Mensch und das war nicht mein Erleben. Mein Erleben glich eher dem einer Person, die ein Geschehen beobachtet, das einer Fremden passiert und später selbst diese Beobachtung für einen schlechten Traum hält, weil sie dieser Beobachterin beim Beobachten nur durch Nebel zugesehen hat. Unser Leben hat während der traumatischen Ereignisse aufgehört zu existieren. Ich war nicht in meinem Körper. Die Seele ist ausgezogen und kam erst nach einem Zeitsprung in relativer Sicherheit zurück.

An der Aufforderung von Therapeuten die Realität der Traumatisierung endlich anzuerkennen bin ich manchmal regelrecht verzweifelt. Welche denn? Ich war nicht dabei, als die Gewalt passiert ist! Meine Realität war, dass ich abends ins Bett gegangen und morgens anders aufgewacht bin. Meist war da nicht mehr, außer unangenehme Gefühle oder diffuse Schmerzen. Manchmal blieb mir ein „Albtraum“ lange im Gedächtnis. Meine Realität war, dass manche Erwachsene oft ausgeflippt sind und cholerisch geschrien haben, aber das war’s. Wie es weiter geht, klaffte in einem großen schwarzen Loch. Also was hätte ich als Realität anerkennen sollen? Wenn überhaupt, dann war das große Fragezeichen real, dass über dem totalen Vergessen meiner Kindheit schwebte. Die Bilder in meinem Kopf waren, wenn zu diesem Zeitpunkt überhaupt vorhanden, so schwammig, dass ich mich schwer tat, sie als Erinnerung zu erkennen. Mein Körper reagierte, aber worauf eigentlich? Ich konnte mich irgendwann nicht mehr hinlegen, weil ich immer Panik bekam, verbunden mit dem Gefühl, dass jemand auf mir liegt. Aber weshalb eigentlich? Natürlich war das Trauma im Grunde allgegenwärtig, aber eben nicht wirklich real. Eine der größten Hürden war es dementsprechend wirklich zu be-greifen, dass mein Leben an diesen traumatischen Punkten, die mich so verschleiert im Alltag überfielen, stattgefunden hat.

Das Therapieziel in der Traumtherapie ist letztlich nichts anderes, als die naturgegebene Verleugnung des Traumas aufzulösen und das Erlebte als Realität in die Lebensgeschichte zu integrieren. Verleugnung ist die unsichtbare Grenze zwischen den Welten vor und nach dem Schockereignis, die das Leben gesichert hat und in Würde in den Aufarbeitungsprozess integriert werden muss. Dabei hilft es nichts, immer wieder mit Vollgas gegen diese Mauer zu fahren und zu hoffen, dass man irgendwann schon sieht, was dahinter ist. Das macht das Brett vor der Stirn höchstens noch größer. Es ist besser zunächst das aufzuräumen, was vor der Wand rumliegt und zugänglich ist. Dabei trägt sich Stück für Stück auch die Mauer ab und irgendwann ist ein Fenster darin, dass einem einen klaren Blick auf das zugrundeliegende Trauma ermöglicht.

Die Tränen wissen, was du beweinst, lange bevor du das Ereignis selbst sehen kannst. Sie sind klare Flüssigkeiten, die dich auf dem Weg zu ihrer Quelle begleiten.

24 Kommentare zu “Trauma heißt Verleugnung

    • Danke! 😊

      Wir können das was du beschreibst sehr gut nachvollziehen. Damit müssen wir uns auch oft rumschlagen. Die Erinnerung ist da und eigentlich sollte klar sein, worum es geht, aber uneigentlich ist dann doch gar nichts klar… Stichwort „Wieso soll ich mich orientieren, wenn das alles vielleicht gar nicht echt ist!?“ 🙄 Paradox, aber für uns eben teilweise der Fall.

      Liebe Grüße und einen schönen Abend!
      Sofie ❤️

  1. Wie großartig und verständlich Du/Ihr das ausdrücken könnt. Ich finde mich so wieder….dieses schwarze Loch, diese Erinnerungen, die plötzlich abbrechen und man nicht weiß wie es weitergegangen ist….
    Und das Bild mit dem gegen die Wand…das ist so treffend. Danke! Danke fürs formulieren.

    • Vielen Dank ihr Lieben! 😊
      Ja, an dieser „Wand“ haben wir uns so einige schwere Erschütterungen zugezogen. Manchmal bin ich im Alltag dann doch auch ein richtiger Dickschädel und meine es muss alles schneller gehen.

      Wir freuen uns sehr über deine Rückmeldung, weil wir beim Schreiben einfach nur in Worte fassen wollten, wie sich das für uns anfühlt. Dass es dir ähnlich geht, zeigt uns, dass wir mir unseren Reaktionen kein Einzelfall sind. Auch wenn wir das für dich natürlich sehr traurig finden, tut es doch gut auch immer wieder zu wissen, dass man nicht alleine ist. 😊

      Wir hoffen, dass euere „schwarzen Löcher“ sich mit Helligkeit und Liebe füllen lassen und ihr die Klarheit bekommt, die ihr für euere Heilung braucht.

      Wir hoffen du hast einen schönen Abend und liebe Grüße,
      Sofie und die bunten Schmetterlinge 😊🦋

  2. „Die Tränen wissen, was du beweinst, lange bevor du das Ereignis selbst sehen kannst. Sie sind klare Flüssigkeiten, die dich auf dem Weg zu ihrer Quelle begleiten.“

    Was für ein tiefer, wahrer, voller Erkenntnis seiender Satz. Seine größte Tagik ist, dass er aus so einem furchtbaren Erleben geboren wurde. – Aber ich empfinde ihn als so großartig, er bewegt und berührt mich so sehr …

    Irgendetwas sagt mir, dass er selbst Quelle ist, eine neue, die mit der viel wirkliches LEBEN beginnen kann.

    Ich wünsche mir von Herzen für Dich, dass es so ist.

    Ganz liebe Grüße an Dich!

    (Der Satz kommt in meine Zitatensammlung – ich möchte ihn nie wieder vergessen!)

    • Oh, was für eine Ehre! 🙈☺️

      Tränen sind schon was tolles! Wir empfinden sie als große Kostbarkeit, wohl auch, weil wir so lange gar nicht mehr weinen konnten. Mittlerweile laufen sie recht ungehindert. 😉 Insofern hast du recht, dass in ihnen für uns viel Quelle für wirkliches Leben steckt. Danke für die Erweiterung um diese Sicht!

      Ganz liebe Grüße zurück! 🤗
      Sofie

      P.s.: Ich hoffe du bist in den letzten Tagen nicht vor Wind abgehoben und kannst den Herbst genießen. 😊🍁🍂☀️

      • Ehre, wem Ehre gebührt! – Nein ich bin nicht abgehoben, auch vom Wind nicht. 😉 – Aber zeitweilig stürmt und zauselt es hier oben schon ganz gehörig, vor allem am vorigen Freitag war es richtig ruppig. Zum Glück gab es bis auf ein paar Unterbrechungen auf den Bahnstrecken keine nennenswerten Schäden hier in der näheren Umgebung.

  3. Klasse geschrieben! Ich frage mich wie du/ihr auf all diese Weißheiten kommst, ich will das auch können. So toll reflektiert… Du/ihr könntet echt ne gute Therapeutin sein.
    Die Wahrheit statt Zweifel zu sehen, als Therapie Ziel, ist echt eine super Sache. Ich dachte nicht im geringsten daran, dass selbst dies ein Ziel sein kann. Dachte eben, wir müssen durch die Mauer breschen und ja, daran bin ich fast zerbrochen…
    So niedrig anzusetzen als Ziel ist da vermutlich viel besser, zu mal sich in meinem Kopf seit Monaten alles genau darum dreht. Es als echt anzunehmen…
    Ihr seid echt klasse, danke.

  4. Ich würde doch noch gern was fragen, wenn ich darf? „Das Therapieziel in der Traumtherapie ist letztlich nichts anderes, als die naturgegebene Verleugnung des Traumas aufzulösen und das Erlebte als Realität in die Lebensgeschichte zu integrieren.“ – Das ist so ziemlich das Gegenteil von „anerkennen, dass meine (aus ∑ich) Realität eben die ist, dass nichts passiert ist. Welches Ziel strebst du also an? Wie schaffst du den Spagat? lg

    • Natürlich darfst du! 😊

      Knifflige Frage! 😊
      Ich glaube, dass das Anerkennen von unterschiedlichen Lebensrealitäten im Innen kein Widerspruch dazu ist, die Verleugnung des Traumas aufzulösen. Im Gegenteil. Ich finde das wichtig. Dran habe ich lange gearbeitet, dass ich mir als Alltagsperson eingestehen konnte, dass ich vieles nicht weiß und erst im nächsten Schritt dann auch, dass es das „andere Leben“ trotzdem gab. Insofern löst man über die Annahme der eigenen Realität ja auch ein Stück der grundsätzlichen Ablehnung der anderen Innens mit ihren Geschichten. Man schafft parallel mögliche Welten und das halte ich persönlich für einen sehr wichtigen Schritt auf dem Weg der Heilung.

      Das Ziel für mich ist am Ende zu wissen, was diesem Körper und Seelenanteilen angetan wurde und das im Bewusstsein so zu verarbeiten, dass wir damit ein gutes lebenswertes Leben führen können. Der Spagat gelingt mir, glaube ich, genau über das, was du beschreibst – Dass ich meine Realität parallel zu den anderer Realitäten in mir gleichberechtigt als wahr annehme und dennoch alle anderen Realitäten gleichzeitig auch als Wahrheit zu diesem unserem Leben gehören. Also vielleicht in etwa so: „Ich konnte mich lange Zeit nicht mehr an die erlittene Gewalt erinnern und musste sie vergessen, weil ich sonst nicht im Alltag weiter leben hätte können. Meine Lebensrealität hat sich in vielen Ausschnitten deshalb ganz anders dargestellt, als das, was ich heute auf den inneren Erinnerungsbildern klar vor mir sehen kann. Dennoch weiß ich jetzt, was uns angetan wurde und erkenne das als Wahrheit an, dass wir gemeinsam davon heilen können.“

      Ich weiß grade nicht mehr, ob meine Zeilen noch verständlich sind. Insofern am besten einfach nochmal nachhaken, falls nicht.

      Liebe Grüße,
      Sofie 😊

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