Fluchtsucht

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Die Folgen sexuellen Missbrauches haben viele Gesichter. Manche kommen von sich aus klar und deutlich daher. Andere tragen Masken. Sie mischen sich in Alltagsaktivitäten unter dem Deckmantel der Normalität. Ein wahrer Maskierungskünstler ist die Fluchtsucht in ihrer Vielgestaltigkeit.
Flucht – das heißt nicht immer, dass die Beine laufen, so schnell sie tragen können. In der traumatischen Situation liegt der Ursprung dieses Impulses. Im Nachgang kommt er manchmal aber auch als Erstarrung daher, etwa dann, wenn wieder ein wichtiger Anruf nicht getätigt werden kann, weil der Kontakt unbewusste Ängste weckt. In anderen Situationen sagt die Flucht vielleicht schlicht: „Ich will nicht.“ oder „Ich hab‘ keine Lust.“ „Ich bin einfach nicht der Typ für lange Abende mit Freunden.“ oder „Ich brauche meine Ruhe und Rückzug.“ Was sie meistens nicht ausspricht ist: „Ich kann gar nicht anders.“

Der Fluchtmodus sitzt uns beständig in den Knochen. Damals mag das Entkommen missglückt sein. Jetzt sind wir Meister in den verschiedenen Fluchtdisziplinen. Beziehungsflucht, Kontaktflucht, Flucht vor Anforderungen, tiefer Konversation oder Beschäftigung mit einem Thema, dem Gefühl von Sicherheit, Angst vor Papieren und Ämtern, dazu ständiger Bewegungsdrang und bedrängende Hyperaktivität in allen Lebenslagen. Wir weichen Streit und Stress aus und gleichzeitig brechen wir ihn unbewusst immer wieder vom Zaun, wenn Beziehungsmuster zu eng werden. Von anderen Frauen haben wir gehört, dass sie Seitensprünge begehen oder provozieren, wenn ihnen eine Partnerschaft wirklich nahe geht. Niemals kommen wir irgendwo wirklich an. Wir gehen immer einen Schritt weiter. Die Flashbacks und Traumata in der Tiefe unserer Seele treiben uns an. Ruhe heißt sterben – das ist die große Befürchtung die jedem Flüchtigen bis in die kleinsten Zellen eingebrannt ist. Um dem Trauma doch noch einmal von der Schippe zu springen ist jedes Mittel recht. Man leugnet und zweifelt. Das ist das geringste, was ein Opfer tun kann, wenn es die Vergangenheit längst eingeholt hat, der Schrecken wieder einmal versucht die Finger nach ihm auszustrecken und das Geschehene unerträgliche Gefühle macht. Dieser Zustand ist so furchtbar, dass allein die Emotionen die Betroffene vermeintlich erneut sterben lassen, wenn sie hinsieht. Das Trauma ist wie ein Dementor – es saugt alles Glück aus aus einem heraus und lässt einen einfrieren, bis man vor seelischen Qualen langsam zugrunde geht. Es dauert, bis man im wirklichen Leben den Patronus findet, der Licht ins Dunkel bringt und einen vor dem tödlichen Kuss bewahrt. Solange fliehen wir.

Die Krux ist: Eigentlich laufen wir vor uns selbst weg und sich selbst hat man irgendwie ja doch immer dabei. Letztlich gelingt die Flucht nicht. Wir kommen nicht drum herum stehen zu bleiben und den sicheren Boden in uns selbst wieder aufzubauen, den uns die Täter unter den Füßen weggezogen haben. Sonst ist es wie bei jedem Drahtseilakt – der Abgrund ist immer in der Nähe.

5 Kommentare zu “Fluchtsucht

  1. Stimmt, echt. Und wenn man es von der Warte ansieht, Dissoziation ist ja auch eine Flucht. Man will nichts mehr mitbekommen und weg ist man… wenn man schon nicht in echt weg kann…

    Ja unser Leben lang fliehen wir, ständig wollen wir abhauen. Weg, weg, nur noch weg…
    Aber egal wo man hin flieht, der „Feind“ kommt immer mit, weil er zwischen unseren Schülern sitzt!
    Wir können nicht wirklich fliehen, verdrängen und vermeiden, es holt uns ein, ob wir wollen oder nicht, ob wir zweifeln oder ignorieren… ja weil es nun mal wir selbst sind…

    Gut geschrieben 💖

  2. Liebe Sofie,
    Ertappt! Genau so ist es. Das Schlimmste bei uns ist, dass wir uns so sehr schämen, dass wir immer flüchten. Dass wir es eben nicht hinbekommen damit aufzuhören. Was du beschreibst ist für uns wohl die schmerzhafteste Folge der sexuellen u.a. Gewalt.
    Herzlichen Dank für diesen wunderbaren Beitrag, der uns gerade sehr nahe geht.
    Alles, alles Liebe 💖🍀🍀🍀🌻
    „Benita“

  3. So wahr.
    Wahrer geht es nicht.

    Dennoch ist es so unsagbar schwer, mit dem Flüchten aufzuhören – stehen zu bleiben – wieder Boden unter sich zu sammeln…

    Die traurigen Himbeersplitter

    PS: An „Fluchten“ fallen uns noch Substanzmissbrauch und Suizid ein.

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