Switchy Sunday

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Alles ist grau. Die Welt draußen und die morgendüstre Zimmerstimmung. Im Blumenkasten glitzert eine kleine Lichterkette. Das macht den Tag nicht heller, aber zumindest hat er Lichtpunkte. Mein Mund fühlt sich etwas pelzig an. Nach dem Zähneputzen vergeht das. Gedanken an Arbeit lenken von der sonntäglichen Morgenruhe ab. Mein Rücken schmerzt. Gerade noch wollte ich einfach nur für mich schreiben. Jetzt fluten andere Aufgaben meinen Kopf und bringen mich weg, von dem Gefühl einfach nur bei mir sein zu können. Also erledige ich, was zu erledigen ist und kehre dann mit leicht schielenden Doppelbildern zu mir zurück. Mein Körper findet der Stress ist zu viel. Die unterdrückte Anspannung lies mich die letzten beiden Tage kotzen und heulen. Immerhin – mit jedem mal Erbrechen wurde der Kopf leichter und der Schmerz ging etwas zurück. Nein, das ist kein Lob für den Mechanismus Druck durch Kotzen abzubauen. Es hat sich einfach so ergeben. Heute bewegen wir uns auf einem schmalen Grad zwischen leichter Stimulation und totaler Überforderung. Der Input wird schnell zu viel. Ganz ohne ist es aber auch nichts. Deshalb füttern wir die Synapsen in einem Drahtseilakt mit möglichst positiven Reizen.

Seit einer Woche befinden wir uns in einem Zustand, den wir ziemlich „Switchy“ nennen. Will heißen: Wir sind leicht triggerbar, es gibt auch im Alltag viele Wechsel und es befinden sich beständig mehrere Innenpersonen dicht hinter der außen sichtbaren Oberfläche. Für uns ist das ein ziemlich untrügliches Zeichen, dass wir uns jenseits unserer Belastbarkeitsgrenzen befinden. Als Alltagsperson nehme ich mittlerweile die Anderen zwar auch wahr, wenn ich mit den Aufgaben des täglichen Lebens konfrontiert bin. Dennoch kann ich sonst meine Arbeit in Ruhe beenden und im Anschluss die Probleme klären. Nicht die Anforderungen führen zu Wechseln, sondern wir Wechseln entsprechend den Anforderungen. Grade ist diese kontrollierbare Reihenfolge aus den Fugen geraten. Was hilft ist meist eine strikte Auszeit, um Beruhigung innerhalb des Systems zu ermöglichen. Zudem brauchen wir es dann, über das was in uns vorgeht mit jemandem sprechen zu können. Wenn wir an diesem Punkt der Reizüberflutung angelangt sind, nützt kein Tresor, kein sicherer Ort und kein schöner innerer Garten. Es muss raus! Manchmal mit allen grausamen Details, die uns die Seele in diesem Moment zermartern. Danach können wir ordnen und im Anschluss lässt sich das Erlebte auch wieder für eine Zeit wegstellen. Ein Trauma ist wie eine Bombe. Sie explodiert jedesmal erneut, wenn sie von einem Trigger angestoßen wird. Die Verwüstung zu verdrängen macht keinen Sinn. Man fängt an aufzuräumen, indem man das Schlachtfeld betritt, die Splitter sichtet und Tatsachen schafft. In unserem Fall sind es ausgesprochene Tatsachen. Der sichere Ort hilft uns nur dann, wenn wir es schaffen vor dem triggerzerbersten Auslöser dort unterzukommen und sozusagen im letzten Moment den Stecker aus der scharfen Bombe zu ziehen. Wenn uns nun aber die Bilder und Gefühle quälen, weil sie uns bereits um die Ohren geflogen sind, machen wir keine Umschweife. Wir verschieben sie nicht auf später. Wir drücken sie aus, soweit und so gut wir können. Es ist nicht schlimm, wenn die passenden Worte fehlen. Sie kommen vielleicht einfach zu einem anderen Zeitpunkt oder wir können nach Ihnen suchen. Das fühlt sich an, als würden wir dem aufgewühlten und sandtrüben Wasser erlauben, dass es sich wieder setzt, weil wir dem Bodensatz seinen Platz zuweisen, statt ständig mittendrin nach Sicherheit zu stochern. Bei Traumatisierungen ist es eine wichtige Leistung im trüben Wasser überhaupt zu erkennen, dass die trübe Wahrnehmung durch herumschwirrende „traumapartickel“ verursacht wird, die sich setzen können. Schließlich sieht man darin ja nicht besonders gut. 😉

Unser Nachmittag besteht also aus sortieren und zuweisen. Natürlich dürfen Pausen nicht fehlen. Ein Keks, ein Kuchen und etwas Kaffee leisten unseren Nerven guten Dienst. Wir schreiben miteinander, sprechen mit unserer besten Freundin und nehmen uns selbst in den Arm. Irgendwann bemerken wir, dass der Nebel um unseren Kopf klarer wird. Zwar wird der Schmerz dadurch realer, aber er beherrscht uns nicht mehr so sehr. Für heute ist es genug. Die Wechsel werden gerade nicht weniger, aber das ist ok. Damit beschäftigen wir uns ein andermal.

3 Kommentare zu “Switchy Sunday

  1. Ich finde es sehr beeindruckend, wie reflektiert Du über Deine Befindlichkeit schreibst, die doch so sehr Vielschichtigkeit und VIELE(S) ist.

    Ich hoffe nur sehr, sehr, dass für diesen Deinen /Euren Wunsch:

    „Zudem brauchen wir es dann, über das was in uns vorgeht mit jemandem sprechen zu können.“
    -. immer ein Mensch in Deiner/Eurer Nähe ist, zu dem wirkliches Vetrauen besteht, der wirklch zuhört.

    Es ist wunderbar, dass Du dies: „Das macht den Tag nicht heller, aber zumindest hat er Lichtpunkte.“, so zu sehen, zu spüren, aufzunehmen vermagst. Es zeigt mir, dass Deine Seele, eine Seele der Hoffnung ist, eine, die Hoffnung in sich trägt und Hoffnung zu finden vermag. – Das schenkt mir Freude und hat mich gerade ein bisschen an meine zuletzt geschriebene Tagebuchseite erinnert …

    Ganz liebe Grüße an Dich und alle Schmetterlinge, die Du sind!

    • Danke dir, lieber Sternenflüsterer! 😊

      Es ist vielleicht nicht immer direkt jemand zum Zuhören da, aber immer öfter…😉

      Schön, dass du uns auf die Hoffnung aufmerksam machst. Ja, die haben wir tatsächlich immer wieder in uns. Leider komme ich zur Zeit kaum zum Lesen, aber ich schau bei Gelegenheit mal bei dir vorbei. 😊

  2. Liebe Schmetterlinge,

    Wenn ich mich hier auf WordPress umsehe, scheint derzeit für uns alle eine sehr Trigger-reiche Zeit zu sein – auch ich kämpfe gerade ein bisschen damit, dass ich eben noch eine Woche lang einfach funktionieren muss, bevor ich die Zeit habe, mich mit den Themen zu beschäftigen, die gerade um Aufmerksamkeit betteln.

    Ich finde es aber wunderbar inspirierend, mit wieviel Milde ihr über diese Situation gerade reflektieren könnt und wie ihr auch die kleinen Fortschritte wertschätzen könnt – auch wenn der Weg erstmal noch anstrengender wird – und wie ihr dennoch auch die kleinen Lichtblicke bewusst wahrnehmt.

    Ich wünsche euch jedenfalls noch ganz viel Kraft, um die Zeit jetzt gut zu überstehen und dann viel Ruhe und liebe Menschen, die euch zur Seite stehen, damit ihr das alles gut aufarbeiten könnt.

    Alles Liebe ♥️

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