Halluzinationen und Feiertage

Als wir gerade den Kommentar von Lunis zu unserem letzten Beitrag beantwortet haben, entstand in uns der Wunsch noch einmal einen extra Beitrag über Halluzinationen, bzw. Flashbacks an Feiertagen zu schreiben. Mit Halluzinationen meinen wir hier natürlich keine klassisch psychotischen, sondern erinnerungsbedingte Wahrnehmungsverzerrungen. In den Jahren unseres Ausstiegs und der Auseinandersetzung mit den Traumata mussten wir uns mit so einigen Phänomenen umherschlagen, bei denen wir oftmals Angst hatten den Verstand zu verlieren. Passiert ist das allerdings Gott sei Dank nie.

Eine Sache ist uns persönlich über die Jahre aufgefallen und wurde auch durch kurze Einträge zu unserem Befinden in den Kalender immer deutlicher. Starke Wahrnehmungsverzerrungen häufen sich in der Nähe zu belastenden Daten. Um einige Beispiele aus unserer Erfahrung zu nennen, kommt es dann etwa vor, dass wir Blut die Wand hinunter laufen sehen, (Täter-)Personen im Raum wahrnehmen, die nicht wirklich da sind, Gerüche von Parfum und After-Shave uns dermaßen prägnant in die Nase steigen, dass sie Brechreiz verursachen, unser Spiegelbild von irgendwelchen monströsen Kreaturen ersetzt wird, wenn wir uns betrachten wollen oder körperliche Berührungen so prägnant gespürt werden, als würde uns tatsächlich in diesem Moment jemand anfassen. Je nach Jahresfest kann es auch vorkommen, dass Empfindungen auftauchen, als würden Käfer und Würmer über unseren nackten Körper laufen. Die Aufzählung ist sicher nicht vollständig, aber sie gibt einen kurzen Einblick worum es geht. Es fällt nicht schwer zu begreifen, dass einige dieser Wahrnehmungen schnell dazu führen können fälschlicherweise für psychotisch gehalten zu werden, wenn man selbst als Alltagsperson den Hintergrund nicht kennt. Man erlebt nur den Symptomhorror und ist ein Stück weit darauf angewiesen, dass die Fachwelt diese Erscheinungen richtig zuordnen kann.

Nun gibt es vor allem bei einer Geschichte mit organisierter und/oder ritualisierter Gewalt mit Sicherheit viele verschiedene Ursachen für Wahrnehmungsverzerrungen, die über einen „normalen Flashback“ hinaus gehen. Während die Daten auch bei Opfern schwerer sexueller Gewalt zugehörige Erfahrungen in der Seele antriggern können, sind manche dieser Flashbacks von Gruppierungen bewusst gewollt und erfüllen eine Funktion. Wer sich etwa aufgrund seiner Verfassung zurückziehen muss und keinen Kontakt zur Außenwelt erträgt, kann auch nichts erzählen. Nach den Festen versinken wiederum all diese Dinge oftmals genau so schnell im Innen, wie sie vorher aufgeploppt sind. Dann muss oder kann man nicht mehr darüber sprechen. Wer wegen psychotischen Episoden in der Psychiatrie landet, wird für Außenstehende generell unglaubwürdiger und wer gelernt hat, dass nur eine bestimmte Täterperson diese Zustände beenden kann, wird unter Umständen den starken Drang verspüren zur Gruppierung zurückzukehren. Der Kontakt innerhalb der Innensystems wird durch die massive Überflutung mit Triggerreizen schwer bis unmöglich. Das macht eine Verständigung zur Lösung der Flashbacks und das Erfragen des Hintergrundes besonders schwer. Viele Opfer schweigen über ihre Wahrnehmung, weil sie sich selbst als verrückt empfinden. Das verhindert auch, dass durch das Zusammensetzen von Erinnerungen mit therapeutischer Unterstützung Programme gelöst werden können. Damit bleiben die Betroffenen für die Täter abrufbar.

Die schlimmsten Verzerrungen traten bei uns im Nachhinein betrachtet immer dann auf, wenn wir uns erfolgreich gegen einen tätergewollten Mechanismus zur Wehr setzten. So haben wir es etwa irgendwann geschafft nicht bei der Familie anzurufen und waren froh darüber. Es dauerte nicht lange, bis wir mit Schmerzen und starken Flashbacks völlig darniederlagen und uns nichts sehnlicher wünschten, als dass Person XY kommen würde und uns versorgen. An diesen erinnerungsbedingten Halluzinationen hängt also oftmals ein ganzer Rattenschwanz an gewollten Reaktionen.
Unabhängig von den Feiertagen erinnern wir uns gerade an unsere Therapie und die Tatsache, dass uns einige Zeit immer an den Stellen, an denen wir kritische Dinge berichten wollten, ein Mann zum Schweigen brachte, der wie aus dem Nichts plötzlich im Therapieraum auftauchte. Wir trauten uns lange nicht der Therapeutin davon zu erzählen. Mehr oder minder war uns ja auf einer gewissen Ebene durchaus bewusst, dass er nicht wirklich da gewesen sein konnte. Dennoch verfehlte er seine Wirkung auf unser System nicht.

An dieser Stelle beenden wir nun vorerst unseren Beitrag. Wir merken, dass das Thema so vielschichtig ist, dass es noch so viel mehr dazu zu sagen gäbe. Das würde aber die Lesbarkeit und den Rahmen sprengen. Euere Fragen sind allerdings jederzeit willkommen. So können wir vielleicht Stück für Stück das ergänzen, was fehlt. Soweit wir eine Antwort darauf haben, werden wir versuchen darauf einzugehen.

10 Kommentare zu “Halluzinationen und Feiertage

  1. Liebe Sofie, du schriebst „manche dieser Flashbacks von Gruppierungen bewusst gewollt und erfüllen eine Funktion“… Und dennoch müssen die ja auch ausgelöst werden… Ich verstand dich so, dass das auch nach deinem Ausstieg passierte… Wodurch werden diese gewollten flashbacks dann ausgelöst? Von Innenpersonen oder sind es dennoch Reize von außen?

    • Grundsätzlich sind beide Varianten möglich. Die Triggerung kann durch trainierte Innenpersonen erfolgen. Bei Feiertagen reicht aber oft alleine das Datum als äußerer Reiz, um die entsprechenden Reaktionen im Innen anzustoßen.

      • Danke… hier in diesen Tagen auch echt was los im Innen… hätte nie nie nie gedacht, dass „Seele“ merkt, dass Feiertage anstehen… einfach das Datum als Auslöser, spannender Gedanke. Danke dafür

  2. Danke Sofie für diesen Beitrag! Er zeigt einerseits auf erschreckende Weise, wie ähnlich die Erfahrungen und tätergewollten Auswirkungen des Horrors teilweise noch heute für uns sind – das finden wir bedrückend und sehr traurig für uns alle. Aber es hilft uns gerade zu spüren, dass wir nicht allein sind damit und das ist enorm wichtig!

    Liebe Grüße von sanne

  3. Liebe Sofie,
    danke für den Text. Irgendwie bin ich nun traurig, aber ich kann gar nicht so genau sagen wieso. Vielleicht weil es mich nach all den Jahren immer noch erschreckt, wenn wir uns in vielen Dingen wiederfinden können. Das macht das Ganze für mich als Alltagsperson irgendwie nochmal realer, denn manchmal würde ich ehrlich gesagt lieber an meinem Verstand zweifeln, statt zu glauben, dass diese Dinge wirklich geschehen sind.
    So gesehen ist es wahrscheinlich ganz gut, dass ich nun traurig bin und das auch fühle, weil es eigentlich ein passendes Gefühl ist, wenn man bedenkt was wir alle überleben mussten.
    Liebe Grüße
    Bunte Sterne

  4. Hallo Sofie.
    Ich denke hierzu, dass es bei semi-guten Therapeuten und Psychiatern vielleicht noch durchgeht als Traumaflashbacks, wenn man von Gerüchen erzählt, die nicht wirklich da sind, wenn man von akustischen „Hallus“ erzählt, wird die Sache schon enger… vieles wird gleich in die Ecke „Psychose“ geschoben .
    Die meisten Psychiater, die ich in meiner Laufbahn so kennen gelernt habe, waren für Trauma wirklich gar nicht zu „gebrauchen“.
    Auch die letzte Gutachterin, ihres Zeichens Neurologin und Psychiaterin, schrieb ihr Gutachten im Sinne von „Da die Patientin sehr davon überzeugt ist, das Trauma wirklich erlebt zu haben und daran glaubt, sie habe verschiedene Persönlichkeiten, ist von einer Psychose auszugehen. Die Schilderungern der Patientin sind groteskt und unglaubwürdig“.
    So ist es nunmal. Man muss immer vorsichtig sein, wem man was erzählt.
    Nicht nur arbeiten da draußen Psychiater die nicht an die DIS glauben sondern eben auch tatsächlich glauben, dass es so etwas wie eine ptbs nicht gibt, weil Traumata nicht existent sind. „Deutschland ist so ein sicheres Land, da kann nichts schlimmes passieren!“.
    Erstmalig hatte ich mich bei einem Therapeuten getraut das Blut, das die Wände herunter läuft, zu erwähnen, der die DIS Diagnose überhaupt erst gestellt hatte.
    Ich hatte klar, oft Angst, dasss ich einfach verrückt werde ich hatte aber auch das untrügliche Gefühl, dass mit der Schilderung vieles richtig schief laufen könnte. Und da ich wenig Lust darauf hatte in irgendeine Klappse zu kommen, habeich geschwiegen.
    Das zeigt – finde ich aber auch, dass es in unserem Gesundheitswesen viel zu wenig Leute gibt, die sich mit Dissoziativen Geschichten auskennen. Geschweige denn einsortieren können, was diese „Stimmen im Kopf“ angeht oder gar Flashbacks.
    Zu wenig Wissen, zu wenig Zeit und zu wenig auf den Patienten einlassen und eingehen und zuhören. Der Rezeptblock sitzt locker an der Hüfte. Schnellschuss. Fertig.
    Was es am Ende für die Patienten bedeutet ist denen doch vollkommen egal.

    Ich daher immer nur dazu raten, erstmal anzutesten, was der betreffende Arzt denn so über dieses und jenes denkt…
    Umso schlechter, wenn man gerade in großer Not ist und eigentlich akut HIlfe benötigt.
    Aber die falsche Hilfe ist ja am Ende auch keine.

    Sfz.
    JA vielschichtiges Thema.
    Und all die Wahrnehmungen, die ihr Sofie hier beschreibt, kennen wir selbst zur Genüge.
    Ganz liebe Grüße und waren hoffentlich nicht ganz neben dem Thema.

    • Furchtbar, was sich manche Gutachter rausnehmen! Das tut uns sehr leid für euch.

      Du sprichst in deinem Kommentar viel an, was uns sehr bewegt. Im Moment schaffen wir es leider nicht, mehr dazu zu schreiben. Danke dir, von Herzen dass du uns an deinen Gedanken teilhaben lässt! 😊

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