Laut-stille Wahrheiten

© Copyright by „Sofies viele Welten“

Heute Morgen bleibt es lange grau. Die wolkenschleier sind ebenso undurchsichtig, wie unsere derzeitige Gefühlslage. Irgendwie ist alles gleichzeitig. Wir denken nach. Darüber, wie es uns drängt unsere Wahrheit im Alltag immer sichtbarer zu machen und unser Sein immer weniger zu verstecken. Wir sind es leid. Gleichzeitig in getrennten Welten zu leben, war nie unser Lebensentwurf. Er wurde uns aufgezwungen. Immer nur zu einem Teil sein zu dürfen kostet Kraft. Kraft, die wir immer weniger bereit sind zu investieren, um andere Menschen nicht vor den Kopf zu stoßen und sie auf ihrer rosaroten Wolke weiterschweben zu lassen. Gewalt gibt es nunmal und uns als Betroffene auch. Mittlerweile sprechen wir vieles deutlich aus, weil es uns nicht zu einem schlechteren Menschen macht. Wer damit nicht klar kommt, hat mit sich ein Problem und nicht mit uns. Niemand muss mit uns befreundet sein, niemand muss uns mögen und von denen, die an unserer Seite sind, wollen wir wissen, dass sie uns als den Menschen lieben, der wir sind. Lange Zeit hatten wir zu niemandem eine Gefühlsbindung. Es waren bestenfalls gute Bekannte. Immer schwebte das Damoklesschwert über uns, dass sie alle weg wären, wenn sie wüssten… Sätze wie „Ich mag dich“ für voll zu nehmen, ging einfach nicht. Sie kamen gar nicht bei uns im Herzen an. Heute sind tatsächlich viele der ehemaligen Freunde weg, aber die, die geblieben sind oder neu dazu kamen, mögen uns wirklich.

Die In unserem Bullet Journal gibt es eine neue Seite. Dort dürfen alle Innenpersonen ihre Gedanken mitteilen, egal worum es geht. Auch das mag ich vom Alltag nicht mehr trennen. Früher hatte ich ein „Schönschreibheft“ und eines für Schmierereien. Nun landet alles an einer Stelle. Unten auf die Seite haben wir etwas gemalt. Es ist das Beitragsbild zu diesem Post. Unsere Zeichnung ist einem Gemälde von Riette Delport nachempfunden, die sich mit Künstlernamen Rut nennt. Wir haben es lediglich etwas für unsere Bedürfnisse verändert und den Satz hinzugefügt. Delport malt all ihre Bilder ohne Gesicht, in der Hoffnung jeder möge sich darin selbst finden und den Personen/Engeln ein individuelles Antlitz geben. Wir haben das Kind darin wiederentdeckt, dass so lange Jahre auf dem Straßenstrich stand und waren sehr bewegt. Es konnte nicht sprechen und doch hat es so viel erzählt. Ob jemand gehört wird, liegt nicht daran, wie laut er etwas sagt. Es liegt daran, ob die Umgebung hören möchte.

Die Tatsache, dass oftmals von den Opfern verlangt wird sich klar auszudrücken und laut darüber zu sprechen, dass die Umgebung die Gewalt erkennen kann, macht mich jedes Mal erneut sehr wütend. Wir empfinden diese Forderung als eine Art des Victim Blamings. „Man kann ja nichts dafür, nicht eingegriffen zu haben. Sie hat ja nie etwas gesagt“ oder „So massive Gewalt hätte doch jemand bemerken müssen, wenn sie wirklich stattgefunden hätte“, heißt es dann. Ja, hätte. Und ja, das Opfer hat sich mitgeteilt. Mehrfach vermutlich sogar. So, wie alle Kinder das in ihrer Not versuchen. Es hat vielleicht nicht ausgesprochen, dass es vergewaltigt und missbraucht wird, weil es das gar nicht konnte. Aber da gab es die blauen Flecken, die Auffälligkeit im Schulunterricht, die Angst vor dem Vater, das stumm zurückgezogene Mädchen, die komische Art mit Kuscheltieren zu spielen, ihr „Ich will da nicht hin“, die übermäßige Anpassung, diffuse Körpersymptome und so vieles mehr. Warum wird da nicht eingegriffen? Das Opfer hat sich ausgedrückt. Wer wollte nicht sehen?

Wir brauchen eigentlich nicht noch hundert Opfer, die bereit sind öffentlich von ihrer Folter zu erzählen, um den öffentlichen Druck zu erhöhen und organisierte und rituelle Gewalt als gesellschaftlichen Fakt zu sehen. Es gibt genug Menschen, die über ihr Leid berichtet haben. Sie werden verhöhnt und mit Unglauben gestraft. Wir brauchen eine Gesellschaft, die sich endlich dazu entschließt sich gegen die Täter zu stellen.

Das Bild im Original:
https://pin.it/x223agvbtptxyf

19 Kommentare zu “Laut-stille Wahrheiten

  1. Hatten grad voll Gänsehaut beim lesen, und dachten ja genau so ist es, man muss wirklich laut schreien um gehört zu werden, und selbst dann wird selten was getan…das Bild sagt sehr viel aus ohne Worte… LG von uns

  2. Liebe Sofie, deine Worte haben tief in mir etwas berührt. Ich dachte noch: Es ist oft schon so schwierig, sich selbst zu hören, diese nicht hören und nicht sehen wollende Gesellschaft ist teilweise auch so tief in mir selbst verankert mir selbst gegenüber und auch wenn klar ist, dass das Tätersachen sind, ist schon das so schwierig abzulegen. Vielleicht bin ich ein bisschen am Thema vorbei, aber ich wollt dir meine Gedanken dalassen als Danke, dass deine Worte angekommen sind. Viele Grüße, greenconnected

    • Hallo greenconnected,
      wir finden gar nicht, dass das am Thema vorbei geht. Im Gegenteil. Du ergänzt es mit deinem Kommentar sehr sinnvoll. Es ist ja tatsächlich oft so, dass man im Inneren die gleichen Kämpfe austragen muss, wie die, die in der Gesellschaft um einen herum wüten, einfach weil man nunmal so dort hinein gewachsen ist.

      Liebe Grüße,
      Sofie 😊

  3. Sofort ploppten in uns ein paar Situationen auf, in denen wir „zu leise“ um Hilfe schrien. Nicht gehört oder gesehen wurden.
    Tief berührt von deinen Worten. Danke!

      • Nun ja…. Ich glaube das Problem war auch, dass „ich“ selbst gar nicht wusste, was falsch lief. Ich spürte nur das „Schlimme“ in mir. Aber ich hätte nicht sagen können, als Kind, dass man mir etwas antut, was nicht gut ist.

        Die Kinder–und Jugendtherapeutin, die meine Hilferufe auch nie verstand, der ich aber mal erzählte, was ich in meiner Verzweiflung einer gemochten Lehrerin an den Rand des Tests schrieb, und dass sie das nur kommentarlos wegradiert hatte, sagte mir: „solche kleinen Morsezeichen bringen nie was. Man muss schon klar sagen, was man braucht.“

        Ich weiß noch, dass mich das so hat verzweifeln lassen, weil weder sie noch die Lehrerin, noch sonst wer verstehen konnten, dass „ich“ gar nichts „wusste“ , aber immer tiefer in den Abgrund rutschte.
        Die Therapeutin versuchte mein Verhalten zu „korrigieren“, die Lehrerin machte mein Heft wieder sauber. Also: ich war falsch und meine Verzweiflung nicht echt.

      • Was für eine furchtbare Schlussfolgerung, die das Kind aus dem Verhalten der Erwachsenen ziehen musste! Dabei hätten sie eigentlich sehen müssen. Nicht ihr ward falsch, sondern die Erwachsenen.

  4. So ist es. Hundert Likes dafür.
    Auch wir machen es nach vielen langen Jahren des Schweigens so. Wir reden.
    Wir verstellen uns nicht in Gegenwart unserer Freunde. Wer voreinener verheimlichen muss (die Gewalt, die DIS….) ist nicht befreundet sondern bestenfalls „Bekannt“.
    Wir sagen, was uns triggert. Treffs mit Freunden…Nein, hier gibt es kein Bier, nein wir zählen nicht den Silvestercountdown…nur um aktuelles zu benennen.

    Ich finde lediglich, dass man es falsch verstehen kann wenn man liest „Wir brauchennicht noch hundert weitere Opfer, die erzählen“.
    Doch jeder wird gebraucht. Finde ich.
    Jeder hat auch hier seine Stimme verdient.
    Vielleicht nur unglücklich ausgedrückt oder ich stehe mal wieder auf dem Schlauch. Kommt öfter vor. Verzeiht es mir.
    Wir brauchen vor allem nicht noch Hunderte, tausende *neue* Opfer von sexeuller und ritueller Gewalt.

    Aber ja, wir brauchen Menschen, die bereit sind hinzusehen.
    Wir brauchen nicht nur eine Gesellschaft, die hinsieht und glaubt sondern auch Menschen, in den höheren Positionen, die bereit sind, was dagegen zu unternehmen.
    Auch hinzusehen, den Opfern nicht neue unsägliche Qualen angedeihen zu lassen von Gutachtern, retraumatisierenden Befragungen und so weiter und so fort.
    In anderen Ländern sind die Menschen da schon weiter, so weit ich weiß.
    Aber gerade in Deutschland ist die Wegschau- und Leugnungsmentalität immer noch viel zu groß.

    • Hallo Lunis,
      schön, dass ihr das für euch auch so handhaben könnt. 😊

      Danke dir für den Hinweis! Vielleicht ist das dann wirklich unglücklich ausgedrückt. Natürlich dürfen und sollen die Betroffenen über ihre Geschichte sprechen. Wir sind auch sehr dafür, dass Öffentlichkeit entsteht und man die Themen in der Gesellschaft offen angeht. In diesem Zusammenhang bezog ich mich lediglich auf die Tatsache, dass eigentlich bereits genug Informationen dazu bekannt sind, um sich als Gesellschaft mal mit den Fakten zu befassen und nicht immer noch so zu tun, als wäre Deutschland eine Insel der Seeligen auf der rituelle und organisierte Gewalt nicht vorkommt.

      Liebe Grüße,
      Sofie

      • Damit hast du absolut Recht. Fakten liegen genug auf dem Tisch.
        Aber was tun die lieben Leute? Auch die Gutachter? Ach Deutschland ist soooo ein sicheres Land.
        Meine Güte wenn ich so einen Schwachsinn höre möchte ich jedesmal mein Essen evakuieren 🙂

      • 😅 Jetzt hast du uns einen herzhaften Lacher trotz aller Ernsthaftigkeit des Themas beschert. „Essen evakuieren“ hab ich noch nie gehört…

        Gut, dass wir das klären konnten. Manchmal merkt man diese Doppeldeutigkeiten selbst beim Schreiben gar nicht. Man weiß ja, was man meint… 😊

        Oh, Gutachter…. gaaaaaaanz mieses Thema! So manchem wünschen wir die Pest an den Hals… Einen Tag in unserer Schuhen und so mancher Großkotz würde mit Sicherheit ganz still und ehrfürchtig werden.

      • Hahaha freut mich. Den Lacher schenke ich euch gerne.

        Ja, so ist das. Im eigenen Kopf macht das alles Sinn. Erst bei Nachfragen oder im Gespräch kommt das zutage, was missverständlich ist.
        Das geht mir sehr oft so.
        Und: Ich freu mich. Danke fürs folgen.

      • Irgendwie hab ich gedacht, ich folge dir schon und mich dann gewundert, dass ich nie was im Reader hab… irgendwie ist da wohl was schief gelaufen.

        Folgen euch sehr gerne! 😊

  5. Hallo Sofie, ich LIEBE Deine Zeichnung. ❤ (Oder jene aus ∑ich für die ich manchmal zeichne, die findet das ganz toll. Dass der Hase geringelte Strümpfe hat wie sein Mensch – super.)
    ∑Ich habe wirklich niemals, nicht ein einziges Mal versucht, etwas zu sagen.
    lg s

    • Hallo Sonrisas,
      vielen Dank! Es freut uns sehr, dass euch das Bild so anspricht! 😊

      Gab es bei euch gar keine Anzeichen, dass etwas falsch läuft? Wir haben auch nie direkt etwas geäußert, weil wir das gar nicht gekonnt hätten. Trotzdem gab es Dinge, die im Umfeld hätten auffallen können. Wir hatten beispielsweise Angst mit bestimmten Personen alleine zu sein, wollten nie in unser Bett oder haben auf eine Art und Weise gespielt, von der ich heute sagen würde, dass sie auffällig ist. Das habe ich mit zu „sich äußern“ gezählt, weil darüber ja auch die Not sichtbar wird.

      Viele liebe Grüße,
      Sofie 😊

      • Nein, ich war in der Schule nie auffällig. Auffällig war vielleicht, dass ich nie auffällig sein wollte: Ich habe Schularbeiten geschrieben und anschließend Fehler eingebaut, damit meine Noten nicht „zu gut“ sind. Jede Abweichung von der Norm – ging einfach nicht.
        Darf ich dazu noch per Mail was sagen?
        LG s.

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