Plötzlich Missbraucht

In Anknüpfung an die Suchanfragen in unserer Blog-Statistik möchten wir uns heute nochmals zu plötzlich auftretenden Missbrauchserinnerungen äußern. Um das Thema plastischer zu gestalten, stellen wir uns das Gedächtnis unseres Gehirns als riesiges Archiv an Erfahrungen vor.

In der Bibliothek der normalen Alltagserinnerungen lassen sich Ereignisse recht leicht wiederfinden. Sie sind chronologisch geordnet in Sammelbänden angelegt und benutzen Assoziationen als Hashtags. Herr Hippocampus führt uns als Bibliothekar zielsicher zu den benötigten Informationen. Nun gibt es aber noch Frau Amygdala. Mit ordnen und sortieren hat sie es nicht so. Sie ist für den Einsatz mit extremem Stress ausgebildet und für die Verwaltung von traumatischen Akten zuständig. Im Laufe ihrer Entwicklung hat sie beschlossen nicht darauf zu achten, wo sie die Wahrnemungen ablegt, sondern andere Prioritäten zu setzen. Entsprechende Aufkleber spart sie sich. Sie möchte einfach überleben und macht den Job als Bibleothekarin nur nachrangig. Gut befreundet ist sie mit den Kollegen Dissoziation. Zusammen haben sie ihre eigenen Ablageregeln für traumatische Erinnerungen verfasst. Dem Menschen, dem sie zugeordnet sind, soll das nützen erstens im Ernstfall schneller Handeln zu können und zweitens vom Unaushaltbaren gar nicht so viel mitzubekommen. Sie werfen also die Akten einfach wahllos in die Buchregale. Dabei sind sie darauf bedacht von Herrn Hippocampus möglichst nicht erwischt zu werden, dass er an einer bewussten Einordnung nicht mitwirken kann. So kommt es also, dass lose Blätter, Ordner und kleine Mappen von realen traumatischen Ereignissen irgendwo im Gehirn lagern, ohne auch nur ein einziges Mal bewusst geworden zu sein. Wenn der Zufall es will, stehen die einem bestimmten Ereignis zugeordneten Erinnerungen nebeneinander. Es kann aber auch passieren, dass man sich eine einzige Akte aus vielen losen Blättern mühsam zusammensuchen muss. Die Schwierigkeit daran ist, dass Herr Hippocampus dabei durch bewusstes Wollen und auf Nachfrage nicht behilflich sein kann. Er weiß es nämlich selbst nicht. Die einzige Chance an die unverknüpften Erinnerungen zu kommen, ist ein äußerer oder innerer Reiz, der einem Traumafragment ähnelt und für so wichtig empfunden wird, dass Frau Amygdala ein paar dieser Blätter als Info für den betroffenen Menschen in den Ring wirft. Das tut sie aber nur, wenn die Kollegen Dissoziation den Weg frei machen.

Was sagt uns das nun im Bezug auf plötzlich auftretenden Missbrauchserinnerungen? Im Grunde nichts anderes als: „Herzlichen Glückwunsch! Sie haben den Jackpott gezogen und mit einem aktuellen Auslöser passgenau an ein Traumafragment angeknüpft. Ihr Gehirn hat in Zusammenarbeit mit Frau Amygdala entschieden Ihnen als Vorsichtsmaßnahme einige Informationen zuzuspielen, um derartiges in Zukunft zu verhindern. Die Kollegen Dissoziation als Seelenschutzbeauftragte waren einverstanden.“ Ob das ganze nun sofort nach dem Ereignis, Wochen später oder sogar Jahre und Jahrzehnte nach einem Ereignis zum ersten Mal passiert, ist keiner bewussten Steuerung zugänglich. Wir vergessen ein Trauma so lange, bis unsere Seele und unser Körper einen Sinn darin sehen, es ins Bewusstsein zu holen. Was ich aus eigener Erfahrung hier hinzufügen kann ist, dass ich bis heute nicht weiß, weshalb ich manches nie vergessen habe und anderes lange verschüttet war. Fakt ist beides ist definitiv passiert. Einiges lies sich durch Zeugen von außen so bestätigen.

Kurz und knapp zusammengefasst bedeutet das für plötzlich auftretende Erinnerungen an Missbrauchserfahrungen, dass man sie auf Grundlage der Traumaphysiologie durchaus für bare Münze nehmen kann. Die Einordnung ist allerdings manchmal dadurch erschwert, dass anfangs oft viele Informationen fehlen, die eine zielsichere Zuordung in einen raum-zeitlichen Zusammenhang erschweren. Meiner Ansicht nach, können sie nicht durch eine Therapie eingepflanzt sein. Ja, unser Gehirn ist grundsätzlich anfällig für Suggestionen, aber wir wissen aus der Hirnforschung auch, dass für traumatisches Material andere Gesetze gelten und diese Erinnerungen im Gegensatz zu den Hippocampus-Inhalten auch über Jahre erstaunlich stabil und unbeeinflusst bleiben. Das leuchtet auch ein, wenn man im Bild der Bibliothek bleibt. Es ist nur möglich die Akten umzuschreiben, zu ergänzen oder zu verändern, zu denen bereits Zugang besteht, weil sie gesichtet wurden. Man kann also nicht, wie in der False-Memory-Bewegung häufig getan, in der Argumentation Äpfel mit Birnen vergleichen. Konkret heißt das, dass Forschungen zum Alltagsgedächtnis nicht auf das Traumagedächtnis übertragen werden können. Forschungen zum Traumagedächtnis in selber Art und Weise durchzuführen, wie etwa Loftus ihre Arbeiten beschreibt, wäre schlicht unethisch, weil man dafür eine Versuchsperson bewusst traumatisierten müsste, um danach ihre Erinnerungsfähigkeit zu verfolgen. Ein Mandelkern ist halt kein Seepferdchen.

29 Kommentare zu “Plötzlich Missbraucht

  1. Wow, danke für den tollen Artikel.so anschaulich habe ich das, glaube ich, noch nie gelesen.
    Herr Hippocampus und Frau Amygdala…. herrlich! Die werden einem ja richtig sympathisch beim Lesen! ☺️

  2. Wow eifnach sehr gut erklärt. Sogar mit Humor, der bei einer solchen Thematik ja meist abhanden kommt. Wen wundert das. Doch genau so habe ich auch in der Fachliteratur gelesen. Nur nicht so schön erklärt. Madame amygdala ist schon eine Chaotion. Doch ohne sie? Hätte man wohl nicht überlebt. Ich danke euch liebe Sofies

    • Danke dir! Freut mich, dass die Fachliteratur das auch so sieht. Dann habe ich das wenigstens richtig zusammengefasst und verstanden. 😊

      Ja, was wäre das Leben wohl ohne die liebenswerten Chaoten, die es noch um einiges bunter machen. 😃

  3. Sehr gut erklärt, viel einfacher als die Fachleute es tun. Aber doch musste ich an das Buch von Gabi Breitenbach denken, weil sie genau diese Thematik der False-Memory und den dissotzierten Erinnerungen aufgegriffen hat. Das hilft so den Zweiflern Kontra zu geben. Schön war auch die Begründung, wieso man sich solche Erinnerungen nicht anlesen kann oder es nicht möglich ist so etwas zu schauspielern. Wissenschaftlich belegt mit Hirn-Aktivität Sichtverfahern…

    Danke euch ❤️

  4. Ihr Gehirn hat in Zusammenarbeit mit Frau Amygdala entschieden Ihnen als Vorsichtsmaßnahme einige Informationen zuzuspielen, um derartiges in Zukunft zu verhindern.
    Hm, also bei uns wird dadurch leider nix verhindert, im Gegenteil, es ist eher wie eine Kettenreaktion, die sich einmal in Gang gekommen immer weiter fortsetzt.
    Oder hab ich hier was missverstanden?

    • Nein, das habt ihr nicht falsch verstanden. Der Hintergedanke der Psyche ist tatsächlich eigentlich der Wunsch dir traumatischen Ereignisse in Zukunft zu verhindern und sie im Nachhinein zu verarbeiten. Allerdings funktioniert das tatsächlich oft nicht, weil durch die Übererregung beim Erinnern wieder die Amygdala mitmischt, so dass Herr Hippocampus wieder nichts integrieren kann. Dann passiert genau das, was ihr beschreibt. Das Trauma wiederholt sich, statt verarbeitet zu werden. Deshalb ist es so wichtig in der Traumatherapie vor der Exposition zu lernen, wie man das Anspannungslevel unten halten kann.

      • Im Grunde ist das genau das, was man in der Traumatherapie lernt, bevor man direkt mit dem Trauma arbeitet. Dazu gehören etwa imaginative Techniken wie der innere, sichere Ort und die die „Tresorübung“, Skills, Entspannungsverfahren, Screen- und Bildschirmtechniken, etc….

      • Ja, ich weiß, soweit die Theorie… Doof nur, wenn Dinge, die theoretisch funktionieren sollen, in der Realität nicht funktionieren.
        Sicherer Ort, Tresor und wie sie alle heißen, sind tolle Übungen, solange die Persönlichkeitsanteile, die im Alltag die meiste Zeit aktiv sind und das gelernt haben, anwesend sind.
        Leider sprechen Trigger nur selten diese Anteile an….

      • Wo genau liegt denn das Problem? Für uns waren diese Übungen auch nicht in Reinform hilfreich, aber wir haben sie mit der Zeit passend gemacht. Beim sicheren Ort war es für uns z.B. wichtig, dass in der Therapie nicht nur die Alltagsanteile mitwirken, sondern auch die kleinen schauen, wie das für sie gut laufen könnte oder sich mit Beschüzern abzusprechen, wie man organisieren kann, dass die kleinen dort hin gebracht werden. Und letztlich dauert das seine Zeit und brauch auch viel Übung, weil die anderen Reaktionsmuster im Stessfall einfach viel besser eingefahren sind.

      • Wenn den traumatisierten Anteilen klar gemacht werden könnte dass heute eine andere Zeit ist, in der es sehr wohl Sicherheit gibt, in der es erwachsene im Körper gibt, die sich im Zweifelsfall wehren können, wäre der ganze imaginäre Zauber mit sicherem Ort etc. pp. überflüssig.
        Das ist mein Ziel und ich kann nicht begreifen warum das nicht gelingt.

  5. Vielen lieben dank für euren Eintrag. Sehr guter verständlicher Beitrag woraus ich einiges für mich-uns ziehen konnte. Liebe Grüße

  6. Ganz herzlichen Dank, Sofie. Das hast du SO gut beschrieben, wie ich es bisher noch nirgends gefunden habe. Es hat Spaß gemacht, deinen Text zu lesen. Mir gefällt deine Seite sehr! :o)

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