Innerer Klassenkampf

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Manchmal, wenn wir still auf unserem Bett sitzen, die Beine eng an die Brust gezogen, die Haare streichelnd auf den Schultern spürend, wenn ein weites Nachhemd unseren Körper umspielt und unsere Zehen sich vor der Kälte in seinem Saum verstecken, dann kommen wir für einen stillen Moment mitten in der Nacht ganz bei uns an und die Stille wird schreiend laut. Sie schreit von den entsetzlichen Ungerechtigkeiten und der Stigmatisierung. Sie wehrt sich mit jedem Gedanken im endlosen Dialog gegen die Angriffe, für die sie bislang einfach keine Aussprache finden konnte und lässt keine Synapse ruhen in der verzweifelten Hoffnung eine innere Lösung für die äußere Ausgrenzung zu finden. Ja, da gibt es Freunde und Bekannte in unserem Leben und ja, da dürfen wir sein. Und trotzdem spüren wir eine Wut, weil jeder Behinderte mehr Lobby hat, als eine missbrauchte und gefolterte Frau. Weil ganze Gesellschaftsgruppen aufschreien, für die Sichtbarkeit von Handicaps und sich dafür einsetzen, dass Andersartigkeit akzeptiert und integriert wird als gleichberechtigt und gleichwertig und das ist völlig richtig so! Manchmal frage ich mich nur, wo die Menschen im Alltag sind, die für traumatisierte Frauen und Männer in gleicher Weise einstehen. Die von den Stühlen springen und anderen erklären, dass man nicht einfach sagen darf Gewalt gibt es nicht. Dass man nicht daran zweifelt, wenn eine Frau den Mund aufmacht und zum ersten Mal über ihre Qualen spricht, weil das verletzend ist. Dass man verdammt noch mal den Arsch in der Hose haben muss erst einmal zuzuhören, bevor man Diagnosen für sich ablehnt, weil sie das Weltbild verändern würden. Und ich könnte mich in der Arsch beißen, dass ich es auch selbst nicht immer schaffe, für mich und meine Geschichte einzustehen, obwohl ich es mir so sehr wünsche. Die Erfahrung von sexueller Gewalt ist eine Behinderung. 

Und wenn ich tausend innere Kämpfe geführt habe und langsam darüber zur Ruhe komme, dann wird es irgendwann still in der Stille und andere Stimmen werden hörbar. Stimmen, die im Gesellschaftskampf vorher untergingen. Es sind die, der gefolterten Kinder. Schnell wird dann klar, dass ich in meinem Innen die gleichen Kämpfe führe, wie die Gesellschaft um mich herum. Ich will auch oft nicht sehen, was war und ist und lieber mein verdammt funktionales Leben weiter leben, statt die Gewalt zu akzeptieren und den Schmerz. Ich will auch am liebsten nie davon betroffen gewesen sein, nur darauf achten, dass ich einigermaßen normal wirke und das Leid untergehen lassen. Ich will in eine Klinik, um nach sechs Wochen Jahrzehnte der Gewalt auszuradieren, um ab sofort so weitermachen zu können, als wäre alles rosarot. Ich will so tun, als wäre alles gut und scheitere nur manchmal. Nämlich dann, wenn mich eine Stimme an unsere Geschichte erinnert. Am liebsten würde ich sie dann wegwischen und lächelnd weiter tanzen. Aber ich kann nicht. Denn im Gegensatz zu manch anderen Menschen liegt sie in mir und nicht im Außen.

Also raufen wir uns zusammen und stoßen gemeinsam mit einem Glas Milch oder Kakao auf unser Leben an und dass wir am leben sind. Ein Geburtstag im Jahr ist dafür ohnehin viel zu wenig. Wir wollen innen nicht haben, was uns im Außen zerstört. Also erzählen wir uns unsere Geschichte, hören einander zu, weinen uns gemeinsam durch die Nächte, nehmen uns in den Arm und versuchen den Blick wieder auf das zu richten, was wir schon geschafft haben. „Was andere über dich Aussagen, sagt mehr über sie, als über dich.“ Manchmal ist es ganz schön schwer diese Ansicht zu behalten, wenn etwas tief trifft…

16 Kommentare zu “Innerer Klassenkampf

  1. Sehr berührend. Ich finde auch,dass wir in unserer Gesellschaft viel zu viel ausblenden. Gerade die Dinge die man nicht sieht, sind schwer greifbar für Andere. Daher ist es umso wichtiger das man für sich selbst einsteht und laut wird.Von Herzen alles Liebe 🙂

  2. Ich danke euch so, so sehr für diesen Blog.
    Wir sind noch ganz neu in dem Thema, eine neue Diagnose… Euer Blog macht uns wirklich Mut. Ich glaube jeder von uns fühlt sich hier gut aufgehoben und verstanden. Selbst die lautesten Zweifler halten hier zumindest mal vorübergehend die Klappe.

    Mir macht das alles noch entsetzliche Angst. Vor allem das Bewusstwerden von so vielen Dingen.. Ich dachte immer, all die anderen Menschen würden auch ständig irgendwelche Stimmen hören. All meine Erinnerungslücken schob ich immer auf Unkonzentriertheit oder irgendwelche Träumereien… Dass ich nicht immer alle Leute kenne, die mich grüßen… Lag dann an zu hohem Alkoholkonsum oder meinem schlechten Gesichtergedächtnis… Usw., usw., usw.

    Ich danke euch von ganzem Herzen fürs Teilhaben lassen.

    • Hallo,
      vielen lieben Dank für deine/euere Rückmeldung und das Lob! 😊 Es freut uns immer sehr zu hören, dass das was wir schreiben auch anderen hilft die DIS und sich selbst zu verstehen.

      Ich glaube, es ist ganz normal, dass man Angst hat. Gerade, wenn die Diagnose noch neu ist, gibt es ganz viel, womit man erst mal umgehen muss. Der Hintergrund ist ja leider auch kein Spaß… Mir ging es da ganz genau so. Wir haben gezweifelt, geleugnet und gekämpft und uns Stück für Stück uns und dem Schmerz angenähert. Mittlerweile haben die Spannungen im Bezug auf Zweifel innen deutlich abgenommen und vieles ist klar geworden. Trotzdem haben wir immer noch Angst. Aber es wird besser.

      Man stellt die eigene Wahrnehmung ja irgendwie auch nicht in Frage. Woher soll man wissen, dass andere im innen keine Stimmen hören oder sich durchgängig erinnern? Für einen Selbst ist das ja ganz „normal“, im Sinne von beständiger Alltag. Man kennt es ja gar nicht anders. Und man bekommt von der Außenwelt dazu ja nur Interpretationen, die „Unos“ aus ihrem normalen erleben ableiten, weil sie auch davon ausgehen, dass ihre Wahrnehmung die alleinig möglich ist. Wenn man sich nicht erinnern, war man dann eben unkonzentriert oder hat ein schlechtes Gedächtnis. Das macht es doppelt schwer.

      Ganz liebe Grüße,
      Sofie

  3. Liebe Sofie,

    ich lese mich auch heute quer durch euren Blog. Und es ist kaum zu glauben, wie oft ich mich in euren Worte selbst erkenne. Oft sitzen wir hier und weinen. So viele fühlen sich angesprochen. Verstanden. Gut aufgehoben.

    Dank euren Worten habe ich tatsächlich das Gefühl, „normal“ zu sein. Und auch ein winzig kleines bisschen weniger Angst vor dieser Diagnose mit all seinen Konsequenzen. Dabei waren Diagnose für mich immer nur Schall und Rauch. Es gibt nichts, was wir noch nicht hatten. Und dennoch wurde es einfach nie gut. Und dennoch ist diese Diagnose dann halt doch auch eines dieser Zeichen, dieser „Beweise“, die es so schwer machen, die Augen zu verschließen. Vor Dingen, die unmöglich wirklich passiert sein können. Die wir uns doch nur einbilden. Vielleicht als Kind mal irgendwo im TV gesehen haben. Aufgeschnappt haben. Aber mit mir… Mit mir hat das doch nichts zu tun. War sicher nicht alles toll… Aber all das kann doch unmöglich passiert sein. Oder etwa doch?

    Ich stehe derzeit auf der Warteliste einer Klinik, die sich auf Dissoziationen und Co. spezialisiert hat. Ich hoffe, es bringt was. Wobei wir auch damit sehr kämpfen. Wir leben alleine, nur für uns. Meiden die Menschen. Da soll ich in ein Doppelzimmer, 24 Stunden am Tag mit irgendwelchen Menschen zusammen sein. Das schaffen wir nicht. Und überhaupt… Was soll ich schon erzählen? Wenn ich doch selbst kaum was weiß. Und wenn ich mir nicht sicher bin, ob das, was ich weiß, wirklich wahr ist?

    Ach liebste Sofie, ich kann gar nicht beschreiben, wie dankbar ich euch bin. Danke für alles.

    Ich wünsche euch von Herzen nur das Beste.

    • Hallo,
      was ihr schreibt, finden wir sehr berührend.

      Im Grunde ändert die Diagnose nichts und doch so viel…Man war ja auch vorher schon viele und was passiert ist, ist passiert. Allerdings haben wir es auch so empfunden, dass damit ein Ausmaß deutlich wird, das wir erst mal aus Überforderung ablehnen mussten. Uns hat es damals geholfen, uns zu erlauben vielleicht die erste Person mit DIS zu sein, der niemals etwas passiert ist. 😉 Das nimmt etwas die Brisanz aus der Sache und wir konnten unvoreingenommen hinschauen, was bei uns war.

      Gibt es denn in der Klinik keine Möglichkeit für ein Einzelzimmer? In manchen Kliniken kann man die Notwendigkeit mit dem Therapeuten absprechen und muss dann auch nicht draufzahlen. Doppelzimmer würde uns auch kirre machen. Vielleicht kannst du einfach das erzählen, was du hier schreibst – Dass du kaum etwas weißt und nicht sicher bist, was wirklich war. Wenn die Klinik Erfahrung hat, sollte sie eigentlich damit umgehen können.

      Liebe Grüße und viel Kraft!

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