Dankbar sein heißt Wahrnehmen

Thanks for existing in my little Galaxy!

Wer kennt sie nicht – die gut gemeinten Ratschläge von Freunden und Bekannten, wenn man mal wieder am Boden liegt. Manchmal geht es einem so dreckig, dass man nur noch sterben will. „Es gibt doch so viel Schönes“, sagen sie oder „Sei doch dankbar für das was du hast, statt nur an das Schlechte zu denken.“ Das wirklich Schlimme daran ist, dass sie es ernst und vor allem nur gut meinen. „Hmm, danke für den Tipp. wär ich selber nie drauf gekommen“, sagen wir mit einiger Ironie in der Stimme, weil gut gemeinter Rat manchmal eben teuer ist und wir ihn gerade mit einem emotionalen Schlag in die Magengrube bezahlen mussten. Aber weshalb funktioniert das eigentlich nicht? Wieso kann man sich nicht wirklich in der Gegenwart einfach am Schönen festhalten, wenn einem das Schreckliche aus der Vergangenheit den Boden unter den Füßen wegzieht? Liebe Leser_innen kommt ein paar Zeilen mit in unsere Welt. In eine vielleicht völlig fremde Galaxie…

Zunächst eines vorweg: Wir sind dankbar für jeden, der sich um uns bemüht und wir wissen auch zu schätzen, wenn ihr versucht uns das Licht in der Welt zu zeigen. Das Problem ist, dass wir in manchen Momenten im Finstern sitzen und nichts sehen. Es ist, als würdet ihr einen Blinden auffordern Farben zu erblicken. Während man den Hinweis im Beispiel der Sehbehinderung wahrscheinlich selbst als geschmacklos empfinden würde, ist einigen Außenstehenden leider noch immer nicht klar, dass es ebenso absurd ist einen schwer depressiven oder dissoziativen Menschen nach den positiven Seiten des Lebens zu fragen. Man kann sie nämlich nicht wahrnehmen. Wofür soll ich dankbar sein, wenn da nichts ist!? Wenn ich dir eine Freude machen möchte, philosophiere ich eine Zeit lang mit dir über die Dinge, die theoretisch zu lebenswertem Leben führen. Dann bist du beruhigt. Fühlen kann ich sie nicht. Im besten Falle hat mir das Gespräch einfach nichts genutzt, im schlechteren, fühle ich mich jetzt noch schlechter als vorher, weil ich die Welt so nicht wahrnehmen kann, obwohl mein Verstand weiß, dass es theoretisch so wäre, wie du sagst, wenn ich es spüren könnte. Das ist der Punkt an dem es kompliziert wird, weil Hilfe dann ins Gegenteil kippt. Sie wird zum Beweis für die eigene Unfähigkeit und beschleunigt den Abwärtsstrudel. „Was soll ich denn dann tun?“, überlegst du dir.

Komm erst mal mit in meine Galaxie, du Mensch von einem andern Stern. Für mich bist du außerirdisches Leben, denn der Planet, auf dem ich wohne ist ganz anders, als deiner. Er ist düster. Vielleicht gibts ab und zu helle Punkte, bis ich feststelle, dass es das Buschfeuer war, dass mir freundlich zuggelodert hat und kurz darauf auch noch den letzten Rest niederbrennt. Es ist rauchig, neblig und die Sicht ist nicht so toll. In jeder Ecke lauern Gefahren. Ich weiß oft nicht, ob es das Monster unterm Bett noch gibt und bin lieber schonmal auf Vorrat vorsichtig. Irgendwo in der Erde haben vielleicht noch ein paar Blumenzwiebelchen überlebt, aber hey, es ist halt noch nicht Frühling und Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Es dauert seine Zeit, bis meine Welt nach der Katastrophe wieder bunt wird. Statt mir aus dem Weltall Anweisungen zu geben, wo du Leben und bunte Flecken vermutest, sag mir doch lieber, dass du siehst, dass es hier scheiße aussieht und mal wieder aufgeräumt werden sollte und dass du weißt, dass das verdammt anstrengend ist. Es hilft mir, wenn mir jemand meine Wahrnehmung bestätigt. Denn hier gibt es viel verwirrendes. Wenn du zu den lösungsorientierten Aliens gehörst, die das nicht einfach so stehen lassen wollen, weil dir das zu wenig erscheint oder zu denen, die bei Planetenbränden in der näheren Umgebung Angst bekommen, hilf mir löschen. Das kommt dir und mir zugute. Dann wird es für dich auch einfacher zu verstehen, dass manche deiner Tipps hier gar nicht funktioniert hätten. Wenn du runter bist von deinem Aussichtspunkt und mit mir auf meiner Erde stehst, darfst du gerne immer wieder kleine Geschenke mitbringen, die mir von deinem Leben erzählen. Umarmungen, Respekt, ein offenes Ohr oder kleine Aktivitäten, die wir zusammen unternehmen. Es muss gar nicht viel sein. Jede Träne, die du zulässt, gießt das verbrannte Land, egal, ob ich sie oder du sie für mich weinst. Vielleicht magst du mich auch einfach mal ganz unverbindlich zu dir einladen. Dann kann ich sehen, wie du das Leben so meisterst und mir etwas abschauen. Es ist etwas völlig anderes, ob du mich mitten in meiner Wüste aufforderst die positiven Seiten zu sehen oder ob ich sie freiwillig bei dir entdecken darf und mir Stück für Stück in meinem Tempo etwas davon mitnehme. Du hast Respekt vor meiner Situation, erlaubst mir die Tränen und zeigst mir das Lachen. Lachen ist nur da, wo Scheiße scheiße sein darf. Vielleicht verschmelzen dann mit der Zeit unsere Galaxien oder ich richte es mir so schön ein, dass es mir wieder gut geht. Dann bin ich dankbar, für all das wundervolle neue Leben, weil ich es jetzt sehen kann, weil du es mir gezeigt hast. 

Dankbarkeit ist ein toller Ansatz, wenn man etwas wahrnehmen kann. Wahrnehmen heißt heilen. Zum einen muss man heilen um wieder Wahrnehmen zu können, zum Anderen wahrnehmen, um heilen zu können. Gib mir den Raum es in kleinen Portionen zu tun. Welche Schönheit und welchen Wert hätten die Blumenwiesen, wenn es das verbrannte Land vorher nicht gegeben hätte?

14 Kommentare zu “Dankbar sein heißt Wahrnehmen

  1. Darf ich den Artikel (mal wieder) in meine Sammelstelle „einsammeln“… so viel OOOOh jaaaaa im Text. Danke dafür. oooh ja: „Wenn ich dir eine Freude machen möchte, philosophiere ich eine Zeit lang mit dir über die Dinge, die theoretisch zu lebenswertem Leben führen. Dann bist du beruhigt. Fühlen kann ich sie nicht. Im besten Falle hat mir das Gespräch einfach nichts genutzt, im schlechteren, fühle ich mich jetzt noch schlechter als vorher, weil ich die Welt so nicht wahrnehmen kann, obwohl mein Verstand weiß, dass es theoretisch so wäre, wie du sagst, wenn ich es spüren könnte.“ und noch ein OOOh jaaaa hier: „Dann kann ich sehen, wie du das Leben so meisterst und mir etwas abschauen. Es ist etwas völlig anderes, ob du mich mitten in meiner Wüste aufforderst die positiven Seiten zu sehen oder ob ich sie freiwillig bei dir entdecken darf und mir Stück für Stück in meinem Tempo etwas davon mitnehme.“ auch hier jaaa: „Lachen ist nur da, wo Scheiße scheiße sein darf“

  2. Oh ja, wie oft schon haben wir auch so gefühlt und erst vor ca. 1 Woche habe ich in einem meiner Beiträge geschrieben, was Freunde so zu mir sagten (…manches muss man einfach hinnehmen, es ist vorbei und man muss sich damit abfinden…etc) Ja, das tat weh und hat mich noch mehr in die Verzweiflung eintauchen lassen.
    Und es ist wirklich schlimm, weil sie es ja gut meinen und der Abstand zwischen uns wird noch größer – und man fühlt sich noch mehr wie einer, der nicht dazu gehört, denn sie reden und haben keine Ahnung und auch jeder Versuch es ihnen zu erklären, ist von vorneherein zum Scheitern verurteilt.
    So geht es uns zur Zeit, wir sitzen im kalten Keller, er ist stockdunkel und wir sehen kein Licht, aber die Kellerkinder sind ganz nah spürbar.

  3. Oh weia, ja, wir ham da auch Schwierigkeiten mit, aber die Freundin von dem A die kann das.

    Und die is im Kult groß geworden.
    Die hat gesagt dass die lange, lange dafür geübt hat,aber jetz kann die sich schöne Momente in eine Schatzkiste tun und die anschauen wenns grad doof is.
    Wir ham keine Ahnung, wie die das macht…
    Bei uns werden schöne Sachen immer von den doofen Gefühlen schmutzig gemacht und dann sind die auch nich mehr schön und deswegen geht das nich bei uns.
    Schade 😑

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