Alltagsausschnitte

Wir sitzen auf dem Bett. Unsere nassen Haare tropfen von den Schultern auf das Betttuch. Ein leises Kitzeln zwingt uns dazu die Nase zu reiben. „Hatschiiiiiii!“ Na, nu? Katzenhaare oder Schnupfen im Anflug? Wir entscheiden uns für ersteres. Gut, dass jetzt endlich Feierabend ist. Der Tag hielt mehrere Prüfungen und Anstrengungen für uns bereit. Wir sind froh, dass sie nun erst mal gemeistert sind. Während wir taub-neblig abschalten, lassen wir die letzten Stunden noch einmal Revue passieren…

Da war etwa dieser junge Mann, der uns an der Ampel entgegen kam und unseren Weg kreuzte. Als er ungefähr auf unserer Höhe war, haben wir reflexartig angefangen zu schreien. „Das geht ja heute gut los“, dachte ich, nachdem ich mich ziemlich schnell wieder gefangen hatte und blickte in zwei Augen, die die Welt ebenso wenig verstanden, wie ich. Der arme Kerl wusste gar nicht, wie ihm geschah. Sowas passiert mir eigentlich nie. Mit einem kurzen „Entschuldigung, ich hab mich grade einfach erschrocken“, liefen wir ohne zusätzliche Kommentare weiter. In letzter Zeit kommt es öfter vor, dass wir draußen plötzlich und für mich völlig unvorhergesehen in Angst geraten. Was ich früher oft einfach unterdrücken konnte, ist heute ein echtes Problem. Je näher meine Geschichte an der Oberfläche mitläuft, desto mehr kommt es zu kritischen Situationen im Alltag. Funktionieren ist dann nicht mehr so easy. Andere Bedürfnisse gesellen sich dazu, die ebenso Beachtung finden müssen. Die traumanahen Innenpersonen nach Innen zu  bringen, um derartige Situationen zu vermeiden, funktioniert bedingt. Kurzfristig für eng umgrenzte Zeiträume ist das schaffbar. In der Gegenwart ist es allerdings nicht möglich den Großteil unseres Lebens ins Unbewusste zu verabschieden, um nun im Großteil unseres Lebens keinen Platz mehr dafür zu haben. Von 30 Jahren Leben, waren wir 25 Jahre in unterschiedlichen Abstufungen Gewalt ausgesetzt. Das macht uns nunmal auch aus, prägt jeden einzelnen Gedanken und braucht einen traumabewussten Alltag. Die Traumatisierungen prägen einen Teil unserer Identität, ob wir wollen oder nicht. Es wäre unnatürlich, wenn sie es nicht tun würden.

Gestern waren wir in der Therapie. Die Alltagspersonen mussten zu Hause bleiben. Übernommen haben die Innenpersonen, die näher am Trauma sind und derzeit ungeheueren Redebedarf haben, weil sie es alleine im Kopf damit nicht mehr aushalten. Die interessante Erfahrung für das Alltagssystem war dabei, dass es auch den Alltagspersonen im Nachhinein wieder leichter fiel mit den alltäglichen Anforderungen klar zu kommen. Sie wissen zwar noch immer nicht, was wir gestern eigentlich gemacht haben, aber sie spüren den Effekt. Stabilisieren heißt manchmal eben konfrontieren.

Während wir vor uns hin tippen, steigt der Geruch des fertigen Grießauflaufes immer deutlicher in die Nase. An dieser Stelle enden deshalb unsere Zeilen. Einen schönen Satz haben wir heute in englischer Sprache beim Stöbern im Internet entdeckt. Zum Abschluss wollen wir ihn euch hier lassen. Auf Deutsch meint er soviel wie: „Sei du selbst. Die Welt wird sich anpassen.“ Das ist wohl einer der wichtigsten Tipps für einen gelungenen und gesunden Alltag. 😊

2 Kommentare zu “Alltagsausschnitte

  1. Danke für euren Einblick in Alltags Dingen, denn wo vorher funktionieren im aussen angesagt war , ist es heute viel schwieriger …auch die Angst kennen wir , immer dann wenn neues wissen oder Bilder und Flashbacks angerannt kommen, können immer seltener in geschlossenen räumen sein ohne zu hyperventilieren. Ja es ist schwieriger..wünschen euch guten appetit und für die Nacht einen Ausflug ins Garten center als Traum, PS Zelte stehen schon bereit zum einziehen , könnte nur kalt werden bei den frostigen Temperaturen da draußen..
    LG von uns an euch

    • Danke für den schönen Traum! Da wären wir jetzt zu gerne in echt. 😊 Wir bringen gerne noch ein paar wärmende Sachen mit. Tee, dicke Schlafsäcke und Decken, Wärmflaschen… Die Kälte kriegen wir gewuppt. 😉

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