Sex nach der Gewalt

Wir öffnen die Balkontür und schauen zusammen mit der Katzendame hinaus in die Nacht. Die Luft zieht kühl an unseren Schultern vorbei. Schnell wirft die Haut kleine Frostbeulen. Wir reiben uns den Gänsepullover an den Unterarmen und treten einen Schritt zurück ins Zimmer. Nur noch einmal durchatmen. Das reicht für’s Erste. Während wir die Türe langsam wieder schließen, fühlen wir unseren vibrierenden Körper. Es ist, als würde die Seele ein paar Zentimeter abgelöst von unserer physischen Existenz über der Hautoberfläche schweben und zittern. Sex ist eine komplizierte Sache. Manchmal muss sie sein, nur um hinterher festzustellen, dass sie uns irgendwann umbringen wird, wenn wir so weiter machen. Nichts ist wirklich freiwillig. Nichts ist schön. Viele hier innen wünschen sich das anders. Wer sich durchsetzt ist eine ganz andere Frage.

Die Innenansichten zum Thema sind durchaus nicht einheitlich. Manche könnten gut komplett auf Sex und Körperkontakt verzichten. Andere haben das Ziel irgendwann eine ganz normale Sexualität mit einem Partner leben zu können, die sie als schön und angenehm empfinden. Ohne Flashbacks und ohne Gewalt. Wieder andere haben vielmehr den Drang alte Muster fortführen zu müssen und tun dies auch mal mehr und mal weniger. Gefährlich wird es dann, wenn Zeitlücken für destruktive Sexualkontakte draufgehen. Dann ist kaum noch kontrollierbar, an welche Typen man gerät. Meistens wird das in extrem stressreichen Zeiten problematisch, weil dieses Verhalten blöderweise auch ein Kompensationsmechanismus unserer Psyche ist, wenn wir im Alltag über unsere Grenzen gehen. Wir brauchen Lösungen, die bislang noch nicht dauerhaft gefunden wurden. Immerhin gibt es kleine Ansätze. Dabei hilft es offenbar nichts, nur die Denkweise zu ändern. Es braucht wohl auch für den Körper gewisse Sicherheiten, weil der sich in den Situationen sonst automatisch an das Alte erinnert und auf Autopilot umschaltet. Immerhin machen wir Fortschritte und die Trigger werden immer besser identifiziert. Work in Progress…

Während wir hier vor uns hinschreiben dröhnt aus der Nachbarwohnung in Endlosschleife: „An dem Taaaaaag als Conny Kramer starb….“  Nach der X-ten  Wiederholung sind wir jetzt an dem Punkt angekommen, an dem wir dazu neigen ihr eine in die Fresse zu hauen, wenn sie nicht endlich Tod ist. Manche Auslöser machen aggressiv. Mein Innen möchte nur noch, dass es aufhört. Wir wollen Ruhe. Vor uns, vor Anderen und vor dem leidigen Thema Partnerschaft und Sexualität. Zumindest für diese Nacht. Es ist übrigens gar nicht so, dass wir Geschlechtsverkehr nicht auch schön empfinden könnten. In seltenen Momenten haben wir das bereits erlebt. Die Zukunft bringt hoffentlich mehr davon.

24 Kommentare zu “Sex nach der Gewalt

  1. Das ist bei uns ein Problem Thema. Beim Sex wechseln wir dauernd. Unsere Thera meint, wir sollen drauf verzichten solange das so ist, dass die Anp nicht alleine vorne ist. Witzig! Wann soll das denn so weit sein? Wir kompensieren teilweise auch über Sex. Früher gab es das genauso wie ihr beschrieben habt, mit sonst wem von irgend wem aus uns arrangiert. Das war so Lebens gefährlich, echt. Und oft ging sie und ließ die kleinen heulend vorne, mit gewaltvollen Menschen, die wir noch nie zu vor gesehen haben…
    Heute passiert die Kompensation mehr über SV und Sex mit unserem Mann, das ist wesentlich besser, obwohl es auch nicht gut ist.
    Wege da raus? Ich habe nicht so viele Ideen. Aber bei uns sind auf dieser Schiene diverse Täterintrojekte aktiv. Die würde ich gerne positiv beeinflussen… Mit der Jetzt Thera wird das aber wohl nichts mehr… Na ja.
    Und wegen Blackout und deren Aktivitäten kann ich leider nichts zu sagen, ich merke da meist nicht mal die Lücken…

    Doch irgendwie ist es auch klar, dass diese Dinge passieren. Bei uns wurden Anteile darauf ja trainiert, Schmerz = Lust. Und hier wollen welche gar Folter, weil die es so toll finden. Für mich ist das nur abartig und schrecklich. Und für die Kinder ist das der Horror pur und der Körper dreht voll durch, wenn die Trojekte auch nur reden…

    Normal Sex gibt es bei uns nicht, denn mindestens im Kopf läuft immer Gewalt dabei ab…

    • Ihr lieben Vergissmeinnicht,
      beim lesen wussten wir spontan gar nicht, ob wir über den Kommentar der Therapeutin lachen oder weinen sollen. Wie stellt sie sich das denn vor? Das wäre etwas, wo wir tatsächlich passen müssten. Sexualität und Lust lassen sich ja nicht einfach abstellen, weil’s grade mal unpassend ist. Meistens ist man ja mit auftauchen der Gefühle schon auf der alten Autobahn, bevor man überhaupt noch etwas dagegen tun kann…

      Wir finden die Variante mit festen Sexualpartnern auch die bessere. Schlimm ist das natürlich für einen selbst trotzdem, aber das schaltet zumindest einige Risikofaktoren aus.

      Täterintrokjekte… die hatte ich noch gar nicht wirklich im Blick bei dem Thema. Danke für den Denkanstoß. Vielleicht lässt sich da ein Ansatz finden…

      Das Problem an der „Lust auf Horror“ ist wohl das spaltungsbedingte Ausbleiben von negativen Folgen für diejenigen, die dabei etwas schönes empfinden. Ist hier auch lange so gewesen und wird mit zunehmender Vernetzung besser. Sie fühlen keine Angst oder keinen Schmerz. Mit dem muss sich dann eine andere Innenperson abkämpfen. Gewolltes Training eben, wie du ja auch schreibst.

      Irgendwann werden wir beide hier sitzen und darüber schreiben, wie schön der Sex ist und dass Gewalt im Kopf nicht mehr nötig ist. Wir schaffen das. Da glaube ich fest daran… 😉

      • Du hast so recht. Gerade an besonderen Tagen ist die Lust kaum handelbar. Je länger diese Zeit andauert (es gibt ja auch Zeiten mit Vorbereitung Feste und so, wir haben auch so Phasen von, weiß nicht genau, 10-12Tagen,aber zum Glück selten), um so mehr eskaliert das Gewalt Bedürfnis … Man kann sich da kaum retten vor im Kopf geht es fast jede Minute nur darum. Das ist dann schlimm.
        Aber auch so ist das in einer Ehe nicht einfach wenn da Anteile agieren, die automatische Handlungen ausführen und ein Nein der anderen drin nicht gestattet ist zu äußern. Und wenn ein Mann Anzeichen der Lust hat, dann sind bereits dadurch bestimmte Anteile aktiviert …
        Es ist ein leichtes zu sagen, machen sie das nicht. Selbst wenn keine Lust da ist ist ein Nein nur selten möglich…
        Ihr habt so recht.
        Ich hoffe es zwar irgendwie auch dass es irgendwann ohne Gewalt geht, ich weiß aber nicht wie man da hin kommt. Klar Therapie … Nur haben wir schon viel gemacht und um dieses Thema geht es dabei kaum, es gibt so viele Themen … Und darüber zu reden ist schwer. Manche von uns können bestimmte Worte nicht mal sagen.

        Alles Liebe euch ❤️

      • Dieser Zusammenhang von Lustgefühl und besonders schwierigen Tagen, ist mir bei uns auch schon aufgefallen. Es ist, als wäre es das einzige Überbleibsel der Gewalt, dass dann mit voller Wucht ins Bewusstsein durchbricht. In etwa so, als wollte es mit aller macht zeigen, dass doch noch was gutes an der Gewalt war, die in diesen Momenten meist viel weniger bewusst nachvollzogen werden kann.

        Wir haben für uns festgestellt, dass wir den extremen Drang umso weniger haben, je bewusster uns unsere Geschichte ist. Das ist aber leider auch nicht immer herstellbar. Das Thema bleibt eine Baustelle. 🚧

      • Ja, in der Tat eine große Baustelle auch bei uns. Wir haben Gestern wieder so was gehabt und heute so viel Scham aber auch viel Nachsinnen.
        Es sind ja auch Reinszinierungen – also bei uns – unbewusst. Es ist nicht nur Kompensieren von Stress.
        Hab heute auch so überlegt, dass wir ja echt viel Mist erlebt haben, wenn das was die Stimmen sagen und die Bilder und Gefühle dazu tatsächlich die Vergangenheit aufzeigen. Lust hat es uns aushalten und überleben gelassen. Aber… Mit dem Wissen ist es mir trotzdem nicht möglich das „Reinszinieren“ sein zu lassen. Ich will das ja eh nicht, versuche das ab zu wehren, aber die anderen hier, finden es nun mal toll. Sie wollen sich das nicht nehmen lassen, auch wenn es dem Körper extrem Stress bereitet (Zittern, Sodbrennen, manchmal gar Muskel Krämpfe, Körper und Geruchs Erinnerungen, Schmerzen hinter her…). Interessiert nicht, dass da welche drunter leiden.
        Schwer, echt!

    • Wie Sofie bin auch ich überrascht über die Anweisung der Therapeutin. Ich frage mich, was ich geantwortet hätte…? Vielleicht: „Haben Sie persönliche Erfahrung damit, auf Sex in der Ehe auf unbestimmte Zeit zu verzichten? Mit dem Ausblick, dass es Jahre dauern könnte, bis der Therapieerfolg so weit fortgeschritten sein wird? Und der Möglichkeit, dass das nie passieren wird?“ Manchmal frage ich mich, auf welchem Planeten manche Therapeuten wohnen… Weltfremd oder abgespaced? lg s.
      PS an Sofie: Bei uns ist Sex schön und Gewalt im Kopf dabei nicht nötig – zumindest ist es oft so. 🙂

      • Danke Sonrisa, da hast du recht. Weiß auch nicht so recht wie das gehen soll.

        Spaß gibt es hier auch doch es ist ein zweischneidiges Schwert, wegen der Bilder im Kopf und weil sich meistens welche verletzt oder benutzt oder was auch immer fühlen…

      • „schon“… hm. Ich lebe ja mein sehr absurdes Leben, dass ich bis zum Alter von 33 Jahren nichts, aber auch rein gar nichts!, vom Trauma in meiner Kindheit wusste. Ich habe meinen Mann kennengelernt, als ich 20 war. Wir haben also getan, als wäre nichts, was denn auch sonst?? Aus heutiger Sicht muss ich sagen, dass mich Sex mit ihm einmal und Sex mit meinem Exfreund zweimal bis in den Stupor getriggert hat. Aber ich konnte es nicht einordnen… naja. Das klingt sehr schräg, ich weiß. Wenn man es in einem Film sehen würde, würde man sagen: Wie unglaubwürdig! lg s.

  2. Hier ist Sex in der Regel schwierig. Er ist „einfacher“, wenn es feste Abläufe gibt und ich so weit wie möglich mit _meinem_ Körper herausgenommen bin. Also eher für den anderen was tue. Hier gibt es massive Probleme mit eigenen Körperreaktionen, das geht überhaupt gar nicht, Kontrollverlust, bla bla. Und mittlerweile auch so, dass „klassischer“ Sex aufgrund von Verkrampfung/großen Schmerzen gar nicht möglich is.

  3. Eigentlich ist das nicht unbedingt das Thema,worüber ich Rede, aber ich muss dazu was sagen….
    @sonrisamussorgski
    Hier ist es tatsächlich so,das es seit Jahren keinen S.. gibt und das obwohl ich verheiratet bin. Und für mich ist das ok so und tausendmal besser,als jedes mal in alte Filme zu fallen.

    • Ich möchte mich anschließen. Wir hatten vor vielen Jahren beschlossen lieber alleine zu leben und auch ohne Sex als nochmals in diese übergriffigen Situationen und Wiederholungen von Gewalt zu geraten. Ja, die Folge war auch viel Einsamkeit, aber auch die Sicherheit zu lernen, dass eine Person mich nur berühren darf, wenn es für uns in Ordnung ist und sich gut anfühlt. Das zu lernen war sehr schmerzhaft und verlangt mir und jenen, die uns nahe sein mögen sehr viel ab. Wir wollen aber nie einen anderen Weg gehen. Zumindest Berührungen sind zum Teil schon wirklich schön. Sex ist doch viel mehr als GV. Und Nähe und Zärtlichkeit sind noch weiter gefasst. Mir ist es wichtiger, dies zu erfahren und zu lernen, als Sex zu haben.
      Herzliche Grüße
      „Benita“

      • Das scheint mir ein wichtiger Punkt zu sein, dass zur Sexualität mehr als der reine GV zählt. Echte Zärtlichkeit kann etwas ganz tolles sein. Es verlangt aber auch wirklich viel Mut, sie überhaupt wieder zuzulassen…

      • …. Oder überhaupt jemals zuzulassen. Ich wüsste nicht, dass es Zärtlichkeit in meinem Leben je gegeben hätte. Es ist neues Terrain. Daher fehlt vielleicht weniger, aber es braucht auch noch mehr Mut.

    • Edit: Ich habe gerade meinen Kommentar nochmal gelesen. ich wollte damit nicht sagen, dass ich nciht dran glaube, dass eine Ehe ohne Sex funktionieren könnte. Ich selbst würde mich aber über diese Idee nur mit einer Person austauschen wollen, die diesen Vorschlag mal selbst gelebt hat. Und: Dass man aus ungesunden Bezeihungen mit gewaltvollem Sexleben raus muss, ist klar – aber das war nie so zwischen meinem Mann und mir. lg s

    • Wir finden gut, wenn ihr mit euerem Partner da eine Lösung gefunden habt, die stimmig ist. Eine Bekannte handhabt das ganz ähnlich. Ich würde Sex wahrscheinlich auf die Dauer doch vermissen und bin eigentlich ganz guter Dinge, dass sich mit einem festen Partner wieder viel mehr absprechen lässt. Hauptsache ist aber, dass es euch damit gut geht.

  4. Das wichtigste ist halt ein verständnisvolles Gegenüber, dass nicht wertet, bewertet, abwertet, wenn man nicht so kann, wie es der Otto-Normal-Verbraucher kann. Bis zu meiner jetzigen Beziehung war Sex für mich absolut tabu, weil alles nur triggerte. Ich wollte auch gar keine Beziehungen führen. Mit meiner jetzigen Freundin konnten und können wir uns langsam herantasten. Die Trigger sind nicht weg, aber wir haben die Möglichkeit Sex neu kennen zu lernen. Aber einfach ist es nicht.

  5. In Krisenzeiten in ungesunde alte Kompensationsmuster zu verfallen, das kenne ich auch sehr gut. Bei mir ist es das Stressessen.

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