Einen an der Waffel

Strahlender Sonnenschein lockt an diesem Tag aus der Klinik zum Spaziergang. Das Wetter gibt alles, um uns Auszeit vom stressigen Reha-Alltag zu verschaffen. Wir freuen uns zwar über die wärmende Einladung, unsere Kräfte bleiben allerdings maximal erschöpft. Vielleicht kann ja Kaffee und Kuchen helfen, um die Reserven wieder aufzufüllen.

Also machen wir uns auf zu einem nicht weit entfernten Café. Heiße Waffeln mit Kirschen – Mjam. Es ist erschreckend, wie schnell die Fassade bröckelt, wenn wir aus dem Funktionsmodus gerissen werden. Wir schaffen es kaum ein gesellschaftstaugliches Gesicht aufzusetzen. Dabei ist nun gerade mal die erste Woche in der Klinik vergangen. Wir haben gerade nicht nur eine Waffel vor uns, sondern auch ganz sichtbar einen an der Waffel. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass mir das keine Angst macht. Egal… immerhin sitzen wir nun hier.  Es ist nicht sonderlich voll. Das mögen wir. Hier ist Raum für uns und unsere Gedanken. Außer der Bedienung spricht uns niemand an. 

Morgen haben wir die nächste Einzeltherapie. Etwas macht uns das Angst. Wir wissen noch nicht genau, was wir von der Therapeutin halten sollen. An Wissen mangelt es sicher nicht. Ob sie empatisch genug ist, wird sich herausstellen. Im Moment haben wir den Eindruck wir gehen als Individuum etwas unter, weil sie das alles ja schon so oft gehört hat und meint zu wissen, was Sache ist. Zu diesem Zeitpunkt, wären eindeutige Schlüsse aber sicherlich verfrüht. Eines ist dennoch klar. Ihr Motto lautet: Konfrontieren, statt stabilisieren. Echte, langfristige Stabilität entsteht, laut ihr, nur durch Konfrontation. Ein Teil in mir findet die Sichtweise gut, der andere ist maßlos überfordert. Verständlich denke ich, wenn man überlegt, dass wir außerhalb der Klinik wohl kaum in der ersten Stunde schon über die tiefsten Verletzungen gesprochen hätten und das notwendige Vertrauensverhältnis ja noch gar nicht vorhanden sein kann.

Als wir den letzten Schluck von unserem Vanille Latte Macchiato ausgetrunken haben und auf die Uhr blicken, stellen wir fest, dass ganz heimlich schon drei Stunden vergangen sind. Wir machen uns nun langsam auf den Rückweg und sind gespannt, wie das morgen alles wird. Euch allen einen schönen Abend und viele kleine Sonnenstrahlen! 🦋☀️😊

28 Kommentare zu “Einen an der Waffel

  1. Liebe Sofie,

    wow das klingt echt anstrengend. Ich wünsche euch ganz viel Kraft für die Klinikzeit und dass sich die Anstrengungen lohnen und ihr gestärkt nach Hause fahrt.
    Ich hoffe ihr könnt gut auf euch achten und schauen, ob der Weg der Therapeutin auch der für euch richtige Weg ist.
    Die Waffel sieht sooo lecker aus, jetzt hätte ich auch gerne eine 😀 🙂

    Liebe Grüße
    Bunte Sterne

  2. Ja, da gibt es ja zwei Lager. Die, die eher stabilisieren und nicht der Meinung sind, dass man durch eine Konfrontation gehen muss und dann die, die die Konfrontation für das Nonplusultra halten. Ich denke, dass das einfach der Patient mitentscheiden sollte und es sich am Patienten orientieren sollte, was man nun anwendet. Und wenn dir das zu schnell geht und du das nicht so willst, dann sag das besser. Sie kann euch ja nicht zwingen!

    • Ja, da hast du wohl recht. Für sie gibt es ausschließlich die Konfrontation. Ansage war gleich beim ersten Termin „Konfrontieren oder nach Hause fahren“. Persönlich denke ich, dass die Wahrheit wohl irgendwie in der Mitte liegt. Nur Stabilisieren bringt ebenso wenig auf Dauer, wie Konfrontation ohne Boden unter den Füßen.

      • Puh, das finde ich schon hart.
        Ich denke, es ist halt sehr individuell. Bei dem einen macht das Sinn, bei nem was anderes. Dass sie das so auf Biegen und Brechen von euch verlangt, ansonsten Heim schickt, finde ich schlimm. Aber wenn du damit umgehen kannst, dann ist es gut.
        Bisher wurde mir sowas nicht gesagt, zum Glück. Es wurde immer geschaut, was geht bei uns…

      • Ja, das ist hart. Andererseits hebelt es auch alle Vermeidungsmechanismen aus. Man kommt nicht umhin dem Grauen ins Gesicht zu schauen. Wir werden morgen einfach mal sehen, wie es weiter geht. Es steht uns ja jederzeit frei zu gehen. Dafür sind wir schonmal dankbar. Es gibt genug Leute hier, die bleiben müssen, weil sie von der Rentenversicherung aus nicht abbrechen dürfen, wenn sie weiter Leistungen wollen. Die trifft es um einiges härter, wenn man mit der Thapeutin oder den Methoden nicht klar kommt.

      • Puh, ich finde das klingt nach ganz schön viel Druck…..friss oder stirb. Bitte schau gut, ob das für dich wirklich das Tempo ist, welches du gut aushalten kannst!!!! Bringt ja nichts, wenn alles aufgerissen wird und du gar nicht weißt, wie du es verarbeiten sollst. Auch wenn sie Profi ist, der größte Experte für dich bist immer noch du selbst!

  3. Oh, wie schön von euch zu lesen und ui, sieht das lecker aus! Auch von mir viele kräftigende Sonnenstrahlen für die kommende Zeit. Ich für mich persönlich bin auch mal zu dem Ergebnis gekommen, dass es mir langfristiger auch besser hilft, mich zu konfrontieren (wie das genau aussieht ist ja nochmal eine andere Sache), als ewig lange immer wieder stabilisieren zu müssen.Ich hoffe, ihr findet gemeinsam mit der Therapeutin den passenden Weg!

  4. Das hört sich an wie drei recht „runde“ Stunden. Wünsche euch noch viele dazu- mal mit, mal ohne Waffeln! ☺
    … und dass die Therapeutin empathisch ist und „schwingen kann“.

  5. Ich würde an eurer Stelle auf euch hören und danach handeln. Die Einzeltherapeutin muss euer Vertrauen erst verdienen. Vertrauen kann nicht befohlen werden.
    Ich habe auch einen an der Waffel, einen permanenten, nicht abzuschüttelnden. Ich vertrage keine Konfrontation, verschliesse mich wie eine Blüte bei Regen. Bekomme ich Verständnis und Unterstützung, erledige ich alle Arbeit.
    Ihr spürt ganz gewiss, was ihr braucht: Ist Konfrontation anstrengend und hilfreich, gut. Wird sie als Überforderung dargeboten, würde ich mich selbst ernst nehmen wollen.

  6. Liebe Schmetterlinge.
    Ja, ich stimme dem zu, ohne Konfrontation, kann man mMn stabilisieren, bis „der Arzt kommt“ . Wahlweise, bis man einen Zettel am Zeh trägt.
    Aber in einer Klinik ist das so….komprimiert. Tatsächlich muss man die normale Zeit der Vertrauensfindung zu einem Großteil überspringen. Das birgt Gefahren.
    Da hoffe ich, ihr könnt gut auf euch achtgeben und die Notbremse ziehen, falls es euch eher schadet, als nutzt.
    Denn auch gutgemeinte Hilfe kann Gewalt sein. Und ja, die Mitte…die vergessen viele.
    Übereifrige Therapeuten und vor allem welche, die zu viel zu schnell wollen und damit mehr kaputt machen, als einem lieb sein kann.
    Ich kenne selbst solche. Und das ist immer in der konzentrierten Zeit der Klinik.
    Passt auf euch auf! Achtet eure Grenzen!
    Liebe Grüße

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