Scheinpsychosen und Feiertage

Feiertage sind für Überlebende ritualisierter Gewalt prädestiniert dafür zu scheinpsychotischem Erleben zu führen. Die Symptome sind jedoch meist nicht durch eine tatsächliche Psychose bedingt, sondern vielmehr durch Flashbackzustände hervorgerufen. Durch die Fragmentierung der Ursprungserinnerung mögen dann die im Bewusstsein auftauchenden Teile aus dem Zusammenhang gerissen zwar wirr und surreal wirken, sind es jedoch in ihrer Entstehung nicht. Der nachfolgende Artikel beschäftigt sich mit Überschneidungen und Unterscheidungen von Traumafolgen und psychotischem Erleben.

Um wahnhaftes und psychotisches Erleben klarer von dissoziativen Wahrnemungen abzugrenzen, möchte ich eingangs die drei Wahnkriterien nach Jaspers vorstellen. Diese bestehen aus der Trias:

  1. Subjektive Gewissheit
  2. Unkorrigierbarkeit der Wahrnehmung
  3. Objektive Unmöglichkeit 

Was heißt das nun genau? 

„Subjektive Gewissheit“ meint nichts anderes, als dass die betreffende Person absolut von einer bestimmten Wahrnehmung überzeugt ist. Bei Ihren Ausführungen handelt es sich nicht nur um bildhafte Beschreibungen eines Zustandes, sondern um für real gehaltene Vorgänge. Sie hat beispielsweise nicht nur das Gefühl, als ob Ameisen über den Körper laufen, sondern ist davon überzeugt, dass das so ist, obwohl von Außen keine einzige Ameise zu sehen ist. Sie vermutet nicht nur, dass eine bestimmte Nachricht eine besondere Bedeutung für sie haben könnte, sondern ist absolut davon überzeugt, dass der Nachrichtensprecher eine bestimmte Botschaft für sie übermittelt. Bereits beim ersten Kriterium lassen sich daher Unterschiede zu dissoziativen Symptomen ableiten. Typisch für dissoziative Phänomene ist die Beschreibung: „Es fühlt sich an, als ob…“ Dabei wird eher nach einer passgenauen Beschreibung für das eigenen Empfinden gesucht, als davon auszugehen, dass etwas genau so und nicht anders sein kann. Kindliche Schilderungen von Umständen, die sie selbst aufgrund ihres Alters nicht verstehen konnten, wirken oftmals kurios für Erwachsenenohren, weil sie versuchen in Ihren Worten einen Ausdruck für ihre Wahrnehmung zu finden. Dort bedarf es allerdings lediglich der richtigen Übersetzung. Diese kann bei dissoziierten Erinnerungen manchmal dauern, weil die dafür wichtigen Puzzelteile erst zusammengesucht werden müssen. Wenn ich das Gefühl bekomme, als würde ich mitten in einem Ameisenhaufen sitzen, weiß ich trotzdem, dass gerade keine einzige Ameise da ist. Wenn ich eine Nachricht höre und das Gefühl bekomme, dass sie für mich noch eine tiefergehende Bedeutung hat, kann ich dennoch reflektieren, dass ich eventuell getriggert bin und weiß, dass mein Gefühl im heute eigentlich keinen Sinn macht. Kurz: Solange man noch in der Lage ist, seine Wahrnehmung zu hinterfragen und zu reflektieren, erfüllt man das erste Kriterium schonmal nicht. Ausnahmen können hier starke Flashbackzustände sein, in denen auch eine „subjektive Überzeugung“ vorhanden ist, dass etwas jetzt passiert, obwohl es eigentlich ins Damals gehört. Diese sind aber deutlich weniger lange überdauernd, als ein echter Wahnzustand. Für die Diagnose einer Schizophrenie muss das psychotische Erleben sogar über 6 Monate vorhanden sein. Wenn du dich beim Lesen dieses Beitrages also noch fragst, ob du psychotisch bist, bist du es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht. Dann wärst du nämlich von deiner Sichtweise überzeugt und hättest keine Zweifel daran richtig zu liegen. 😉

Die „Unkorrigierbarkeit der Wahrnehmung“ gesellt sich als weiteres diagnostisches Puzzlestück für einen Wahn dazu. Will heißen, dass ein Patient auch im Gespräch mit dem Behandler nicht von seinen Überzeugungen abzubringen ist, egal wie gut die Argumente dagegen auch sein mögen. Bei einer DIS können ähnliche Zustände im Rahmen eines Programmes auftreten, wenn stur dessen Inhalt wiederholt wird und die Worte des Gegenübers dissoziativ ausgeblendet oder verzerrt werden, so dass die Korrektur gar nicht wirklich im Bewusstsein ankommt. Auch hier ist die Symptomatik aber fluktuierend und unterliegt Schwankungen, je nach aktiven Innenpersonen. Durch erfolgreiche Reeorientierungsmaßnahmen klingen auch die Symptome ab. Das gleiche gilt für Innenpersonen, die aus anderen Gründen nur einen sehr begrenzten Teil der Wirklichkeit wahrnehmen/wahrgenommen haben. Oft fehlt dann die raum-zeitliche Einordnung in den Ursprungszusammenhang. Es dauert manchmal, bis man es schafft mit den Informationen zu Ihnen durchzudringen, dass etwa eine bestimmt Tat nicht gerade, sondern schon vor Jahren passiert ist oder dass sie zwar in diesem Moment „Geister“ gesehen haben mögen, andere Innenpersonen das aber in einen größeren Zusammenhang einordnen können. Wenn man in einem Flashback die „Geister“ aus dem Zusammenhang gerissen plötzlich wieder vor sich sieht, ohne bereits die ganze Geschichte zu kennen, mag das zwar Ähnlichkeit mit psychotischen Inhalten haben, beruht aber auf einer ganz anderen Entstehung und ist zumindest im Nachhinein auch der rationellen Überprüfung zugänglich.

Die „objektive Unmöglichkeit“ wird DIS-Patienten bei Fehldiagnosen in Richtung Psychose wohl am häufigsten zum Verhängnis. Ihre realen Erlebnisse übersteigen in ihrer Grausamkeit oftmals die Vorstellungen der BehandlerInnen. Was Ärzte und Therapeuten dann für objektiv unmöglich halten, ist in diesem Fall bittere Realität. An diese Stelle würden wir uns deshalb wünschen, dass dieses Kriterium ernsthafter geprüft wird. Eigener Wahrnehmungshorizont vs. objektive Unmöglichkeit! Hinzu kommt: Selbst wenn ein vom Patienten angegebener Umstand als objektiv unmöglich betrachtet werden kann, heißt das nicht, dass er nicht im Rahmen einer Inszenierung in rituellen Gewaltzusammenhängen hergestellt worden sein könnte. Beliebtes Beispiel wäre hierfür etwa die Entführung durch Außerirdische. Wir selbst haben einer Therapeutin auf die Frage von wem wir einen bestimmten Auftrag bekommen haben, ganz klar geantwortet: „Vom Teufel.“ Wäre sie etwas weniger geschult gewesen, hätte uns diese Aussage auch ganz schön in die Scheiße reiten können. Objektiv ist das natürlich unmöglich. Tatsächlich handelte es sich um einen verkleideten Menschen, der uns in einer traumatischen Situation dazu aufforderte, eine bestimmte Handlung auszuführen. Diese war anfangs jedoch noch teilweise abgespalten.

Grundsätzlich gilt: Bei ritualisierter und organisierter Gewalt ist nichts unmöglich. Die Täter arbeiten mit allerlei Tricks und Täuschungen, um ihre Opfer abzurichten. Ein für psychotisch gehaltenes Opfer ist zumindest durch den Verlust der Glaubwürdigkeit in seiner Gefährlichkeit für die Gruppierung entschärft. Wird bei DIS fälschlicherweise mit Neuroleptika behandelt, verhindert man erfolgreich den Zugang zu den tieferliegenden Persönlichkeitsschichten ohne Symptomverbesserung zu erreichen. Die Täter schlagen also zwei Fliegen mit einer Klappe. Treten psychotisch anmutende Bewusstseinsinhalte auf, tut man gut daran, zunächst nach den Auslösern Ausschau zu halten. Gibt es ein Muster für bestimmte Zustände. Je stärker man sich Programmierungen widersetzt, umso heftiger werden in der Regel die Symptome. Bei uns gab es beispielsweise einen ganz bestimmten Punkt, an dem „Halluzinationen“ gerne auftauchten, nämlich immer dann, wenn wir entscheidenden Erinnerungen näher kamen und anfingen unserer Wahrnehmung zu vertrauen. Auch beliebt ist das widersetzen gegen Rückkehrzwänge. An Feiertage sind oftmals automatisch bestimmte Programmketten geheftet. So soll beispielsweise sichergestellt werden, das das erwachsene Opfer zum Kult erscheint. Das führt dazu, dass AussteigerInnen neben den ohnehin triggerbelastenden Tagen, zusätzlich mit anderen inneren Mechanismen zu kämpfen haben. Wenn psychotisch anmutendes Erleben, also immer wider verdächtig rund um Feiertage auftaucht, finde ich es wert, zumindest vorsichtshalber mal im medizinischen Kontext einen genaueren Blick auf die Vergangenheit der Patientin zu werfen und im Rahmen einer sorgfältigen ärztlichen und therapeutischen Diagnostik dissoziative Ursachen in die Anamnese einzubeziehen. 

Natürlich können auch bei vorhandener DIS parallel psychotische Zustände auftreten, die einer psychiatrischen und medikamentösen Behandlung bedürfen. Dieser Beitrag soll deshalb ausdrücklich nicht dazu verleiten sich nicht umgehend in ärztliche Behandlung zu begeben und Symptome sorgfältig abklären zu lassen! Er ist ausschließlich zur weiterführenden Information gedacht.

26 Kommentare zu “Scheinpsychosen und Feiertage

  1. Danke!!! Wir haben zwar keine rituelle Gewalt o.ä. erlebt, aber so Pseudohalluzinationen (wie wir sie nennen) kennen wir seehr gut leider…
    Langfristig hat mich das zum Glück nicht so sehr beunruhigt (in solchen Momenten jedoch..oha, frag nicht nach Sonnenschein), weil ich wusste, dass die Realitätsprüfung eigentlich immer intakt bleibt. Es ist auf jeden Fall beruhigend das nochmal so kompakt und gut erklärt zu lesen!
    Liebe Grüße 🙂

    • Hallo, 😊
      Danke dir für diese wichtige persönliche Ergänzung! Natürlich kann ähnliches auch ganz ohne rituelle Gewalt auftreten. Die Angst in diesen Momenten verrückt zu werden, kennen wir leider nur zu gut. Blöderweise gehen wir ihr trotz des Wissens, dass es nicht so ist, immer wieder mal auf den Leim. 🙄😉

      Liebe Grüße und schöne Ostertage! 🌷🐇

      • Habt ihr Strategien im Umgang damit?
        Ich sage mir meist, dass es nicht real ist, versuche mir zu erklären, dass es eine Pseudohalluzination ist, doch das hilft wenig.
        Als wir einmal darüber sprachen, gab es als Tipp nur, dass wir hingehen sollen und nachfühlen, ob da wirklich *etwas* ist, doch das ist keine Option. Dafür sind Panik und Ekel zu hoch und auch das Risiko (bei Achtbeiner-Halluzinationen zB).
        Die Hilflosigkeit ist schlimm, lediglich zu warten fühlt sich sehr ohnmächtig an.

      • Hmm, also so ein richtiges Patentrezept fehlt uns leider noch, aber wir arbeiten dran. 😉 Am meisten hilft es uns, wenn wir unsere Wahrnehmung ansprechen können. Also wenn wir beispielsweise danach fragen können, ob jemand einen Geruch auch wahrnimmt oder ob tatsächlich eine Person im Zimmer steht. Wenn niemand bei uns ist, greifen wir dann auch gerne zum Telefon. Das erleichtert uns die Realitätsprüfung. Hinfassen ist natürlich eine Option, aber bei Achtbeinern ist das nochmal was anderes. Manchmal nehmen wir dann etwas dazwischen, also z.B. ein Stöckchen oder einen anderen Gegenstand um vorsichtig zu tasten. Ansonsten helfen manchmal auch Chilligummibärchen und Co, um wieder in die Gegenwart zu kommen. Auch hilfreich ist es ein Foto mit dem Handy zu machen. Wenn etwas wirklich da ist, müsste es ja auch auf dem Bild zu sehen sein. Ansonsten ist raus aus der Situation ja manchmal auch besser, als gar nichts machen. Aufstehen und bewegen, kurz mal vor die Tür, Fenster auf… manchmal muss man sich ja gar nicht direkt mit der Pseudohalluzination beschäftigen, um sich wieder etwas Erden zu können.

        Ganz liebe Grüße! 🌷

  2. Danke Sofie, etwas hat mich stutzen lassen…. „…wenn man noch hinterfragen kann…dann ist es keine Psychose…“ Hm, gilt das auch, wenn man auf Teufel komm raus verhindert, dass es VON ANDEREN hinterfragt werden kann, also die Überzeugung, dass wenn man darüber reden würde, andere es nicht glauben würden und die eigene Wahrnehmung zerstören würden durch ihr nicht glauben?

    • Liebe Melinas,
      das kann ich leider so pauschal gar nicht beantworten. Sicher ist das dann vom jeweiligen Einzelfall abhängig. So wie du es beschreibst klingt es für mich zunächst danach, als würde man andere aus dem Grund nicht fragen, weil man sich selbst seiner Überzeugung nicht hundertprozentig sicher ist und sich durch Zweifel andrer nicht verunsichern lassen möchte (evtl. sogar mit dem Hintergrund, dass einem öfter gesagt wurde, dass Menschen auf eine bestimmte Aussage mit Ablehnung und Unglauben reagieren). Eventuell spielt bei derartigem Verhalten auch Schmerzvermeidung durch vermutete Zurückweisung eine Rolle. Man ist aber noch in der Lage das zu reflektieren. Du hinterfragst ja durchaus, weshalb du etwas nicht erzählst und ob es tatsächlich sinnhaft ist. Das wäre an sich nicht psychosetypisch, weil dir da egal wäre, was andere dazu sagen, weil du hundertprozentig von deiner Meinung überzeugt wärst.

      Wenn überhaupt, dann müsste in deinem Beispiel die wahnhafte Überzeugung ja sein, dass andere deine Wahrnehmung zerstören können, bzw. dass verhindert werden muss, dass andere von etwas bestimmten erfahren, weil das Teil eines größeren Wahnkonstruktes ist. Es könnte im Sinne einer doppelten Buchführung dazu gehören. Da wären dann aber die größeren Zusammenhänge wichtig.

      Für mich klingt das, was du beschreibst erst mal nicht nach Psychose. Wahrscheinlich würde ich erst mal tief durchatmen, mich beruhigen und mich anschließend eher fragen, was der lebensgeschichtliche Hintergrund ist, jetzt so zu denken oder weshalb das so wichtig ist etwas für sich zu behalten. Anschließend würde ich vermutlich nochmal hinspüren, ob das wirklich mir/uns wichtig ist oder ob ich mit dem Verhalten aus Angst vllt nur alte Erwartungen erfülle. Bei euerer traumatischen Geschichte fände ich das spontan passender. Gleichzeitig bin ich aber auch weder ein Psychosespezialist, noch eine erfahrene Klinikerin auf diesem Gebiet. Mein Wissen ist im Bereich der disssoziativen Phänomene deutlich größer.

      Liebe Grüße und sonnige Ostertage! 😊

      • Hi Sofie, danke für die Antwort…
        Das was ich meine und gestutzt habe…. liegt 35 Jahre zurück (ja immer noch nicht eingeordnet…) das Geschriebene bezog sich hauptsächlich auf die Zeit vor dem gänzlichen Zusammenbruch…. als ich mich auserwählt fühlte, weil alles so schön war und die Sonne nur für mich schien, die Vögel für mich allein sangen, ich sooooooooo offen war für alles in der Natur (ohne Mensch) und ich wollte nicht darüber sprechen mit den Theras weil ich fürchtete, sie würden es mir kaputt machen, wie sonst auch alles was mir lieb war (z.Bsp. die Katze, den Hasen töten….die ich liebte) nicht weil ich es hinterfragte, ob es die Wahrheit wäre oder nicht, das war so klar wie nur klar sein konnte. Es war nur nicht mitteilbar, weil wir wussten, es würde wieder kaputt gemacht werden – wie sonst auch. Wir fühlten uns auserwählt (im positiven Sinne) endlich bekamen wir den Lohn für all die Schrecklichkeiten, die wir erduldet hatten, so war das.
        Wir verstanden später auch warum es soviele Heilige, Jesuse und Maria Magdalenas in den Psychiatrien gab, denen ging es wahrscheinlich auch so.
        Nur leider blieb es nur wenige Wochen so, dann kam der Absturz in die Hölle.
        Wünsch Dir auch schöne Ostertage!

      • Hallo Melina,
        im Gesamtzusammenhang betrachtet wirkt das ganze schon eher als Zustand, der zu einer (anbahnenden) Psychose gehörte, wie eine Art Rückzugstendenz, die im Zusammenspiel mit den anderen Wahrnehmungsverzerrungen entstand. Im Endeffekt entscheidet ja nicht ein einzelnes Symptom, sondern das Zusammenspiel von vielen Faktoren über die richtige Diagnose. Letzten Endes wirst aber wahrscheinlich nur du irgendwann im Nachhinein einordnen können, wie viel daran durch Erinnerungen bedingt war und was zu psychotischem Erleben zählte.

        Dir ebenfalls schöne Ostertage!

    • Ne, das klingt nicht nach Psychose. Mir ist in der Psychose ganz egal, ob andere das hinterfragen können, es gilt nur, was ich denke ist richtig, was andere denken ist falsch :S

      • Ja, das ist leider meist in Psychiatrien der Fall, dass sie einfach zu wenig Ahnung von Dissoziationen haben. Eigentlich sind eine Psychose und DIS völlig unterschiedlich, aber je schlecht der Behandler ausgebildet ist, umso eher verwechselt er es. Das ist sehr schade, weil es sicher einige Menschen gibt, denen man eine Schizophrenie attestiert, obwohl da ganz klar keine vorliegt, sondern sowas wie ne DIS. Es ist dann gut, wenn der Betroffene selbst darüber informiert ist, denn jemand mit DIS und ohne Psychose kann sich einfach ganz anders und differenzierter mitteilen, so dass es auch der letzte Fachmann raffen sollte.
        Aber klar, da ist noch viel Bedarf nach Aufklärung.
        Ein Fachmann für Psychose und Schizophrenie, würde das wiederum sicher erkennen.

      • Darf ich fragen, wo für dich als beidseits Betroffener der deutlichste, wahrnehmbare Unterschied zwischen den Symptomen der DIS und der Schizophrenie liegt? Würde mich einfach interessieren, wie da deine Erfahrung dazu ist. Ich kenne ja nur die Seite der Dissoziation persönlich und weiß über Psychosen nur das, was ich gelesen, gelernt oder von anderen Miterlebt habe.

      • Ja, klar. ne Schizophrenie ist schon auch sehr komplex, weil halt fast alle Wahrnehmungsmöglichkeiten betroffen sind. Und man ist zu 90% oder mehr der Zeit nicht fähig das alles zu reflektieren.
        Dissoziationen lassen sich reflektieren, man weiß um die Realität, in der Psychose weiß man das nicht mehr. Da denkt man halt nur man selbst tickt normal, alle anderen würden spinnen. Das denkt man bei Dissoziation halt nicht.

        Dann gehören meist zur Schizophrenie akustische Halluzinationen (die Anteilsstimmen höre ich nicht akustisch, sondern im Kopf, das ist ein sehr großer Unterschied). Außerdem ist man völlig überreizt bei der Psychose, die Farben wirken intensiver. All das passiert bei Dissoziation nicht, auch wenn man vielleicht mal einen Schatten sieht.
        In der Psychose höre ich zum Beispiel auch die Gedanken vorbeigehender Leute, die über mich schimpfen. Auch das tritt bei Dissoziation überhaupt nicht auf. Dann denke ich teilweise die Gedanken anderer, die Gedanken fühlen sich wie eingesetzt. Auch das fühlt sich bei Anteilen ganz anders an, weil ich da spüre „das ist wer anderes“, während sich das bei einer Psychose mit Gedankenausbreitung ganz anders anfühlt. Ich hoffe, das hilft dir etwas.

        Für mich sind die Unterschiede halt total deutlich, aber es ist gar nicht so einfach zu erklären.
        Achso und dann gehört zur Psychose der Wahn, dr bei Dissoziation gar nicht vorkommt, zumindest bei weitem nicht in dem Maße, wie während einer schizophrenen Psychose, in der man zum Beispiel denkt, dass die Nachbarn einen abhören oder man die Nachbarn den ganzen Tag über einen lästern hört, obwohl die gar nicht da sind.

  3. Ich finde es interessant, dass du schreibst, dass Neuroleptika wahrscheinlich kontraproduktiv sind. Tatsächlich tauchen bei mir diese pseudohalluzinationen oft ausgerechnet in Therapiestunden auf. Ich sehe zb „jemanden“ hinter der Therapeutin, manchmal nur Schatten sich bewegen, manchmal ganz deutlich eine Person. Auch Körperempfindungen treten auf usw. Die Wände verändern sind, alles wird eng und dunkel usw und das Gesicht der Therapeutin wird anders.

    Die Therapeutin redet dann immer sofort von Medikamenten. Deshalb mag ich ihr das gar nicht mehr sagen, wenn das auftaucht. Obwohl ich auch festgestellt habe, dass darüber reden und gemeinsam Realität überprüfen am besten hilft. Wobei ich in den meisten Fällen weiß, dass es nicht wahr sein kann. Angst macht es trotzdem.

    Ich habe Neuroleptika nur einmal über einen gewissen Zeitraum ausprobiert. Ist eigentlich keine Option für mich. Manchmal scheint sich die Therapeutin vielleicht zu wünschen, man kann etwas einfach mit ein paar Pillen wegzaubern.

    • Was du beschreibst, kenne ich nur zu gut. Ich denke es ist auch ganz normal, dass diese Zustände in der Therapie vermehrt auftauchen, weil man dort ja auch im entsprechenden Traumamaterial rumstochert. Ich finde es immer wichtig ggf. die Funktion hinter diesen Pseudohalluzinationen zu verstehen, weil das wichtige Hinweise für den Umgang liefern kann. Wozu führen diese Wahrnehmungen? Kann dann beispielsweise nicht mehr weiter geredet werden? Sollen sie das worüber gerade geredet wurde, unglaubwürdiger machen oder zu Zweifeln an der eigenen Wahrnehmung führen? Verschließen sie etwas im Innen und weshalb muss das in diesen Momenten so sein? Erschüttern sie das Vertrauen in die Therapeutin, weil manche Innenpersonen dann den Eindruck bekommen sie hat mit Tätern zu tun? Oder wäre es aus einem bestimmten Grund besonders wichtig diese Fragmente mal anzuschauen und sie tauchen deshalb in der Therapie auf?… Möglichkeiten gibts da natürlich noch viel mehr.

      Schade, dass deine Therapeutin darauf direkt mit dem Vorschlag von Medikamenten reagiert. Könnt ihr vielleicht ansprechen, wozu das bei euch führt und dass es viel wichtiger wäre das weiterhin sagen zu können und dann gemeinsam nach dem Ursprung und der Funktion dieser Wahrnehmungen zu schauen? Manchmal brauchen ja auch Therapeuten etwas Starthilfe im Verständnis von gewissen Zuständen…😉

      Hast du denn mit den Neuroleptika überhaupt irgendeine Veränderung an deinen Symptomen gespürt?

      Liebe Grüße,
      Sofie 😊

      • Liebe sofie, ich kann das nicht so klar beantworten, ob ich etwas gemerkt habe, durch die Neuroleptika. Ich habe sie in der Klinik bekommen. Irgendwie ist dort ja sowieso alles anders. Ich habe keine Verbesserung gemerkt, aber es ging mir dort sowieso zu dieser Zeit sehr schlecht. Als ich wieder zu Hause war, habe ich die Tabletten ziemlich schnell abgesetzt, weil sie mir so müde und träge machten, dass an Alltag mit 2 kleinen Kindern nicht mehr zu denken war. Und es kamen andere Nebenwirkungen dazu, die ich so nicht weiter tragen wollte.

        Danke für deine Gedanken zu meiner Situation in der Therapie. Ja. Leider ist es so, dass die Therapeutin mit mir mit lernt sozusagen. Nicht einfach, nicht ideal. Aber so ist es eben.
        Ich glaube, jetzt hat sie eine erfahrene Supervisorin an der Hand. Es verändert sich gerade einiges. Mal sehen, ob ich auch damit wieder offener sein kann. Die letzten Monate habe ich es nicht mehr gesagt, wenn so etwas war. Aber du hast recht. Es hätte ja trotzdem seine Auswirkungen. Es hat mich am Sprechen gehindert, oder am Denken. Diese Zustände sind ja sehr mächtig. Danke und herzliche Grüße!

    • Wegen der Dinge, die du beschreibst, würde ich auch auf keinen Fall zu so schweren Medikamenten wie Neuroleptika greifen, weil das einfach ganz weit von einer Psychose entfernt ist. Manche melden ja einen Erfolg bei Flashbacks durch Neuroleptika, aber bei mir muss ich sagen, dass sie gegen die Schizophrenie ganz gut helfen, aber bei Flashbacks überhaupt nicht.

      • Ja, die Erfahrung hab ich auch gemacht. Wurde in ner Klinik gegen die dissos und flashbacks mit abilify behandelt. Sogar eine recht hohe Dosis. Hat nicht viel gebracht außer Nebenwirkungen.

        Danke, dass du das nochmal so schreibst. Du hast ja beides und kannst das sicher gut vergleichen.
        Wobei man es auch manchmal liest, dass es hilft. Sonrisa zb nimmt Neuroleptika gegen die ptbs und Dissoziationen.

      • Also meine Mitbewohnerin, die hat auch ne PTBS und nahm deswegen 30 mg Abilify und ihr hat das 0 gebracht auch. Die konnte das auch einfach absetzen (das könnte ich wegen der Psychose niemals) und es machte ihr überhaupt nichts aus. Die PTBS wurde nicht schlechter und sie hat auch sonst keine Entzugssymptome gehabt.
        Ich bin da auch nicht so nen Freund Neuroleptika off-label einzusetzen, weil diese Medis extrem heftige Langzeitfolgen haben können…
        Dann lieber ab und an mal nen Benzo bei Flashbacks (halt nur nicht dauerhaft), meiner Meinung nach

      • Ja, so ging es mir auch. Aber man probiert es halt aus, wenn die Ärzte der Meinung sind, dass das auf jeden Fall hilft…. 🙄

      • Also die Neuroleptika ändern auch nix an meinen Flashbacks, ich habe die trotzdem. Wahrscheinlich ist das auch Hilflosigkeit seitens der Ärzte, von denen ja auch irgendwie erwartet wird, dass sie das irgendwie wegmachende können.

  4. Liebe Sofie,

    Ich bin hier gerade mehr zufällig auf diesen älteren Beitrag von Dir samt der Kommentare gestoßen.
    Z.T. beruhigt mich das geschriebene und rein fachlich weiß Ichsucht, dass das, was du zu den Unterscheidungskriterien schreibst, stimmt.
    Dennoch bleibt die Angst fü4 verrückt gehalten zu werden, wenn wir von den Wahrnehmungen mancher zu gewissen Zeiten sprechen.
    Es gab vor kurzem eine Therapiesitzung in der wir sehr in Flashbacks gerutscht sind,.
    (Um ein paar Beispiele der vorhandenen Wahrnehmung zu nennen: Blut an den Wänden, die Überzeugung über Steckdosen im Zimmer abgehört und gefilmt zu werden, die Therapeutin als Dämon gesehen.)
    Mit etwas Abstand zudem Sitzung kann ich jetzt mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass die Dinge, die wahrgenommen wurden, nicht da waren. Aber: innen ist die Überzeugung, dass diese Dinge real sind, dadurch nicht aufgehoben. Innen ist Widerstand gegen die Fortsetzung der Therapie gewachsen und die Überzeugung, dass sie im Kontakt mit den Tätern steht, gewachsen.
    Ich hingegen weiß, dass die Täter von damals sämtlich verstorben sein müssen.
    Versteht.ihr was ch meine? Kennt ihr ähnliches?
    Ich finde damit gerade keinen guten Umgang.

    Sanne

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