Bienenbalkonmut und Kaffeeauszeit

Draußen vor dem Fenster fallen große Regentropfen zu Boden. Mit erdigen Händen haben wir es gerade vor dem Schauer noch ins Innere geschafft. Schaumige Seife und warmes Wasser spülen gleich die Reste des Pflanzsubstrates von den Fingern. In der Küche wartet Kaffee auf uns. Erschöpft, aber auch ein bisschen zufrieden ziehen wir uns auf das Sofa unter die warme Decke zurück. „Mission Bienenbalkon“ für heute erfolgreich beendet. Doch wie hat sie angefangen?

Die letzten Wochen waren wir kaum vor der Tür. Ängste und Flashbacks machten uns das Alltagsleben schwer. Einkaufen war unmöglich und Menschenkontakt über alle Maßen überfordernd. Heute morgen stand ein Besuch bei der Rheumatologin an. Ausgemacht hatten wir den Termin dafür schon weit vor unserer Reha. Absagen wäre zwar theoretisch möglich gewesen, praktisch wollten wir ihn aber gerne wahrnehmen, weil die Behandlung unserer Körperschmerzen sicher auch für die Psyche förderlich ist. Dort war alles schnell erledigt. Unterwegs waren wir nun schonmal. Wieso also nicht die Gunst der Stunde nutzen und sich an einem kleinen Einkauf versuchen!? Wir entschieden uns deshalb kurzerhand die ersten Schritte in die Zivilisation in einem Gartencenter zu wagen. Dort wären am Vormittag sicher nicht viele Menschen, die Pflanzen und Blumen wirken stabilisierend für uns und geben uns Orientierung und wir könnten am Ende sogar in unserem Zuhause für etwas neue und schöne Stimmung sorgen. Schon über die letzten Monate war in uns das Vorhaben gereift in diesem Jahr einen Insekten- und Bienenfreundlichen Balkon einzurichten. Die Vorstellung davon bereitete uns Freude.

Wir durchstreiften mit pochendem Herzen und zitternden Knien die Gänge. Irgendwie war mehr los, als wir erwartet hatten. Da hatten wir wohl die magnetische Wirkung des Frühjahrs auf die anderen Besucher unterschätzt. Die Bepflanzung für einen schönen Balkonkasten wollten wir dennoch mit nach Hause nehmen. Mitten im Laden blieb ich stehen und atmete einmal tief ein und aus. Etwas Anspannung ging. In meinem Kopf begannen zum ersten Mal seit langem bestimmte Innenpersonen wieder mit mir zu reden. Ich spürte etwas. Es schien als rührten die zarten Blüten von Geranien, Petunien und Co. an unserer Seele und schafften etwas Raum für Kontakt mit uns selbst. Der Duft verschiedener Kräuter stieg uns bald in die Nase und inmitten des Meers an pflanzlichen HeilerInnen um uns herum rollte eine stumme Träne über unsere Wange.

Im Einkaufswagen landeten für unseren Balkonkasten schließlich Elfenspiegel, Thymian, Zuckererbse und Moossteinbrech. Dazu packten wir noch ein paar Samen für Wicken ein. Ihr Duft und das fröhliche Spiel der Insekten an ihren Blüten begeisterten uns schon im letzten Jahr. Außerdem ranken sie wunderbar am Katzennetz empor und begrünen damit die Maschen. Ein kleiner Sichtschutz entstand so all-inclusive. Den können wir auch in diesem Jahr wieder brauchen. Zu Hause angekommen durften die kleinen Pflänzchen direkt in den vorgesehenen Kasten einziehen. Er ist so schön geworden, dass er uns ein Lächeln auf die Lippen zaubert, wann immer wir gerade aus dem Fenster schauen. Das Angießen konnten wir uns sparen. Diese Pflege übernahm heute der Himmel für uns. 😊 

Genüsslich schlürfen wir an unserem Kaffee. Die kleinen Innens beißen vom Marmorkuchen ab. Unsere Finger riechen noch zart nach Thymian und Erde. Ein klitzebisschen sind wir stolz auf uns. Die Anstrengung hat sich gelohnt. In den Augen der Elfenspiegel glitzert Hoffnung. Vielleicht kann das Leben doch wieder besser werden… Es kann neu wachsen, wie unser Balkon.

10 Kommentare zu “Bienenbalkonmut und Kaffeeauszeit

  1. Oh wie schön zu lesen. Wie schön eure kleine kleinen Schritte ins Leben wieder zu fühlen. Danke, dass ihr uns teilhaben lässt.
    Ich habe oft an euch gedacht.

  2. Ja, Blumen…. Erde, das „erdet“ und für die armen Insekten – vor allem Bienen muss was geschehen. Mein Blauregen wollte grad zu blühen anfangen, bevor der Regen kam. Hoffentlich geht es ihm gut….ich war jetzt Tage nicht draußen im Garten (ist nicht am Haus) aber morgen soll es erst mal vorbei sein mit dem Regen. 19 Grad und Sonne – lechz….. Schön, dass Du wieder da bist…. mit Deinen Innens….
    Liebe Grüße
    Melinas und….

    • Ich hoffe ein paar Knospen von euerem Blauregen sind dem Regen vielleicht geschlossen entkommen. Es sieht jedes Jahr so wunderschön aus, wenn er in den Nachbargärten blüht. Ich wünsch dir ganz viel schöne Zeit unter seinen Ranken. 😊

      Liebe Grüße,
      Sofie

  3. Liebe Sophie,
    ich mag deine Geschichten und deine Worte- viele sind so zart … wie Blütenblätter. Vor allem mag ich diesen Satz: „In den Augen der Elfenspiegel glitzert Hoffnung.“
    Ja!
    Ich liebe den Elfenspiegel. Und ich freue mich für euch, wenn du wieder mehr Kontakt zu deinen Innies hast.
    Ganz liebe Grüße,
    Silvia

    • Danke für die liebe Rückmeldung! 😊 Wir hoffen du hast dann auch Elfenspiegel in deiner näheren Umgebung, dass du ihn öfter einfach mal anschauen und dich daran freuen kannst.

      Ganz liebe Grüße zurück,
      Sofie

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