Ein Teil der Geschichte

Die dicke grüne Kerze flackert in der Laterne auf dem Balkon. Heute erst habe ich die grau-braune Winterkerze ausgetauscht. Sie hat nun ausgedient. Als ich hinspüre merke ich, dass sich die Stimmung dadurch verändert. Es ist fast, als würde die frische Farbe der neuen Kerze das Leben aus der Natur um sie herum aufgreifen und mit ihrem Licht vor Freude strahlen. Die beiden Katzen sitzen vor der Tür und beobachten den Garten. Für einen Moment überlege ich, ob ich mich zu ihnen an die kühle Luft geselle. Immer wieder schleicht ein kleiner Tiger zu mir herein, grüßt mich kurz mit einem Nasenstupser und zieht dann wieder davon. Langsam fröstelt mich auch im Innenraum. Wichtig ist nämlich: Hauptsache die Tür bleibt offen! Geschlossene Türen veranlassen die Katzen zu lautstarkem Protest. Da ich mir das ewige auf und zu ersparen wollte, zittere ich nun also unter einer dicken Decke. Immerhin darf ich in ihrer Wohnung wohnen und bin dankbar für das Asyl, das mir die Katzengötter gewähren.

Um eine kuschelige Decke sind auch die beiden nie verlegen, wenn sie von ihren Streifzügen zurückkommen und ihren kalten Po darunter wärmen können. Ich teile sie gerne und lausche dabei dem beruhigenden Schnurren. Angeschmiegt erzählen sie dann stumm von ihren Abenteuern. Dabei halten wir ihnen die Pfoten, streicheln zart durch das weiche Fell oder schließen einfach nur die Augen und kommen im Jetzt an. Nun aber steige ich zunächst in meine warme Hose, ziehe mir eine Jacke über und trete zu Ihnen hinaus. Obwohl ich bekennende Nichtraucherin bin, zünde ich mir heute eine Zigarette an. Auf dem Gartensessel nehme ich den ersten tiefen Atemzug. Meine Lungen sind alles andere, als an das Nikotin gewöhnt und wehren sich mit Hustenreiz. Dennoch entspannt es mich, den Dunst einzuatmen. Vermutlich ist das weniger eine direkte Wirkung des Nikotins, als vielmehr die psychische Auszeit, die ich mir damit verschaffe.

Während ich mich umsehe, fällt mein Blick auf das kleine Beet. Das Grablicht darin kämpft mit dem Wind um’s Überleben. Auch wenn es nicht so aussieht, ist die Erde an dieser Stelle leer. Die Ruhestelle erinnert still an eine der schmerzlichsten Wunden in uns. Es denkt an einen kleinen Menschen, den niemals jemand vergessen wird, weil er nie offiziell auf dieser Welt weilte und doch hat er ein Loch in uns hinterlassen. Wir brauchen diese Art des Abschiedes und einen Ort zum Trauern.

Eine kleine fordernde Katzentatze zupft leicht an unserem Knie. Hunger. Wieder in der Wärme schließen wir die Tür hinter uns und versorgen die beiden Lebewesen, die unser Herz täglich voller Liebe und mit lustigen Flausen im Kopf bereichern. Sie pföteln nach unseren Zehen, wenn wir sie nicht weit genug unter der Bettdecke verstecken, spielen Fangen und hopsen mit aufgestelltem Schwanz vor uns her, wenn sie der Übermut packt. Sie zeigen uns auch in den dunkelsten Stunden, wie sehr sich Leben lohnt. Manchmal liegen Freud und Leid nah beieinander. Die grüne Kerze flackert in der Abenddämmerung dem Grablicht zu. Der Tag geht zu Ende. Nur ein paar Stunden dauert es bis zum Neubeginn. Durch die Nacht trägt die Hoffnung und das sichere Wissen, dass sie nicht für immer bleibt.

13 Kommentare zu “Ein Teil der Geschichte

  1. Tut mir so leid um das kleine Wesen. Und sende euch viel Wärme rüber.

    Die Katze Götter machen gute Arbeit, leider fühle ich eure Trauer trotzdem, kann die Tränen beinahe sehen…
    Ganz viel Kraft euch und wenn ihr mögt eine liebe Umarmung oder zumindest unsere Hand…

  2. Zu dem Asyl bei den Katzengöttern ist mir was eingefallen. Als ich meinen letzten Kater in einem Asyl für Katzen fand und ihn mitnehmen durfte, erzählte mir die Katzenfrau eine kleine Begebenheit:
    Ein Mann und eine Frau hatten auch davor eine Katze von dort bekommen und die Katzenfrau fragte eine Weile nach, wie es dem Ehepaar und der Katze ging ob sie sich schon eingewöhnt hätte…. und der Mann sagte: „Ja, gut, sie fühlt sich wohl – aber sie wohnt nicht bei uns – wir wohnen bei ihr.“

  3. Danke fürs Mitnehmen in diese melancholische Abendstimmung, Ich spüre die Kühle, höre die Katzen schnurren und sehe den Kerzenschimmer. Und fühle die Trauer, die zu dem kleinen leeren Grab gehört.
    Alles Liebe dir, Sofie.

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