Wo lebst du dein „Viele-Sein“?

Die lieben Lunis von „Ein:T:Raum:A:partment“ haben sich auf ihrem Blog in einem tollen Beitrag mit dem Thema auseinandergesetzt, wo und wie sie das Viele-Sein ausleben. Die davon abgeleitete Fragestellung „Wo lebst du dein „Viele-sein?“ fanden wir persönlich sehr spannend. Im Innen gingen wir ganz unterschiedlich damit in Resonanz. Davon inspiriert ist nun dieser Blog-Artikel entstanden, der unser Erleben dazu widerspiegelt. Wir haben hier bewusst ausgeklammert, wo wir mit der DIS offensichtlich für das Außen erkennbar werden. Uns ist aber wohl bewusst, dass die Frage in ihrem Ursprung den Aspekt beinhaltet.

Unsere erste Reaktion auf die Formulierung der Frage „Wo lebst du dein Viele-Sein?“ war tatsächlich Irritation. „Wie, wo leb ich das? Wir sind doch immer viele!“ Die Reaktionen im Innen drücken zunächst eines ganz deutlich aus: Viele-Sein ist kein Life-Style-Element, dass wir mal ausleben und mal nicht. Egal was wir tun, unsere Persönlichkeitsstruktur als komplexes System spielt immer eine Rolle. Sämtliche Bereiche unseres Lebens sind davon betroffen. Im Grunde gibt es also eine schnelle Antwort: „Immer.“

Wenn ich als Alltagsperson den Einkauf wuppe und zur Arbeit gehe, dann kann ich das nur deshalb tun, weil wir viele sind. Sonst gäbe es mich gar nicht. Wenn ich funktioniere, wie ein Hamster im Laufrad, lebe ich unser Viele-Sein, weil wir sonst nach der massiven Traumatisierung gar nicht funktionieren könnten und ich die Person bin, die nunmal dafür zuständig ist. Ich bin im Grunde nur eine Innenperson mit der Aufgabe „Alltag“ und lebe damit entsprechend ein Stück unserer „Vielseitigkeit“ aus. Dafür ist es nicht zwingend notwendig als Dreijährige eine imaginäre Krabbelgruppe zu eröffnen. Natürlich gibt es Kinder im Innen, die ihre Bedürfnisse haben und spielen wollen. Das sollen und dürfen sie auch. Dennoch bedeutet Viele-sein im Alltag für uns so viel mehr. Wenn wir um die Maske der „Normalität“ eines „Unos“ ringen, leben wir unser Viele-Sein. Denn ohne DIS, müssten wir das gar nicht in der Form. Wenn uns ein Gespräch überfordert und ich einen „Black out“ habe, weil ein Trigger mich dissoziieren lies, leben wir Viele-Sein. Wenn ein wichtiges Telefonat ansteht und eine klare, logische Person es übernimmt, leben wir unser Viele-Sein. Wenn ich morgens vor Panik nicht aus dem Haus gehen kann, weil eine Innenperson Angst davor hat, leben wir unser Viele-Sein, denn ich persönlich habe keine Angst davor. Wenn wir zweifeln, innere Kämpfe austragen und um Wissen zu unserer Biographie ringen, leben wir unser Viele-Sein, denn es gibt die, die wissen was geschehen ist und die, die es nicht wissen. Wenn wir das Bad als früheren Gewaltschauplatz nicht betreten können und Spiegel meiden, leben wir unser Viele-Sein. Wenn wir unendlich traurig sind und gleichzeitig aus vollem Herzen lachen, leben wir unser Viele-Sein. Es gibt unzählige weitere Beispiele für alltägliche Begebenheiten, in denen unsere Multiplizität eine Rolle spielt. Das gilt unabhängig davon, ob auch äußere Menschen einordnen können/dürfen, dass unser Verhalten und Fühlen von mehreren Personen im Innen abhängt. 

Wenn wir uns mehr dem Aspekt der Sichtbarkeit nach Außen zuwenden, würden wir sagen, dass unser Viele-sein überwiegend nicht auffällt. Das ist aber auch gut so. Ich will ja gar nicht, dass jeder weiß, dass er es mit der Alltagsperson eines multiplen Systems zu tun hat. Auch wenn wir das manchmal vertuschen oder es aus antrainierten Verhaltensmustern nicht sichtbar sein darf, leben wir aber Viele-Sein. Wir hätten das Problem sonst schlicht nicht, dass Innenpersonen sichtbar sein wollen, aber es zu wenig können/dürfen. In Freundschaften und engen Beziehungen hingegen finden wir es elementar, dass unser Gegenüber zu unserer Geschichte und dem inneren Erleben bescheid weiß.

Wenn man viele ist, ist man es in jedem Moment seines Lebens, ob man nun möchte oder nicht. Egal, ob man es selbst (schon) weiß, es nach außen erkennbar wird oder nicht. Man lebt es in jeder Sekunde, weil man gar nicht anders kann. Die Frage „Wo lebst du dein Viele-Sein?“ empfinden wir, als würde man einen „Uno“ fragen, wann er denn seine „Einfältigkeit“ lebt. Bei letzterem wäre die Antwort wohl klar. Er kann ja gar nicht anders, als nur eine Person zu sein. Genau so wenig können wir nicht viele sein. Viele-Sein ist ein grundlegendes Muster der Persönlichkeitsstruktur. Wenn man Viele ist, kommt man nicht drum herum entsprechend wahrzunehmen, zu denken und zu handeln. Man tut es. Auch dann, wenn man leugnet, im innen nichts wahrnimmt und an die glückliche Kindheit glaubt. Dissoziationbedingt lebt man in eng begrenzten Ausschnitten der Wirklichkeit, die sich erst über fortschreitende Kommunikation mit dem Innen ausweiten und schließlich zu einem Ganzen ergänzen. 

16 Kommentare zu “Wo lebst du dein „Viele-Sein“?

  1. Oh man Sofie, ich erlebe dich/euch immer als so weise, so weit. Es klingt so wahr, tiefsinnig und voller Erfahrungen was ihr mit uns hier teilt. Ich werde dann immer wehmütig weil ich/ wir noch so weit davon entfernt bin/ sind. Ich hätte so viele Fragen an dich und oft wünschte ich mir mit dir einfach einmal plaudern zu können. Ich bin sehr froh über euren Blog hier und eurer teilen. Vielen Dank dafür!! Liebe Grüße A.

    • Oh Gott, „weise“… 🙈 Unsere Sicht der Welt ist einfach nur eine von vielen und nicht richtiger oder weiter als die anderer.

      Wir haben alle irgendwann mal mit der Auseinandersetzung angefangen. Wenn wir so einen Beitrag schreiben, denken wir darüber nach und versuchen unser Erleben möglichst kompakt und verständlich zusammenzufassen. Im Alltag ist das längst nicht immer alles so reflektiert und wir hadern mit ganz vielen Dingen. Ich bin sicher, dass ihr schon ganz viel wisst und mit euch in Kontakt seid. Kopf hoch! Vielleicht schaut ihr mal, was ihr schon alles zusammen geschafft habt. Sicher eine ganze Menge! Erfahrung kommt mit der Zeit von selbst. 😊

      Fragen dürft ihr jederzeit gerne hier stellen. Plaudern geht derzeit leider noch nicht, aber wer weiß, vielleicht sind wir irgendwann tatsächlich ansprechbar. Zumindest könnten wir uns das vorstellen. Falls ihr Mailen wollt, geht das aber schon jetzt jederzeit. Es wäre dann nur günstig, wenn ihr mir einen kurzen Kommentar hier hinterlasst, dass ihr geschrieben habt, sonst dauert es unter Umständen ewig, bis ich mal meine Mails abrufe.😉

      Liebe Grüße und einen schönen Abend! 🦋

      • Danke für die liebe Antwort 🤗🤗 vielleicht schaffe ich es irgendwann darauf zurückzukommen 👋

  2. Liebe Sofie. Das, was du hier geschrieben hast, ist die logische Fortsetzung von unserem Beitrag, in dem wir uns natürlich nur darauf beschränkt haben, vor wem das so sichtbar sein darf, dass es „auffällt“, dass jemand akut darauf schließen kann, dass da gerade jemand ganz anders ist.
    Das man das im Inneren immer lebt, ja gar nicht anders kann, es in jeder Sekunde des Lebens da ist, eine Rolle spielt, Balance braucht, Diskussionen, Regulieren, Durcheinander, Zeitverluste, Dissoziationen und und und und….war mir so natürlich, dass ich nicht auf die Idee gekommen bin, das irgendwie ausdrücklich dazu zu sagen. Daher danke für diesen wertvollen Beitrag, den ich genau so mit unterschreiben möchte, wie er hier steht.
    Darf ich den Link als weiterführende Gedanken unter meinen Beitrag setzen?

    Liebe Grüße von den lunis

    • Na klar, darfst du! 😊

      Uns war umgekehrt bklar, dass wir damit euere Aspekte von Sichtbarkeit raus lassen und den Text eigentlich darum erweitern müssten. Insofern ergänzen sich die Beiträge nun perfekt. 🙂

      Liebe Grüße,
      Sofie

  3. Hallo Ihr Lieben,

    ich habe die Frage tatsächlich anders verstanden: Nämlich eher als „wo alle sein dürfen“.
    Die Alltagsperson managt größtenteils den Tag, genau. Aber immer wieder kommen Kleinere mit ihren Bedürfnissen nach vorn. Es ist dann anstrengend, sie dennoch im Hintergrund zu behalten. Deswegen ist Zeit, wo sich alle „frei bewegen“ dürfen auch so wichtig für uns. Alles andere erzeugt auf Dauer enorme Anspannungen, welche in Krisen enden.

    Viele Grüße aus der Himbeersplitterei

    PS: Ja, Viele ist IMMER da!

  4. Hallo Sofie, ich lese alle Deine Artikel, aber für diesen hier möchte ich mich ganz besonders bedanken. Ich wurde seit der Diagnose oft angesprochen, warum ich das Bedürfnis hätte, die DIS so zu verstecken. Ich habe mich selbst oft gefragt, warum dieses Doppelleben für mich sein muss: so funktional sein und gleichzeitig so … traumatisiert (was auch dazu führt, dass man einem das Trauma nur bedingt glaubt, weil zu funktional? Oder das Funktionale nicht glaubt, weil zu viel Trauma? … alles erlebt in den letzten beiden Jahren). Für mich war das eine sehr wichtige Erkenntnis, dass ich auch in funktionalen Momenten DIS lebe (und nicht versuche, sie zu verleugnen, wie mir auch schon vorgeworfen wurde) – denn genau so ist es! Danke für Deine Mühe, Deine Gedanken hier niederzuschreiben! Ganz lieben Gruß s.

    • Hallo Sonrisa,
      vielen Dank für deine Rückmeldung! 😊

      Ja, der Jammer mit den Klisches, wie man als schwersttraumatisierter Mensch sein müsste, ist wirklich traurig und anstrengend. Gut, wenn dir die Erkenntnis, dass die DIS immer da ist, geholfen hat, damit umzugehen.

      Diese Interpretationen von Funktionalität in der Außenwelt sind teilweise wirklich Haarsträubend und gefühlt kann man es auch nie richtig machen. Wenn man funktional ist, kann das Trauma nicht so schlimm sein, aber wenn man nicht mehr funktional ist, soll man sich gefälligst am Riemen reißen und funktional werden. 🤷‍♀️ Komische Welt bei den Unos manchmal. 😉🙃

      Ganz liebe Grüße,
      Sofie

      • Hm, nicht komische Welt bei den Unos, eher kreatives schwarzer-Peter-zuspielen, um nicht arbeiten / nachdenken / kreativ sein zu müssen als Helfer (Patient ist schuld ist halt viel bequemer). lg s

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