Energieschub für die Seele

Wieder beginnt ein neuer Tag. Wie so oft in letzter Zeit zieht es mich auf den Balkon. Mir fällt auf, dass ich im heimischen Grün anscheinend besonders gut denken und bei mir ankommen kann. Viele Stunden habe ich in den letzen Tagen und Wochen dort verbracht, kleine Flugwesen beobachtet und Erinnerungen an mir vorbeiziehen lassen. Lange bleibe ich heute jedoch nicht draußen. Der Wind kühlt zu sehr. Obwohl mein Herz Anfang Juli noch auf Sommer wartet, fühlt er sich schon leicht herbstlich an. Eigentlich möchte ich zu dieser Jahreszeit nur in weiten Kleidern und luftigen Röcken herumlaufen. Entsprechend wehre ich mich innerlich gegen eine warme Weste.

Als hätte die Sonne mich verstanden, brennt sie wenig später vom Himmel und wiegt die frischen Windbewegungen auf. „Akku leer“ vermeldet das Tablet. Das hätte heute gut nicht nur eine Statusanzeige für den Batteriebetrieb sein können, sondern ein aussagekräftiger Hinweis auf meinen Gesundheitszustand. Wofür irgendwelche  „Health“-Tracker, wenn es auch die Akkuwarnleuchte tut!? Wie selbstverständlich stehe ich auf und erlaube dem elektrischen Minicomputer eine Portion Energie aus der Steckdose. Während sein Befinden schnell von rot auf grün wechselt, frage ich mich, wie man eigentlich überanstrengte Seelen wieder auflädt. Die Steckdose erscheint dabei als maximal ungeeignet. Im besten Falle stünden mir nur wie im Comic die Haare zu Berge und ich müsste über mein verrußtes Gesicht lachen, im schlechteren und leider viel wahrscheinlicherem Fall wären zwar alle Probleme mit einem Griff gegessen, aber das Leben eben auch. Was also ist die Energiepipeline für unsere Seele? 

Die positiven Effekte von Musik bleiben tatsächlich nie aus, wenn ich mich dazu aufraffen kann, mal wieder etwas zu üben. In schwer depressiven Momenten stellt das eine echte Herausforderung dar. Gelingt das, erreichen ihre Vibrationen meinen Akku. Der Körper löst sich aus der Starre und fängt an mitzuschwingen. Ähnlich ergeht es uns mit anderen Formen von Kreativität. Wir brauchen oft Dinge die unsere Seele bewegen. Dabei ist das genutzte Medium weniger entscheidend. Manchmal spielen wir mit Worten und Sprache, Texten oder schreiben Gedichte. Ein anderes Mal reizt uns das Malen mit verschiedenen Farben oder wir Formen mit unseren Händen einen Tonklumpen lebendig. 

Im Gegensatz zu den Bedürfnissen des Elektronikkrames fällt es uns extrem schwer, unsere eigenen überhaupt anzuerkennen. Im Innen leuchtet kein Warnlämpchen und wenn es das tut, nehmen wir es noch lange nicht ernst. Wir haben unsere liebe Not damit uns einen Tankstopp für die Seele zu erlauben, bevor wir übel im totalen „Burnout“ gestrandet sind und gar nichts mehr geht. Die Stimmung schwingt dann scheinbar plötzlich von „Nicht so schlimm“ auf „Wir wollen nur noch sterben“ um. Was wir häufig übersehen, ist, dass es dazwischen eine mehr oder weniger lange Phase gibt, in der wir all unsere Gefühle unterdrücken. Das geht solange gut, bis wir sie gebündelt vom Leben zurücküberreicht bekommen. Es ist nicht leicht die Kapazitäten des inneren Akkus abschätzen zu lernen, wenn seine Leistungsfähigkeit ein ganzes Leben lang so katastrophal überschritten wurde. 

Ich nehme zwei tiefe Atemzüge von der frischen Balkonluft. Die Sonne hat an unseren Energiespeichern angedockt und kitzelt die Lebensfreude. Ich merke, dass manchmal kleine kurze Momente auch etwas bewirken. Häufig erscheint mir Selbstfürsorge furchtbar kompliziert. Vielleicht liegt die kleinste Portion schon in einem tiefen Atemzug. 

3 Kommentare zu “Energieschub für die Seele

  1. Schöne Gedanken… fein aufnotiert.
    Da wir keine Maschinen sind wie Tablets und Laptops die ihre Lebensakkus einfach eine Weile an die Stromdose hängen und dann unbeseelt weitermachen, haben wir vor allem die Nacht und den Schlaf und die Träume zum erholen… nicht immer lädt der Nachtschlaf optimal, vor allem den Seelenakku.
    Herzliche Morgengrüße vom Lu

Kommentar verfassen: Entscheidest du dich für das Absenden eines Kommentars wird deine IP-Adresse, deine E-Mail-Adresse, dein Name und ggf. deine angegebene Webseite in einer Datenbank gespeichert. Mit dem Klick auf den Button "Kommentar absenden" erklärst du dich damit einverstanden.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.