Prozessorientierung vs. Zielorientierung in der Therapie

In den letzten Tagen haben wir uns mal wieder mit der grundsätzlichen Therapieausrichtung beschäftigt. Wir haben versucht mit uns in Kontakt zu kommen und hinzuspüren, was wir an dieser Stelle brauchen. Dabei ploppte auch die Frage auf, woran sich gute Therapie für uns derzeit orientieren muss. Große Unterschiede macht es für uns, ob prozessorientiert oder zielorientiert gearbeitet wird. Mit den Vor- und Nachteilen der jeweiligen Ausrichtung befasst sich nun dieser Artikel.

Wesentlich häufiger stößt man auf zielfokussierte Therapieverläufe. Das ist nicht verwunderlich, denn das gesamte Gesundheitssystem ist schon allein aufgrund der Kassenfinanzierung resultatorientiert. „Was möchten sie denn erreichen“, fragt der Therapeut nicht selten schon in der ersten Stunde oder „Woran würden sie denn merken, dass diese Therapie erfolgreich ist?“. Sobald eine Antwort gefunden ist, geht es an die Umsetzung. Ist das Problem zu groß, um direkt zum erwünschten Endpunkt zu gelangen, wird der Weg in kleinere Schritte unterteilt. Dann suchen Therapeut und Klient gemeinsam nach dem bestmöglichen Weg, um dieses Ziel zu erreichen. Man läuft möglichst geradlinig von A nach B. Im Bezug auf manche Problemkonstellationen macht das für uns auch Sinn so zu denken. Geht es etwa um die Beendigung von Gewalt gilt „Je schneller, desto besser“. Einen tragfähigen Plan zu entwickeln ist an der Stelle sicher zunächst hilfreich. 

Nun gibt es aber auch Situationen, in denen wir dieses Vorgehen als hinderlich erleben. Gerade wenn starke Dissoziation und Spaltung an einer Problematik beteiligt sind, kann man oftmals gar kein Ziel festlegen, weil derart viele persönliche Informationen fehlen, dass unklar ist wohin die Reise gehen soll oder die Ziele ständig wechseln, je nach den Innenpersonen, die aktuell weiter vorne mitmischen. In dem Fall ist Zielorientierung frustrierend, weil schnell der Eindruck entsteht, dass man keinen Schritt weiterkommt. Mit dem Ziel hat man den gewünschten Ausgang der Therapie praktisch vorweggenommen und arbeitet sich anschließend daran auf, wenn sich der Weg dorthin nicht finden lässt. Gleichzeitig betont man mehr oder weniger bewusst bei diesem Vorgehen ständig, dass etwas jetzt noch nicht gut an einem selbst ist, sondern erst wenn man am Wunschpunkt angekommen ist. Der Grundgedanke beruht immer darauf etwas an sich ändern zu müssen, dass Heilung eintritt. Zudem ist Zielorientierung stark kognitiv ausgerichtet. Überlegen, planen, überdenken, hinterfragen, Wissen aneignen, reflektieren… alles tolle Tools, um im Erwachsenenalltag zurecht zu kommen. Das Problem ist nur, dass meistens die kognitive Ebene nicht das Problem ist. Häufig weiß man ja, woher ein destruktives Muster kommt, es ist klar, dass es im Heute keinen Sinn macht und dennoch kann man es nicht lassen, weil es um (kindliche) Emotionen geht. Die werden aber nicht ausreichend gewürdigt, denn sie sollen ja weggemacht werden. Man will sich beispielsweise nicht mehr depressiv oder wütend fühlen. Statt die Gefühle tatsächlich zu verarbeiten, bleiben sie ungewürdigt im Körper stecken und verhindern dort unbewusst die Zielerreichung, weil man an der Ursache vorbei agiert.

An dieser Stelle kommt nun die Prozessorientierung ins Spiel. Wir haben den Eindruck, dass dieses Vorgehen Therapeut und Klient oft mehr Überwindung kostet. Es verlangt ein Stück Hingabe an den Weg und das Vertrauen in die Selbstheilungstendenzen in uns. Prozessorientierung kennt das Ziel nicht. Es geht nicht darum etwas wegzumachen, sondern um eine liebevolle Art sich innerlich kennenzulernen, mit allem was da ist und daraus den nächsten Schritt aus einem inneren Gespür entstehen zu lassen, statt ihn vorweg zu nehmen. Innere Wertschätzung steht im Mittelpunkt und ermöglicht eine Art Nachreifen. Man ist gut, wie man ist – schon jetzt. Vorteil: Es gibt im Grunde keine Rückschläge und kein Versagen, weil alles erlaubt ist. Man kann sich beispielsweise dem traurigen Kind ebenso zuwenden, wie den Anteilen, die wollen, dass das aufhört, weil alle gute Gründe für Ihre Sicht haben. Der Weg entsteht unter den Füßen. Vielleicht wird beim respektvollen Zuhören klar, dass es Hilfen braucht, um die Trauer körperlich zu verstoffwechseln. Gleichzeitig benötigen die Existenzängste derer Versorgung, die all den Schmerz lieber loswerden wollen, um sich anzunähern. Manchmal entdeckt man dann in den konträrsten Positionen plötzlich Gemeinsamkeiten. Innere Widersprüche dürfen wertungsfrei gleichzeitig bestehen. Man läuft nicht von A nach B, sondern startet in dem Vertrauen, dass Körper, Seele und Geist ihren Weg kennen, wenn man ihnen den Raum gibt einfach nur zu sein. Aus dieser Herangehensweise sind bei uns schon die tollsten Erkenntnisse gewachsen und Durchbrüche in schier ausweglos erscheinenden Situationen entstanden. Persönlich haben wir mittlerweile das Gefühl, dass ohnehin nichts anderes bleibt, als sich dem Prozess anzuvertrauen. Verstand und Kognition sind wichtig. Ohne Emotion geht allerdings nichts. 

Wir plädieren dafür dem Prozess in der Therapie unvoreingenommen eine Chance zu geben, wenn die Zielorientierung ins Leere läuft. Irgendetwas Entscheidendes wird unserer Erfahrung nach dann übersehen. Solange alles gleich verändert werden muss, wird es immer auch die Gegenströmungen im Innen geben, die dagegen stehen. Wir sollten es uns heute nach all der Gewalt Wert sein, allem in uns mit Mitgefühl zu begegnen, statt Teile von uns eines Zieles wegen zu bekämpfen. Wenn ein Ziel nicht auf dem Weg von selbst entsteht, war es nie unser Ziel. 

18 Kommentare zu “Prozessorientierung vs. Zielorientierung in der Therapie

  1. Wirklich toll Sofie! Diese Unterscheidung habe ich noch nie so gesehen. Aber wenn ich es mir überlege, und mich versuche da einzuordnen – (ich arbeite ja nicht mehr mit klassischer Therapie, aber durchaus noch ’selbsttherapeutisch‘) so würde ich sagen ich arbeite mit mir – ganz unbewusst sowohl, ziel- als auch prozessorientiert. Das Ziel bei mir ist, weiter an mir zu arbeiten, mich weiter zu entwickeln, mich noch besser kennen zu lernen, meine Vergangenheit mehr und mehr zu verstehen und einzuordnen, weniger bis gar nicht zu leiden – aber gleichzeitig auch Neues auszuprobieren, was nicht unbedingt zielorientiert ist, aber spannend und oft einen neuen Prozess in irgendeine Richtung in Gang bringt, bei dem ich dann in der Praxis merke dass er überraschenderweise mich meinen Zielen näher bringt. Das sieht dann in letzter Zeit so aus, dass ich sehr oft überrascht bin über die Ergebnisse, die es mir ermöglichen mich (wie aus Zauberhand) anders wahrzunehmen, also feststelle, dass ein Zustand bereits eingetroffen ist, den ich mir vor einem Jahr z.B. noch nicht mal vorstellen konnte.

    • Hallo, 😊
      ich finde es schön zu lesen, dass ihr gemeinsam versucht euch anzunähern und euch sozusagen selbst auf euerem Heilungsweg begleitet.

      Wir mischen die Formen tatsächlich auch. Manchmal brauche ich ein Ziel und ein andermal wollen wir einfach gemeinsam Schritt für Schritt sehen, wie es weiter geht.

      Ganz liebe Grüße,
      Sofie 😊

  2. „Innere Wertschätzung steht im Mittelpunkt und ermöglicht eine Art Nachreifen. Man ist gut, wie man ist – schon jetzt. Vorteil: Es gibt im Grunde keine Rückschläge und kein Versagen, weil alles erlaubt ist.“ ach man, du hast so Recht und doch merk ich, wie hier ganz viel „Oh“ und „hä?“ aufploppt. Wir mögen euren Blog wohl auch deshalb so gern, weil ihr immer wieder eigentlich Offensichtliches in Worte packt und es damit erst bewusst macht.
    Danke ❤

    • Hallo, 😊
      vielen Dank für die liebe Rückmeldung!
      Ich hoffe du erlebst die „Ohs“ und „Häs“ nicht als zu verwirrend, sondern eher als positive innere Reflektion. Wenn du Fragen hast, versuche ich sonst auch gerne beim Entwirren zu helfen. 😉

      Liebe Grüße,
      Sofie

  3. Ich bin ein klarer Fan von ,,prozessorientiert,, und wusste nicht mal dass es dafür ein Wort gibt.
    Mir war immer nur klar, dass wir es zwar schwer haben Ziele zu benennen aber noch schwerer, zu sagen ach ja da arbeite ich jetzt drauf hin. Da ist nämlich zu viel wir(r). Da passiert zu viel auf dem Weh und dann verliert man das Ziel aus den Augen und Millionen Staubkörner sind wichtig.
    Danke für dieses Wort. ❤

    • Nichts zu danken! Es ist mir selbst erst unlängst zugelaufen. 😉

      Wir können das gut verstehen. Manchmal haben wir zwar Ziele, aber müssen dennoch immer wieder darauf zurückgreifen, uns einfach dem Prozess anzuvertrauen, weil alles andere nicht geht.

      Ganz liebe Grüße,
      Sofie 😊

    • Liebe Lunis und Sofie,
      Auch wir schätzen den Prozess und zwar seit langem. Ja, es ist eine Herausforderung das offene Ende zuzulassen, bzw. war es für uns früher eine große Mutprobe. Heute hilft es in vielen Lebenslagen, dass wir gelernt haben, dass ein Ziel nicht unbedingt in Sichtweite sein muss, um sich weiter zu entwickeln. Es ist hilfreich im Alltag mit offenen Prozessen umgehen zu können und flexibel auf Situationen zu reagieren. Das gilt nicht nur im Umgang mit den Innenwesen sondern ebenso im Kontakt mit anderen Menschen und Situationen außen. Das Leben ist einfacher wenn wir dem Prozess vertrauen können und uns dennoch bewusst sind, dass wir in den Prozess eingreifen können und ihn dadurch mit bestimmen.

      Herzliche Grüße 😊
      „Benita“

  4. Liebe Sofie,

    das fand ich wirklich interessant, ich hatte mir darüber vorher noch nie Gedanken gemacht.
    Bei uns ist es eindeutig eine Mischform. Wir haben schon klare Ziele und auch schon einige davon erreicht, aber der Weg dahin ist nicht klar vorstrukturiert.
    Ich glaube wir sind generell so, dass wir immer schauen was wir brauchen und uns wenig darum kümmern wie Therapie „sein sollte“ oder welche Verfahren es gibt. Wir informieren uns über Möglichkeiten, Vor- und Nachteile und sprechen da mit unserer Therapeutin drüber, basteln uns da aber immer etwas eigenes draus. Unsere Therapeutin war anfangs etwas irritiert, da sie zwar sehr viel Erfahrung hat, aber doch noch nie so gearbeitet hat wie mit uns. Wir sind da anscheinend sehr speziell 😀 Nach anfänglichen Unsicherheiten, ob das denn so sinnvoll und hilfreich ist, hat sie sich aber sehr gut darauf einlassen können und unsere Erfolge geben uns recht 😉

    Liebe Grüße
    Bunte Sterne

      • Das freut uns, Benita 🙂
        Wir finden es auch schön von euch zu lesen! Aktuell sind wir nicht mehr so viel im Internet „zu diesen Themen“ unterwegs, weil es im Alltag so viel zu tun gibt (aber überwiegend positives!) und wir eher offline Aufklärungsarbeit leisten. Da ist es uns dann leider momentan oft zu viel in den Blogs zu lesen.
        Trotzdem denken wir oft an euch und alle anderen, zu denen wir schon länger Kontakt haben 🙂 ❤
        Alles Liebe
        Bunte Sterne

      • *freu* liebe Bunte Sterne über eure positive Entwicklung und danke für die lieben Zeilen. ….. Auch bei uns ist weniger am Blog los aktuell und mehr offline (auch positives) …. kann’s gut nachvollziehen.
        Alles Liebe und weiter so ……. wovon wir überzeugt sind! ❤ 🙂 🍀🍀🍀
        "Benita"

  5. Ich steh da grad anscheinend irgendwie aufm Schlauch: welchen Sinn soll denn Therapie ohne jegliche Zielorientierung haben???
    Natürlich ist eine Therapie auch immer ein Prozess, der nie gradlinig von A nach B verläuft, aber völlig ziellos einfach mal so Therapie machen scheint mir irgendwie sinnfrei. Aber vielleicht meint ihr ja auch was ganz anderes.

    • Hallo Jule,
      mir ist durchaus bewusst, dass das zunächst komisch klingt. Im Grunde liese sich aber auch die berechtigte Frage stellen, was Zielorientierheit bringen soll. Sie ist nur ihrer Ausrichtung dem Wahn nach Selbstootimierung in der Gesellschaft näher und bedient das System. Disziplin tröstet aber nicht über alles hinweg. Kaum einer vertraut darauf, dass es aus einer Selbstheilungstendenz auch eine Art Inneres Ziel im Menschen gibt, das sich ganz von selbst entfaltet, wenn man sich dabei begleitet. Die Kognition, also ein Ziel zu haben, ist in den seltensten Fällen das Problem. Der Verstand weiß meist sogar, wie man dorthin gelangen kann. Das Problem sind die Emotionen dahinter und die brauchen kein Ziel sondern liebevolle Begleitung. Oftmals gibt es eine Motivation, die einen in Therapie gehen lässt. Ein Ziel zu haben ist grundsätzlich auch völlig ok. Manchmal erreicht man dieses Ziel allerdings trotz harter Arbeit nicht oder es findet sich gar kein einheitliches Ziel, auf das das gesamte Persönlichkeitssystem bereit wäre hinzuarbeiten. Dann macht es Sinn sich von der Ergebnisorientierten Herangehensweise zu lösen und einfach nur in den inneren Prozess einzusteigen und die nächsten Schritte daran zu orientieren, was innen da ist und gebraucht wird. Zielorientierung kann ziemlich diktatorisch für die Anteile sein, die etwas ganz anderes auszudrücken versuchen und in Ihrer Not beständig übersehen werden, weil diese lästigen Gefühle für die Zielerreichung einfach nur verschwinden sollen.

      Ich hoffe es ist etwas klarer geworden worum es geht. Wenn dich das genauer interessiert, kann ich dir Maria Sánchez empfehlen. Sie arbeitet überwiegend prozessorientiert. Es finden sich auch einige Videos von Ihr auf YouTube.

      Meistens wird sich in guten Therapien wohl eine Mischform aus Ziel- und Prozessorientiertheit finden.

      Liebe Grüße,
      Sofie 😊

      • Danke Sofie,

        in die Videos schaue ich gern mal rein!
        Ich habe aber das Gefühl, es geht eher um die Definition dessen, was mit Ziel gemeint sein kann.
        Für mich ist es z. B. auch ein Ziel, die innere Not zu sehen und mich darum angemessen kümmern zu können…

        Liebe Grüße
        Jule

  6. Dieser Artikel hat uns sehr berührt.
    Wie sehr wir uns so etwas wünschen würden…
    Aber die Krankenkassen scheinen ja eher zielorientiert zu sein: Gesund werden.
    Hört sich gut an, nur leider bestimmt anscheinend die KK was gesund sein zu bedeuten hat.
    Und das muss nicht unbedingt mit dem übereinstimmen, was man sich wünscht…

    • Hallo tanzimsturm,
      die KK‘s denken zwar zielorientiert, aber wir haben es durchaus schon erlebt, dass gute Therapeuten sich von dem Druck frei machen und auch bereit sind prozessorientiert zu begleiten, wenn das notwendig ist. Im Grunde ist es ja nur ein anderer Weg der Genesung. Vielleicht könntet ihr einfach mit eueren Hilfspersonen darüber sprechen, ob sie bereit wären es mal anders mit euch zu versuchen. Wir drücken die Daumen, dass ihr immer das findet, was ihr gerade für eueren Weg braucht!

      Liebe Grüße und viel Kraft!
      Sofie 😊

  7. Danke!
    Tja, grad haben wir keine Helfer, aber sollten wir mal jemanden suchen, werden wir hoffentlich an deinen Beitrag denken 😊
    Die letzte Thera war jedenfalls ne Nullnummer, was das angeht.
    Bekennend Krankenkassenhörig…

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